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Die Zauberflöte

Oper von Wolfgang Amadeus Mozart
Text von Emanuel Schikaneder


In deutscher Sprache

Aufführungsdauer: ca. 3 h 15' (eine Pause)

Premiere im Aalto-Theater Essen am 25. Oktober 2003

17.12.2003 Alternativbesetzung setzt neue Akzente


Logo:  Theater Essen

Theater Essen
(Homepage)
Vom Alptraum, eine Frau zu finden

Von Stefan Schmöe / Foto von Gert Weigelt


Wenn ein Held auf dem Theater bei seinem ersten Auftritt gleich vor Schreck in Ohnmacht fällt, dann ist es mit dem Heldentum nicht allzu gut bestellt. Ein wirklicher Held soll dieser Tamino wohl auch gar nicht sein; von Heldentenören, die im Stile Lohengrins die verunsicherten Damen erretten sollen, ist Mozart denkbar weit entfernt. Er lässt in schöner Umkehrung tollkühnen Rittertums den Tenor von drei Damen erretten, und es braucht einen ganzen Akt, um den jungen Mann aus der Dominanz der Weiblichkeit zu emanzipieren, schlägt dann aber, zum Unmut vieler Kommentatoren der Zauberflöte, gleich ins Gegenteil um: Markig-patriarchalische Sprüche eines dubiosen Männerbundes gelten fortan als das Maß aller Dinge. Regisseur Ezio Toffolutti misstraut in seiner Essener Neuinszenierung dem einem wie dem anderen Extrem. Er lässt seinen Tamino die Frauen- wie die Männerwelt im Traum – oder Alptraum? – durchleben, ohne sich der einen oder anderen Sphäre eindeutig anzuschließen. Ein „Held“ in langen Unterhosen, der verschlafen durch die Oper torkelt und damit alle Diskussionen um Tugend und Tapferkeit ironisch unterläuft. man darf annehmen, dass Mozart an diesem netten Trottel sein Gefallen gefunden hätte.

Szenenfoto

Es war einmal ein junger Mann namens Tamino (benommen unten rechts), dem im Traum drei leicht bekleidete Damen erschienen, die ihn auf die Suche nach einem hübschen Mädchen schickten und ihm einen merkwürdigen Clown namens Papageno zum Begleiter gaben.

Klangbeispiel Klangbeispiel: "Dies Bildnis ist bezaubernd schön" (Tamino)
(MP3-Datei)


Die Zauberflöte als Traumspiel – Besucher, die jüngst nebenan in Bochum die Zauberflöten-Produktion der Ruhrtriennale gesehen haben, mögen zunächst die Augen verdreht haben, denn auch dort legitimiert der Traumzustand die Irrationalitäten der Handlung. Aber auch wenn sich gedanklich noch einige andere Parallelen aufzeigen ließen, sind die beiden Inszenierungen nicht nur in ihrer Ästhetik denkbar verschieden. Mit überbordender Phantasie setzt Toffolutti eine Vielzahl von kommentierenden Gedanken um, die locker für drei Zauberflöten gereicht hätten. Dabei lockt der Regisseur, der sein eigener Ausstatter ist, immer wieder auf falsche Fährten zum scheinbar Konventionellen. Das beginnt mit dem Bekenntnis zur Vollständigkeit der originalen Dialoge, die fast immer gekürzt (und bei der Produktion der Ruhrtriennale sogar vollständig ersetzt) werden. Die vermeintliche Werktreue endet aber im Umgang mit diesen Texten, denn gerade die Passagen, die sich aus konventionellen Zauberflöten-Inszenierungen oder von Einspielungen im Bewusstsein festgesetzt haben, die gewohnten Pointen, die werden überspielt. Den Gemütsmenschen Papageno sucht man in vielen Szenen vergebens; hier findet man eine der Commedia dell'Arte entsprungene Harlekin-Gestalt, die sich in ihrer konsequenten Verweigerung der albernen Prüfungsrituale zum „wirklichen“ Menschen wandelt – sichtbar gemacht, indem Papageno seinen absurden, offenbar einer Banane nachempfundenen Hut ablegt. Trotzdem verlässt die Inszenierung die Märchen- und Theaterwelt nicht, und mit seinen aggressiv roten Haaren bleibt der Vogelfänger fest im Volkstheater (und damit doch wieder in der Konvention) verhaftet.

Szenenfoto Mittels einer magischen Flöte konnte Tamino allerlei Steiff-Tiere zum Leben erwecken.

