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Musiktheater
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Die Entführung
aus dem Serail

Singspiel in drei Aufzügen
Von Wolfgang Amadeus Mozart
Libretto von Christoph Friedrich Bretzner,
bearbeitet von Johann Gottlieb Stephanie d.J.


Aufführungsdauer: ca. 2 h 15' (keine Pause)

Premiere am 20. Juni 2004
in der Komischen Oper Berlin
Besuchte Vorstellung: 27. Juni 2004 (3. Aufführung seit der Premiere)

Link zur Komische Oper Berlin

Komische Oper Berlin
(Homepage)

Die Entführung - eine Führung durch Sex und Gewalt ?

Von Johannes Kammertöns / Fotos von Monika Rittershaus


Schon beim Betreten des Theater- bzw. Zuschauerraums war für den Zuschauer klar: wir befinden uns in einem Bordell. Dieser Eindruck wurde erreicht durch den freien Blick auf die mit fünf großen Glasvitrinen (ähnlich oder gleich denen in Einkaufspassagen) ausgestattete Drehbühne mit eindeutigen Accessoires, den seitlich der Bühne offenen zwei Schaufenstern mit dahinter sitzenden Damen in eindeutiger Selbstwerbepose in entsprechender Fast-Bekleidung und schließlich durch die rosa-rote bis violett-rote Ausleuchtung des Publikumraums mit dem Ziel, die Atmosphäre von Rotlicht-Milieu und schummerigen Etablissements zu erzeugen.

Als dann mit Beginn der Oper-Handlung die Personen von Belmonte und Osmin (und später dann der anderen Mithandelnden: Pedrillo, Konstanze, Blonde und Bassa Selim) auf die Bühne kamen, war durch die Kleidung eindeutig: die Handlung spielt in der Jetzt-Zeit, heute, in unserer unmittelbaren Umgebung von Frauenhandel zum Zwecke der Prostitution und zum Ausleben männlicher Sex-Besessenheit, die zwar schon oft Fernseh-Krimi-Stoffe waren, aber noch nie so direkt und unmittelbar emotional berühren konnten.

Hier - unter der Regie des katalanischen Regisseurs Calixto Bieito - war Theater zu erleben, das betroffen macht und zur Reflexion herausfordert.
Ohne moralischen Appell an auch nur einer Stelle war es nicht bloß Individuum bezogen, sondern auch politisches Theater, Demonstration eines ungeheuren Missstandes in unserer Gesellschaft: der Mozartsche Serail-Harem als Umschlagplatz hochwertiger Export-/Importware von Frauen als Sklavinnen mächtiger Zuhälter(-Strukturen), dargestellt im brutalen Zuhälter-Oberboss eines Bassa Selim und ihm in Nichts nachstehenden Zu- und Mitarbeiter-Zuhälter Osmin.


Vergrößerung in neuem Fenster Guntbert Warns (Bassa Selim) und Maria Bengtsson (Konstanze).

Während Bassa Selim (Guntbert Warns) - vom Libretto her ausschließlich auf seine Sprechrolle beschränkt- durch hohe schauspielerische Glaubwürdigkeit glänzt, kann Osmin (Jens Larsen) die in den meisten Szenen seines Auftretens beherrschende Rolle allein schon durch seine beeindruckende große Statur und eines darüber hinaus auch noch schönen Körpers ausspielen; dabei entspricht dieser stattlichen Erscheinung in allen Szenen das ebenso stattliche Volumen einer Bassstimme, die auch die Tiefen voll tönend und ausdauernd auszusingen vermag, so dass beim Hören dieses schweren Basses der Zuhörer sich entspannt zurücklehnen und genießen darf.

