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Narziss und Echo
Kammeroper nach Ovid für Countertenor, Viola,
einen Schauspieler und Schlagzeug von Jay Schwartz

Uraufführung am 3. Oktober 2003
in der Fruchthalle Kaiserslautern



Liebestod vor Donnerblech

Von Sebastian Hanusa

Lange nur in Insider-Kreisen bekannt, haben sich die mutig programmierten Konzerte mit Neuer Musik in der Kaiserslauterer Fruchthalle inzwischen ein nicht zu übersehendes Renomée erarbeitet. Neben der Beharrlichkeit, mit der Kulturamtschefin Andrea Edel die Neue Musik in die städtische Konzertreihe integriert, ist der wachsende Publikumszuspruch sicher auch Frucht eines klar erkennbarer inhaltlichen Profils. Teil eines solchen Profils sind Komponisten-Persönlichkeiten, die wider eine paritätische Breite der Darstellung bewußt ins Zentrum der Programme gestellt werden. Neben Johannes Fritsch und dem Katalanen Llorenc Barber, von denen in den letzten Jahren wiederholt Stücke in Kaiserslautern zu hören waren, wäre hier insbesondere der seit 1989 in Deutschland ansässige Amerikaner Jay Schwatz zu nennen. Noch Anfang dieses Jahres war ihm ein Portrait-Konzert in der Fruchthalle gewidmet (siehe OMM), gut acht Monate später stand die Uraufführung seiner als Auftragswerk der Stadt Kaiserslautern entstandenen Kammeroper "Narziss und Echo" auf dem Programm.

Auf verschiedenen Ebenen ist das gut einstündige Werk durch Reduktion geprägt: Das Bühnenpersonal beschränkt sich auf Countertenor und Schauspieler, an Instrumentalisten sind lediglich eine Bratscherin auf der Szene sowie ein wenig Schlagwerk hinter derselben besetzt. Die literarische Vorlage aus Ovids Metamorphosen ist von Schwartz ebenfalls auf ein Minimum reduziert. Lediglich die wenigen, in wörtlicher Rede gesprochenen Sätze des Textes sind vertont, die Stelle einer äußeren Handlung wird durch eine kontemplative Statik ersetzt, die sich erst gegen Ende zu konkreter Handlung verdichtet.

Sänger und Schauspieler agieren zunächst voneinander isoliert. Im Dialog mit der Viola singt Counter Ralf Peter die ins Extreme gedehnten Sätze des Librettos, zwischen den einzelnen " Nummern" sinniert Schauspieler Thomas Gräßle über Heideggersche Sprachknäuel. In seiner Arbeit mit dem musikalischen Material folgt Schwartz einer Ästhetik des "In-den-Klang-Hörens an": An der unteren Hörgrenze wird unendlich langsam der Ton moduliert und indem sich nur ganz allmählich Farbe und Tonhöhe ändern, gerät das Innenleben des Klanges in den Fokus hörender Rezeption.

Eine lose Analogie hierzu bildet die dramaturgische Grundkonstellation. Der Jüngling Narziss, der, selber mit ungewöhnlicher Schönheit beschenkt, nicht in der Lage ist, zu lieben, und dessen Vernarrtheit in sein Selbst am Ende zur tödlichen Falle wird, praktiziert unbewußt eine radikale Form von Innenschau, während die unglücklich verliebte Echo genau das Gegenteil hierzu darstellt. Sie kann immer nur Widerhall und Resonanz ihrer Umwelt, nie von sich aus sprechen, nie sie selber sein. Beider tödliches Ende ist der dramatische Höhepunkt und zugleich das einzige wirkliche Geschehen der Oper. Echos Tod in verzweifelter Liebe findet in einem großen Monolog des Schauspielers statt – Narziss‘ Selbstbegegnung mit dem eigenen Spiegelbild ist zugleich die Schlußsequenz des Stückes: Sänger und Schauspieler begegnen sich und können dennoch nicht zueinander finden. Ein spiegelndes Donnerblech trennt sie schließlich und auch wütende Schläge – mit entsprechender Klangentfaltung – können die unüberwindbare Barriere zum eigenen Ebenbild nicht überwinden. Narziss stirbt.

Spannend ist, wie Schwartz es gelingt, aus annähernder Bewegungslosigkeit eine dramatische Zuspitzung zu entwickeln, auch wenn der Spannungsbogen mitunter einige Schwächen aufweist. So gelingt es nicht immer, die kontemplative Konzentration des Anfangs in der nötigen Intensität durchzuhalten, das musikalische Material wirkt gegen Mitte hin etwas verbraucht. Auch die szenische Integration des deklamierenden Schauspielers und der nicht inszenierten Viola-Spielerin Lila Brown in den Bühnenraum gelingt erst in der zweiten Hälfte des Abends. Dies verhindert jedoch nicht eine insgesamt gelungene formale Konzeption. Kongenial gestaltet sind Bühnenbild und Lichtregie: Mit wenigen Elementen – einer längs durch die Fruchthalle verlaufenden Stoffbahn, Sand, reflektierendem Klebeband und dem erwähnten Donnerblech – insbesondere aber mit einer genauestens auf die Objekte wie auch das musikalische Geschehen abgestimmten Ausleuchtung gelingt es Ingo Bracke, einen bespielbaren Raum mit herausragender skulpturaler Qualität zu schaffen.


FAZIT

Trotz kleinerer dramaturgischer Schwächen ist zu hoffen, daß die sehenswerte Oper "Narziss und Echo" weitere Aufführungen erleben darf. Für den gelungenen Abend ein großes Lob für Künstler und Veranstalter!


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Mitwirkende


Viola
Lila Brown

Schauspieler
Thomas Gräßle

Countertenor
Ralf Peter

Bühne und Licht
Ingo Bracke

Lichtregieassistenz
Marco Ludwig

Regie
Jay Schwartz







Da capo al Fine

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