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Die Frau ohne Schatten
Oper in drei Akten
Dichtung von Hugo von Hofmannsthal
Musik von Richard Strauss


Aufführungsdauer: ca. 4 h 10' (zwei Pausen)

Wiederaufnahme im Aalto-Theater Essen
am 23. April 2004

Premiere im Aalto-Theater Essen am 12. September 1998


Logo:  Theater Essen

Theater Essen
(Homepage)
Heiß ersehnte Wiederbegegnung
mit einer alten Bekannten

Von Ralf Jochen Ehresmann / Fotos von Matthias Jung

Das Aalto-Theater beweist seine Qualitäten nicht nur in seinen Premieren sondern ebenso verlässlich in der Pflege des eigenen Repertoires. Und so ist es keine einmalige Ausnahme, die Frau ohne Schatten im Frühjahr 2004 wieder im Spielplan zu finden, wo sie zuletzt 2002 und davor 2000 anzutreffen war. Zugegebenermaßen waren auch wir schon mehrfach dort und reflektieren hier also weniger das Überraschungsmoment einer erstmaligen Begegnung sondern eher die Feier des Wiedersehens mit einer alten Bekannten.

Insoweit beruht ein Gutteil der Begeisterung zweifellos darauf, zu sehen, wie auch ohne Werkstattcharakter und trotz zwischenzeitlichem Intendantenwechsel Frische und Esprit sich erhalten haben, wie die Wirkmächtigkeit einer intensivst-denkbaren Aura nicht sich verbraucht, sondern je neu wieder sich einstellt und noch immer gleichermaßen zu fesseln vermag.

Hofmannsthal situiert das Geschehen, das fast nur noch aus innerer Handlung besteht, in einem Märchenrahmen, der einen weitreichenden Verzicht auf logische Dramenstruktur und damit verbundener Entwicklungspsychologie erlaubt, der also Elemente dulden kann, die dem Verlangen strikter Geradlinigkeit widerstreben und doch mehr sind als pure Ornamentik, da sie auf ihre Weise durch Stiftung einer Aura von maximaler Intensität - geradezu paradigmatisch - eine neue Art von Drama formhaft vorprägen und hier in diesem Werk zu ihrer maximalen Kulmination treiben.

Demnach steht oder fällt eine Inszenierung dieser "schönsten aller existierenden Opern" (Hofmannsthal) mit dem Vermögen, dieser Melange schärfster Kontraste - musikalischer wie auch dramatischer, noch dazu in rasanter, oft übergangsloser Abfolge - eine adäquate Visualisierung zu verschaffen, die keine Stringenz herbeizwingt, die nicht besteht und dabei zugleich jedes Abgleiten in operettenhaften Kitsch vermeidet. Dieser Gratwanderung die passenden Bilder verschafft zu haben, darf sich Fred Berndt als größtes Verdienst anrechnen.

Vergrößerung in neuem Fenster 2. Aufzug, Barak:
"Hier ist vom Guten,
und lasset euch wohl sein,
meine Brüder...!
Es ist euch gegönnt,
und ihr seid mir
anstatt der Kinder!"

Wo gefärbt wird, muss Tuchstoff in Fülle vorhanden sein. Buntes Wirrwarr würde die Stimmung nur falsch auflockern, und so leistet Fred Berndts polyvariante Monochromie mit ihren zahllosen Abstufungen zwischen blau und violett eine Vielfalt, die nie die Einheitlichkeit des Ganzen irritiert und obendrein wie weiland der Essener Tristan die Farbgebung des Zuschauerraumes aufgreift und quasi bis auf die Bühne verlängert, wodurch sich ein Gesamtraum konstituiert, der gänzlich unepisch und distanzlos altromantisch jene Unmittelbarkeit fortträumt, die Strauss' Musik ohnehin - und selten so eindeutig wie hier - imaginiert.

Demgegenüber darf die Kaiserwelt nicht wesentlich anders erscheinen, will sie die Unmittelbarkeit des Bezuges nicht einbüßen. Weiß und cremefarben glänzende Kostüme (Dorothée Uhrmacher) vermitteln hier neben der lockeren Tuchwickelei der Färberwelt jenen Hauch von Überweltlichkeit, der ideal die Waage hält zwischen Differenz und Zugehörigkeit. Nebenbei ermöglichen sie der Kaiserin, tatsächlich fast schattenfrei zu wandeln, wozu eine gute Lichtregie das Ihre beisteuert.

