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Siegfried

Zweiter Tag des Bühnenfestspiels
Der Ring des Nibelungen
Dichtung und Musik von
Richard Wagner


In deutscher Sprache mit französischen und flämischen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 5h 30' (zwei Pausen)

Premiere im Théâtre Royal de Liège
am 14. Mai 2004




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Opéra Royal de Wallonie
(Homepage)
Böses Erwachen

Von Thomas Tillmann / Fotos von der Opéra Royal de Wallonie


Strenge Worte hatte ich gefunden angesichts der Premiere der Walküre im Juni des vergangenen Jahres: "Natürlich erwartet man von der Lütticher Oper keine revolutionäre Neudeutung der Tetralogie Wagners und darf vielleicht nicht dieselben Maßstäbe anlegen wie bei einem mit dem Genre vertrauten Haus, aber was Jean-Louis Grinda zu der Walküre eingefallen ist, ist einfach zu wenig. So begrüßenswert der Respekt vor dem Werk auch sein mag: Ganz so ängstlich hätte der Intendant des Traditionshauses nun doch nicht am Vergangenen festhalten müssen, ganz so angestaubte Bilder hätten es nicht sein müssen, auch nicht ein solches Maß an szenischer Langeweile - eine nicht ausschließlich von den (größtenteils erfahrenen) Darstellern eingebrachte Figurencharakterisierung etwa und eine plausible Personenregie sind ja nicht gleichbedeutend mit einem Verrat am Werk und einer Einengung der Assoziationsmöglichkeiten des Betrachters, sondern eine Bedingung für die versprochene Analyse der komplexen Vorlage, die über ein Konzert in Kostümen hinausgehen will."

Erstaunlicherweise bekommt der diskrete Inszenierungsstil Grindas dem Zweiten Tag des Bühnenfestspiels besser: Die Geschichte wird gemäß dem eigenen Anspruch über weite Strecken stringent und erstaunlich kurzweilig erzählt, die meisten Figuren gewinnen im Laufe des Abends Format und Mehrdimensionalität, ihr Schicksal berührt. Auch die bisher mit großer Skepsis gesehene Idee, das Walhall symbolisierende Orchester auf einem Podest im Bühnenhintergrund zu platzieren, empfand ich diesmal weniger problematisch, denn gerade im Siegfried freut man sich natürlich, wenn man möglichst viel vom Text versteht, was einfacher ist, wenn die Künstler auf der Bühne nicht vom Graben aus zugedeckt werden.

Vergrößerung Der junge Siegfried (Christian Franz, links) kann beim besten Willen nicht glauben, dass er mit Mime (Helmut Wildhaber, rechts) verwandt sein soll.

Das Auge wird dabei nicht müde, Mimes altertümliche Schmiedefabrik zu bestaunen, die Eric Chevalier mit verstaubten Tiegeln, Pflanzen, ausgestopften Tieren und vielem mehr vollgestellt hat, was die Aktionsfläche für die Darsteller natürlich nicht unerheblich einschränkt. Wie aus einem Märchenwald entliehen wirkt das nicht minder aufwändige Bühnenbild für den zweiten Aufzug mit dem riesigen Baumstamm vor dem Orchesterpodest, vor dem Alberich und sein junger Sohn Hagen (seine Anwesenheit schafft die Verbindung zum letzten Teil der Tetralogie) ihr Zelt aufgeschlagen haben und ihr liebloses Dasein fristen, mit der Stiege zu der Höhle, die den Drachen respektive sein übergroßes Auge beherbergt, und mit einem mit echtem Wasser gefüllten Teich. Erda erscheint von unten auf einer sich abrollenden Seiltrommel liegend; erst Wotans Speer hält das Rad an, im Hintergrund sind bereits jetzt die Nornen zu sehen. Wotan verlässt die Bühne und damit das Geschehen durch den Zuschauerraum - er ist schon längst kein Gott mehr. Wenig inspirierend gerät dagegen die letzte Szene, in der das stattliche Paar auf der Felslandschaft etwas unmotiviert herumsitzt, -rennt oder -steht.

Vergrößerung

Alberich (Werner Van Mechelen) und der junge Hagen (Hugo van de Plas) beäugen argwöhnisch, was Siegfried mit dem Drachen vorhat.

