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Musiktheater
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Siegfried

Zweiter Tag des Bühnenfestspiels
Der Ring des Nibelungen

Musik und Dichtung
von Richard Wagner

In deutscher Sprache

Aufführungsdauer: ca. 5h 30' (zwei Pausen)

Halbszenische Aufführung im Konzerthaus Dortmund
am 4. April 2004



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Wagner im Thalys

Von Christoph Kammertöns / Fotos von Klaus Rudolph



Wer in den 90er Jahren den Wallat-Horres-Ring in Düsseldorf erlebt hatte, der wusste, worauf er sich nun in Dortmund freuen durfte: ein Wagner, der aus ebenmäßiger orchestraler Klangkultur schöpft. Dies, weil Wallat nicht der Versuchung erlag und ihr nicht erliegt, Wagners Instrumentalsatz über das ohnehin mitgegebene Maß handlungsillustrierend zu deuten. Nicht die sportlich akzentuierte Kurzweil steht im Vordergrund, die in mehr oder weniger tatsächlich vorhandenen lokalen Ereignisspitzen den Kick sucht und suggerieren möchte, der Ring sei ein flotter Musikkrimi (dabei ist diese Tetralogie von Raffkes, Mördern, Inzesttabubrechern, und was noch alles, an sich ja höchst krimitauglich - wären da nur nicht die retardierenden Rückblenden ... ). Nein, bei Wallat erhält die Musik als Fläche - auch zeitliche Fläche - die Möglichkeit zu klingen, sich zu wälzen, zu mäandern, zu wagen und zu zagen. Man meinte bald, die Zeit würde langsamer vergehen. Wem es da langweilig wurde, der war ohnehin im falschen Stück. Um aber nicht irrezuführen: natürlich wurde auch immer wieder, wie zu Beginn des dritten Aktes oder beim Durchschreiten des "wogenden Feuers", regelrecht 'ein Fass aufgemacht', dass dem Publikum die Haare wehten.

Vergrößerung Robert Hale (Der Wanderer)
und Helmut Pampuch (Mime).

Wallat förderte dazumal die Düsseldorfer Symphoniker in jenem Klang, der die Sogwirkung des ersten Aktes Lohengrin vollzieht, wie die Beschleunigung des Thalys, dessen Innenraumakustik geheimnisvoll gespannt sich dämpft, wenn er zum Spurt auf Paris ansetzt: man fühlt sich in der unfassbaren Kraftentfaltung gerade durch das Maßhalten der Begleiterscheinungen überwältigt. Es ist nun das Glück der Dortmunder Philharmoniker, dass Wallat - zuletzt als Interims-GMD der Spielzeit '01/02 - diese Kunst mit ihnen teilte, und es ist das Glück des Konzerthauspublikums, dass sich dieser Klangkörper dessen musizierend erinnerte.

Nun geht ein solcher Abend auch an den Musikern nicht spurlos vorüber, und so wackelte es leider gerade in der Erweckungsszene im orchestralen Gleichmaß. War man innerlich schon dabei, die Parallelstelle aus der Götterdämmerung mitzusingen "Wach auf! Öffne dein Auge!", wurde man so - vielleicht nur gerecht - ins Hier und Jetzt des Siegfriedabends zurückgeholt.

Vergrößerung

Hartmut Welker (Alberich)
und Helmut Pampuch (Mime).

Wie herrlich aber die für Luana DeVol eingesprungene Evelyn Herlitzius! Von ihrem halbszenischer Ambitioniertheit geschuldeten Negligé wollen wir schweigen; Stimme und Partieverständnis hingegen verdienen alles Lob, das schwarz auf weiß zu verbreiten ist. Hier trug eine Sängerin mit großer, strahlender, weder harter noch ausgeleierter, sondern genau fokussierter Stimme, einen Ton zum nächsten, eine Phrase zur nächsten (und das will was heißen, wenn man eine Vorstellung des Wagnerschen Euphemismus von Melodie und Phrase bedenkt, der in Frankreich schon mal als "monstruosité qu'on appelle la mélodie infinie, c'est-à-dire la négation de toute mélodie" apostrophiert wurde): Der Atem trug die Musik, und man kann mit Recht das Bild musikalischen Verströmens bemühen.