Überhaupt ist das volkstümliche Vorstadttheater Schikaneders, für das die Zauberflöte einst geschrieben wurde, mehr oder weniger latent präsent. Toffolutti will, bei aller Bedeutung hinter den Dingen, den Unterhaltungscharakter der Oper nicht verleugnen. Da dürfen auch die wilden Tiere nicht fehlen, wirken aber wie eine witzige Zutat. Die Verklärung des Singspiels zu einer deutschen Nationaloper macht Toffolutti nicht mit. Die Schweigeprüfung, zu der die Akteure in komödiantischen Trippelschritten gebracht werden, scheint auch für Sarastros Eingeweihte ein lustiger Mummenschanz zu sein. Die teils barock bezopften, teils mit Zylinder oder Melone demonstrativ kostümierten Herren verweisen ebenso mit mildem Spott auf die bürgerliche Entstehungszeit und –geschichte wie das Bühnenbild, das in genialer Vieldeutigkeit mittels geschickter Beleuchtung und ein paar Vorhängen von Taminos Schlafzimmer zu einer repräsentativen klassizistischen Häuserfront mutiert.

Szenenfoto Das hübsche Mädchen Pamina musste sich derweil den Nachstellungen des Herrn Monostatos erwehren, der so bescheuert aussah wie Neger auf alten Nazi-Propaganda-Bildern.

Bei so vielen Ideen, so vielen teils parallelen, teils sich kreuzenden Ansätzen ist es vermutlich unausweichlich, dass nicht alle wirklich überzeugen. Konstruiert erscheint, dass Sarastro und die Königin (im Schlussbild in edler Eintracht) ihren zuvor doch recht massiv ausgetragenen Konflikt offenbar nur als Prüfungssituation für Tamino vorgetäuscht haben. Problematisch ist die Figur des Monostatos, der wie in den übelsten Klischees eines „Negers" – man wird an bösartige Karikaturen der Nazis erinnert – ausstaffiert ist. Auch hier möchte Toffolutti die scheinbare Harmlosigkeit aufbrechen, durch die Betonung des Maskenhaften den Menschen darunter sichtbar – oder besser: hörbar – machen, aber die Drastik des Kostüms hat etwas unangenehm Denunziatorisches gegenüber Mozart und Schikaneder, das den Rahmen des Gesamtkonzepts sprengt. Die Knaben sind betont niedlich – mal als Gärtner, mal als uniformierte Schüler – nicht nur auf niedlich getrimmt, sondern damit auch arg verkitscht. Die drei Damen erscheinen im Unterkleid wie Filmdiven vergangener Zeiten, aber ihre Herkunft bleibt unklar. Angesichts der bescheidenen Wirkung unangemessen ist der Einsatz der Pantomimeklasse der Essener Folkwang-Hochschule als Sklaven und als Feuer.

Szenenfoto Eigentlich war Pamina ja gefangen bei Herrn Sarastro (hier mit seinen Löwen), der auch Tamino der Freiheit beraubte - aber nur, um Pamina und Tamino zu einem richtigen Liebespaar zu machen.

Natürlich hängt dieses Konzept des permanenten „als-ob“ stark an den schauspielerischen Fähigkeiten, und bei den langen Dialogen handelt sich ein international besetztes Ensemble zwangsläufig Schwierigkeiten ein. So glänzend Thomas Piffka als Tamino, Heiko Trinsinger als Papageno und Rainer Maria Röhr als Monostatos mit den Texten umgehen, so brav (die Polin Aga Mikola als Pamina), holprig (der Rumäne Marcel Rosca als Sarastro) oder piepsig-unverständlich (die Mongolin Urantsetseg Urtnasan als Königin) scheitern die Sänger, die eben keine (deutschsprachigen) Schauspieler sind, daran. Aber unabhängig davon liefert diese Fassung keine Argumente für die Verwendung ungekürzter Dialoge: Vielmehr legt sie nahe, anders als sonst zu straffen, mehr Wert auf inhaltliche Stringenz als auf biedere Pointen zu legen. In den teilweise arg langen gesprochenen Passagen kommt das Stück unnötig zum Stillstand. Dabei ist höchstes Tempo angesagt: Darauf haben sich laut Programmheft Regisseur Toffolutti und Dirigent Paul Goodwin sofort verständigt.

Szenenfoto

Papageno hatte seine Prüfungen nicht bestanden, aber das macht nichts: Er heiratete eine gewisse Papagena. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann spielen sie vielleicht noch heute, denn durch die ungekürzten Dialoge ist diese Zauberflöte besonders lang.

