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Musiktheater
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nullvier - keiner kommt an Gott vorbei
Ein Auftragswerk des FC Schalke 04 anlässlich seines 100-jährigen Jubiläums
Idee und Konzeption von Matthias Davids, Johann Casimir Eule, Wiebke Hetmanek, Michael Klaus und Bernd Matzkowski
Buch von Micheal Klaus
Songtexte von Bernd Matzkowski
unter Mitarbeit von Matthias Davids und Roman Hinze
Musik von Enjott Schneider


In deutscher Sprache
Aufführungsdauer: ca. 2 Stunden 45 Minuten (eine Pause)

Uraufführung im Großen Haus des Musiktheaters im Revier Gelsenkirchen
am 9. Mai 2004


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Musiktheater im Revier
(Homepage)
Der Herrgott müsste ein Schalker sein

Von Stefan Schmöe / Fotos von Rudolf Majer-Finkes



„Dat geht getz nich. Die haben noch 18 Minuten.“ Ausgerechnet am vorletzten Bundesliga-Spieltag irgendwann in den 80ern – Schalke steht kurz vor dem Abstieg – will Gott den namenlosen Rentner vor dem Radio aus diesem Leben abberufen. Nein, so geht es wirklich nicht, dass muss auch der Herr über (Schalker) Himmel und Erde einsehen, und selbst die verbleibenden 18 Minuten des Spiels reichen nicht aus, denn Mannschaftskapitän Stephan Krause versemmelt den entscheidenden Elfmeter: Noch eine weitere Woche bis zum alles entscheidenden Spieltag müssen die Schalker Fans zittern (und darf der betagte Fan auf Schalker Boden verweilen), und in dieser Woche wird Gott in das Leben der Schalker Fangemeinde eingeweiht. Was sich ihm da offenbahrt, ist ein Sündenpfuhl aus Korruption, Glücksspiel, Abzockerei, saturierten Profis und einem verliebten Nachwuchstalent, dass einer jungen Cellistin wegen beinahe alle Hoffnungen auf die Wende zum Guten enttäuscht. Da kann Gott nicht unbeteiligt bleiben! Also wird er zum Schalke-Fan.

Vergrößerung in neuem Fenster Sterben, solange der Klassenerhalt für Schalke noch nicht gesichert ist? "Dat geht getz nich." Ein schlechter Gott, wer da kein einsehen hätte, und so schaut der HErr genauer hin, welches Soziotop er um den Schalker Markt geschaffen hat.

Klangbeispiel Klangbeispiel: Overtüre mit obligatem Radioreporter
(MP3-Datei)


Es war ein überraschender kulturpolitischer Spielzug aus der Tiefe des Raumes, als Schalkes Manager Rudi Assauer ein Musical zum 100-jährigen Jubiläum des Vereins in Auftrag gab, und es ist ein gar nicht so kleines Theaterwunder, dass das Musiktheater im Revier (MiR) in kürzester Zeit ein entsprechendes Stück auf die Beine stellte. Augenfällig ist die Verbindung zwischen Fußball- und Theaterkultur durch das allgegenwärtige Blau, dass nicht nur die Vereinsfarbe der Fußballer, sondern durch Ives Kleins Schwammreliefs auch prägendes optisches Element des Theaterfoyers ist: In dieser Atmosphäre lässt es sich gut feiern. Wer aber dachte, zu diesem Anlass ein Friede-Freude-Eierkuchen-Jubel-Musical präsentiert zu bekommen, wurde aufs Schönste enttäuscht. Michael Klaus(Buch) und Bernd Matzkowski (Song-Texte) – dessen Vater Paul in den 50ern aktiver Spieler auf Schalke war – haben mit tatkräftiger Unterstützung der Dramaturgen des MiR ein in vielen Passagen sehr witziges Stück geschrieben, dass kaum ein gutes Haar am Verein lässt und zwischen Korruption, sportlichem Misserfolg und machtbesessenem Management genug Assoziationen an die bewegte Vereinsgeschichte zulässt, ohne konkrete Ereignisse zitieren zu müssen. Geschickt ist der Ansatz, eine musicaltypische Allerwelts-Herz-Schmerz-Geschichte in den Vordergrund zu stellen, die gut auf jeden Bezug zum Fußball verzichten könnte – denn so wird alle Peinlichkeit, die einem Schalke-Musical vorab prognostiziert wurde, geschickt unterlaufen. In Seitensträngen der Handlung bieten sich genug Möglichkeiten für ironische Spitzen gegen den Verein – und für ein Loblied auf den Fan, der trotz allem zu Schalke steht.

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Der Nachwuchs soll den Verein retten - aber Jojo hat in Auroras Tattoo-Laden eine folgenschwere Begegnung mit der Musikstudentin Louisa.

Klangbeispiel Klangbeispiel: "Tattoo" (Richetta Manager)
(MP3-Datei)


Die Handlung liefert dem Komponisten Enjott Schneider alle Vorlagen, von der sentimentalen, streicherunterlegten Schnulze bis zum poppigen Disco-Sound, und Schneider bewältigt das souverän. Der Text ist fast immer ironisch genug, eventuell aufkommendes Sentiment in erträglichen Grenzen zu halten. Schneider spielt witzig mit den verschiedenen Stilrichtungen, etwa er das unvermeidliche (irgendwann mal den Pet Shop Boys abgehörte) „Steht auf, wenn ihr Schalker seid“ oratorienhaft und mit A-Capella-Einlage auf die Bedürfnisse des Musiktheaters zurechtschneidet (und damit noch vor der Pause die ersten standing ovations erzwingt). Der Türke Ümit bekommt orientalische Pop-Klänge, und „Seit hundert Jahren gehen wir auf die Reise“ soll in das aktive Liedgut der Stadionbesucher eingehen. Musiktheater als Massenbewegung, fast wie einst bei Verdis Nabucco

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Und Schalke? Die Vereinsführung träumt angesichts der deprimierenden Gegenwart vom idealen Spieler.

