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Simon Boccanegra

Melodramma in un prologo e tre atti
Musik von Giuseppe Verdi
Libretto von Arrigo Boito
nach dem Libretto der 1. Fassung
von Francesco Maria Piave

In italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 3 Stunden (eine Pause)

Premiere im Nationaltheater Mannheim am 21.März 2004



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Nationaltheater Mannheim
(Homepage)
Liegt Genua am Stillen Ozean?

Von Christoph Wurzel / Fotos von Hans Jörg Michel


Der aus dem Libanon stammende und in Israel aufgewachsene Regisseur David Mouchtar - Samorai war seit den Siebziger Jahren einer der Aufmischer der deutschen Theaterszene. Ich erinnere mich an fulminante Inszenierungen am Stadttheater Heidelberg, die ihn schnell überregional bekannt machten. Zahlreiche Auszeichnungen konnte er während seiner Laufbahn einsammeln. Nun ist er in Mannheim allerdings als szenischer Langweiler gelandet - und dies ausgerechnet mit einer der schönsten und voll innerer Dramatik bebenden Opern von Verdi, dem Simon Boccanegra.

Die meines Wissens letzte nennenswerte Inszenierung dieser Oper im deutschsprachigen Raum kam vor ca 1 1/2 Jahren an der Wiener Staatsoper heraus (OMM-Rezension). Peter Stein hatte dort eine psychologisch ausgefeilte und atmosphärisch dichte Interpretation der Oper als ein musikalisches Drama erarbeitet, in dem private Konflikte ( zwischen Boccanegra und Fiesco ) verwoben sind mit öffentlichen ( Rebellion des Volkes gegen den einst von ihm selbst gewählten Dogen Simon Boccanegra) und schließlich mit dem Appell nach Eintracht und Verzeihung verbunden werden.

Die Oper ist in ihrer Grundstimmung sehr düster, gleichwohl reich an tief emotionaler Musik und bietet zahlreiche Möglichkeiten, die Seelenzustände der Protagonisten auszubreiten wie auch hochdramatische Situationen zu erzeugen.

Die Neuinszenierung am Mannheimer Nationaltheater allerdings ist eher steif ausgefallen und in weiten Strecken nur konventionelles Rampentheater. Außer einer im Ganzen dürftigen Personenregie und einer äußerst statuarischen Behandlung des Chors stechen eigentlich nur zwei Regieeinfälle hervor. Wohl um das Massenelend zu schildern, das sich als Folge der Ständekämpfe im Genua des 14. Jahrhunderts - der Zeit der Opernhandlung - ergeben hatte, sieht man auf der Hinterbühne mehrmals Flüchtlinge oder Auswanderer in ärmlicher Kleidung und mit wenig Gepäck ihrer Wege ziehen - das mag hingehen und ist als soziales Detail nicht ohne Wirkung, wenn es auch sonst nicht mit der Handlung verbunden wird.

Eher kurios ist aber die Regiezutat, mehrfach die verstorbene Maria, Fiescos Tochter, Boccanegras ehemalige Geliebte und Mutter ihrer gemeinsamen Tochter Amelia, als gleichsam Untote über die Bühne schleichen zu lassen, um -allzu dick aufgetragen !- auch jeden klar werden zu lassen, dass ihr Tod, der der Ausgangspunkt von Hass und Leid ist, zugleich aber auch den Anlass zur Versöhnung geben soll. Dieser Erlösungsgedanke wird penetrant im Schlussbild fast zu einer Pieta - Travestie ausgebaut, wenn der sterbende Boccanegra sein Haupt in ihren Schoß legt und sein Widersacher Fiesco ihm endlich, wenn auch zu spät, vergeben hat. Die Grenze zum Kitsch wird hier überschritten. Wie würdevoll und emotional echt diese Sterbeszene Simon Boccanegras auch gestaltet werden könnte, hatte Peter Stein in der schlichten, aber dennoch szenisch genau geformten Wiener Produktion bewiesen.

Dabei stand dem Regisseur ein in seiner Mehrheit großartiges Sängerensemble zur Verfügung, das auch ein lebendiges Spiel entfalten konnte. Allen voran die beiden Gegenspieler Boccanegra und Jacopo Fiesco, der eine (Mikel Dean) ein beeindruckender Charakterbariton, stimmlich wie darstellerisch wandlungsfähig und von hoher Bühnenpräsenz; der andere ( Mihail Mihaylov) ein basso cantante, wie ihn die Rolle verlangt, mit großer Ausdruckskraft in der Stimme und darstellerischem Talent: ihnen hat Verdi zwei außerordentlich dramatische Dialoge geschrieben.


Vergrößerung in neuem Fenster Fiesco (links) und Boccanegra: erbitterter Männerkampf.