Und wer glauben wollte (?), der Inhalt sei für den braven (?) Opernbesucher sicherlich nicht unverhüllter als von Fernsehkrimis her gewohnt, sollte gleich von Anfang an eines Besseren belehrt werden:
Während der ersten Belmonte-Arie ("Hier soll ich dich denn sehen, Konstanze") - gesungen von Finnur Bjarnason, einem lyrischen Tenor mit weicher beweglicher Stimme - kopuliert in einem hinteren Vitrinenschaukasten Osmin splitternackt mit einer Prostituierten; anschließend singt er (nach vollzogenem Akt und anschließender echter Dusche in einer gläsernen Duschkabine) - ebenso splitternackt - sein Lied "Wer ein Liebchen hat gefunden, die es treu und redlich meint", während er sich abtrocknet und später (3. Strophe) sich auch allmählich Kleidungsstücke von Unterhose, Hemd und Überhose anzieht.
Gleichzeitig wird in dem Konflikt trächtigen ersten Aufeinanderstoßen von romantisierenden ("liebes-dusseligen") Belmonte (der aber so realitätsklar ist, gleich zu Beginn sich nur mit einer Pistole in der Hand in dieses Milieu hineinzutrauen und damit Gewaltbereitschaft zu signalisieren), mit dem Sex und Macht als Gewalt vertretenden Zuhälter Osmin deutlich, wie lebensbedrohlich, also Tod drohend, ohne Vorwarnung, kompromisslos und erschreckend eindeutig die Gewalt gegen Frauen die Gewalt gegen Jedermann ist.
Diese Gewaltfähigkeit und -bereitschaft bei allen Personen (in zwar unterschiedlich starker und unterschiedlich offener Ausprägung) wird gleich am Anfang deutlich bei Osmin gegenüber Belmonte oder später, als Osmin den Versuch Pedrillos vermutlich durchschaut, ihn mit einem mit einem Schlafmittel versetzten Wodka hinters "Licht" ihres Fluchtvorhabens zu führen, und Pedrillo (Christoph Späth mit schlanker, sich auch in mehrstimmigen Gesangspassagen gewandt behauptender Stimme) kurzer Hand eine Kugel ins Knie schießt.


Vergrößerung in neuem Fenster Guntbert Warns (Bassa Selim) und Maria Bengtsson (Konstanze).

Überhaupt stimmt die in den meisten Aufführungen von Mozarts Singspiel bisher kolportierte Auffassung von "hier die kulturell hoch stehenden und Menschenrechte achtenden christlich geprägten abendländischen Gut-Menschen" und dort (im Osten, im "Morgenland") die "etwas hinter den unhinterfragt richtigen westlichen Zivilisations-Kriterien Zurückgebliebenen mit einer Menschen (hier: Frauen) verachtenden Gewaltherrschaft nicht, die Frauen in Harem-Käfigen hält und ihnen nach Gutdünken Gunst oder Verdammung, d.h. Todes-"Martern aller Arten" zukommen lässt:
Auch Belmonte, Pedrillo, Konstanze (Maria Bengtsson, die mit ihrer Stimme emotional beeindrucken, ja mitempfinden lassen konnte und auch in großen Höhen nie den Eindruck aufkommen ließ, an Grenzen zu stoßen, die auch die leisen Töne dennoch gut hörbar beherrscht wie laute Passagen energisch und klar zu singen wusste) und Blonde (Natalie Karl, die mit ihrer beweglichen weichen Stimme und schauspielerisch kess sich nachvollziehbar auch gegenüber Osmin behaupten konnte) stehen in ihrer Gewaltbereitschaft Osmin und Bassa Selim kaum nach: am Ende erschießen Belmonte und Pedrillo auf ihrer Flucht alle Prostituierten, und Bassa Selim wird von Konstanze und Osmin schließlich von Blonde erschossen.
Ob dieses Gewaltverhalten verstehbarer und tolerierbarer wird durch die Vorstellung reaktiven Selbstschutzverhaltens (und selbst da kann man sich gar nicht mal so sicher sein) bleibt höchst zweifelhaft.

Noch eine Bemerkung zum Inhalt: die zweifellos gelungenen Offenheits-Zuspitzungen, z.B. wird Konstanze von Bassa Selim in einem niedrigen engen Stahlkäfig (für gefährliche Raubtiere) auf die Bühne gefahren, scheinen einem Teil des Publikum gestern an der Stelle zu viel und für das Aushalten höchst angespannten Mitverfolgens der in glaubwürdiger Rasanz dargebotenen Dramatik überspannt gewesen zu sein, als Bassa Selim Konstanze einen Tag Bedenkzeit einräumt und sie dabei verbal mit seinen Sex- und Gewaltfantasien bedrängt, sie dazu zwingen zu wollen, ein Schwein zu ficken und sich ähnlich Lustbild betont verbal auf- und ausgeilt:
Das führte - wie schon vorher einmal etwas zurückhaltender - an dieser Stelle zu lautstarkem Protest aus dem Publikum mit persönlicher Beschimpfung des Schauspielers "Du Sau!" und allgemeiner mit "Schweinerei!", "Aufhören!", "Jetzt ist es aber genug!" oder "Das wird allmählich langweilig!".


