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Macbeth
Oper in vier Akten
Text von Francesco Maria Piave
und Andrea Maffei
nach William Shakespeare
Musik von Giuseppe Verdi
Zweite Fassung von 1865

In italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 3 h 10' (eine Pause)

Premiere im Theater Bonn
am 21. September 2003


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Theater Bonn
(Homepage)
Zuviel!

Von Thomas Tillmann / Fotos von Thilo Beu


Macbeth ist ein politisches Stück, in dem es im Wesentlichen um Fragen der Macht beziehungsweise ihrer Erhaltung um jeden Preis geht. Bonn ist eine Stadt, die ehemals Schaltzentrale politischer Machtstrukturen war. Und Politik ist ein mörderisches Geschäft. Alles klar? Nachwuchsregisseurin Vera Nemirova greift in ihrem Regiekonzept Bilder aus der Zeit auf, in der Bonn noch Bundeshauptstadt war, und das schmeichelt natürlich der nach wie vor verletzten Bonner Seele, was einer der Gründe dafür gewesen sein dürfte, dass am Ende der ersten Premiere der Generalintendanz Klaus Weises nahezu ungebrochene Zustimmung für eine wirklich nur streckenweise bemerkenswerte Produktion stand. Besondere Originalität hat die neue Leitung übrigens nicht gerade bewiesen, Verdis Shakespeare-Adaption als erste Neuinszenierung der Saison 2003/4 herauszubringen - die Deutsche Oper am Rhein hatte mit diesem Werk die vergangene Spielzeit beschlossen (Macbeth in Düsseldorf), man erinnert sich an die faszinierende Werksicht von Robert Carsen im nahen Köln (Macbeth in Köln), und auch an den Vereinigten Bühnen Krefeld-Mönchengladbach(Macbeth in Krefeld), in Wiesbaden (Macbeth in Wiesbaden) und Amsterdam (Macbeth in Amsterdam) war der Rezensent allein in der letzten Spielzeit, um Neuproduktionen der zehnten Oper des Komponisten zu sehen. Dabei gibt es doch wahrlich eine ganze Reihe anderer interessanter früher Werke, die ebenfalls zum sehr allgemeinen Spielzeitmotto MÄNNERMACHTFRAUEN gepasst hätten: Luisa Miller etwa hat sich im Verdi-Jubeljahr 2001 als ein wunderbares, spielbares Stück erwiesen, Gelsenkirchen hat I Masnadieri erneut zur Diskussion gestellt, und auch Werke wie I Lombardi alla prima crociata, Ernani, I due Foscari, Giovanna d'Arco, Attila, Il corsaro, La battaglia di Legnano oder Stiffelio harren der Wiederentdeckung (Nabucco übergehe ich, denn auch dieses Oeuvre wird ja inzwischen an jeder Bodenmulde und vor allem gern open air aufgeführt) und versprechen und halten sicher auch vieles, "was Oper bieten kann und sollte" (letzteres behauptet der Pressetext über Macbeth).


Vergrößerung in neuem Fenster Der joviale König respektive Bundestagsvorsitzende (Hans-Jürgen Moll) dirigiert die von Gewalttaten am Rednerpult dominierte Bonner Republik.