Die Essener Drehbühne findet wohl selten so viel und noch dazu so sinnvollen Einsatz wie in dieser Produktion. Rings hinüber ist eine hohe Wand gezogen, die die beiden Hälften jener einen Welt trennt, und wie um die Zusammengehörigkeit des vordergründig Getrennten noch zu unterstreichen, läuft rechtwinklig dazu eine Wasserlauflinie schräg hinüber dergestalt, dass man unschwer die verschränkten Tropfen des Ying-Yang-Symbol erkennen kann.

Seien es der wiedergefundene Falke, der personifizierte Schatten (beides Anja Fischer) oder die Gruppen diverser Geister, immer wieder lässt Fred Berndt tanzendes Personal zum singend agierenden hinzutreten, um innere Vorgänge zu veranschaulichen. Ebenso findet seine reiche Bildersprache geeignete Ideen, um die Versteinerung des Kaisers im 2.Aufzug darzustellen, der nicht einfach abstrakt hinter einer Tür verschwindet sondern vom schwingenden Blockstein eingefangen wird, in dessen transparentem Inneren er später der Kaiserin wieder erscheinen kann, als diese ihren Vater Keikobad sucht.

Die Doppelpräsenz zweier Bühnenbilder erspart zugleich aufwändige Umbauten und ist damit zwingende Vorraussetzung dafür, dass man hier entgegen der üblichen Tendenz eine ungekürzte Fassung aufführen konnte, die zwar das Hin und Her der Kurzauftritte im 3.Aufzug auch nicht restlos motivieren kann, dafür aber die schnittfreie Einheitlichkeit der musikalischen Struktur unbeschädigt erhält und zumindest den Eindruck jener Gewalten belässt, die stets so außerweltlich auftreten, dass selbst für Angehörige der Geisterwelt ihre Wirkungsweise überraschend bleibt.

Deren Veranschaulichung verdankt sich auch der wohl einzigartige Regieeinfall, zum Finale des 2.Aufzuges, wo die Amme in seltener Deutlichkeit spürt, dass sie nicht mehr Herrin des Verfahrens ist und sie das undeutliche Eingreifen der Übermächte beklagt, dass anstelle sich schließender Tuch-Vorhänge der eiserne Vorhang donnernd herauffährt und die Schlusstöne zu einem indirekten "Klangbrei hinter Stahl" verbrät.

Vergrößerung in neuem Fenster

2. Aufzug, Der Kaiser:
"Wo ist deine Herrin zu nächtiger Zeit?
Falke, mir ist: zur unrechten Stunde
hast du mich hierhergeführt."

Wer Richard Strauss' Musik schätzt, wird sicherlich der Frau ohne Schatten eine herausgehobene Stellung zuerkennen, indem sich hier brennglasartig fokussiert, was das Schaffen dieses Komponisten insgesamt auszeichnet: restlos ausgereizte Tonalität, deren Grenzen oft genug überschritten werden, derweil in übergangsfreier Nähe Passagen überschwangsseliger Harmonienschwelgerei in vollem Blechsatz den Traum einer heilen Welt voll tiefen Gefühles nachträumen und dabei doch wissen, dass eben diese Welt verloren ist.

Hier hat der Zauber noch seinen festen Platz, und jenes Heil, das das Finale beschwört, taugt wenig für die Exegese zu lebenspraktischen Ratschlägen, was wiederum der Person Baraks als einziger echt altruistischer Figur die seelische Größe nicht mindert und auch der einzigen ethischen Tat der Kaiserin, sich gegen das gesetzte Programm zum eigenen Weg aufzuraffen, die moralische Dignität nicht schmälert. Hierfür die je passenden Töne gefunden zu haben, um in kontrastscharfer Nähe die dialektische Verbundenheit scheinbar getrennter Welten auch musikalisch zu beschwören, die ihrerseits sich wie selten sonst einer packenden, stilsicheren Aura verdankt, mag wohl als der wesentliche Vorzug der Strauss'schen Musik allgemein wie seiner Frau ohne Schatten im Besonderen verstanden werden, und Stefan Soltesz gebührt großes Lob für seine Art, dem gerecht geworden zu sein. Dem reichlich indizierten Pathos weicht er niemals aus, ohne doch jemals in übertriebene Tränendrückerei zu verfallen, und wo in der Partitur detailreiche Binnendifferenz angelegt ist, vermisst man kein Element. Derartige Präzision offenbart zugleich die - zugegebenermaßen seltenen - Schwächen der musikalischen Makrostruktur, wenn etwa das Finale des 3.Aufzuges hinter die Wirkung der beiden vorangegangenen zurücktritt, obschon gerade hier das Bekenntnis zur Lebensbejahung deutlich wie nie zum Ausdruck kommt.