Vergrößerung in neuem Fenster Guntbert Warns (Bassa Selim) und Maria Bengtsson (Konstanze), Jens Larsen (Osmin).

Hier muss die Frage erlaubt sein, ob der Regisseur bei dem sehr unterstützenswerten Transformieren des Operninhalts in die heutige Zeit nicht über das Ziel hinausgeraten ist und des Gut-Gemeinten zu viel gezeigt hat.

Könnte es sein, dass Calixto Bieito allzu lustvoll seine Fantasie ausgelebt hat und alle seine assoziativen Einfälle hat möglichst vollständig darbieten wollen? (Zu denken wäre da u.a. an die Lustmord-Szene durch Osmin während der Konstanze-Arie "Martern aller Arten"; die vier großen Monitore, über die ständig während der ganzen Aufführung zwar ruhige Bildabfolgen laufen, die verdeutlichen sollen, dass das "Sich-Schönmachen" für den (Zuhälter-) Mann letztendlich doch nur den eigenen Tod zur Folge hat, aber so doch ein dauerndes Moment der Unruhe in der Vielzahl der Bildeindrücke bedeuten).
Frage ist, ob hier im Sinne didaktischer Reduktion ein Sich-Beschränken auf wenige hinreichend aussagekräftige Sequenzen nicht genau so nachhaltig in der Wirkung gewesen wäre.

Einzelne spontane und etwas drastische Unmutsäußerungen aus dem Publikum könnten in diesem Sinne einer möglichen (für manche nicht aushaltbaren) Überfrachtung zu verstehen sein, nicht im Sinne grundsätzlicher moralischer Entrüstung. Denn keine der Szenen war m.E. irgendwie anstößig, wohl aber stark in der Konfrontation mit dem eigenen Welt-, Lebens-, Empfindens-, Fantasie- und Wertebild.

Eine Frage ganz anderen Gewichts, aber unter dem Gesichtspunkt der Beschränkung, Straffung und inhaltlichen Notwendigkeit bzw. Entbehrlichkeit für inhaltliche wie musikalische Aussage zu stellen, ist das zweimalige Auftreten des Janitscharen-Chores (der unter der Einstudierung von Hagen Enke in eindrücklicher Geschlossenheit forsch und wie eine Art musikalischer Wirbelwind statementmäßig ein Fazit aus dem Vorgeschehen zu ziehen versucht): Würde es eine Aussage- und Erlebniseinbuße bedeuten, ihn gar nicht auftreten zu lassen?
Dieselbe Frage ergibt sich auch hinsichtlich des die ganze Ouvertüre begleitenden Trapezkünstlerin-Auftrittes (mit hohem zirzensichen Können bis hin zu die Musik gelungen rhythmisch begleitenden und spätere Szenen sanft vorwegnehmenden sexuellen Bewegungen: Dana Kobán): Ist diese Hinführung in die Problematik nötig als Begleitung der Orchestermusik?

Der Untertitel von "Die Entführung aus dem Serail" lautet "Singspiel in drei Aufzügen".

Die meisten "landläufigen" Aufführungen passen zu dem Begriff "Singspiel"; diese Aufführung aber bringt den Zuschauer gehörig ins Nachdenken, was denn wohl der Begriff Singspiel meint.
Passt er zu dieser Umsetzung, zu dieser Übersetzung des Inhalts, der ja gerade auch durch die musikalischen (und nicht nur gesungenen textlichen) Inhalte geprägt wird? Muss der Zuhörer hier (im Unterschied zu dem bisherigen Erleben dieser Oper) nicht eine erhebliche Diskrepanz, eine Dissonanz aushalten?
Gleichwohl kann, ja muss man sich von dieser Inszenierung durch den Regisseur Calixto Bieito fasziniert fühlen, aber ebenso durch die schauspielerische Leistung der SängerInnen (für Operndarbietungen außerordentlich und sehr ungewöhnlich) und ebenso durch die Rasanz des Spiels, das keine Pause zulässt, mit Höchstdruck in zweieinhalb Stunden dem Ende zutreibt, ohne einmal langatmig zu werden.

