|
Veranstaltungen & Kritiken Musiktheater |
|
|
|
|
Verwandlungskunst als erotisches Prinzip
Von Ralf-Jochen Ehresmann
/
Fotos von Selten hat meine eine einzige Gestalt in so vielen Gestalten antreffen können, und wenn doch, so dürfte es selten soviel Sinn gemacht haben wie hier in Bergs Lulu, die am Beispiel einer phantastischen Frau berichtet von deren Leidensweg, der sich daraus ergibt, dass sie kaum richtig selbst gelebt hat, sondern stets nur sich anverwandelt hat den unterschiedlichen Ansprüchen und Projektionen, die ihre Umwelt auf sie richtete. Ein solcher Mensch kann viel erleben, viel Verschiedenes durchspielen, wird aber immer der oder die Getriebene bleiben, so dass ein Ende in Schrecken durchaus im Rahmen des Wahrscheinlichen liegt, ohne jedoch zwingend zu sein. Und so geht es denn Berg auch weniger darum, ein Weltprinzip von der Zwinglogik des universellen Untergangs im Allgemeinen und dem des Weibes im Besonderen herleiten zu wollen und erzählt stattdessen einen Fall von innerer Logik, die am Einzelbeispiel einem Mythos nachspürt, dessen Wirkmechanismen vielgestaltig in uns allen schlummern.
Bild 4: Paradies im Wachturm-Design
Die Frankfurter Neuproduktion von Jones und Miskimmon betonte freimütig den Charakter des Surrealen und gewann sich dadurch eine Materie zur spielerischen Verfügung mit neuen Sinnoptionen. In stets neuem Rahmen agiert ein Wesen, dessen permanenter Gestaltwechsel auch der Kostümbildnerin Buki Shiff reichlich Arbeit abforderte und steile Vorlagen für höchst anschauliche Ausformungen des Weiblichen bzw. dessen Phantasieformen lieferte. Zu beidem eröffnet bereits der Prolog auf dem Theater ein erstes Tor, wenn der Tierbändiger ein Stillleben der Raubtiere in astreiner Wachturm-Paradies-Ästhetik zusammenstellt und gleichzeitig die Vorhangeinblendungen die Vielzahl von Lulus Rollen durch Anrufung der Vielzahl ihrer Namen veranschaulichen. Dieser märchenhafte Ton spiegelt sich weiters in der Stereotypie einer ritornellhaften Beendigung mehrerer Szenen durch den immergleichen Auftritt einer stummen Polizei, die mal wieder eine Leiche wegzuräumen hat.
Bild 14: Die Tänzerin nach ihrem Schwächeanfall
So spinnt sich die Geschichte ab, und Lulu erscheint mal als Circusfigur, Lolita, Cowgirl, Edeldame oder Hure, und selbst ein Dr.Schön fühlt angesichts all dessen offenbar den Drang, sich ständig die Hände zu waschen, als ob daran eine geheimnisvolle Unreinheit klebte. Lulu ist dabei gewiss keine Täterin und selbst Opfer allenfalls zuletzt; nie sind es ihre Handlungsweisen, die das Geschehen voran treiben. Die innere Eigendynamik eines Prozesses, der seine Akteure zu Zuschauern ihrer selbst formt, kommt allerdings dem Verfahren des Mythos wiederum sehr nahe, und so erweckt Lulu nicht einmal dort den Eindruck der Berechnung, wo sie Dr.Schön zum Umsturz seiner Heiratspläne bringt und noch in ihrer Verführung hier oder in ihren späteren Gestaltungen nur ihr ureigenes Wesen zu exekutieren scheint, als ob gar keine Kräfte existierten, die sie als Objekt ihrer Interessen missbrauchen. Sie scheint das alles nicht zu bemerken und hält ihre Umgebung im Bann Gefangen, indem sie einfach ist, was sie ist. Da folgt der Untergang nicht wirklich überraschend...
Bild 3: Trautes Heim Glück allein: Bei Schöns zuhause
Das singende Personal wird nun recht unterschiedlich gut mit seinen Aufgaben fertig, und Juanita Lascarro in der Titelpartie zeigt sichtliche Freude am ständigen Vewandlungsspiel, indem sie die Breite des Ausdrucksprofils spürbar auskostet, wobei in der Höhe Abstriche zu machen wären, da ihr timbre den dunkelgetönten Pssagen besser entgegen kommt. Auch brauchte sie zunächst etwas Anlauf und sang am Anfang mit zu dünner Stimme. Auch Terje Stensvold als Dr. Schön schauspielert bestens und durchaus wandelbar. Herrlich geriet diese moralische Windung, die er ganz hundinghaft vollzog, um Lulu mitzuteilen, sie solle ihren Umgang mit ihm einstellen, obwohl ihm eigentlich zuvor hätte klar sein dürfen, wie das enden würde. Doch genau jene Unentschlossenheit zwischen Genuss des Frevels und moralischer Überheblichkeit ist es, was die Gestalt auszeichnet und zu ihrer Darstellung unverzichtbar dazugehört, und hierin hat er sich bewährt. Auch dessen Sohn Alwa ist mit Raymond Very gut besetzt, verfügt er doch über beachtliche Ausdrucksmittel, die besonders im forte günstig zum Tragen kommen.
