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Simon Boccanegra

Oper in einem Prolog und drei Akten
Musik von Giuseppe Verdi
Libretto von Francesco Maria Piave und Arrigo Boito
nach einem Schauspiel von Antonio García Gutierrez


In italienischer Sprache mit französischen und flämischen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 3h 10' (eine Pause)

Premiere im Théâtre Royal de Liège
am 18. Juni 2004


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Opéra Royal de Wallonie
(Homepage)
Viel Licht im Dunkel

Von Thomas Tillmann / Fotos von der Opéra Royal de Wallonie


Mit einer traditionellen, aber nie langweiligen Neuproduktion von Simon Boccanegra verabschiedete die Opéra Royal de Wallonie ihr wie stets vielsprachiges Publikum in die Spielzeitferien. Obwohl sich die Kenner einig sind, dass diese häufig als allzu düster bezeichnete Oper zumindest in ihrer zweiten Fassung mit dem revidiertem Text von Arrigo Boito, die 1881 in Mailand uraufgeführt wurde und bereits deutlich auf den Spätstil des Otello verweist, sowohl in theatralischer wie in musikalischer Sicht ein veritables Meisterwerk ist, erfreut sie sich bis heute nicht derselben Beliebtheit wie andere Stücke dieser Schaffensperiode. Petrika Ionesco, in Personalunion als Regisseur, Bühnenbildner und Lichtdesigner engagiert und wegen einer bemerkenswerten Pique Dame in Liège in bester Erinnerung, gelingt es, die nicht eben simple Handlung in prachtvoll-aufwändigen, große Liebe zum Detail erkennen lassenden, ausgesprochen atmosphärisch ausgeleuchteten Bühnenbauten (deren Wechsel freilich einige nicht eben kurze Umbaupausen nötig werden ließ) schlüssig zu erzählen, die Beziehungen und Konflikte der präzis, vielschichtig und liebevoll gezeichneten Figuren nachvollziehbar aufzufächern und die Abläufe auf der Bühne mit großer Übersicht zu koordinieren, wovon nicht zuletzt die Chöre profitieren, deren Mitglieder einmal mehr dank einer profunden, sorgfältigen Einstudierung durch Edouard Rasquin wie aus einer Kehle nicht nur tolle Piani sangen, durch eine nicht selbstverständliche ausgezeichnete Aussprache des italienischen Textes auffielen und sich in den wirklich schicken, prachtvollen Kostümen in geschmackvollen Farben von Louis Desiré auch gut zu bewegen wussten.

Vergrößerung Die schöne Amelia (Rossella Ragatzu) liebt Gabriele Adorno (Valter Borin).

Das Ensemble führte Rossella Ragatzu als Amelia an, die für mein Empfinden bereits eine Grenzpartie für die Italienerin darstellt. Ihre Stimme war zwar auch in den großen Ensembles auf Grund des einige metallische Schärfe aufweisenden, durchaus aparten Timbre und des konzentrierten Tons stets gut zu hören, verlor in der inzwischen einige Vorbereitung erfordernden Höhe aber an Fokus und Farbe, wies ein leichtes Klirren auf und wurde etwas steif.

Marcel Vanaud, zuletzt in der Opéra Royal als Rigoletto erfolgreich und auch in der nächsten Saison für La forza del destino und I Masnadieri desselben Komponisten engagiert, ist für ein vielschichtiges Portrait des Vaters und Politikers zu danken, das gleichermaßen Ergebnis einer tief empfundenen Darstellung wie der großen Erfahrung in diesem Fach ist, wobei sein reifer Charakterbariton sich mehr und mehr in der tiefen Lage wohl zu fühlen scheint und einige Nebengeräusche aufweist, die aber nicht weiter ins Gewicht fallen. Mit dem Gabriele Adorno stellte sich Valter Borin in Lüttich vor, dessen grundsätzlich angenehm timbrierter Tenor hinsichtlich der Verblendung von dunkler Mittellage und deutlich schlankerer, schnell ansprechender, manchmal etwas quäkiger, luftiger Höhe noch nicht ganz ausgereift ist. Der Italiener, der wenig Scheu hat, seine Intentionen auch mit außermusikalischen Mitteln über die Rampe zu bringen, anstatt in Text und Musik nach differenzierteren Ausdrucksmöglichkeiten zu forschen, singt meines Erachtens ebenfalls hörbar jenseits der natürlichen Möglichkeiten, kommt aber andererseits auch nicht über Gebühr in Verlegenheit.