Das MiR hat für diese Produktion fast alle Rollen mit Genre-erfahrenen Gästen besetzt, und Regisseur Matthias Davids und Choreografin Melissa King veranstalten allerlei Wirbel mit hohem Tempo auf der Bühne. Vor allem die Ensembleszenen sind sehr professionell gearbeitet. Dadurch erweist sich das Stück als durchaus konkurrenzfähig gegenüber den durchkommerzialisierten Großproduktionen. Liebevoll inszeniert sind auch die kleinen Episoden am Rande mit den leicht schrillen Nebenfiguren – hier glänzt besonders Evren Pekgelegen als bester Freund des Nachwuchsstars Jojo; aber auch Oli Sekula als netter Rocker, Richetta Manager (sonst am MiR für Wagner und Verdi zuständig) als soulige Besitzerin eines Tattoo-Ladens, Isabell Classen (Anna, Louisas beste Freundin) und Charlie Serrano, Niklaus Rüegg, und Thorsten Tinney – ein skurriles Trio aus Trainer, Präsident und Manager – sorgen für gute Unterhaltung. Etwas blass bleiben ausgerechnet die Hauptdarsteller Rasmus Borowski (Jojo) und Carina Sandhaus (Louisa). Naturgemäß haben sie es als Träger der „seriösen“ Handlung um Liebe und Schmerz schwerer als die stärker karikierten Nebenfiguren; aber beide Partien dürften ruhig weniger brav und bieder angelegt werden. Hier droht auch am ehesten Langeweile aufzukommen.

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Und ist der Tabellenplatz auch ein Jammertal, der wahre Fan steht auf, wenn er Schalker ist!

Klangbeispiel Klangbeispiel: "Eins, zwo, nullvier" - Ümit (Evren Pekgelegen) bringt die Fans in Schwung. Seit 100 Jahren gehn sie auf die Reise ...
(MP3-Datei)


Auf dem CD-Mitschnitt, der bereits kurz nach der Premiere veröffentlicht worden ist, werden manche gesangstechnischen Defizite der Sänger (ausgenommen ist die versierte Richetta Manager) hörbar, die auf der Bühne der aktionsreichen Inszenierung wegen weniger ins Gewicht fallen. Live wie im Mitschnitt blendend disponiert ist die Neue Philharmonie Westfalen (Leitung: Kai Tietje) und die vom Saxophon dominierte Band. Der eigentliche Clou, der nullvier – keiner kommt an Gott vorbei aber ist die Rahmenhandlung mit Gott (Andreas Windhuis) und dem namenlosen Rentner (großartig: Heinz W. Kückels), die das ganze Spiel (gesangslos) kommentieren – und einen Hauch von Philosophie verbreiten.

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Merkwürd'ges Ding, das ich da erschaffen habe - aber gar nicht schlecht, gar nicht schlecht ...

Und die Moral von der Geschicht'? Fußballtrainer sollten auf den Nachwuchs setzen (denn der schießt natürlich in letzter Minute das rettende Tor). Rudi Völler in der ersten Reihe (dem die Premiere gefallen haben soll) wird es zur Kenntnis genommen haben. Sollte ein verliebter Nachwuchsstar unsere Kicker ins EM-Finale schießen, es wäre wohl nicht nur dem Schalker Anhang recht. Schalke hat zwar keinen Platz im Uefa-Cup, aber ein veritables Musical, und das MiR wohl ein – zu Recht – gut ausgelastetes Haus mit vielen Besuchern, die bisher eher selten ins Theater gegangen sind. So schön kann Fußball sein.





FAZIT

Schwungvolle und ironische Hommage an den FC Schalke 04: Für Musicalfreunde durchaus auch dann lohnenswert, wenn ihr Herz nicht für die Königsblauen schlägt. Irgendwie kultig.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Kaj Tietje

Inszenierung
Matthias Davids

Choreographie
Melissa King

Bühne
Knut Hetzer

Kostüme
Judith Peter

Dramaturgie
Johann Casimir Eule
Wiebke Hetmanek

Sounddesign
Norbert Labuda



Neue Philharmonie Westfalen

Band:

Karsten Gronwald, Trompete
Andreas Laux, Saxophon
Klaus Dapper, Saxophon
Simon Bull, Saxophon
Markus Bertels, Saxophon
Andy Pilger, Schlagzeug
Bernd Adamkewitz, Gitarre
Ian Stewart, Bass
Christoph Eisenburger /
Michael Weiß, Keyboards



Solisten

Gott
Andreas Windhuis

Der Alte (Fußballfan)
Heinz W. Krückeberg

Jojo
Rasmus Borowski

Louisa
Carina Sandhaus

Stephan Krause
Sören Kruse

Ümit
Evren Pekgelegen

Anna
Isabell Classen

Aurora
Richetta Manager

Mücke
Oli Sekula

Gisela Schrader (Jojos Mutter)
Inez A. J. Timmer

Präsident
Niklaus Rüegg

Manager
Thorsten Tinney

Trainer
Charlie Serrano

Siegrid Stegemann (Louisas Mutter)
Gisela Kraft

Berthold Stegemann (Louisas Vater)
Heiner Dresen

Udo (Kioskbesitzer)
Frank Berg)

Jens
Benjamin Harder

Radiokommentator
Manni Breuckmann



Weitere
Informationen

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(Homepage)



Da capo al Fine

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