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Musiktheater
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Lady Hamilton

Operette in drei Akten von Richard Bars und Leopold Jacobson
mit neuen Dialogen von Michael Bogdanov und Christoph Schwandt
Musik von Eduard Künneke
(revidiert von Hendrik Schnöke)



Aufführungsdauer: ca. 3h (eine Pause)

Premiere im Opernhaus Köln
am 30. April 2004

Logo: Oper Köln

Bühnen der Stadt Köln
(Homepage)

Schwerfällige Lady

Von Thomas Tillmann / Fotos von Klaus Lefebvre

Die Geschichte vom Aufstieg einer Kneipensängerin zur Botschaftergattin in Neapel und schließlich zur Geliebten Lord Nelsons, die Leopold Jacobson (der Name des jüdischen Librettisten, der 1942 in Theresienstadt zu Tode kam, war bei der Berliner Erstaufführung in der Saison 1936/1937 übrigens bereits aus der Titelei gestrichen!) und Richard Bars für Eduard Künnekes zwanzigstes Bühnenwerk, Lady Hamilton, mit bewundernswerter Freiheit gegenüber der geschichtlichen Wahrheit verfasst haben, wird Operettenskeptiker nicht zu Fans machen: Amy Lyons arbeitet als Sängerin in einer Hafenkneipe in Neapel, in die sich eines Abends vier feine Herren verirren, unter ihnen der britische Gesandte Lord Hamilton und der spanische Seeoffizier Alfredo, der sie vor den Übergriffen der Matrosen beschützt. Alle diese Männer verlieben sich in Amy. Nach einigen Aufregungen und Missverständnissen entschließt sich diese, Lord Hamiltons Mätresse zu werden und folgt ihm nach London, später nach Neapel, wohin er als britischer Gesandter ernannt wurde. Als dieser einen Empfang für Lord Nelson anlässlich seines großen Seesieges gibt, erscheint Amy, die die Heimlichtuerei leid ist, gegen jede Absprache und löst damit eine Reihe von Ereignissen aus, die zu ihrer verspäteten Heirat mit Lord Hamilton führen. Als der Botschaft ein Kriegsgefangener unterstellt wird, in dem sie den immer noch in sie verliebten Alfredo wiedererkennt, schleicht sie sich noch in der Hochzeitsnacht mit Sir Hamilton für Alfredo ins Bett von Lord Nelson, um von diesem einen Gnadenakt für den Spanier zu erwirken - noch Fragen?


Vergrößerung in neuem Fenster Lady Hamilton (Noemi Nadelmann) ...

Michael Bogdanov mag einer der profiliertesten britischen Regisseure sein (er arbeitete nicht nur für die Royal Shakespeare Company und begründete die English Shakespeare Company, sondern inszenierte auch am Bayerischen Staatsschauspiel, dem Schauspiel Köln und dem Deutschen Schauspielhaus in Hamburg, dessen Intendant er von 1989 bis 1992 war) - die dramaturgisch nicht restlos überzeugende Geschichte einleuchtend und flüssig zu erzählen, gelang ihm nicht, auch wenn er einige Sorgfalt bei der Figurenzeichnung walten ließ und zusammen mit Dramaturg Christoph Schwandt neue Dialoge verfasst hatte, die selten zu lang waren, streckenweise auch durchaus Charme hatten, ohne allerdings richtig witzig zu sein; mancher Gag indes war nicht weit entfernt von pubertären Ausfällen in Vulgärsprache, die nicht nur das betagtere Publikum verständnislos den Kopf schütteln ließen. Richtige Stimmung kommt auf der Riesenbühne von Peter Pabst mit den von Gemälden der Zeit inspirierten Dekorationen auch nicht auf, denn es fehlt an intimeren Räumen für ebensolche Szenen respektive an einer Beleuchtung, die ein solches Manko auffangen könnte (Dirk Sarach-Craigs Bemühungen behält man eher wegen zahlreicher Pannen in Erinnerung), und auch der Blick auf die natürlich nicht schlechten, aber eben auch keine besondere Originalität erkennen lassenden Kostüme von Ulrich Schulz oder die kreuzbrave Choreografie von Athol Farmer verhinderten manches Gähnen bei den Zuschauern nicht. Gänzlich überflüssig fand ich die beiden unspannenden, lahmen Kampfszenen, bei denen der Klang zertrümmerten Glases schlecht gemacht aus den Boxen kam und für die man mit Malcolm Ranson auch noch einen sicher nicht billigen Spezialisten engagiert hatte. Richtig peinlich wurde es gegen Ende, für das man offenbar minutenlangen frenetischen Beifall und entfesselte Klatschmärsche einkalkuliert hatte, wozu das ermattete Publikum aber nicht im mindesten bereit war, so dass sich das Ensemble zu den letzten Takten aus dem Orchestergraben fein säuberlich an der Rampe aufgereiht und verlegen grinsend wiederfand, ohne jedoch mit einer Applausordnung vertraut gemacht worden zu sein.


Vergrößerung in neuem Fenster ... und ihre Männer: der spanische Seeoffizier Alfredo Bartos (Mehrzad Montazeri),
den sie in Halifax' Matrosenkneipe kennen lernt, ...

