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La Traviata

Oper in drei Akten
Libretto von Francesco Maria Piave
nach dem Drama
La dame aux camélias von Alexandre Dumas
Musik von Giuseppe Verdi


In italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 2h 30 Minuten (eine Pause)

Premiere im Theater Mönchengladbach am 6. Dezember 2003


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Theater Krefeld-Mönchengladbach
(Homepage)
Traviata für den Kopf

Von Thomas Tillmann / Fotos von Matthias Stutte


Denjenigen Zuschauern, die sich auf eine plüschig-sentimentale Neuinszenierung von La Traviata in prunkvollen Bühnenbildern und mit opulenten Kostümen der Handlungszeit gefreut hatten, hat das Regieteam einen gewaltigen Strich durch die Rechnung gemacht: Nicht Opernfiguren des 19. Jahrhunderts tummeln sich im kühle Ästhetik verströmenden Bühnenraum von Christoph Sehl, sondern Menschen von heute in nicht immer schicker Kleidung, die aus den achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts stammen könnte.

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Ein wenig Kokain lässt Alfredo (Kairschan Scholdybajew) entspannter das folgende Brindisi angehen, und auch bei Flora (Kerstin Brix, links), Violetta (Janet Bartolova, im roten Hosenanzug), dem Marchese (Yasuyuki Toki, rechts in schwarz) und den anderen Gästen (Chor und Statisterie der Vereinigten Städtischen Bühnen Krefeld und Mönchengladbach) zeigt die weiße Substanz ihre belebende Wirkung.

Für Alexander Schulin, durch so überzeugende Produktionen wie Luisa Miller und Maria Stuarda am Theater Krefeld-Mönchengladbach in bester Erinnerung, ist La Traviata "ein Stück, das sich ... in ständiger Abwärtsbewegung befindet, ein Stück, das auf nichts anderes hinauslaufen kann als auf Violettas Tod", Violetta eine Frau, die genau weiß, dass sie sterben wird, die sich aber nicht sicher ist, wie sie die letzten Monate ihres Lebens gestalten soll: Eigentlich hatte sie sich vorgenommen, das Leben als einzigen Exzess zu nehmen, aber dann taucht dieser Junge auf, "der von wahren Emotionen spricht, von etwas, das sie sich immer verboten hat, um sich vor Verletzungen zu schützen". Obwohl ihr bereits am Ende des ersten Aktes klar ist, dass sie ihrem bisherigen Leben nicht entrinnen kann, entschließt sie sich, "dennoch die Utopie mit Alfredo zu leben, dafür ihr ganzes Geld auszugeben und einfach auf dieser Insel der Glückseligkeit zu leben, solange es geht". Dass das gemeinsame Glück ein kurzes bleibt, dafür sorgt nicht nur der als unbeholfener Spießbürger gezeichnete Giorgio Germont, sondern auch die Party-Society, in der sich Violetta unter vielen exzentrischen Männern, deren Lebensmotto "Enjoy!" ist, und zu jugendlich gekleideten Frauen bewegt, die sich für "moderne" Kunst interessiert, die Natur nur noch durch das Auge des gerade angesagten Künstlers wahrnimmt und sich mit Kokain und Absinth in Stimmung bringen muss, eine Gesellschaft auch, die sich angeekelt abwendet, als die "Freundin" ihren ersten Hustenanfall bekommt, die "hochinteressiert und fast geifernd-geil diese Liebe und den damit verbundenen Konflikt" begafft und dem Paar das gemeinsame Glück übel nimmt. Der Blick auf die Titelfigur ist ein abgeklärt-nüchterner ("Es ist wie ein seltsamer Wahn von ihr, sich zum Opfer zu stilisieren, sie will wenigstens als Opfer Sinn gehabt haben. Bis zum Schluss klammert sie sich an diesen Gedanken ... sie will der Rettungs-Engel sein", kommentiert der Regisseur). Wenn man sich ein wenig eingesehen und eingelesen hat, wenn man sich einlässt auf diese unsentimentale, kühl-distanzierte, sehr genau analysierende, mitunter geradezu sezierende und das Stück dabei sehr ernst nehmende Sichtweise, die nie so provokant ist, dass man sich ärgern müsste, die aber eben eher den Kopf als Herz und Bauch berührt, dann nimmt man einiges mit von diesem spannenden Musiktheaterabend im Rheydter Opernhaus. Wenn man indes einen "schönen Abend" verbringen will, bei dem man sich entspannt zurücklehnt und inspirierten Verdimelodien lauscht, die man von der Klassik-Highlights-CD kennt (und ich hatte den Eindruck, dass große Teile des Publikum sich deswegen aufgemacht hatten), dann kommt man in Mönchengladbach (und in der nächsten Saison dann in Krefeld) nicht auf seine Kosten.

