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TheaterKonzert

Szenario
Quodlibet
Duodramen
Das Konzert
(Uraufführung)
Ein Brief

Von Mauricio Kagel (*1931)

Aufführungsdauer: ca. 2 h 30' (eine Pause)

Premiere / Szenische Uraufführung im Theater Duisburg am 2. Oktober2003

Koproduktion mit der RuhrTriennale


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Kunsthandwerk

Von Stefan Schmöe



Eigentlich wollte Mauricio Kagel persönlich die Aufführungen von TheaterKonzert leiten, aber nach einem Schwächeanfall bei der Hauptprobe wurde des 1931 geborenen Komponist in ein Duisburger Krankenhaus eingeliefert und musste sein Mitwirkung bis auf Weiteres absagen. „Mauricio Kagel fiebert einige Kilometer weiter mit“ teilte Intendant Tobias Richter in unglücklicher Doppeldeutigkeit dem Premierenpublikum mit. Ohne den Komponisten fehle dem Abend natürlich die Aura, befand Richter weiter. Das mag stimmen,. fehlt doch in Abwesenheit Kagels die besondere Note des Authentischen; andererseits kann „Aura“ auch den objektiven Blick auf eine Produktion verstellen, die eine Uraufführung eines veritablen Flötenkonzerts zwischen vier ältere Kompositionen Kagels einbettet.

Ein junger Mann sitzt in einem großen Raum, an dessen Rückwand sich eine Bühnenöffnung mit Vorhang befindet. Vielleicht ein Kino der 20er-Jahre? Szenenario entstand 1981/82 als Musik zum Stummfilm „Un Chien Andalou“ von Luis Buòuel und Salvador Dali und ist bezeichnet als „Concerto Grosso für Streicher und Hundelaute“. Der junge Mann umklammert ängstlich ein Tonbandgerät, von dem aus das Bellen und Winseln der Hunde eingespielt wird. Ein Tango-Paar bewegt sich auf der Bühne; am oberen Bühnenrand eine Figur, die sich als Puppe enttarnt. Irgendwann fällt eine Figur herab, eingewickelt in ein Band – und wird sich als (lebender) menschlicher Körper erweisen (Luftakrobatik: Juliana Neves, Martin Bukovsek). Regisseur Christof Nel arbeitet mit surrealistischen Effekten, ein Zauberkünstler (Manuel Muerte) tritt immer wieder auf (aber seine Kunststücke bewegen sich bewusst am Rand der Durchschaubarkeit), ein einsamer Tänzer (Harald Beutelstahl) erscheint. Dieses Figurenrepertoire durchzieht den gesamten Abend, verschleiert die Trennung zwischen Realität und Traum, produziert eine durch und durch unwirkliche Atmosphäre.

Regisseur Christof Nel und seine Mitarbeiterin Martina Jochem („szenische Analyse“) verbinden die fünf an diesem Abend aufgeführten Werke zu einem durchgängigen Komplex. In Szenario führt dieser Ansatz zu einer faszinierenden Traumwelt, die ein visuelles Gegengewicht zur Musik Kagels darstellt. Die Ästhetik erinnert (etwa in der Wiederholung bestimmter Gesten oder Bewegungsabläufe) fern an die Arbeiten Pina Bauschs. Schwierig wird es, sobald Texte hinzukommen: Quodlibet (1986-88) vertont altfranzösische Chansontexte aus dem 15. Jahrhundert, Duodramen (1997-98) spielt fiktive Dialoge berühmter Persönlichkeiten, die sich nie begegnet sind (u.a. Alma Mahler und Dschingis Khan) durch. Nel verzichtet auch bei den französischen Chanson-Texten auf Übertitel, von den deutschen Texten der Duodramen ist praktisch nichts zu verstehen – dadurch wird die textliche Dimension ausgeblendet. Die Abläufe auf der Bühne werden hier kaum noch nachvollziehbar, weder konkret noch abstrakterem, exemplarisch bestimmte Befindlichkeiten aufgreifenden Sinn: Bedeutungslosigkeit, trotz Aktionismus auf der Bühne am Rande der Lnageweile. Dazu trägt bei, dass sich Marta Marquez in Quodlibet an der Grenze ihrer stimmlichen Möglichkeiten befndet – der Chansonnierentonfall klingt bemüht und wenig variabel. Überzeugender ist da schon das Ensemble der Duodramen (neben Martha Marquez singen und agieren in Slapstickmanier: Anke Krabbe, Jeanne Piland, Bodo Brinkmann und Ludwig Grabmeier).