Und so freute man sich in erster Linie über die zweifellos wirkungsvolle, hochkarätige, süffige (Unterhaltungs-)Musik, die Gabriel Feltz, der von 2001 bis 2004 als Generalmusikdirektor in Altenburg-Gera wirkt(e) und ab der kommenden Saison Chef der Stuttgarter Philharmoniker sein wird, zwar sehr sorgfältig musizieren ließ, dabei aber über weite Strecken arg breite, die Solisten ebenso wie die übertrieben wuchtige Lautstärke nicht selten überfordernde Tempi bevorzugte, ganz als wollte er Publikum und Presse davon überzeugen, wie bedeutend das Werk ist (in diesen Kontext gehören wohl auch die bedeutungsschwangeren Generalpausen!), das spätromantische Anklänge aus der Oper und Farben des symphonischen Jazz originell vereint. Der Ansatz passt natürlich hervorragend zu Tempo und Stil der Inszenierung, aber ein bisschen mehr Schwung und Transparenz hätten den Abend vielleicht retten können (vielleicht hätte Hendrik Schnöke auch die wuchtige Instrumentierung bei seiner Revision ein wenig entschlacken sollen). Immerhin bekam man in Köln zum ersten Mal seit 1926 wieder eine weitgehend vollständige Version (auch mit den für Künneke im Allgemeinen und für dieses Werk im Speziellen so charakteristischen Saxophonen) und die "Konzertouvertüre Lady Hamilton" zu hören, die für die Londoner Aufführungen des nun Song of the Sea genannten Stücks nachkomponiert wurde. Eine korrekte "Urtext"-Realisation der Operette, wie sie 1926 in Breslau über die Bühne ging und von vielen Häusern im deutschen Sprachraum nachgespielt wurde (so auch im Kölner Reichshallentheater in der Gertrudenstraße mit dem Komponisten persönlich am Pult!), ist nach Christoph Schwandts Angaben freilich nicht möglich, da das Orchestermaterial verloren ging und nur ein Klavierauszug erhalten blieb, der allerdings in ausführlichen Stichnoten immerhin deutliche Hinweise auf den reizvollen dreistimmigen Saxophonsatz enthält.

Klangbeispiel Klangbeispiel: Der Hit aus dem 1. Akt:
"Du hast Augen, von denen man träumt"
mit Noemi Nadelmann (Amy) und Mehrzad Montazeri (Alfredo)
(MP3-Datei)


Ein großer Pluspunkt der Produktion war zweifellos das gut aufgelegte Ensemble, das in Noemi Nadelmann seinen Star hatte, der am selben Ort bereits als Donna Anna und als Rosalinde in der Fledermaus engagiert war. Ich kannte ihren nicht eben großen, wenig individuellen Sopran bisher nur von dem am Rande der Tiroler Festspiele Erl im Juli 1999 unter der Leitung von Gustav Kuhn eingespielten, sowohl in vokaler wie in interpretatorischer Sicht die bedeutende Karriere kaum rechtfertigenden Arte Nova Classics Recital (ihre CD mit Schreker-Liedern mochte ich da nicht mehr hören, und auch das im April 2003 für das relativ neue Label Oehms Classics aufgenommene Operettenprogramm mit den bekannten Zugnummern und einem wirklich unvorteilhaften Coverfoto der Sängerin überzeugt mich nicht wirklich). Auch live war die Höhe nicht selten etwas dünn, spitz, ältlich, scharf und schwang erheblich aus, was auf Überforderung schließen lässt (immerhin distonierte die Künstlerin nicht so penetrant wie auf dem Generalprobenmitschnitt!), während man in tiefer gelegenen Passagen der nicht besonders anspruchsvollen Titelpartie die prägnante Sprechstimme der Sopranistin wieder erkannte, die gerade in den opernhaften Momenten und den Ensembleszenen hörbar an Grenzen stieß und die überdies reichlich nachlässig in der Gestaltung des gesungenen Textes war. Immerhin, die Mittellage klang voller und interessanter als auf den Konserven, und natürlich sieht die Schweizerin auf der Bühne hervorragend aus und weiß sich (lasziv) zu bewegen; die Wandlung von der durchaus zu ehrlichen Gefühlen fähigen, großherzigen Kneipenvedette zur berechnenden Societylady konnte sie indes nicht wirklich glaubhaft machen (vielleicht hätte ihr da die Regie mehr helfen müssen), und einige Texthänger und -patzer sind mir auch nicht entgangen.


Vergrößerung in neuem Fenster ... Lord William Hamilton (Horst Vincon),
der sie nach London und Neapel mitnimmt und den sie heiratet ...

