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Aschenputtel
Märchenoper von Ermanno Wolf-Ferrari
Nach Versen von Maria Pezzé-Pascolato
Frei ins Deutsche übertragen von Franz Rau
Instrumentierung von Rainer Schottstädt

In deutscher Sprache

Premiere am 11. Januar 2004

Aufführungsdauer: ca. 1 Stunde


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Theater Dortmund
(Homepage)
Der dicke Prinz vom Spielplatz

Von Stefan Schmöe / Fotos von Björn Hickmann



Unterprivilegiertes junges Mädchen schafft den (höchst verdienten) sozialen Aufstieg – auf diese Formel lässt sich, zugegeben verkürzt, die Kernaussage des Aschenputtel-Märchens bringen: Sozusagen die europäische Variante des american dream, des Tellerwäscher-Millionär-Mythos. Diese Deutung ist so unmittelbar einleuchtend (und ebenso zeitlos gültig), dass Übertragungen in unser Alltagsleben auf der Hand liegen. Aschenputtel gibt es eben überall. Das Dortmunder Aschenputtel ist gehbehindert und findet am Spielplatz keine Freunde – bis ihr Prinz, ein ziemlich pummeliger und zunächst lustloser Knabe, ihr den Vorzug vor den anderen gesunden, aber blöden Kindern gibt. Das sollte eigentlich ohne größere Probleme nachvollziehbar sein. Denkt man.

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Keiner spielt mit Aschenputtel, weil die am linken Bein so einen blöden orthopädischen Schuh trägt ...

Klangbeispiel Klangbeispiel: Arie des Aschenputtel (1. Akt)
(MP3-Datei)


Zwar kann Regisseurin Isabel Ostermann mit diesem den Grobverlauf des Stückes aktualisieren, aber der Teufel steckt im Detail. Die wenigsten Besucher dürften Ermanno Wolf-Ferraris 1900 in Italienisch geschriebene und 1902 vom Komponisten selbst gekürzt und ins Deutsche übertragene Oper kennen, und die Funktion der Nebenfiguren wird in dieser Inszenierung überhaupt nicht klar. Bei einem Stück für Kinder müsste Verständlichkeit oberstes gebot sein. Bei der Premiere aber mussten etliche Eltern auf Fragen der Art „Was passiert da gerade? Warum macht der das? Wer ist das eigentlich?“ passen. Der Titel der Oper suggeriert erst einmal ein auch für die Kleinsten verständliches Märchen, aber die sind schlicht überfordert. Vom Text ist fast nichts zu verstehen, sodass die Handlung für sich sprechen müsste – aber das tut sie das eben nicht. Zwischenzeitlich machte sich da einiger Unmut erboster Mütter im Publikum breit.

Vergrößerung ... bis dieser tolle Junge in trendiger Kleidung kommt ...

Klangbeispiel Klangbeispiel: Arie des Prinzen (2. Akt)
(MP3-Datei)


Auch dramaturgisch lässt sich einiges einwenden: Der „Prinz“ ist derartig dämlich, dass er kaum als attraktiver Spielgefährte herhält. Das Aschenputtel dagegen ist nicht nur die Hübscheste weit und breit, sondern hat eigentlich angesichts der unglaublich zickigen Schwestern an einem realen Spielplatz auch keine Konkurrenz zu fürchten. (Dass die Bösen auch noch in Kuhkostümen herumlaufen, verdoppelt den zweifelhaften Ansatz nur noch). Der Grundkonflikt ist im Wesentlichen aufgehoben, und warum sollte sich jemand wegen einer Spielrunde im Sandkasten den Fuß verstümmeln? Hier fehlt es der Regie entschieden an Pointierung, um über diese Widersprüche hinwegzuspielen. (Nicht einmal ein tolles Spielzeug, mit dem er Aschenputtel ködern könnte, hat sie dem Prinzen zugestanden.)

Was die Aufführung rettet ist die Musik. Wolf-Ferraris Partitur, in dieser Fassung von Rainer Schottstädt für ein Kammerensemble aus 16 einfach besetzten Instrumenten bearbeitet, verrät einerseits die Mühen des Komponisten, sich von der schweren Spätromantik, die allenthalben durchschimmert, abzulösen, ist aber (bei einem immer noch üppigem Reichtum an Klangfarben) luftig und transparent. Die Musiker des Dortmunder Philharmonischen Orchesters erzeugen unter der Leitung von Ralf Lange eine träumerische Stimmung, die über manche Plumpheit auf der Bühne hinwegtröstet – zumal die Regisseurin diesen Klängen eine eigene bildliche Ebene einräumt: Auf den Bühnenhintergrund werden astronomische Fotos projiziert, Bilder vom Mond und von Sternhaufen, die auf eine den irdischen Nichtigkeiten entrückte Dimension hinweisen (Bühne: Stephan von Wedel). Hier entsteht etwas jenseits des Verstehbaren, dass Kinder wie Erwachsene in seinen Bann zieht.

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... und Stiefmutter wie -schwestern, ganz offensichtlich blöde Kühe, unter den Augen des Herolds in den Mond schauen.

Klangbeispiel Klangbeispiel: Liebesduett Aschenputtel - Prinz
(MP3-Datei)


Auch sängerisch kann sich die Produktion hören lassen. Uta Schwarzkopf ist ein Aschenputtel mit zwar recht kleinem, aber klarem Sopran und viel Ausstrahlung. Charles Kim singt den Prinzen mit strahlendem Tenor, mitunter leicht plärrend – was blendend zu der Rolle des unzufriedenen Jungen passt. Sehr gut aufeinander abgestimmt ist das Stiefmutter-Schwester-Terzett mit Andrea Rieche, Keiko Matsumoto und Vera Fischer. Erfreulich, dass hier dem jüngsten Publikum ein vollwertiges Opernensemble vorgesetzt wird (was aus Kostengründen an anderen Häusern wie z.B. im Gelsenkirchener Spuk im Händelhaus, wo die pädagogische Konzeption letztendlich überzeugender war, leider nicht der Fall ist). Die musikalischen Stärken der Produktion machen jedenfalls neugierig darauf, wie Wolf-Ferraris Werk sich in der originalen Fassung für Erwachsene behaupten würde.


FAZIT
Hörens- und mit Einschränkungen auch sehenswert - nur sollte man seine Kinder im Vorfeld darauf vorbereiten, was sie inhaltlich erwartet.


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Produktionsteam


Musikalische Leitung
Ralf Lange

Inszenierung
Isabel Ostermann

Bühne und Kostüme
Stephan von Wedel

Dramaturgie
Heike Buderus



Philharmonisches
Orchester Dortmund


Solisten

* Besetzung der Premiere


Aschenputtel
Uta Schwarzkopf

Ihre Stiefmutter
Andrea Rieche

Hartwige
Keiko Matsumoto

Neitrude
Vera Fischer

Prinz
* Charles Kim /
Jeff Martin

König
Assaf Levitin

Narr
Georg Kirketerp

Gesandter von Hungerland /
1. Weiser
Hiroyuki Inoue

Gesandter von Schlaraffenland /
2. Weiser
Christoph Stegemann

Drei Elfen
Vera Fischer
Keiko Matsumoto
Andrea Rieche

Herold
Georg Kirketerp



Weitere
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Theater Dortmund
(Homepage)



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