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Arabella

Lyrische Komödie in drei Aufzügen
Libretto von Hugo von Hofmannsthal
Musik von Richard Strauss

in deutscher Sprache mit flämischen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 3h 25' (zwei Pausen)

Premiere in der Vlaamse Opera Gent am 4. Mai 2004
Besuchte Aufführung: 9. Mai 2004


Koproduktion mit der Opera North


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Vlaamse Opera
(Homepage)
Die Richtige!

Von Thomas Tillmann / Fotos von Annemie Augustijns


Es gibt nicht viele Opernliebhaber, die zugeben, dass sie Arabella mögen, das letzte Ergebnis der so fruchtbaren Zusammenarbeit zwischen Richard Strauss und Hugo von Hofmannsthal - Giuseppe Pugliese zitiert in seinem Booklet-Beitrag zum von Mondo Musica vertriebenen Mitschnitt der Werkes aus dem venezianischen La Fenice mit Melitta Muszely und Hugh Beresford etwa den hässlichen Begriff des "Arteriosclerosenkavalier". Natürlich fühlt man sich das eine oder andere Mal an die frühere Komödie für Musik erinnert (das Ritual der Überreichung der silbernen Rose etwa findet sein Pendant in dem Reichen des Glases Wassers, der erste Aufzug endet hier wie dort mit einem großen Monolog der Protagonistin, und doch macht es einen Unterschied, ob ein Stück zur Zeit Maria Theresias oder um das Jahr 1860 spielt), natürlich ist es haarsträubend, dass Matteo in der Dunkelheit des Hotelzimmer Zdenka nicht erkannt haben will (ich verzichte darauf, unglaubwürdige Handlungsmomente aufzuzählen, die sich auch in so vielen anderen Opern beobachten lassen), natürlich war der Komponist zu Beginn seiner langen Karriere inspirierter als am Ende seines siebten Lebensjahrzehnts und verachtete den kommerziellen Erfolg nicht. Und doch: Ich habe eine Schwäche für dieses Werk, das Michael Kennedy nicht zu Unrecht als die letzte große romantische Oper bezeichnet hat, André Tubeuf als "ultieme opus van het repertoire", für den wundervollen und so viele herrliche Zitate bereit haltenden Text Hugo von Hofmannsthals, der für das Libretto auf seine Novelle Lucidor oder Figuren zu einer ungeschriebenen Komödie und die Komödie Der Fiaker als Graf zurückgegriffen hat und zweifellos mit großer psychologischer Finesse hinreißende Charaktere geschaffen hat, für die berauschende Musik des reifen Strauss, der der Opernwelt zweifellos Problematischeres hinterlassen hat.