Vergrößerung in neuem Fenster Giorgio Germont (Christoph Erpenbeck, in der Premiere ersetzt durch Alan Cemore) setzt Violetta (Janet Bartolova) ordentlich zu, seinen Sohn zu verlassen.

Wie anders die kurze Liebesidylle des Paares ist, setzt Christoph Sehl auch auf der Bühne um: Die Baumstämme, die es zunächst nur auf Leinwänden zu sehen gab, sind jetzt ebenso ins Bühnenbild integriert wie ein Kunstrasen (immerhin!), Violetta schläft entspannt in einem einfachen Metallbett, während sich Alfredo schon einmal einen Kaffee gemacht hat, bevor er seine Arie singt. Den Papa ihres Lovers empfängt sie im blauen Herrenpyjama, über den sie noch Alfredos Strickjacke gezogen hat, und in dicken Socken. Gegen Ende des zweiten Bildes betreten dann Bühnenarbeiter Violettas Heim und bauen im Liebesnest die Dekoration ab, was Sinn macht, denn immerhin veräußert Violetta tatsächlich ihren Besitz, um ihr kleines Glück mit Alfredo leben zu können, der in seinem Kummer dem Vater wie in Kindertagen in die Arme läuft. Auch das Personal des kommenden Maskenballs findet sich jetzt bereits ein, namentlich Yasuyuki Toki als Marchese d'Obigny mit einer Narrenkappe, die auf Rheinischen Sitzungskarneval verweist, und da ist es natürlich unvermeidlich, ein paar Männer in Frauenkleidung zu zeigen (und umgekehrt) und den nicht immer kongruent singenden Chor (Einstudierung: Heinz Klaus) eine Polonaise tanzen zu lassen. Ein hervorragender Einfall war es, in diesem Ambiente Violetta in einem "klassischen" weißen Traviata-Kostüm mit Kamelie im Haar auftreten zu lassen - Violetta hat sich zur Karnevalsparty als Kameliendame verkleidet. Als Alfredo sie beleidigt und ihr das beim Spiel gewonnene Geld in den Ausschnitt stopft, bleibt sie allein - niemand von ihren angeblichen Freunden eilt ihr zu Hilfe, das Mitleid bleibt (gesungenes) Lippenbekenntnis einer allein um sich selbst und ihren Amüsierzwang kreisenden Meute.

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Der aufgebrachte Alfredo (Kairschan Scholdybajew) stellt Violetta (Janet Bartolova) zur Rede, die zusammen mit dem Baron und im "richtigen" Kleid zu Floras Ball erschienen ist.

Nur noch Reste der Dekoration sind im letzten Akt zurückgeblieben, die Glastüren lassen sich nicht mehr öffnen, Violetta ist eingeschlossen in diesem Raum, der trotz seiner Helligkeit für sie das Grab sein wird. Alfredo hält sich die Ohren zu, als Violetta den Brief seines Vaters vorliest, rollt für das Abschiedsduett noch einmal den Kunstrasen aus und stellt die Bilder auf, die ebenfalls an vergangenes Glück erinnern. Violetta ist am Ende vor allem wütend, nicht demütig und engelsgleich - sie will nicht sterben und bleibt lange im gleißend weißen Licht stehen.

Vergrößerung in neuem Fenster Violetta (Janet Bartolova) verläßt diese Welt mit einer ordentlichen Portion Wut im Bauch, mit der ihre "Lieben" (Kairschan Scholdybajew vorn als Alfredo; hinten von links nach rechts Tobias Pfülb als Dottore Grenvil, Barbara Cramm als Annina und Christoph Erpenbeck als Giorgio Germont) nicht recht umzugehen wissen.