Erscheint das Bühnengeschehen hier bereits überflüssig, so wird es nach der Pause mehr und mehr zum Störfaktor. Die Uraufführung von Das Konzert, einem fast impressionistisch anmutenden Instrumentalkonzert, wurde zum Triumph für den exzellenten Flötisten Michael Faust, dessen expressives Spiel anzuschauen ungleich spannender ist als alle Aktion auf der Bühne, die leider massiv ablenkt von der konzentrierten, farbreichen Partitur. Äußerst mühsam und keineswegs bruchlos ist der Übergang zur „Konzertszene für Mezzosopran und Orchester“ Ein Brief (1985/86). Die Sängerin „liest“ aus einem Brief, bei dem aber außer der Anrede „meine Liebe“ der Text nur aus Vokalisen besteht – der tragische Gestus des Schreibens wird ganz auf den Ausdruck der Musik verlagert. Nel stellt der Sängerin zwei weitere Frauen zur Seite, schränkt damit aber die Ausdrucksmöglichkeiten der Hauptakteurin ein. Jeanne Piland singt expressiv und tonschön, verbleibt aber in recht konventioneller Trauerpose. Die Szene wirkt überraschend konventionell. Parallelen zu den großen Frauengestalten Puccinis stellen sich ein: Auch diese benötigen keinen verständlichen Text, da die Emotion durch die Musik transportiert wird (im „Summchor“ der Butterfly findet sich sogar ein Pendant zu Kagels Vokalisen).

Zauberkunststückchen und Luftakrobatik, unverdrossen im Hintergrund präsentiert, sind hier längst nicht mehr Zierrat, sondern Ärgernis. Kagels Stücke sind vieldeutig, öffnen den Blickwinkel in die verschiedensten Richtungen, aber das Bühnengeschehen scheint daran vorbei zu laufen. Nel gelingt im zweiten Teil kaum ein Bild, dass wirklich zwingend erscheint. Der bunte Bilderbogen irritiert, aber nicht produktiv. Er überfrachtet das musikalische Geschehen, dass sich suggestiver hätte entwickeln können, ginge es auf der Bühne sparsamer zu.

Man kann Kapellmeister Roland Techet wahrlich nicht vorwerfen, er beherrsche die Partituren nicht: Vom etwas zögerlichen Beginn des Szenario abgesehen leitet er die Duisburger Symphoniker souverän und klangmächtig durch den Abend. Die Schärfen und ironischen Brüche von Kagels Musik werden allerdings in diesem fast romantischen Orchestersound überspielt. Kagel, sonst trotz seiner herausragenden Stellung als Komponist ein Außenseiter im Musikbetrieb, wird hier machtvoll dem bürgerlichen Konzertrepertoire einverleibt, nicht nur des virtuosen Konzerts wegen. Die Musik böte immer noch genügend Impulse zum Querdenken, müsste aber dafür Raum frei behalten. Unfreiwillig ist die Produktion ein Plädoyer für konzertante, im Fall von Ein Brief streng an der Vorlage orientierte Aufführungen.


FAZIT

Überraschung: Die Musik des verspielten Provokateurs Mauricio Kagel ist salonfähig! Weitere Gedankenspiele, die Kagel anstoßen könnte, werden durch die Inszenierung, an der man sich schnell satt gesehen hat, unterbunden.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Roland Techet

Inszenierung
Christof Nel

Szenische Analyse
Martina Jochem

Bühne
Roland Aeschlimann

Kostüme
Margit Koppendorfer

Licht
Hans-Joachim Haas

Dramaturgie
Michael Leinert



Statisterie der
Deutschen Oper am Rhein

Die Duisburger Philharmoniker

Michael Faust, Flöte



Solisten

Die Sänger
Anke Krabbe
Martha Marquez
Jeanne Piland
Ludwig Grabmeier
Bodo Brinkmann

Zauberer
Manuel Muerte

seine Assistentin
Rebecca Walsh

Luftakrobaten
Juliana Neves
Martin Bukovsek

Tänzer
Harald Beutelstahl

Tango-Tänzer
Norma Raimondi
Benyi Darnó



Weitere Informationen
erhalten Sie von den
Duisburger Philharmonikern
(Homepage)



Da capo al Fine

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