Schon wenn man den Zuschauerraum betritt, wird man Zeuge einer Bundestagsdebatte. Vor einer riesigen Glaskonstruktion (das Anmieten des ehemaligen Bundestages für die Aufführungen scheiterte an horrenden Mietforderungen), die den ganzen Abend über - dank des eifrigen Einsatzes der Drehscheibe in verschiedenen Ansichten und Funktionen - auf der Bühne bleibt und die ein verfremdeter Bundesadler ziert, steht die Rednertribüne, auf der ein beleibter Statist als Bundestagspräsident gar über das Einsetzen der Musik wacht und ungerührt zuschaut, wie sich die bebrillten Parlamentarier nacheinander umbringen, bevor er mit den Insignien der Königswürde ausgestattet den Saal verlässt (später tritt er natürlich als über die Bühne tänzelnde Scherzfigur Duncan wieder auf) und einer Horde Journalistinnen mit blonder Einheitsfrisur und schwarzem Lederimitat-Kostüm Platz macht, die in dieser Inszenierung den Part der Hexen übernehmen und durchaus von dieser Welt sind - ein bedenkenswerter Einfall und Hinweis auf die Macht der Presse, der konsequenter hätte verfolgt werden können, was freilich symptomatisch für die Produktion ist, die Assoziationen und Ideen im Übermaß, aber reichlich willkürlich und nicht zu Ende gedacht aneinander reiht, die zur Banalisierung des Bühnengeschehens und zu platten und auch nicht konsequent durchgehaltenen Aktualisierungen neigt (die Banda des ersten Aktes etwa trägt dann auf einmal doch wieder schottisch anmutende Kostüme). So liest die resolute Lady Macbeths Brief mit einer Hantel in der Hand auf einem merkwürdigen Hubwagen in ihrem Fitnessraum, in dem sich auch ein Ball in Globusoptik befindet.

Macbeth selbst ist von Anfang an eine mitleiderregende Memme, die sich bereits an den Rosen schneidet, die er der Gattin von seiner Ernennung zum Than von Cawdor mitbringt, und darüber in Tränen ausbrechen möchte, ein höchstens optisch imponierender Krieger, der unvermittelt in groteskes Zucken und kindliche Gebärden ausbricht und während der zweiten Hexenszene ein wenig am Lolli lutscht, den er im wieder erlangten Kampfanzug gefunden hat - Übertreibungen, die nicht zur Erhellung des Bühnengeschehens beitragen, sondern nicht geringe Teile des Publikums im manch freien Platz aufweisenden Parkett zu Gelächter herausfordern, wie auch der zur Reinigung der blutbefleckten Kleidung hineingeschobene riesige Waschautomat, selbst wenn dadurch gezeigt werden sollte, wie kaltblütig die Macbeths ans Werk gehen.


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Lady Macbeth (Iano Tamar) kennt die Spielregeln: Wenn man Macht haben will, muss man sie sich verschaffen und nicht vor Gewalttaten zurückschrecken, wie Macbeth (Peter Danailov) es (noch) möchte.

Die schwächste Szene ist für mein Empfinden aber die Ermordung Bancos: Dessen Mörder erscheinen im Rhythmus der Musik über die Bühne tänzelnd mit roten Luftballons und ebensolchen Pappnasen, installieren sich in dem Glaskasten und bewegen sich nach Münzeinwurf, während Fleanzio mit seinem Spielzeuggewehr auf die Zuschauer anlegt (die Schlusspointe wird hier durchaus geschickt vorbereitet). Der unspektakulär umgebrachte Banco bleibt allein mit den Ballons zurück, steht auf und verlässt die Szene, vermutlich in erster Linie, um letztere für das folgende Bankett frei zu machen, bei dem eine ihm täuschend ähnliche Puppe über die Bühne geführt wird, deren Eingeweide schließlich brutal herausgerissen und von den Anwesenden verzehrt werden, während von oben an weiteren Luftballons befestigte Banco-Nachfahren auf die Tafel hinabschweben, deren Beseitigung Macbeth voraussehbar nicht gelingen wird. Dass die Bankettgäste schließlich auch noch eine Orgie andeuten, gehört zu den nicht wenigen Ideen dieser Inszenierung, die einfach übers Ziel hinausschießen und über deren tieferen Sinn man irgendwann einfach nicht mehr nachdenken möchte, sondern nur genervt die Augen verdreht.