Insgesamt besser gefiel mir Claudia Rohrbach als Kitty Grant, die nicht nur eine schlanke, aber nicht zu kleine, glänzend ansprechende Stimme besitzt, sondern dank ihres großes Spieltalents, ihres Witzes und ihrer Beweglichkeit auch in den Tanzszenen reüssiert und zudem genau weiß, wo das Publikum sitzt - es gibt sie doch noch, die Operettensoubrette alter Schule (und dies ist eindeutig als Kompliment gemeint!). Gute Figur machte an ihrer Seite auch Marko Kathol als Percy mit seinem angenehm timbrierten Tenor und einigen gewagten Tanzschritten, während der in Teheran geborene Mehrzad Montazeri als spanischer Seeoffizier zwar gut aussah und überzeugend spielte, seine an sich nicht unangenehme Stimme aber bereits einen viel zu starken wobble aufweist, einigen Anlauf bei den hohen Tönen braucht und zudem nicht gut fokussiert ans Ohr des Zuhörers dringt.


Vergrößerung in neuem Fenster ... und schließlich der unwiderstehliche Kapitän Horatio Nelson (Joachim Berger),
dem sie auf sein Schiff folgt.

Dass Martin Finke nach 33jähriger Ensemblezugehörigkeit in den Ruhestand geht und dem Kölner Haus nur noch als Gast zur Verfügung stehen wird, mochte man nicht glauben: Sein Charaktertenor ist weitaus intakter als die Stimme manches Fachkollegen, und ein überzeugender Darsteller ist er ohnehin, hier nun als der von seiner Braut Kitty gehörnte, selbst aber auch nicht als Kostverächter einzustufende Maler George Romney. Hörbar in die Jahre gekommen ist dagegen der inzwischen doch sehr schüttere Bass von Ulrich Hielscher, der ansonsten aber einen durchaus überzeugenden, geschäftstüchtigen Kneipenbesitzer gab. Horst Vincon ist ein Sir Hamilton von großer Würde und mit echten Gentlemanqualitäten, Opernstudiomitglied Svea Johnsen besitzt als herrlich vulgäre Zofe Mary Ann zweifellos komödiantisches Talent und empfiehlt sich für größere Aufgaben, Werner Sindemann hat einen großen Auftritt als herrlich blasierter Prinz von Pisa in verspieltem Kostüm und mit abenteuerlich auftoupiertem Resthaar, Joachim Berger, im Dezember noch als Cervantes in Massenets Don Quichotte zu sehen, entwickelte als Kapitän Nelson einiges Charisma und erotische Ausstrahlung. Wirklich skandalös fand ich indes die Leistung des Chores, von dessen Text man nicht nur die meiste Zeit kaum ein Wort verstand, sondern dessen Mitglieder sich auch wirklich selten auf gemeinsame Einsätze verständigen konnten, ohne dass man besonders anspruchsvolle szenische Aufgaben als Entschuldigung anführen könnte.


FAZIT

Große Teile des Premierenpublikums mochten die plüschig-altmodische, behäbige, zwar sorgfältige Vorbereitung, aber zu wenig ironische Brechung erkennen lassende Inszenierung offenkundig nicht - die Operettenfans wird es nicht davon abhalten, Künnekes vor allem musikalisch interessantes Werk (wieder) zu entdecken, das auch auf Tonkonserven schlecht dokumentiert ist: Im Rahmen der EMI-Serie "Operettenraritäten" bietet der zweite Teil der "Geschichten über Frauen der Geschichte" nur drei Ausschnitte mit Dagmar Koller und Willi Brokmeier aus dem Jahre 1970, namentlich das hinreißende Duett "Du hast Augen, von denen man träumt", dessen Titelmelodie bereits in der Ouvertüre prominent auftaucht und das mehrfache Reprisen im Stück erlebt, Amys "Im Vertrau'n gesagt" aus dem 3. Akt sowie ein weiteres Duett zwischen Amy und dem spanischen Seeoffizier Alfredo, "Liebling, heut' ist mein Hochzeitstag" aus dem 3. Akt.



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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Gabriel Feltz

Inszenierung
Michael Bogdanov

Bühne
Peter Pabst

Kostüm
Ulrich Schulz

Chor
Horst Meinardus

Kampftraining
Malcolm Ranson

Choreografie
Athol Farmer

Licht
Dirk Sarach-Craig

Dramaturgie
Christoph Schwandt


Statisterie
der Oper Köln

Chor
der Oper Köln

Gürzenich-Orchester
Köln


Solisten



Amy Lyons
Noemi Nadelmann

Mary Ann,
ihre Zofe
Svea Johnson

William Hamilton,
britischer Gesandter
Horst Vincon

George Romney,
Maler
Martin Finke

Kitty Grant,
seine Braut
Claudia Rohrbach

John Halifax, Besitzer
einer Matrosenkneipe

Ulrich Hielscher

Percy Harwich, Leutnant
der englischen Marine

Marko Kathol

Alfredo Bartos,
spanischer Seeoffizier
Mehrzad Montazeri

Fairfax
Vukasin Savic

Prinz von Pisa
Werner Sindemann

Jimmy / Sambucco
Boris Duric

Edward,
Kammerdiener
Anthony Sandle

Diplomat
Jong-Cheol Park

Kapitän Horatio Nelson
Joachim Berger

French,
sein Adjutant
Jong-Cheol Park


Weitere Informationen
erhalten Sie von den
Bühnen der Stadt Köln
(Homepage)





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