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Die Walküre

Erster Tag des Bühnenfestspiels
Der Ring des Nibelungen
Musik und Dichtung
von Richard Wagner

Aufführungsdauer: ca. 5h 10' (zwei Pausen)

Halbszenische Aufführung
im Konzerthaus Dortmund
am 23. November 2003


Logo:  Konzerthaus Dortmund

Konzerthaus Dortmund
(Homepage)
Große Momente
Von Thomas Tillmann


Obwohl vieles von dem, was ich bereits anlässlich des Rheingold im Mai diesen Jahres über Hans Wallats außerordentliche Interpretation der Tetralogie geschrieben habe (über achtzig Zyklen soll er in seiner Karriere dirigiert haben!), auch in dieser Aufführung zu bewundern war, bleibt mir diese Walküre nicht so nachhaltig im Gedächtnis wie der beglückende Vorabend, was daran liegen mag, dass der Dirigent diesmal insgesamt vielleicht doch zu breite Tempi wählte und die Spannung in manchen Passagen doch erheblich nachließ. Beeindruckend war aber einmal mehr der kompakte, konzentrierte, nie zu wuchtige, hinsichtlich der einzelnen Gruppen vielleicht noch ausgewogenere Klang, den Wallat den auf erstaunlichem Niveau musizierenden Dortmunder Philharmonikern entlockte (vor allem der wunderbar dunkle Ton der Streicher und die glänzend disponierten Blechbläser sind hervorzuheben!), die unerschütterliche Ruhe des erfahrenen Kapellmeisters, der sich und dem Publikum nichts mehr beweisen muss und der Sänger zu begleiten versteht, ohne ihnen die Sache allzu leicht zu machen, das präzise, aber nicht aufdringliche Herausarbeiten von Leitmotiven und vielen sonst in einem unstrukturierten Klangbrei verborgenen Details, der in jeder Sekunde spürbare Respekt vor dem Werk und dem Willen des Komponisten.

Schwachpunkte gab es vor allem aber bei der Besetzung: Pär Lindskog irritierte als sehr allgemeiner, distanzierter Siegmund (raumfüllende Gesten ersetzen nicht ein tiefes Eindringen in Text und Musik, pardon!) mit zweifelhafter Technik und reichlich unsicherer Intonation besonders in der Höhe, die bei weitem nicht die Qualität und angenehm jugendliche, dunkle Farbe der Mittellage hat, gar nicht zu reden von dem merkwürdigen Anbohren der Töne. Nicht ganz nachvollziehen konnte ich den Jubel um Lioba Braun, die Adrianne Pieczonka ersetzte: Natürlich ist die Deutsche trotz der häufiger beklagten Sorglosigkeit in Fragen der Textverständlichkeit eine kluge, leistungsfähige, wenn auch nicht wirklich fesselnde Sängerin, der einige beeindruckende Pianotöne gelingen und die in den tiefer gelegenen Passagen weniger in Verlegenheit kommt als ihre Soprankolleginnen - eine Sieglinde ist sie für mein Empfinden trotzdem nicht, denn die Stimme weist einen ausgesprochenen Mezzoklang auf und wird sehr drahtig und farblos, wenn sie längere Zeit in hoher Tessitur gefordert ist, so dass das "Hehrste Wunder" etwa nicht die Wirkung erzielte, die es bei anderen Interpretinnen mitunter hat.

Über Matti Salminens Hunding ist dagegen alles Gute bereits gesagt und geschrieben worden: Auch in diesem Konzert wurde man förmlich in den Sessel gedrückt von der puren Kraft dieser mächtigen Bassstimme, die dennoch auch im nicht selten versuchten Piano kein bisschen an Konzentration und Autorität verliert, und auch seine Artikulation war vorbildlich, was das Vorurteil widerlegt, dass man sich als Nicht-Muttersprachler keine vollendete deutsche Diktion erarbeiten kann. Die positive Überraschung der Aufführung war für mich aber Evelyn Herlitzius, die die Titelpartie von der ursprünglich angekündigten Gabriele Schnaut übernommen hatte und die ich zum ersten Mal live als Brünnhilde hörte. Ehrlich gesagt hatte ich angenommen, dass sie die erwartete vokale Überforderung auch in dieser halbszenischen Aufführung durch darstellerische (Über-)Präsenz würde kaschieren wollen (wobei ich nicht verschweigen kann, dass mir ihr schauspielerischer Dauereinsatz nach kurzer Zeit doch ziemlich auf die Nerven ging!). Weit gefehlt: Besonders in der unteren Mittellage und Tiefe ist die natürlich eher schlanke Stimme erstaunlich tragfähig und klangschön, so dass etwa die Todesverkündigung auch durch ihren Einsatz zu einem Höhepunkt der Veranstaltung wurde, aber auch die große Auseinandersetzung mit Wotan im letzten Aufzug, in der ihr Aufbegehren gegen den Vater wirklich berührte, zumal anders als bei der Mehrheit ihrer Kolleginnen und Kollegen jedes Wort zu verstehen und mit Sinn erfüllt war, so dass ich gern bereit war, über einige unangenehm schrill "klingelnde", glanz- und körperlose hohe Töne hinwegzuhören.