Vergrößerung in neuem Fenster Die Banco-Mörder vor dem verfremdeten Bundesadler

Dies gilt auch für den Beginn des dritten Aktes: Nachdem die Zuschauer per Übertitel (deren umgangssprachliche, das Libretto mitunter ignorierende und eher das Regiekonzept erläuternde Formulierungen sind ein Ärgernis für sich) im Hexenclub willkommen geheißen werden, trinken sich die Journalistinnen im putzigen Nachtgewand und mit einem Kissen für die anschließende Schlacht bestens gerüstet einen an, befummeln Macbeth ein wenig, werfen sich nornengleich rote Wollknäuel zu und spinnen so ein Netz über die Bühne. Der Hexenkessel ist die über dem Souffleurkasten aufgestellte Fernseherattrappe, der alsbald die künftigen Könige entsteigen - natürlich sind es die ermordeten Parlamentarier des "Prologs", die auch Macbeths Kampfanzug bei sich haben. Auch den Erscheinungen fehlt es folgerichtig an Dämonie, deren zweite singt die Lady gleich selber (es kommen ja auch Kinder in ihr vor, so hat man die Unfruchtbarkeit des mörderischen Paares auch noch schnell abgehandelt). Gänzlich überflüssig ist dann das Zähneputzen und Epilieren der Hexen, das vermutlich doch eingefügt wurde, um der Technik Gelegenheit zu geben, die Bühne frei zu räumen für die kurze Szene zwischen den mittlerweilen mit Maschinenpistolen unsichtbare Gegner vertreibenden Eheleuten.

Mehr Tiefe und Format gewinnt die Produktion erst beim "Patria oppressa", zu dem sich eindringlich eine menschliche Mauer an der Rampe formiert; dass die in Schlafanzügen ebenfalls anwesenden Kinder anschließend viele Male nach Mama und Papa rufen müssen, hält dagegen die Handlung unnötig auf. Nachdem die kahlen Äste des Waldes von Birnam von oben heruntergeschwebt sind, werden rasch Äxte ans Volk verteilt, das unter den Mänteln praktischerweise auch schon die Kampfanzüge für den finalen Kampf mit dem Usurpator trägt. Zuvor aber dekoriert die sonnenbebrillte Lady noch den Glaskasten mit eigenwilligen Kinderzeichnungen in erwartetem Rot und tanzt mit einer Taschenlampe, bevor sie das Selbstgemalte vergeblich wegzuwischen versucht. Der schockierend gealterte, heruntergekommene Macbeth erscheint gegen Ende der Nachtwandelszene, aber die beiden erkennen sich nicht mehr - dies ist einer der raren wirklich bewegenden Momente der Inszenierung, in der das Verhältnis der Eheleute zueinander ansonsten eher beiläufig erzählt wird.


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Beobachtet von Arzt (Kamen Todorov) und Kammerfrau (Julia Kamenik) verfällt die Lady (Iano Tamar) mehr und mehr dem Wahnsinn.

Schließlich drängt das von Macduff und Malcolm geführte Volk mit massigen Holzstämmen nach vorn und erdrückt Macbeth geradezu damit (auch wenn er noch zusätzlich erstochen wird) - eines der stärkeren Bilder des Abends, zweifellos. Der Duncan-Sohn übrigens wirkt noch debiler, jovialer und eitler als sein Vater - dolchschwingend freut er sich gemeinsam mit dem friedlich winkenden Volk über die neue Aufgabe, bevor die Kinder, die man zunächst nur als Staffage eines versöhnlichen Schlussbildes gedeutet hatte, per Knopfdruck der depravierten Erwachsenenwelt den Garaus machen. Die von Vera Nemirova im Programmheft beschworene "Hoffnung, dass sich durch Menschlichkeit und Liebe etwas ändert", bleibt dabei natürlich auf der Strecke.


Vergrößerung in neuem Fenster Macbeth (Peter Danailov) hat die Prophezeiungen der Hexen nicht ernst genommen: Hier kommt der Wald von Birnam, in riesige Stämme zersägt und vom in Kampfanzüge gesteckten Volk herbeigerollt.