Francisco Negrin ist es hoch anzurechnen, dass er das Stück ernst nimmt und gleichermaßen spannend, humorvoll-augenzwinkernd und mit großer Sensibilität in Figurenzeichnung und Personenführung zu erzählen versteht und sich dabei zwar eng an Text und Musik orientiert, dennoch aber starke, wenn auch eher unaufdringliche eigene Akzente setzt: Er empfindet die bürgerliche Komödie, die er im Mikrokosmos eines im Ambiente der ursprünglich vorgesehenen Handlungszeit ausstaffierten Wiener Stadthotels (ein Kompliment an Ausstatter Paul Steinberg, aber auch an Lightdesigner Bruno Poet, dessen nomen - so platt es klingt - tatsächlich omen zu sein scheint) und in ebensolchen, besonders schönen Kostümen von Jon Morrell spielen lässt, als ein Märchen. Da ist das Motiv der Liebe auf den ersten Blick (das sich freilich auch in anderen Hofmannsthal-Strauss-Opern findet, denn wie die erste Begegnung von Arabella und Mandryka erscheint auch diejenige zwischen Octavian und Sophie oder die zwischen Ariadne und Bacchus als ein gleichsam magischer Moment), und dass Mandryka sich in ein Portrait verliebt, verbindet ihn mit Tamino aus der Zauberflöte, während Arabellas Gewissheit, dass der Fremde der Richtige ist für sie, an Paminas Entschlossenheit erinnert. Zweifellos leben auch die Waldners in einer Traumwelt: Der Graf fühlt sich immer noch als reicher Mann, obwohl der große Schrankkoffer und die abgehängten Bilder in der sparsam möblierten Suite deutlich darauf hinweisen, dass die "Reise" kurz bevorsteht, während die drei Grafen vermutlich genau wissen, dass sie mit der schönen Tochter des Hauses auch die Schulden des Vaters zu übernehmen haben. Besonders märchenhaft gerät der Ball: Mandryka hebt während seines ersten Gesprächs mit Arabella in Anspielung auf die Aschenputtel-Erzählung den Schuh des Mädchens auf und reicht in ihr, hinter dem Paar tut sich auf einer barocken Guckkastenbühne eine Art Märchenwald oder Zaubergarten auf, und die Fiakermilli, die den Zuschauer zunächst als Stubenmädel verkleidet diskret durch die Handlung führt, ist zur Elfe mutiert, die am Ende in den Bühnenhimmel gezogen wird. Spätestens im dritten Aufzug aber ist Schluss mit der Flucht in märchenhafte Traumwelten: Arabella und Mandryka erweisen sich als Menschen aus Fleisch und Blut, die erkannt haben, dass das Klischee einer idealen Liebe keine Antwortet bietet auf ihre sehr konkreten Zweifel und Fragen.


Vergrößerung in neuem Fenster

"Und du wirst mein Gebieter sein ..." - das Traumpaar Arabella (Camilly Nylund) und Mandryka (Hans-Joachim Ketelsen) verlobt sich auf dem Fiakerball.

Camilla Nylund war für mich eine Idealbesetzung für die Titelpartie, da sie neben einer äußerst attraktiven, aristokratisch-eleganten äußeren Erscheinung und großer darstellerischer Begabung, die es ihr erlaubt, die Klarheit und Melancholie dieser wunderbaren Frauenfigur sehr natürlich zu transportieren, auch eine mädchenhaft schlank und eher instrumental geführte, etwas kühl timbrierte und viel Glanz besonders in der Höhe entfaltende Sopranstimme in der Della-Casa-Tradition mitbringt, die freilich kleiner auch nicht sein dürfte (das galt letztlich für diejenige der großen Schweizerin auch). Und so macht man sich Sorgen, wenn man liest, dass die Künstlerin im Januar diesen Jahres in Zürich zum ersten Mal die Fidelio-Leonore gegeben hat (wenn auch unter Harnoncourt), in Triest die Ariadne und im nächsten Herbst in Köln ihre erste Salome meint singen zu müssen. Einen starken Partner hatte sie in Hans-Joachim Ketelsen, der den Mandryka bereits im Oktober 1994 an der New Yorker Met unter Leitung von James Levine gesungen hat und einen auch szenisch sehr präsenten Fremden mit etwas altmodischen Manieren, aber alles andere als einen ungehobelten, hemdsärmeligen Tölpel vom Lande gab, sondern ein rechtes Mannsbild, eine treue Seele, die in ihrer Verliebtheit geradezu rührend wirkt. Zudem freute man sich über seinen klangvoll-ausladenden, vollmundigen, ebenmäßig strömenden, höhenstarken Bariton; für tiefere Töne und solche im Piano musste der Deutsche freilich härter arbeiten, aber kultivierter als mancher Kollege sang er die Partie allemal.


Vergrößerung in neuem Fenster Arabella (Camilla Nylund, links vorn) hat auf der Straße einen Fremden gesehen, der der Richtige für sie sein könnte - für Matteos Rosen, die ihre als Junge verkleidete Schwester Zdenka (Helena Juntunen, hinten rechts) ihr im wahrsten Sinne des Wortes vorhält, hat sie da natürlich keinen Sinn.

