Zur OMM-Homepage Zur OMM-Homepage Veranstaltungen & Kritiken
Musiktheater
Zur Homepage Zur Musiktheater-Startseite E-Mail Impressum



Cavalleria rusticana
Melodram in einem Aufzug
Musik von Pietro Mascagni
Dichtung von Giovanni Targioni-Tozzetti und Guido Menasci


Pagliacci
Drama in zwei Akten und einem Prolog
Musik von Ruggero Leoncavallo
Dichtung vom Komponisten


In italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln
Aufführungsdauer: ca. 3 h (eine Pause)

Premiere im Aalto-Theater Essen am 13. März 2004


Logo:  Theater Essen

Theater Essen
(Homepage)
Theater im Theater um jeden Preis

Von Christoph Kammertöns / Foto von Thilo Beu


Szenenfoto

Cavalleria rusticana:
Santuzza (Marquita Lister) und
Turiddu (Mikhail Davidoff).

Wenn sich schon Cavalleria und Pagliacci in schönster Regelmäßigkeit mit dem Superadhäsionskleber der Tradition zu einem Abend vermählt finden, kann man sie über ihre thematische Verbundenheit hinaus auch strukturell noch ähnlicher machen. So jedenfalls dachte offenbar Guy Joosten, der das prägende Merkmal der Pagliacci, das Theater auf dem Theater, auch auf die Cavalleria bezog: Zu bestaunen war so etwas Ähnliches wie eine Hauptprobe zu diesem Stück, worüber gleich zu Beginn (danke für die Eindeutigkeit!) ein auf der Szene platzierter gelangweilter Souffleur bei gelegentlichem 'Einsagen' auch keinen Zweifel ließ.

Szenenfoto Cavalleria rusticana:
Santuzza ( Marquita Lister), Turiddu (Mikhail Davidoff), Chor.

Der Reiz solcher Doppelbödigkeit liegt in der passagenweisen Ununterscheidbarkeit von Gespieltem und ehrlich Erlebtem bzw. in der mangelnden Trennschärfe zwischen Rolle und Darsteller. Auch dieses Moment wurde übertragen, denn zum Schluss begeht der Darsteller von Turiddu auf die regelmäßig gemeinste aller Arten Selbstmord: indem er sein Gegenüber nötigt, ihn unwillentlich zu töten (der Darsteller von Alfio sieht sich hier also als Messerstecher ebenso missbraucht wie ein Lokführer, der statistisch gesehen in seiner Dienstzeit zwei Selbstmörder überfährt).

Szenenfoto

Cavalleria rusticana:
Lola (Gritt Gnauck), Turiddu (Mikhail Davidoff), Chor.

Wird man ob dieser Idee ohnehin schon in unfreiwilliger Komik an Miss Marple und Derrick in Fällen von Theatermorden mittels präparierter Guillotine erinnert, so gerät das Geschehen (hier zudem coram publico sich ereignend statt - wie im Stück gefordert - hinter der Szene) mit dem finalen Inspizientenauftritt: "Er ist tot, Voooorhang!" vollends zur Lachnummer. In einem Regieseminar dürfte diese Inszenierung als perfektes Beispiel für einen vorgestellt interessanten, praktisch aber vollkommen untauglichen Ansatz herhalten. (Eine praktikable Lösung zum Thema Chor und Szene birgt dieser Einfall dennoch. Das alte und als notorisches Gelatsche ewig ungelöste Regieproblem: "Wie kriege ich den Chor auf die Szene, und wie kriege ich ihn wieder runter?" entfällt nun, weil dieses - in Essen übrigens stimmlich höchst überzeugende - Kollektiv ja nun quasi probenmäßig-privat auf- und ablatscht (wer wollte vor der Premiere hier im Ernst übertriebenes Engagement verlangen?) - man huldigt also ganz dem Naturalismus.

Szenenfoto I Pagliacci:
Canio / Bajazzo (Mikhail Davidoff) und
Nedda / Colombina (Zsuzsanna Bazsinka).

Einem in sich dramaturgisch schlüssigen Stück, das in jeder Hinsicht tragfähig ist und lediglich fordert, 'erfüllt' statt verschlimmbessert zu werden, erweist man so einen Bärendienst. Darf hier die inszenatorische Reaktion auf einen Umstand vermutet werden, den der Altmeister deutscher Musiktheaterregie Joachim Herz etwas drastisch als Folge eines "Diktats der Presse" geißelte: daß den Regisseuren nämlich nur als bekennender Teil einer "Umsturzgarde" - dann aber sicher - "im Feuilleton […] der rote Teppich ausgebreitet" würde? Die gute Botschaft ist nun, dass ein Stück wie die Cavalleria 'unkaputtbar' ist und auch die Capricen von Guy Joosten übersteht. Dies übrigens auch deswegen, weil Joostens Personenführung im urbanen 70er-Jahre-Flair der Ausstattung von Johannes Leiacker und Klaus Bruns wiederum vorbildlich gelungen ist. In beiden Stücken besticht die differenzierte darstellerische Ausdeutung. Wie auch immer man über die Verismus-Zuordnung insbesondere der Cavalleria denken mag: Die Nachvollziehbarkeit von Liebe, Eifersucht und Hass, Todesangst und wohl auch -sehnsucht, geschärft durch engstmögliche Berücksichtigung der 'drei Einheiten' (Zeit, Ort und Handlung) wird auf wirklich gelungene Weise von den Handelnden aufgenommen, die hier (hinsichtlich der szenisch häufig gruseligen Konnotation des Berufs) einmal vergessen lassen, dass sie Opernsänger sind.