Klangbeispiel Klangbeispiel: "Der Vogelfänger bin ich ja" (Papageno)
(MP3-Datei)


Goodwin, englischer Spezialist für alte Musik, hat hervorragend mit dem Orchester gearbeitet. Als Interpreten der großen romantischen Literatur, insbesondere Wagner und Strauss, haben die Essener Philharmoniker unter Chefdirigent Stefan Soltesz einen beispiellosen Aufschwung genommen; auf diesem Sound, ins Kammermusikalische gewendet, baut Gastdirigent Goodwin nun auf: Keine „historisch“ korrekten Klänge, aber prächtige Blechbläser, zupackende Streicher, überhaupt ein ungemein agiles Orchester, dem zuzuhören ein Genuss ist. Fragwürdig sind dagegen die (zu) schnellen, oft überdrehten Tempi, die Goodwin wählt. Vor allem im ersten Akt spult er nähmaschinenartig Nummer für Nummer ab, ohne das die Sänger Zeit hätten, ihre Linien auszusingen. Das Tempo der Oper, das von der hohen „inneren Energie“ des Orchesters hätte bestimmt werden können, leidet unter dem rasenden Pulsschlag, der manches schöne Detail nivelliert. Immerhin gibt Goodwin im zweiten Akt ein bisschen nach, zum Wohle der Musik.

Das hohe Tempo mag ein Grund sein, warum Thomas Piffka zwar vollendet den Trottel Tamino spielt, ihm aber sängerisch wenig Glanz verleiht: Solide in der Mittellage, angestrengt in der Höhe. Berückend schön dagegen Aga Mikolaj als lyrische, dennoch kraftvolle Pamina; ihre Stimme scheint dem Fach fast schon entwachsen. Marcel Rosca als sauber deklamierendem Sarastro fehlt fast jede Sonorität, die für die Rolle aber unverzichtbar ist. Uransetseg Urtnasan als Königin sang (aus Nervosität?) ihre Spitzentöne nicht richtig aus, obwohl sie die Partie im Griff hat; ein Übermaß an Vibrato verschleiert leider die Intonation und verhindert eine nuanciertere Interpretation. Heiko Trinsinger blieb im ersten Akt gesanglich unauffällig, steigerte sich im zweiten aber immens: Je mehr Papageno sich von der Puppe zum fühlenden Menschen wandeln durfte, desto differenzierter, auch mit mehr Wärme in der Stimme, singt Trinsinger (oder kommt umgekehrt der Eindruck der „Vermenschlichung“ der Figur so stark auf, weil Trinsinger so stark zulegt?) Rainer Maria Röhr singt den Monostatos mit sehr direktem Tenor ohne jegliche lyrische Beimischung. Die drei Knaben (Knabensolisten der Chorakademie am Konzerthaus Dortmund) schlagen sich tapfer, sind aber schlichtweg für das große Essener Haus zu klein besetzt.


FAZIT

Viel Spannendes, manches Langatmige: Ein bunter, teils übervollder Bilderbogen durchaus im Sinne von Mozart und Schikaneder, auch wenn er hier und da ausfranst, sich verzettelt, Falten wirft. Musikalisch durchwachsen.

17.12.2003 Alternativbesetzung setzt neue Akzente




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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Paul Goodwin

Inszenierung und Ausstattung
Ezio Toffolutti

künstlerische Mitarbeit
Patricia Toffolutti

Chor
Alexander Eberle

Licht
Hartmut Litzinger

Dramaturgie
Ina Wragge



Opernchor des Aalto-Theaters

Absolventen der Pantomimeklasse
der Folkwang Hochschule Essen
Ltg.: Thomas Stich

Die Essener Philharmoniker



Solisten


* Besetzung der Premiere

Sarastro
Karl-Heinz Lehner /
* Marcel Rosca

Tamino
Thomas Piffka

Sprecher
Michael Haag /
* Károly Szilágyi /
Heiko Trinsinger

1. Priester
Jae-Kwan Kim

2. Priester
Günter Kiefer

Königin der Nacht
Urantsetseg Urtnasan

Pamina
Claudia Braun /
Jana Büchner /
* Aga Mikolaj

1. Dame
Anja Vincken

2. Dame
Marie-Helen Joël

3. Dame
Gritt Gnauck

Papageno
Peter Bording /
* Heiko Trinsinger

Papagena
* Christina Clark /
Astrid Kropp

Monostatos
Herbert Hechenberger /
* Rainer Maria Röhr

Drei Knaben
Lennart Hanke
Frederik Bous
Alexander Skowron
(Solisten des Knabenchores
der Chorakademie Dortmund)

1. Geharnischter
* Jeffrey Dowd /
Rainer Maria Röhr

2. Geharnischter
Michael Haag /
* Almas Svilpa







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