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Lucia di Lammermoor

Oper in drei Akten
Musik von Gaetano Donizetti
Libretto von Salvatore Cammarano
nach dem Roman von Sir Walter Scott


In italienischer Sprache mit französischen und flämischen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 3h (eine Pause)

Premiere im Théâtre Royal de Liège
am 3. Oktober 2003


Besuchte Vorstellung: 5. Oktober 2003


Homepage

Opéra Royal de Wallonie
(Homepage)
Romantik (fast) pur

Von Thomas Tillmann / Fotos von der Opéra Royal de Wallonie



Vergrößerung Lucia (Darina Takova) wartet auf ihren Geliebten Edgardo.



Mit viel Liebe zu kleinen, bedeutungsvollen Details erzählt Mireille Larroche in ihrer Neuinszenierung der Lucia di Lammermoor eine bewegende Geschichte mit differenziert gezeichneten Figuren, ohne dabei einer traditionellen Pseudohistorizität zu frönen oder aber die zutiefst romantische Tragödie über Gebühr psychologisch zu überfrachten. Den äußeren Rahmen für das Bühnengeschehen bilden in erster Linie Victor-Hugo-Zeichnungen nachempfundene Projektionen und allerlei Metallelemente (ein Bühnenbild von Guy-Claude Francois), die die Gefühlskälte der Männergesellschaft symbolisieren, die sich allein auf das Durchsetzen ihrer egoistischen machtpolitischen Interessen konzentriert und dabei bereit ist, das Glück einer so sensiblen Kreatur wie Lucia rücksichtslos aufs Spiel zu setzen, deren Befindlichkeiten durch den Einsatz eines immer wieder über die Szene geisternden Doubles besonders hervorgehoben werden.

Vergrößerung

Lucia (Darina Takova) in den Armen
Edgardos (Reinaldo Macias) - ein letztes Mal.

In Erinnerung behält man besonders die beiden großen rampenartigen Konstruktionen, die ins Leere führen und so die Ausweglosigkeit der Situationen illustrieren, in denen sich die Protagonisten befinden, sowie die an den Bühnenrändern installierten, leicht zur Seite abfallenden Ränge, von denen aus der Chor in seinen opulenten historisierenden, auch Bezug zum Handlungsort herstellenden Kostümen von Danièle Barraud das dramatische Geschehen verfolgt. Schade nur, dass man immer wieder den nicht eben leisen Bühnenarbeitern beim Verschieben der Kulissen zuschauen musste - da hätte man doch auch noch einen schwarzen Vorhang bemühen können, was auch zu einer größeren Konzentration auf die gelungenen Videoprojektionen gewährleistet hätte. Sinn macht die Idee, am Ende den gesamten Herrenchor und Edgardo in Zwangsjacken zu stecken und so anzudeuten, dass in dieser Gesellschaft in der Krise - historisch gesehen zeichnet sich das Ende der Clans ab - nicht allein Lucia dem Wahnsinn verfallen ist.

Vergrößerung Enrico (Vladimir Stoyanov) versucht Lucia (Darina Takova) davon zu überzeugen, dass sie Arturo heiraten muss.

Darina Takova hat hörbar die Lucia-Interpretation der großen Renata Scotto studiert, an die auch die mitunter doch ziemlich scharfen, engen und schrillen Spitzentöne erinnerten, die nicht recht passen wollten zu der ausdrucksvollen, kräftigeren Mittellage des den virtuosen Anforderungen durchaus gewachsenen Soprans (die Sängerin gilt ja besonders als Rossini-Spezialistin und reüssierte sowohl in Liège als auch an der Deutschen Oper Berlin als Semiramide), aber auch die beeindruckende Pianokultur (andererseits wurde ich den Eindruck nicht los, dass sie einige Male an exponierten Stellen einfach den Mund öffnete, ohne wirklich Töne zu produzieren!). Die Künstlerin hat zweifellos große Momente besonders in der berühmten Wahnsinnsszene, aber mir persönlich war ihr Vortrag zu kalkuliert, zu sehr auf Wirkung hin ausgelegt, als dass er mich wirklich hätte berühren können, und eine übermäßig intensive Actrice ist die Bulgarin auch nicht.