Vergrößerung

Amelia (Rossella Ragatzu) schafftt es, den Konflikt zwischen dem Dogen Simon Boccanegra (Marcel Vanaud, Mitte hinten), dem es gelungen ist, das Volk (Chor und Statisterie er Opéra Royal de Wallonie) zu besänftigen, und Gabriele Adorno (Valter Borin, rechts) zu entschärfen.

Einen angemessen pathetischen, involvierten Fiesco gab der in Liège so verehrte Wojtek Smilek, der sich nicht auf imposante Fortetöne beschränkte, sondern sehr wohl zu differenzieren wusste und auch legato singen kann; in der Extremtiefe wünscht man sich das eine oder andere Mal vielleicht noch etwas mehr Volumen, und sensible Ohren könnten sich auch an dem leichten Tremolieren der Stimme stören. Als zornigen Heißsporn legte der auch vor risikoreichen Tönen nicht zurückschreckende Patrice Berger überzeugend den Paolo Albiani mit seinem "wilden", expressiven Bariton an und entwickelte dabei große szenische wie vokale Präsenz, ohne in Äußerlichkeiten zu verfallen. Léonard Graus gab mit großer Würde und viel Stimme den Pietro, Emilienne Coquaz und Marcel Arpots schließlich assistierten als ancella und capitano.

Vergrößerung Gabriele Adorno (Valter Borin, links) verbrüdert sich mit mit Fiesco (Wojtek Smilek, rechts), der behauptet, der Doge habe ein Verhältnis mit Amelia.

Mit Alain Guingal hatten die Sängerinnen und Sänger einen exzellenten Begleiter an ihrer Seite, der am Pult des einen herrlich warmen, angenehm cellodominierten Klang erzeugenden Orchesters der Lütticher Oper viel Gespür für die Dramatik des Werks unterstreichende Tempi mitbrachte, viel auch aus den unscheinbarsten Begleitfiguren etwa der Tenorarie und aus der Einleitung der Amelia-Arie zu machen wusste.

Vergrößerung

Der vom Tod gezeichnete Simon Boccanegra (Marcel Vanaud, Mitte), der sich eben mit Fiesco versöhnt hat (Wojtek Smilek, hinten links), segnet mit letzter Kraft seine Tochter Amelia (Rossella Ragatzu) und Gabriele Adorno (Valter Borin), der ihm im Amt nachfolgen soll.



FAZIT

Ein gelungener Saisonabschluss macht Lust auf die nächste Spielzeit, die im September mit der Premiere der Götterdämmerung beginnen wird (inzwischen steht fest, dass Gabriele Maria Ronge die Brünnhilde übernehmen wird!) und mit Werken wie Don Giovanni, Rossinis Moise et Pharaon, den beiden oben erwähnten Verdi-Opern, Jenufa, dem Freischütz, Suor Angelica, I Pagliacci, Meyerbeers Huguenots und Recitals mit Leontina Vaduva und Teresa Berganza sicher auch wieder manch deutschen Besucher anlocken wird.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Alain Guingal

Inszenierung, Bühnenbild
und Licht
Petrika Ionesco

Regie-Mitarbeit
Ruxandra Hagiu

Kostüme
Louis Desiré

Choreinstudierung
Edouard Rasquin

Eine Neuproduktion der
Opéra de Nice, des Festival
de Santander und der
Opéra Royal de Wallonie



Chor und Orchester der
Opéra Royal de Wallonie


Solisten



Amelia
Rossella Ragatzu

Un ancella di Amelia
Emilienne Coquaz

Simon Boccanegra
Marcel Vanaud

Gabriele Adorno
Valter Borin

Jacopo Fiesco
Wojtek Smilek

Paolo Albiani
Patrice Berger

Pietro
Léonard Graus

Un capitano
Marcel Arpots



Weitere
Informationen

erhalten Sie von der
Opéra Royal
de Wallonie

(Homepage)



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