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Die Neuentdeckung eines alten Meisterwerkes
Von Gerhard Menzel
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Fotos von Rudolf Majer-Finkes Mit seiner ersten Produktion der neuen Spielzeit gelang dem Musiktheater im Revier ein regelrechter Coup. Nach den Frühwerken Nabucco und I Masnadieri, erlebte jetzt Verdis "Rigoletto" eine zu Recht gefeierte Premiere. Man konnte dabei hautnah miterleben, dass Verdis Erfolgsoper weit mehr ist, als nur eine Abfolge vieler bekannter "Schlager", von Gildas "Caro nome" bis zu "La Donna è mobile" des Herzogs. Wieder einmal demonstriert das MiR damit die enge, fruchtbare Zusammenarbeit aller an einer Produktion Beteiligten, vom Regieteam, Immo Karaman (Inszenierung), Johann Jörg (Bühne), Marie-Louise Walek (Kostüme), über die Dramaturgie - Wiebke Hetmanek bekam für ihre erfolgreiche Arbeit, zusammen mit ihrem Kollegen Johann Casimir Eule, bei der diesjährigen Eröffnungsgala den Förderpreis des Gelsenkirchener Theaterpreises 2003 verliehen - bis hin zu den musikalischen Interpreten, Samuel Bächli (musikalische Leitung) und dem stimmlich exquisiten und darstellerisch höchst engagierten Solistenensemble.
Rigoletto (Nikolai Miassojedov) verhöhnt den Grafen von Monterone (Jee-Hyun Kim)
Die drei Hauptpartien waren mit Claudia Braun (Gilda), Nikolai Miassojedov (Rigoletto) und Burkhard Fritz (Herzog von Mantua) auch wirklich erstklassig besetzt. Bei ihnen kommt alles zusammen, was man sich für diese Partien nur wünschen kann: vom stimmlichen, darstellerischen und vom Erscheinungsbild her. Dabei wurde weder wacker drauf los geschmettert, noch ein Hit nach dem anderen publikumswirksam präsentiert, sondern sehr differenziert und textbezogen gesungen und gestaltet. Obwohl (noch) leicht indisponiert, zeichnete Burkhard Fritz ein ganz sensibles Portrait des oft so eindimensional angelegten Herzogs. Neben seinen in der Öffentlichkeit herausgekehrten Herrschaftsattitüden berühren vor allem seine innigen Gefühle für das unbekannte, nicht standesgemäße, junge Mädchen aus der Stadt. Da wird aus dem kraftprotzenden Macho auf einmal ein zu zärtlichen Gefühlen fähiger Liebender, mit leisen und einfühlsamen Tönen. Damit überrascht Burkhard Fritz nach seinem Einstieg ins jugendlich-dramatische, deutsche Fach, indem er hier wiederum als "italienischer Tenor" durchaus überzeugte. Als nächstes debütiert Burkhard Fritz in Gelsenkirchen übrigens als Parsifal (Premiere am 6. Dezember 2003).
Rigoletto (Nikolai Miassojedov)
Auch Gilda ist nicht nur das alleinig träumerische und weltfremde Mädchen. Nach dem Tod der Mutter zu ihrem ihr unbekannten Vater gekommen, wird sie von ihm eingesperrt und darf ihr Zimmer nur zum Kirchgang verlassen. Der vorhandene Vater-Tochter-Konflikt wird anschaulich thematisiert und zeigt die völlige Ausweglosigkeit aus dieser Situation. Also schafft sich Gilda ihre eigene Welt, so gut sie kann. Die ganze Wand über ihrem Bett zieren Fotos, die ihre ganze Sehnsucht nach Freiheit und Leben verbildlichen. Einige davon opfert sie allerdings nach dem verhängnisvollen Treffen mit dem unbekannten "Studenten" und pinnt ein Blatt Papier an deren Stelle, auf den sie den "geliebten Namen" "Gualtier Maldè" mit Lippenstift geschrieben hat. Den "Ausbruch" aus dem väterlichen "Gefängnis", ihr Festhalten an dem sogar inflagranti erwischten, trügerischen Geliebten und der finale Opfergang werden glaubhaft und nachvollziebar entwickelt. Dass dieses so überzeugend geschieht, ist vor allem der anrührend singenden und spielenden Claudia Braun zu danken, die nicht nur stimmlich alle Register schier vollkommen beherrscht, sondern auch darstellerisch alle notwendigen Mittel besitzt, um diese Gilda als ein so interessantes Frauenportrait zu gestalten.