Darstellerisch nicht ganz so versiert, aber mit eindrucksvollem Gesangsgestus verkörperte Galina Shesterneva die Rolle der Amelia. Ihr und ihrem Geliebten Gabriele Adorno (übrigens soll Theodor Wiesengrund seinen später benutzten Mutternamen auf diese real existierende Genueser Adelsfamilie nicht ohne Stolz zurückgeführt haben) sind die wenigen Arien dieser Oper vorbehalten. Da es der Regie an diesen Stellen jeder Inspiration mangelte, sangen beide ihre Nummern recht verlassen ins Publikum: Galina Shesterneva mit sicher geführtem Sopran und durchaus lyrischem Ausdruck in ihrer Auftrittsarie zu Beginn des 1. Akts und Michail Agofonov mit markantem Tenor, in der Höhe offen, aber ziemlich monochrom in der Färbung, was sich vor allem in der Eifersuchtsarie des 2. Aktes als Verlust von Innerlichkeit bemerkbar machte. Überzeugender war er in den Passagen des dramatischen Dialogs.


Vergrößerung in neuem Fenster

Amelia und Adorno: Liebe von Zwietracht überschattet.

Sängerisch nicht schlecht, aber total von der Regie allein gelassen bleib der Bariton Thomas Berau in der Rolle des Verschwörers Paolo recht blass. In der Verfluchungsszene am Schluss des 1. Akts stand er steif wie ein Stockfisch dem intensiv gestaltenden Mikel Dean als Boccanegra gegenüber, dabei gehört in ihrer dramatischen Wucht diese Szene zu den wirkungsvollsten der Oper überhaupt. Auch infolge der nichtssagenden Kostüme wirkte er eher wie ein preußischer Landbeamter denn als Intrigant und Verschwörer aus verschmähter Liebe unter italienischer Sonne.

Überhaupt das italienische Brio und das Mittelmeer. Letzteres war allgegenwärtig durch das in seiner Einfachheit durchaus beeindruckende Bühnenbild, das im Wesentlichen aus einem Hintergrundprospekt bestand, auf dem das wogende Meer und darüber ein meist düster verhangener Wolkenhimmel für die nötige Atmosphäre sorgten, die durch das szenische Spiel allein kaum zu Stande kam.


Vergrößerung in neuem Fenster Der Verschwörer Paolo wird verhaftet. Im Hintergrund das offene Meer ( Thomas Berau, Alexander Pauli), diesmal am helllichten Tag.

Das Verdi' sche Brio aber machte sich rar: Enrico Dovico hielt das Orchester doch allzu bedeckt und holte die enorme Farbigkeit der Musik, besonders im akkompagnierten Parlando, nicht bis zur Gänze hervor. Der Beginn der Prologs, in dem Verdi so präzise und knapp die unheilgeschwängerte Atmosphäre der Oper im Kern entstehen lässt, geriet etwas zu moderat und mit dem aufgewühlten Meer im Hintergrund vor Augen mutete der Klangozean doch etwas zu still an.


FAZIT

Nur gut, dass auch eine Inszenierung, die nicht alle Möglichkeiten des Werks ausschöpft, dennoch dessen Wirkung kaum zu mindern vermag.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Enrico Dovico

Inszenierung
David Mouchtar-Samorai

Bühne
Heinz Hauser

Kostüme
Urte Eicker

Licht
Andreas Rehfeld

Chor
Bernhard Schneider

Dramaturgie
Ulrich Lenz



Chor, Extrachor und Statisterie
des Nationaltheaters Mannheim

Nationaltheater-Orchester
Mannheim


Solisten

Simon Boccanegra
Korsar im Dienst der Republik Genua,
später Erster Doge von Genua
Mikel Dean

Maria Boccanegra,
seine Tochter unter dem
Namen Amelia Grimaldi
Galina Shesterneva

Jacopo Fiesco,
adliger Genueser
Mihail Mihaylov

Paolo Albiani,
Goldwirker aus Genua,
später Favorit unter den
Günstlingen des Dogen
Thomas Berau

Gabriele Adorno,
Adliger Genuese
Michail Agafonov

Pietro,
aus dem Volk von Genua,
später ein Höfling
Winfried Sakai

Ein Hauptmann
Jun-Ho Lee

Eine Dienerin Amelias
Natalia Maiorova

Fremder / Höfling
Alex Miller

Maria, Tochter Fiescos,
Geliebte Boccanegras und
Mutter Amelias (stumme Rolle)
Katia Alves

Bodygards (stumme Rollen)
Alexander Pauly
Igor Tschemeris

Ein Herold
Gerd Geske



Weitere Informationen
erhalten Sie vom
Nationaltheater Mannheim
(Homepage)



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