Vergrößerung

Bei der Hochzeit kommt es erwartungsgemäß zum Eklat: Enrico (Vladimir Stoyanov, links) fordert Lucia (Darina Takova, Mitte) vor der versammelten Gesellschaft (Chor der Opéra Royal de Wallonie) auf, nun endlich in die Hochzeit mit Arturo (Laurent Koehl, rechts) einzuwilligen.

Reinaldo Macias' geschmeidiger, mühelos ansprechender Tenor ist grundsätzlich nicht zu klein oder zu hell für den Edgardo, den er mit viel Herzblut und kultiviertem Legato anging; sein desaströser Einbruch gegen Ende, der sich in ähnlicher Form auch in der Premiere ereignet haben soll, scheint mir indes ein deutliches Indiz dafür zu sein, dass man für diese Partie eben doch mehr braucht als einen lyrischen Tenor. Vladimir Stoyanov war ihm ein präsenter Gegenspieler mit nicht zu schwerem Bariton, der auch die verzierteren Passagen und die hohen Töne souverän meisterte, auch wenn die Stimme in dieser Lage etwas an Farbe verliert. Publikumsliebling Wojtek Smilek identifizierte sich nicht nur spürbar mit der Rolle des Raimondo, sondern steuerte auch kraftvolle, expressive, sowohl in der Tiefe als auch in der problemlos attackierten Höhe imposante Töne bei, könnte sein mächtiges Organ aber noch etwas kultivierter und differenzierter einsetzen.

Vergrößerung Lucia (Darina Takova) verfällt dem Wahnsinn.

Kein Gewinn war Laurent Koehl als Arturo, der nicht nur mit kaum nachvollziehbaren Einsatzproblemen kämpfte, sondern die längste Zeit seines kurzen Auftritts auch noch kaum zu hören war. Solides Comprimarioniveau ist dagegen einmal mehr Christine Solhosse und Guy Gabelle zu attestieren, dem von Edouard Rasquin exzellent vorbereiteten Chor großer Respekt für eine ansprechende, disziplinierte Leistung zu zollen. Gleiches lässt sich auch über das inzwischen ja durchaus mit dem Belcanto-Stil vertraute, einige sehr beeindruckende solistische Leistungen beisteuernde Orchester der Königlichen Oper sagen, die in Patrick Davin einen feurigen musikalischen Leiter hatten, der die Solisten vorbildlich zu begleiten verstand, alle Beteiligten auch in den mit viel Drive ausgeführten Finali gut zusammenhielt und die Entwicklung des Genres in Richtung Verdi hörbar machte.



FAZIT

Mit dieser sensibel erzählten, auch musikalisch im Wesentlichen überzeugenden Neuproduktion startet die Opéra Royal de Wallonie in eine Saison, in der auch Werke wie Grétrys Zémire et Azor, Offenbachs Les contes d'Hoffmann, Rossinis La Cenerentola, Verdis Rigoletto und Simon Boccanegra, Poulencs Dialogues des Carmélites, Bellinis I Capuleti e i Montecchi und als Fortsetzung des Ring-Projekts Siegfried zur Aufführung kommen werden.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Patrick Davin

Inszenierung
Mireille Larroche

Mitarbeit
Alain Paties

Bühnenbild
Guy-Claude Francois

Kostüme
Danièle Barraud

Licht
Philippe Quillet

Choreinstudierung
Edouard Rasquin

Eine Neuproduktion der
Opéra Royal de Wallonie



Chor und Orchester der
Opéra Royal de Wallonie


Solisten

Lucia
Darina Takova

Alisa
Christine Solhosse

Edgardo de
Ravenswood
Reinaldo Macias

Lord Enrico Ashton
Vladimir Stoyanov

Lord Arturo Bucklaw
Laurent Koehl

Raimondo
Wojtek Smilek

Normanno
Guy Gabelle



Weitere
Informationen

erhalten Sie von der
Opéra Royal
de Wallonie

(Homepage)



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