Die Höflinge führen dem erstaunten Herzog von Mantua (Burkhard Fritz) ihren selbstgedrehten Film von Gildas Entführung vor.
Die Figur des Rigoletto ist dagegen schon von vornherein als facettenreiche Partie angelegt. Seine Boshaftigkeit am Hof, die er nach seinem "Dienst" zusammen mit seiner Narrentracht in einer Plastiktüte verschwinden lässt, und die Angst um seine Tochter, die ihm alles auf der Welt ersetzen soll, sind die beiden extremen Pole, an denen diese gebrochene Existenz zwangsläufig irgendwann zu Grunde gehen muss. Auch Nikolai Miassojedov gelingt hier eine ausgezeichnete Synthese aus darstellerischer und stimmlicher Präsenz. Ausgezeichnet ins Ensemble fügen sich auch Nicolai Karnolsky (Sparafucile) und Gudrun Pelker (Maddalena) als kriminelles Geschwisterpaar und der mit großer Intensität gestaltende Jee-Hyun Kim als der von Rigoletto übelst geschmähte Graf von Monterone (Jee-Hyun Kim und Nikolai Miassojedov alternieren im Übrigen als Rigoletto und Graf von Monterone).
Der Herzog von Mantua (Burkhard Fritz)
Der von Nandor Ronay wieder einmal exzellent vorbereitete Chor und die Herren des Extrachores des Musiktheaters im Revier gaben den "Hofszenen" einen bedrohlich bedrückenden Charakter. Die als Kirmesorgelgedudel in einer "antiken" Musikbox erklingende Bühnenmusik passt allerdings nicht so recht zur edel gewandeten Hofgesellschaft, deren Höflinge sehr an eine geschlossene Gesellschaft in Art einer Bruderschaft erinnern. Samuel Bächli und die aufmerksam musizierende Neue Philharmonie Westfalen begleiteten die Sänger nicht nur sehr differenziert, sondern gestalteten die Musik Verdis durch flexible Abphrasierungen und die dynamisch sehr bewusste Gestaltung der - für diese Schaffensperiode Verdis - so typischen orchestralen Begleitfloskeln mit Liebe zum Detail, ohne den großen Rahmen außer Acht zu lassen. So erklangen manche Passagen durchaus ungewohnt, aber hörenswert.
Nicolai Karnolsky (Sparafucile) und Gudrun Pelker (Maddalena) kurz vor dem geplanten Mord.
Dafür, dass diese Produktion zu so einem musikdramatischen Erlebnis wird, sorgt letztendlich Immo Karaman, dessen Inszenierung vor allem durch die feine Psychologisierung der Figuren besticht. Ihm gelingt es fast ohne Ausnahme, im Zusammenklang mit Verdis berückenden Melodien, das psychologische Drama der Figuren freizulegen und als dramaturgisch nachvollziehbares Geschehen zu erzählen. Dabei dreht sich im wahrsten Sinne des Wortes alles um den Herzog, sogar das Bühnenbild von Johann Jörg. Niemand kann aus diesem Karussell der Leidenschaften entfliehen Auch Rigoletto, dessen Behausung sich in der Wand des kreisenden Hof-Zylinders des Herzogs befindet, ist auch in seiner Doppelexistenz im Bannkreis des Herzogs gefangen, genau wie das Publikum auch.
Eine kongeniale Einheit von Szene und Musik, die diesen Rigoletto aus der oft bebilderten Hitparadenästhetik heraushebt und zu einem wirklich mitreißenden Drama des Musiktheaters macht. Ihre Meinung Schreiben Sie uns einen Leserbrief (Veröffentlichung vorbehalten) |
Produktionsteam
Musikalische Leitung
Inszenierung
Bühne
Kostüme
Chor
Dramaturgie
Solisten* AlternativbesetzungHerzog von Mantua Burkhard Fritz
Rigoletto, Hofnarr
Gilda, seine Tochter
Graf von Monterone
Graf von Ceprano
Gräfin von Ceprano
Marullo
Borsa
Sparafucile
Maddalena, seine Schwester
Giovanna
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