Anders als angekündigt sang nicht Kurt Schreibmayer die fordernde Titelpartie (offiziellen Angaben zufolge aus gesundheitlichen Gründen, aber nachdem ich vor einem knappen Jahr im Dortmunder Konzerthaus Zeuge seines indiskutablen Froh im Rheingold geworden war, hatte ich bereits große Zweifel angemeldet, ob er die längere, anspruchsvollere Rolle überhaupt würde bewältigen können), sondern - zumindest in den ersten Vorstellungen der Serie - Christian Franz, der den jungen Helden Ende des Monats auch an der Wiener Staatsoper und im Sommer dann wieder bei den Bayreuther Festspielen interpretieren wird. Ich will nicht verhehlen, dass ich bisher stets große Probleme mit seiner Stimme hatte (ich hörte den Sänger zum ersten Mal vor einigen Jahren als Lohengrin in Wuppertal und dann als Siegfried in den beiden letzten Teilen des von der Firma Ars mitgeschnittenen Ring aus Kassel), die inzwischen aber ihren unangenehm greinend-charaktertenoralen Klang verloren hat, nachgedunkelt ist und mehr Volumen auch in der tiefen Lage besitzt. Noch erfreulicher ist allerdings, dass der Sänger, der trotz seiner Leibesfülle auch darstellerisch sehr agil ist und eine mittlerweile jahrelange Erfahrung mit der Rolle einbringt, ohne im negativen Sinne routiniert zu wirken, das ausladende Vibrato reduzieren konnte, das ich immer als besonders störend empfand. Insgesamt ist der Deutsche allerdings in erster Linie ein furchtloser vokaler Draufgänger geblieben, dem bis zum Schluss jede Menge beeindruckend strahlende Acuti zur Verfügung stehen, während es im Piano eher beim gut gemeinten Versuch bleibt, der Ton unstet wird oder man mit unschönem Falsettieren konfrontiert wird.

Vergrößerung Erda (Elzbieta Ardam) kann und will dem Wanderer (Jean-Philippe Lafont) nicht helfen.

Es wird äußerst selten gebuht in Liège, manchmal vielleicht für ein Regieteam, dessen Arbeit nicht dem Geschmack entsprochen hat, jedoch fast nie für Sängerinnen oder Sänger. Susan Owen allerdings sah sich mit lautstark artikulierten Missfallensbekundungen von einem Ausmaß konfrontiert, das man auch an anderen Häusern selten erlebt, und tatsächlich fiel ihre Leistung als Brünnhilde so desaströs aus, dass der Intendanz kaum etwas anderes übrig bleibt als nicht nur für die Götterdämmerung im September, sondern auch für die für den Herbst angekündigten beiden zyklischen Aufführungen des gesamten Ring kompetenteren Ersatz zu finden (ein Vorschlag, der übrigens auch in der belgischen Presse laut wurde!). Als ich die Künstlerin vor einigen Jahren live als Brünnhilde und Isolde, als Elektra und Färberin in Die Frau ohne Schatten und in der erwähnten Aufnahme von Siegfried und Götterdämmerung aus Kassel hörte, war ich sehr angetan. Kurze Zeit später aber waren die Ergebnisse eines zu exzessiven Einsatzes im hochdramatischen Fach bereits deutlich hörbar: In der Spielzeit 2001/2002 wurde sie in Duisburg für eine hochproblematische Senta lautstark ausgebuht, Auftritten an Häusern wie der Deutschen Oper Berlin und der Dresdner Semperoper folgten keine Wiedereinladungen, ihre Brünnhilde in der Lütticher Walküre zeigte, dass sich keine Erholung eingestellt hatte, und Besucher der Tristan und Isolde-Vorstellungen in Nancy im April diesen Jahres berichten ebenfalls von einem katastrophalen Zustand der Stimme, die ich in meinem Artikel über den erwähnten Fliegenden Holländer ähnlich beschrieben habe wie ich sie bei dieser Premiere wahrgenommen habe: "Die Verblendung der sehr unterschiedlich gefärbten Register ist unzureichend, die sonst so bewunderte Geschmeidigkeit, die Fähigkeit zu zwar kraftvollem, aber doch lyrischem Singen und einer den Vorgaben entsprechenden, sinnstiftenden Phrasierung, zu zarten, aber gut gestützten Pianotönen vermisste man schmerzlich. Stattdessen war man irritiert und besorgt angesichts der häufig mehr als wagen Intonation (besonders im Passaggio zwischen Mittellage und Höhe), angesichts des Anbequemens der Partie an die eigenen Möglichkeiten, angesichts der Schwierigkeiten, Phrasen organisch und auf der ursprünglich erreichten Höhe zu Ende zu bringen, angesichts der mitunter sekundenlangen Verzögerung, bis die dann allerdings trompetenhaft lauten, imposanten, aber merkwürdig steif klingenden, häufig zu tiefen und mit spürbarem Kraftaufwand herausgeschleuderten Spitzentöne kommen, ohne sich in eine musikalische Linie einzufügen". Gegen Ende der Premierenvorstellung in Liège wurde kaum noch ein hoher Ton korrekt intoniert, so dass es letztlich klug war, das eigentlich erwartete hohe C durch das alternativ notierte mittlere zu ersetzen - wenn die Amerikanerin ihre Karriere fortsetzen will, dann muss sie schleunigst Gesangsunterricht nehmen und nicht ebensolchen geben!