Janet Bartolova ist eine kluge Gestalterin und eine über weite Strecken faszinierende Sängerdarstellerin, keine ambitionierte Soubrette in ihren Anfängerjahren, aber das Klirren in der Stimme nimmt mit den Jahren keinesfalls ab, einzelne Schlusstöne verwackelt die Künstlerin, und bei der schwierigen Schlussszene des ersten Aktes häufen sich die gefährdeten, zum Teil auch nicht unwesentlich zu tief geratenen, unangenehm geschrieenen Töne oberhalb des Systems, die nur sehr holprig und unsauber ausgeführten Koloraturen - ein paar sehr schöne substanzreiche Piani sind hier zu wenig. Erwartungsgemäß gewann die Sopranistin im weiteren Verlauf des Abends an Format, namentlich in der Auseinandersetzung mit Giorgio Germont und im Finale des dritten Bildes, dass sie auch vokal überzeugend dominiert, aber als Luisa Miller oder Maria Stuarda gefiel sie mir einfach besser. Bejubelt wurde sie freilich ebenso wie Kairschan Scholdybajew als Alfredo mit scheußlicher Perücke und Plateauschuhen, auch wenn die vor einigen Jahren noch so vielversprechende, umwerfend timbrierte Stimme inzwischen doch einiges an Glanz und Farbe eingebüßt hat, einige Nebengeräusche aufweist und bei weitem nicht mehr so leicht und unproblematisch anspricht wie damals und gerade Pianotöne in der Höhe nicht mehr selbstverständlich kommen. Sowohl Christoph Erpenbeck als auch Konstantin Rittel-Kobylianski, die in der Rolle des hier als unbeholfen-unsicheren Buchhaltertypen gezeichneten Giorgio Germont alternieren, der wie von seiner dominanten Gattin zu diesem unangenehmen Gespräch hingeprügelt wirkt, Violetta bis ins Bett nachsteigt und die Freundin seines Sohnes auch nicht uninteressant findet, ihr aber in keiner Hinsicht das Wasser reichen kann, hatten sich kurzfristig krank melden müssen, so dass die Theaterleitung froh war, dass Alan Cemore vom Bremer Theater die Premiere zu retten bereit war. Auch er erntete stupenden Jubel, was ich nicht nachvollziehen konnte, denn man hatte eine sehr durchschnittliche, farblos-reife, nicht immer sauber geführte, mitunter auch unangenehm kratzige, brüchig und gepresst klingende Stimme gehört und einen Darsteller ohne besondere Ausstrahlung gesehen. Dass er seine (sehr eintönig larmoyant interpretierte) Wunschkonzertarie "Di Provenza" aus den Noten singen muss, ist einer der wenigen Regieeinfälle, die ein wenig über das Ziel hinausschießen, ebenso wie die Anwesenheit mancher Figur in Szenen, in denen es nicht vorgesehen ist (so sind Alfred und sein mäßig zerknirschter Vater, der zwischendurch immer wieder seinen Terminkalender überprüft, und der verkaterte Grenvil, von Tobias Pfülb mit klangvollem Material gesungen, während des gesamten letzten Aktes schon auf der Bühne). Unter den Interpreten der kleineren Partien tat sich eigentlich nur Barbara Cramm hervor, die als spießige Annina das junge Glück mit moralinsaurem Blick und schmalen Lippen beäugt. Der neue Generalmusikdirektor Graham Jackson hatte zweifellos mit den Niederrheinischen Sinfonikern geprobt, wie etwa das klug gestaltete, sehr sicher musizierte Preludio zeigte, er war auch dicht an der Bühne, aber dennoch ging gerade in dramatischen Momenten manches durcheinander, und für meinen Geschmack favorisierte der Brite die längste Zeit etwas zu gedehnte Tempi, die zwar Raum für manches Detail ließen, aber einen wirklichen Fluss der Musik verhinderten.


FAZIT

Für die musikalisch Beteiligten klatschten sich die Premierengäste minutenlang, aber ohne nachvollziehbare Gründe die Hände wund. Wenn aber an diesem Abend etwas gelungen war, dann war es zweifellos die kluge Regie von Alexander Schulin.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Graham Jackson

Inszenierung
Alexander Schulin

Bühne
Christoph Sehl

Kostüme
Markus Pysall

Choreinstudierung
Heinz Klaus

Dramaturgie
Sylvia Roth



Chor und Statisterie
der Vereinigten
Städtischen Bühnen
Krefeld und
Mönchengladbach

Die Niederrheinischen
Sinfoniker


Solisten

* Alternativbesetzung

Violetta Valéry
Janet Bartolova/
* Julia Borchert

Alfredo Germont
* Steven Harrison/
Kairschan Scholdybajew

Giorgio Germont,
sein Vater
Alan Cemore (als Gast)/
* Christoph Erpenbeck/
* Konstantin Rittel-Kobylianski

Flora Bervoix
Kerstin Brix/
* Uta Christina Georg

Annina,
Violettas Dienerin
Barbara Cramm/
* Kerstin Pajic-Dahl

Gastone, Visconte de
Létorières

Garrie Davislim/
* Markus Heinrich

Barone Douphol
* Konstantin Rittel-Kobylianski/
Frank Valentin

Marchese d'Obigny
* Bernhard Schmitt/
Yasuyuki Toki

Dottore Grenvil
* Hayk Dèinyan/
Tobias Pfülb

Giuseppe,
Violettas Diener
* Swetlozar Betov/
István Demus

Diener Floras
Jeong-Han Lee



Weitere
Informationen

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Theater Krefeld-
Mönchengladbach

(Homepage)



Da capo al Fine

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