Darstellerisch fast hyperaktiv wirkte Helena Juntunen, die mit ihrem leuchtenden, nicht zu kleinen, angenehm vibrierenden, auch in der Extremhöhe leicht ansprechenden Sopran auf hohem Niveau die Zdenka gab. Allerdings neigte die junge Finnin ein wenig zum Schreien, was besonders penetrant im berühmten Duett zum Tragen kam, für das sie sich offenbar vorgenommen hatte, lauter als die von diesem Affront völlig unberührte Bühnenschwester sein zu wollen. Mit Ewan Bowers, der seinen etwas stämmigen, mitunter auch kehlig klingenden Tenor bei seinem Rollendebüt als Matteo nicht unerheblich forcierte, der aber die fiese Tessitur besonders des letzten Aktes anders als den deutschen Text weitgehend problemlos bewältigte, hatte sie auch auf dieser Ebene den richtigen Partner an ihrer Seite.

Der von mir in italienischen Partien sehr geschätzte Marcel Rosca ist zwar kein Graf Waldner, wie man ihn aus den berühmten Aufnahmen kennt - dazu ist sein Deutsch nach wie vor nicht akzentfrei genug und besonders das Wiener Idiom zu wenig seine Sache -, aber er ist wie stets ein Typ auf der Bühne, eine etwas zweifelhafte Existenz eben mit einer immer noch imposanten Stimme. Gleiches gilt für den saftigen Mezzosopran der als überzeugend resolute Adelaide auftretenden Catherine Wyn-Rogers, der nur bei hohen Tönen mitunter etwas steif klang, sich ansonsten aber von dem Gekeife mancher Kollegin aus dem Charakterfach erfreulich abhob. Eine Pein war dagegen die Engländerin Eileen Hulse mit ihrem schrillen, dünnen und heiseren Sopran als Fiakermilli. Unter den drei Arabella den Hof machenden Grafen fiel Marcel Reijans durch sein emphatisches Singen, der erst 22jährige Quirijn de Lang als Lamoral durch sein jugendliches Alter und die entsprechende Erscheinung auf, und auch bei den kleineren Rollen gibt es keine Ausfälle zu vermelden.

Ivan Törzs schließlich sorgte für einen üppig schwelgenden, aber nie unkontrolliert aus dem Graben dringenden, farbenreichen Orchesterklang, verhinderte, dass geschleppt wurde und das aus Süßem Süßliches wurde und bewahrte auch beim ausgelassenen Schluss des zweiten Aufzugs stets die Übersicht und ein waches Auge für das Bühnenpersonal.


FAZIT

Eine bezaubernde Aufführung eines bezaubernden Werkes!


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Programm

Musikalische Leitung
Ivan Törzs

Regie
Francisco Negrin

Bühnenbild
Paul Steinberg

Kostüme
Jon Morrell

Licht
Bruno Poet

Choreinstudierung
Jef Smits



Symfonisch Orkest
en Koor
van de Vlaamse Opera


Solisten

Arabella
Camilla Nylund

Mandryka
Hans-Joachim Ketelsen

Zdenka
Helena Juntunen

Matteo
Evan Bowers

Graf Waldner
Marcel Rosca

Adelaide
Catherine Wyn-Rogers

Fiakermilli
Eileen Hulse

Graf Elemer
Marcel Reijans

Graf Dominik
Marc Claesen

Graf Lamoral
Quirijn de Lang

Kartenaufschlägerin
Susannah Self

Welko
Benoît De Leersnyder

Jankel
Erik Van Mosselvelde

Zimmerkellner
Jan Vandeloo

Drei Spieler
Rob Boden
Patrick Cromheecke
Guido Verbelen

Begleiterin
der Arabella
Andrea Urbankova

Kellner
Rudy Bakeland
Greogory MacLeod



Weitere Informationen
erhalten Sie von der
Vlaamse Opera



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