Szenenfoto

I Pagliacci:
Silvio (Peter Bording), Canio / Bajazzo (Mikhail Davidoff),
Nedda / Colombina (Zsuzsanna Bazsinka), Chor.

Mikhail Davidoff besticht als Turiddu wie auch als Canio mit strahlendem Heldentenor und vollem Einsatz aller psycho-physischen Kräfte. Marquita Lister (Santuzza) verstimmt ihres engagierten Spiels zum Trotz etwas durch den Effekt, optisch sehr aufwändig zu singen, während gleichzeitig die magere akustische Ausbeute nebst leichtem Scheppern eher auf eine beginnend überforderte Stimme hindeutet. Lola (Gritt Gnauck) verfügt über ein angenehm dunkles Timbre und gibt sich glaubwürdig verführerisch und gemein gleichermaßen. Almas Svilpa kommt als Alfio wie ein noch ungehobelterer Mandryka daher (man hört ihn förmlich brüllen: "Mein sind die Wälder, meine sind die Dörfer."), der mangelnder Stimmökonomie wegen zu dieser Rolle aber wohl sobald nicht wird aufschließen können. Lucia empfängt stimmliche und szenische Authentizität von Margarita Turner. Zsuzanna Bazsinkas Nedda bezirzt mit brillant-agilem Sopran und begeistert spielerisch bis hin zur fein abgestimmten Mimik, die die ganze Palette zwischen Komik, Begehren und Schrecken erschließt. Der Figur des Peppe verhilft Mark Rosenthal stimmlich wie darstellerisch zu buffoneskem Witz, während Peter Bordings (Silvio) merkwürdig griechisch anmutende italienische Aussprache etwas vom Schmelz seines Baritons nimmt. Angefangen beim Prolog und in jeder Hinsicht kontinuierlich brillant hingegen: Heiko Trinsinger als Tonio.

Szenenfoto I Pagliacci:
Tonio / Taddeo (Heiko Trinsinger), Canio / Bajazzo (Mikhail Davidoff),
Silvio (Peter Bording), Nedda / Colombina (Zsuzsanna Bazsinka).

Wenn es einen Star zu küren gäbe für diesen Abend, dann sitzt dieser vielköpfig im Orchestergraben. Ist es die glückliche Hand des jungen, frisch gebackenen Ersten Kapellmeisters Pietro Rizzo, die zum - für Essener Verhältnisse - blühenden italienischen Klangzauber ausholt? Man darf einen entkrampften, warmen und homogenen Klang genießen, der die unkonstruiert und lebendig gelungene Agogik ins rechte Licht setzt.


FAZIT

Zeitlos bewährte Konfliktlösungsstrategien trotzen szenischem Amoklauf und treffen auf hohe darstellerische Authentizität. Die Essener Philharmoniker berechtigen angesichts eines kecken Pflänzchens italienischen Charmes zu den schönsten Hoffnungen für weiteres mediterranes Flair.




Ihre Meinung ?
Schreiben Sie uns einen Leserbrief
(Veröffentlichung vorbehalten)

Produktionsteam

Musikalische Leitung
Pietro Rizzo

Inszenierung
Guy Joosten

Bühne
Johannes Leiacker

Kostüme
Klaus Bruns

Licht
Davy Cunningham

Dramaturgie
Luc Joosten

Choreographie
Andrew George



Opernchor und Extrachor
des Aalto-Theaters

Kinderchor des Gymnasium
Essen-Werden
(Einstudierung Rainer Buckard)

Statisterie des Aalto-Theaters

Die Essener Philharmoniker



Solisten

Cavalleria rusticana

Santuzza
Marquita Lister

Turiddu
Mikhail Davidoff

Lucia
Margarita Turner

Alfio
Almas Svilpa

Lola
Gritt Gnauck

I Pagliacci

Canio /Bajazzo
Mikhail Davidoff

Nedda / Colombina
Zsuzsanna Bazsinka

Tonio / Taddeo
Heiko Trinsinger

Peppe
Mark Rosenthal

Silvio
Peter Bording

Zwei Bauern
Swen Westfeld
Jae-Kwan Kim






Weitere Informationen
erhalten Sie vom
Theater Essen (Homepage)




Da capo al Fine

Zur OMM-Homepage Musiktheater-Startseite E-Mail Impressum
© 2004 - Online Musik Magazin
http://www.omm.de
E-Mail: oper@omm.de

- Fine -