Ihr zur Seite stand der in Figur und Gebaren dem Prototyp eines Heldentenor-Klons ähnliche Stig Andersen. Die Gemeinheit dieses kleinen Seitenhiebs verblasst, wenn man recht würdigt, dass er mit Frau Herlitzius, die als Brünhilde fast den ganzen Abend schlafen durfte bzw. musste, gleichauf frisch und unverbraucht sang, obwohl er das ja nun bereits zuvor einige Stunden mehr oder weniger ohn' Unterlass getan hatte. Selten, dass man um Stigs Kondition gebangt, und nie, dass er sich nicht wieder tadellos gefangen hätte. Diese Stimme ist tenoral, ohne schmal zu sein, und sie ist nicht so baritonal breit, dass man immer die Versündigung am eigentlichen Stimmmaterial mithörte. Da hat's der liebe Gott gut mit jemandem gemeint und ihm auch die Fähigkeit gegeben, seine Gaben verantwortlich einzusetzen. Glück für ihn und Glück für uns!

Vergrößerung Stig Andersen (Siegfried
und Dilbèr (Waldvogel).

Nur beiläufig sei erwähnt, dass die (bereits verbrämt als "Szenische Realisation" im Programmheft Unwohlsein verbreitende) absolut verbotene Minimalregie von Gudrun Hartmann - im Wesentlichen als blödsinniges Turnen auf der armen Saalorgel zu beschreiben - in Stig ein kongeniales Opfer gefunden hatte: Die mimischen Qualitäten dieses Bilderbuchtenors sind einfach subterrestrisch und müssten geradezu in Australien wieder ans Tageslicht treten.

Ein langgedienter Grande seines Fachs ist Helmut Pampuch als Mime. Bereits in Bayreuth (auch in Chéreaus "Jahrhundert-Ring") und an der Met erprobt, erfüllte er unter Wallat-Horres-Fittichen in Düsseldorf diese Figur ohne jede Zurückhaltung, und er überzeugt immer noch; sowohl stimmlich als auch - soweit im Konzerthaus positiv feststellbar - darstellerisch. Vielleicht nur, dass ihm eine gewisse entspannte und private Freude anzumerken war, in seiner Rolle über die Jahre so sicher geworden zu sein, vielleicht aber auch nur ein Dauerschmunzeln über die nun mal zu erfüllende szenische Zumutung des Abends. Pampuchs Charaktertenor ermöglicht den idealen Mimetonfall, mit wohlverstanden leicht hysterischem Schnarren, dabei niemals aus den Grenzen der Stimmökonomie hinaustretend.

Robert Hale gebot als Wanderer den Zuhörer einhüllend über seinen majestätischen Baß-Bariton und verlieh Wotan in Gestalt und Mimik die nötige Mischung aus Klage, Hoffnung, Hoffnungslosigkeit und, gegenüber Mime, spöttischer Gemeinheit. Helmut Welker (Alberich) und Philip Kang (Fafner) vervollkommneten den Reigen männlicher Rollen tadellos. Birgitta Svendén als aus "wissendem Schlaf" erwachte Erda traf eindrucksvoll die dunkel-kernige Dimension Ihrer Partie, während sich Dilbèr als perfekte Inkarnation eines Vögelchens, eben auch des Waldvögelchens präsentierte. Gerne hätten wir als Zugabe von ihr noch die Fiaker-Milli gehört, aber das ist ein anderes Stück.


FAZIT

Wer nicht dabei war, hat etwas verpasst. Nächste Chance ist das Finale des "Wallat-Rings", die Götterdämmerung am 17.10.04, in deren Ankündigung neben illustren Namen die Wiederkehr Stig Andersens erfreut.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Hans Wallat

Szenische Realisation
Gudrun Hartmann

Lichtdesign
Andreas Fuchs



Philharmonisches Orchester
Dortmund


Solisten

Siegfried
Stig Andersen

Mime
Helmut Pampuch

Der Wanderer
Robert Hale

Alberich
Hartmut Welker

Fafner
Philip Kang

Erda
Birgitta Svendén

Brünhilde
Evelyn Herlitzius

Waldvogel
Dilbèr



Weitere Informationen
erhalten Sie vom
Konzerthaus Dortmund
(Homepage)



Da capo al Fine

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