Bild 3: ...oder lieber doch den Junior?
Wenn Shawn Mathey als Maler/2.Kunde seine Akzentprobleme noch besser meistert, lässt er einen schönen Tenor vernehmen, zwar etwas glanzarm und eher dramatisch timbriert, dabei aber auch in der Kopfstimme noch sicher und klar. Seitens der weiblichen Mitwirkenden wäre Martina Dike als Gräfin Geschwitz hervorzuheben. Wenn auch ihre Aussprache noch Steigerungspotential vorhält, bleibt doch ihre leidensbereite Anhänglichkeit eine gewichtige darstellerische Aufgabe, die nicht immer gelingt, hier aber Körperhaltung und Stimmfärbung gleichermaßen durchdrungen zu haben scheint. Ihr Abgesang, voll der melancholischen Einsicht in die Fruchtlosigkeit ihrer bisherigen Bemühungen und Opferungen, wächst sich zu einem der zweifelsfreien Höhepunkte dieser Aufführung aus und belegt einumsandremal, wie sehr das Lyrische der eigentliche Berg-Ton ist, noch wo sie Unsinniges zu verkünden hat. Dieser Eindruck rührt natürlich auch von der gesteigert dissonanten Atmosphäre des ganzen 3.Aufzuges, dessen Grundhaltung gegenüber den vorigen einen spürbaren Bruch markiert, ohne dass man Cerha dafür verantwortlich machen wollte. Unbedingt erwähnenswert auch einige Nebenrollen, für die stellvertretend hier der Diener (Thomas Charrois) aus dem 2.Aufzug angeführt sei. Diese stumme Süffisanz und herablassungsvolle Gestik sorgte für einige komische Momente eigener Art, ohne die keine gelungene Aufführung auskommt.
Bild 11: Tanz auf dem Vulkan
Den Textverständnisproblemen kommt das Frankfurter Haus, das mit besonderer Vorliebe im englischsprachigen Raum rekrutiert, auch weiterhin mit der Einblendung der Übertextzeilen entgegen, was zwar gelegentlich die Aufmerksamkeit etwas spaltet, aber dennoch so unschlagbare Vorteile bietet, dass man sich wünscht, dies möchte bald flächendeckender Standard werden. Das Orchester unter Paolo Carignani zeigte sich gut aufgestellt und präsentierte sich besonders in den Zwischenspielpassagen mit einem mahlerschen Tonfall: volles Blech mit kräftiger Tiefe, dazu beinahe geschleifte Melodiebögen molto legato, die Bergs Musik treffenderweise historisch mehr nach hinten absicherten und vom image des quasi mithaftenden Neutöners abrückten, wozu Bergs wienerische Ausbrüche inform der Hinterbühnenmusiken ebenfalls beitrugen. Bedingt auch durch die Saalakustik setzen sich die Bläser generell stärker durch als die Streicher und dominieren so den Gesamteindruck erheblich, was sich möglicherweise auf anderen Sitzplätzen im Parkett oder der Rangmitte etwas nivelliert.
Bild 10: Endstation Sehnsucht, als Abgrund eigentlich zu schön
Ausdrücklich hervorgehoben zu werden verdient das Bühnenbild als Wechselrahmen, dessen verschiedentliche Ausstattung den Gehalt der jeweiligen Szene archetypisch aufgreift und das Ambiente, in dem Lulu und die Ihren eben wieder angekommen sind, einmal überzeichnet, einandermal humorig kommentiert.
Bilderreich gewinnt Lulu in Frankfurt gegen die Abgründe des Kitsches oder der platten Provokation. Mag für solches Leben der Tod sich lohnen: Für diese Inszenierung lohnt sich gewiss die Reise an den Main. Ihre Meinung Schreiben Sie uns einen Leserbrief (Veröffentlichung vorbehalten) |
Produktionsteam
Musikalische Leitung
Inszenierung
Bühnenbild
Kostüme
Licht
SolistenLuluJuanita Lascarro
Tierbändiger / Athlet
Maler / Neger
Alwa
Dr. Schön / Jack the Ripper
Medizinalrat / Professor
Schigolch
Prinz / Marquis
Garderobiere / Mutter
Theaterdirektor / Bankier
Gräfin Geschwitz
Gymnasiast / Groom
Kammerdiener
Polizeikommissar
15-Jährige
Kunstgewerblerin
Journalist
Diener
|
© 2003 - Online Musik Magazin
http://www.omm.de
E-Mail: oper@omm.de