Susan Anthony als Kaiserin entfaltete eine ungeheure Dramatik und gab der Gestalt in der Auseinandersetzung mit der Amme einen Tiefgang, der eher selten anzutreffen ist. Damit kehrte sie, die speziell in Sachen Richard Strauss weltweit unterwegs ist, als ein Teil der Ursprungsbesetzung von 1998 an das Aaltotheater zurück. Auch Jeffrey Dowd darf weiter als ideale Besetzung für den Kaiser gelten, den er ebenfalls seit Jahren verlässlich versieht. Mit phänomenaler Kraft besteht er seine Partie, die außer dem Final-Ensemble fast arios-solistisch angelegt ist, füllt mühelos den riesigen Raum, und man bedauert nur, dass Strauss ihm nicht noch mehr zu singen aufgetragen hat.

Gleichermaßen exzellente Verständlichkeit erzielte Franz Grundheber, der seinem Barak - als solcher erstmalig in Essen - jene gemütliche Gutherzigkeit und sonore Bassigkeit verlieh, die Ausdruck und Auszudrückendes wundervoll zur Deckung brachte. Ihm zur Seite betonte Luana DeVol als Färberin die dramatischen Aspekte ihrer Partie, gewann in den leistönenden Passagen nicht minder als in ihren Ausbrüchen.

Unter den Damen hatte Julia Juon sicher den schwersten Part zu bestehen, deren Amme von der Anfangsszene an als einzige in sämtlichen Teilwelten agierte und dafür je neue Tonfärbungen zu finden hatte. Mit ihrer hochdramatischen Art wurde sie diesen Aufgaben bestens gerecht, obschon ihre Textverständlichkeit - wie auch die fast sämtlicher Kolleginnen - bisweilen etwas litt.

Den Ensembles der Stimmen von Wächtern oder Ungeborenen wäre zu wünschen gewesen, dass sie weniger ungünstig untergebracht wären, von wo aus singend man sie teilweise kaum mehr hören geschweige denn verstehen kann. Hier hätte es sich geradezu angeboten, die einmaligen technischen Möglichkeiten des 3.Ranges einzubeziehen - schade!

Nicht unerwähnt bleibe ein Solo-Instrumentalist: Mit seiner Glasharmonika, außerhalb des prall besetzten Orchestergrabens am äußersten linken Bühnenrand des 3.Auzuges postiert, setzte er der nicht mehr ganz heilen aber doch irgendwie geheilten Welt des finalen Fortpflanzungssegens das Sahnehäubchen auf!


FAZIT

In den letzten 7 Spielzeiten nur 2mal im Winterschlaf, gehört die Frau ohne Schatten zweifelsfrei mit zum Edelsten dessen, dem sich der Ruf des Essener Opernhauses verdankt, und die Programmgestalter des Aaltotheaters tun sicher gut daran, für 2005/06 die nächste Wiederaufnahme vorzusehen!




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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Stefan Soltesz

Inszenierung und Bühnenbild
Fred Berndt

Kostüme
Dorothée Uhrmacher

Choreographie
Anja Fischer

Chor
Dietrich D. Gerpheide



Opernchor und Statisterie
des Aalto-Theaters

Essener Philharmoniker

Glasharmonika
Sascha Reckert



Solisten

* Alternativbesetzung

Kaiser
Jeffrey Dowd

Kaiserin
Susan Anthony

Amme
Julia Juon
* Ildiko Szönyi

Geisterbote
Günter Kiefer

Hüter der Schwelle
Christina Clark

Erscheinung eines Jünglings
Rainer Maria Röhr

Stimme des Falken
Christina Clark

Stimme von oben
Gritt Gnauck

Barak
Franz Grundheber

Färberin
Luana DeVol
* Renate Behle

Der Einäugige
Heiko Trinsinger

Der Einarmige
Almas Svilpa

Der Bucklige
Rainer Maria Röhr
* Herbert Hechenberger

Stimmen der Wächter (1)
Heiko Trinsinger

Stimmen der Wächter (2)
Günter Kiefer

Stimmen der Wächter (3)
Károly Szilágyi

Kinderstimmen (1)
Christina Clark

Kinderstimmen (2)
Astrid Kropp

Kinderstimmen (3)
Marie-Helen Joël

Kinderstimmen (5)
Gritt Gnauck

Dienerinnen (1)
Astrid Kropp

Dienerinnen (2)
Marie-Helen Joël

Dienerinnen (3)
Gritt Gnauck






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