Jukka Rasilainen war sehr kurzfristig für Simon Estes eingesprungen, der dem Vernehmen nach in der Generalprobe in beklagenswerter Verfassung gewesen sein soll, und hatte wohl am meisten unter den breiten Tempi Wallats zu leiden, was aber keine Entschuldigung dafür ist, dass sein grundsätzlich klang- und kraftvoller Heldenbariton zwar in der Höhe über weite Strecken problemlos ansprach, in der Tiefe aber hörbar an Grenzen stieß; ein wirklicher Interpret ist der Finne leider auch nicht, dafür ist nicht zuletzt sein Deutsch zu schlecht (das wäre freilich bei Simon Estes auch nicht besser gewesen), was seine Erzählung im zweiten Aufzug zur echten Geduldprobe werden ließ (Hans Wallat hat dazu im Programmheft, das neben einer sehr detaillierten, erhellenden Werkanalyse von Peter Wapnewski und vielem anderen Nützlichen auch wieder ein lesenwertes Interview mit Thomas Voigt enthielt, das Entscheidende gesagt: "In dieser Szene hängt alles an dem Darsteller des Wotan. Ohne einen Sänger, der das textlich und inhaltlich voll über die Rampe bringt, ist das praktisch nicht zu machen. Dann sind es nur zwanzig Minuten verlorene Zeit."). Auch Reinhild Runkel, die mit reifem, etwas behäbigen Mezzo eine sehr bodenständige Fricka gab und für manchen Ton nicht unerhebliche Kraft aufwenden musste, konnte nicht mit textlichen Nuancen aufwarten. Letztere erwartet man von den acht Walküren natürlich nicht in diesem Maße, aber doch etwas mehr Stimme als beispielsweise Annegeer Stumphius sie als wie eine Karikatur klingende Helmwige zur Verfügung hatte.

Die szenische Realisation von Gudrun Hartmann und das Lightdesign von Andreas Fuchs haben mir beim Rheingold erheblich besser gefallen (dem Vernehmen nach denkt übrigens das Theater Dortmund über eine mehr als überfällige szenische Realisation des an mittleren deutschen Häusern so sträflich vernachlässigten Ring nach!); gerade mancher Lichteffekt geriet diesmal arg plakativ, einfach nur platt oder setzte nicht zum richtigen Zeitpunkt ein (was für vielsagende, genervte Blicke im Kritikerblock sorgte), viele Gesten und Wege auf den schwarz ausgeschlagenen Spielflächen auf verschiedenen Ebenen gingen ins Leere (ich will nicht verhehlen, dass ich die angedeutete Titanic-Pose einfach nicht mehr sehen kann - gibt es wirklich kein anderes Bild für die Illustration von Liebe zwischen zwei Menschen?) oder erregten ungewollt Gelächter (etwa wenn bei Siegmunds Tod das Licht ausgeht, man aber dennoch seinen Darsteller herausschleichen sieht) - weniger wäre hier zweifellos mehr gewesen.


FAZIT

Ein Abend mit großen Momenten - nicht mehr, aber auch nicht weniger!


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Hans Wallat

Szenische Realisation
Gudrun Hartmann

Lichtdesign
Andreas Fuchs



Dortmunder Philharmoniker


Solisten

Siegmund
Pär Lindskog

Hunding
Matti Salminen

Wotan
Jukka Rasilainen

Sieglinde
Lioba Braun

Brünnhilde
Evelyn Herlitzius

Fricka
Reinhild Runkel

Helmwige
Annegeer Stumphius

Gerhilde
Irmgard Vilsmaier

Ortlinde
Snezana Stamenkovic

Waltraute
Elena Zhidkova

Siegrune
Annette Seiltgen

Roßweisse
Margit Diefenthal

Grimgerde
Camilla Ueberschaer

Schwertleite
Cornelia Wulkopf




Weitere Informationen
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Konzerthaus Dortmund

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Da capo al Fine

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