Vergrößerung

Siegfried (Christian Franz) ist sichtlich überfordert mit dem, was die gerade erwachte Brünnhilde (Susan Owen) ihm zu erklären versucht.

Nachdem Jean-Philippe Lafont die Partie des Wotan in der Walküre zurückgegeben hatte, meldete er sich nun mit einem heftig akklamierten Rollendebüt als Wanderer zurück, und wie schon im Rheingold war man beeindruckt von der schieren Klangfülle seines reifen, aber intakten, charaktervollen, allenfalls in der tiefen Lage an Grenzen kommenden Baritons. Um seiner Interpretation aber wirkliche Tiefe verleihen zu können, muss der Franzose wohl oder übel weiter an seinen Deutschkenntnissen arbeiten. Anders als im erwähnten Rheingold wandte Werner Van Mechelen diesmal als Alberich (dem übrigens wie Wotan ein Auge fehlt!) erheblichen Druck auf, um sich Gehör zu verschaffen; solange der Künstler nicht forciert, freut man sich über einen klangschönen Bariton mittleren Volumens, der freilich in Mozartrollen und italienischen Partien des Kavaliersfachs weitaus besser zur Geltung kommt als in den heldischen des deutschen Repertoires. Ebenfalls schon vor Jahresfrist dabei war Helmut Wildhaber, der mit seinem leichten, angenehm timbrierten Tenor als Mime erneut reüssierte, wobei wiederum die hervorragende Textverständlichkeit und die Seriosität seines Vortrags hervorgehoben werden müssen, die weit entfernt war von der Outrage und dem Krähen, die man so oft in dieser Rolle geboten bekommt und die manche immer noch für besondere Ausdruckskunst halten. Die tiefen Stellen des Beginns fallen dem Österreicher naturgemäß nicht leicht, und gegen Ende des ersten Aufzugs hörte man auch einige gefährdete hohe Töne, die belegen, dass der Sänger sich zuvor doch ziemlich verausgabt hatte und für die Pause bis zum nächsten Auftritt sicher dankbar war. Schwer zu besetzen ist auch die sehr tief liegende Partie der Erda - Elzbieta Ardams untere Lage ist so ausladend nicht, dass man ins Jubeln geraten wäre, und auch in der Höhe kennt die Stimme hörbare Grenzen (das As von "Meineid" gegen Ende der Szene mit Wotan war deutlich zu tief), während die klangvolle Mittellage ihr Engagement ebenso rechtfertigt wie ihr schauspielerisches Bemühen. Tómas Tómassons zwar riesige, aber unerträglich vibratöse Stimme gefiel mir in der Fafnerpartie nicht besser als vor einem Jahr - für das schlechte Mikrophon und die unangenehmen Rückkopplungsgeräusche kann der Sänger nichts. Dass die arg kleinstimmige Natacha Kowalski in dieser Produktion den Waldvogel singen durfte, muss an ihrer attraktiven Physis gelegen haben wie an dem Umstand, dass sie bereits im Kinderchor der Lütticher Oper dabei war und im Jahre 2003 den Prix de la Vocation beim Gesangswettbewerb in Verviers gewonnen hat.

Als vor Beginn des dritten Aufzugs das Licht kurz auf Friedrich Pleyer und das Orchester der Lütticher Oper fiel, brandete spontan langanhaltender Applaus auf für eine rundum gelungene Leistung, wobei die wunderbaren Steigerungen etwa am Ende des ersten, die traumhaft schön gespielten Passagen am Ende des zweiten Aufzugs und das gleichermaßen sensibel wie herrlich farbig musizierte Zwischenspiel vor Brünnhildes Erwachen besondere Erwähnung verdienen.



FAZIT

Szenisch geht es zwar wieder bergauf mit dem ersten Lütticher Ring, aber hinsichtlich der Besetzung der Hauptpartien steht die Theaterleitung vor der kniffligen Aufgabe, bis zum Herbst adäquate Interpreten für Brünnhilde und Siegfried zu finden.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Friedrich Pleyer

Inszenierung
Jean-Louis Grinda

Mitarbeit
Claire Servais

Bühnenbild
Eric Chevalier

Kostüme
Christian Gasc

Licht
Roberto Venturi

Eine Neuproduktion der
Opéra Royal de Wallonie



Orchester der
Opéra Royal de Wallonie


Solisten



Brünnhilde
Susan Owen

Erda
Elzbieta Ardam

Stimme des
Waldvogels
Natacha Kowalski

Siegfried
Christian Franz

Mime
Helmut Wildhaber

Der Wanderer
Jean-Philippe Lafont

Alberich
Werner Van Mechelen

Fafner
Tómas Tómasson

Der junge Hagen
Hugo van de Plas



Weitere
Informationen

erhalten Sie von der
Opéra Royal
de Wallonie

(Homepage)



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