Genau da aber ist auf der anderen Seite der Faszination vielleicht der Wunsch mancher Zuschauer unerfüllt geblieben, sich zwischendurch wenigstens einmal (musikalisch) erholen und entspannen zu können.


Vergrößerung in neuem Fenster Natalie Karl (Blonde), Maria Bengtsson (Konstanze), Finnur Bjarnason (Belmonte), Christoph Späth (Pedrillo).

Musikalisch gesehen rangiert die gesangliche Leistung aller fünf Stimmen im Einzelnen sowie die hörbare Gleichwertigkeit bei mehrstimmigen Passagen als Höchstleistung; das Zusammenspiel von Orchester und SängerInnen sowie die Präzision der Einsätze, des Aufeinanderbezugnehmens von Orchester und SängerInnen zeigt eine seltene Brillanz der Führungsfähigkeit des musikalischen Leiters (Kirill Petrenko), der beim Schluss-Applaus mehrfach (mit seinem Orchester) dafür zu Recht gesondert bedacht wurde.

Bei aller Faszination bleiben Unsicherheiten, z.B.: Ist diese Mozart-Interpretaion adäquat oder eine Fehlorientierung (auch wenn das nichts aussagt über die Richtigkeit der inhaltlichen Aussagen)? Wird Mozart (und seiner Musik) hier etwas aufgezwungen, wird seine Musik hier zu etwas herangezogen, was er so gar nicht kannte, auch nie gemeint hat?
Ist zur berechtigten und wichtigen Darstellung heutiger brutaler Unrechtszustände nicht eine neue Musik, eben Musik aus unserer Zeit, passender, Aussage kräftiger? Oder macht gerade diese Musik deshalb so betroffen und innerlich aufgewühlt, weil das so geliebte (und bis jetzt so gar nicht hinterfragte) Bild von Mozartscher Musik als "lieblich", gedankenlos eingängig, als aufmunternd, fröhlich stimmend, gutlaunig, optimistisch in eine neue Empfindungsrichtung gestoßen worden ist?


FAZIT

Egal, wie man diese Aufführung einordnet: ein Opernereignis der ganz und gar außergewöhnlichen und ganz seltenen Art ist diese Inszenierung sicherlich. Sie ist anstrengend, aber nie unglaubwürdig oder gar abstoßend. Bei aller Diskrepanz, die mancher empfinden mag, bleibt dennoch der Gesamteindruck hoher Stimmigkeit. Alle Agierenden auf der Bühne sind vorbildliche Beispiele für gelungene Umsetzung der Felsensteinschen KO-Grundanforderungen gleicher Fähigkeiten für Gesang- und Schauspielleistung sowie an Wahrhaftigkeit und Glaubwürdigkeit.

Opernliebhaber sollten nicht zuletzt unter dem Gesichtspunkt der Erweiterung ihres Diskussionshorizontes über Opernmusik, Operninhalt und Operninszenierung diese Aufführung erleben, wenn sie in Berlin sind und Zeit haben.



Ihre Meinung ?
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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Kirill Petrenko

Inszenierung
Calixto Bieito

Bühne
Alfons Flores

Kostüme
Anna Eiermann

Video-Film
Rebecca Ringst

Choreinstudierung
Hagen Enke

Dramaturgie
Antje Kaiser
Pablo Ley

Licht
Frank Evin


Chorsolisten der
Komischen Oper Berlin
sowie Kleindarsteller

Am Trapez
Dana Kobán

Video-Darstellerin
Jeannette Höldtke

Orchester der
Komischen Oper Berlin


Solisten

Bassa Selim
Guntbert Warns

Konstanze
Maria Bengtsson

Blonde
Natalie Karl

Belmonte
Finnur Bjarnason

Pedrillo
Christoph Späth

Osmin
Jens Larsen



Weitere Informationen
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Deutsche Oper Berlin
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