Iano Tamar, die die Lady bereits in Köln, an der Deutschen Oper Berlin und anderswo gesungen hat und mit der 1847-Version auch auf CD dokumentiert ist, hat in der hybriden Partie weiter an Profil gewonnen, gerade auch darstellerisch und hinsichtlich der Textbehandlung. Vokal ist sie ohnehin eine Idealbesetzung: Die charaktervolle, individuell gefärbte Stimme besitzt Kraft, auch in der tiefen Lage, wird aber stets kontrolliert eingesetzt, ist fähig zu zartesten Piani - besondere Erwähnung verdient zweifellos das mühelose Des in alto der Nachtwandelszene -, zu berückenden messa-di-voce-Effekten und zu ausdrucksstarken Koloraturen, die mehr sind als technisch gekonnte Zierfiguren (hier profitiert die Künstlerin von ihren reichen Erfahrungen im Belcantorepertoire, das sie ebenso souverän beherrscht wie die großen Verdipartien), vor allem aber zu mannigfachen Ausdrucksnuancen zwischen eindringlicher Verinnerlichung und energischen Ausbrüchen.

Klangbeispiel Klangbeispiel: Lady Macbeth (Iano Tamar): "La luce langue" (Schluss)
(MP3-Datei)


Skandalös mogelte sich dagegen Peter Danailov mit markierten Tönen und Sprechgesang durch den ersten Teil; seine Stimme ist grundsätzlich eine sehr durchschnittliche, die die Übernahme von Hauptrollen wahrlich nicht nahe legt, auch wenn der Künstler sich im letzten Akt steigern konnte und einige Phrasen des "Pietà, rispetto, amore" gewisse Gestaltungsmöglichkeiten, aber auch die Grenzen des Baritons und die stilistische Unbedarftheit erkennen ließen.

Auch Martin Tzonevs vergleichsweise schlanker Bass überrumpelt nicht mit einem betörenden Timbre, der Sänger aber überzeugt als Banco mit seiner disziplinierten Stimmführung, einer sorgfältigen Phrasierung und vielen Schattierungen und Nuancen nicht nur in der berühmten Arie. Timothy Simpsons Tenor klingt zwar tatsächlich etwas dunkler als noch vor einigen Jahren (ich erinnere mich an einen sehr leichtgewichtigen Don José in Wuppertal), aber anders als seine Agentur würde ich beim besten Willen nicht von einem jugendlichen Heldentenor sprechen wollen, der sich dramatischeren Partien wie Lohengrin widmen sollte, zumal die Stimme bei stärkerer Beanspruchung ziemlich unruhig und forciert klang, freilich aber lange nicht so unangenehm wie Mark Rosenthals greinend-heller Tenor, mit dem er den Malcolm gab. Mehr Freude hatte man an Julia Kameniks präsenter, aber nicht aufdringlicher Dama und Kamen Todorovs diskretem Medico, und Sibylle Wagner ist es auch beeindruckend gelungen, den Chören Präzision und eine große dynamische Bandbreite abzufordern.

Der neue Generalmusikdirektor Roman Kofman, dessen musikalische Aktivität sich bisher auf den philharmonischen Bereich konzentrierte, bewies wenig Gespür für die Erfordernisse des jungen Verdi, der reichlich allgemein, unraffiniert und durch manche Unsauberkeit entstellt aus dem Graben tönte, und auch das wenig überzeugende Hervorheben einzelner Stimmen, die den Spielfluss erheblich hemmenden Generalpausen, die insgesamt zu trägen und gleichermaßen willkürlich wie ruppig geänderten Tempi und der bei weitem nicht störungsfreie Kontakt zur Bühne im Allgemeinen und zu den Solisten im Speziellen rechtfertigte nicht den Jubel, der ihm am Ende wie den meisten Beteiligten in so übertriebenem Maße entgegenschlug.


FAZIT

Die Generalintendanz von Klaus Weise beginnt im Opernhaus mit einer überladenen, unausgegorenen und nur in wenigen Szenen wirklich überzeugenden, auch musikalisch mit Ausnahme der Interpreten der Lady, des Banco und des Chores wenig Glanzlichter aufweisenden Produktion, die eine längere Anfahrt kaum lohnt.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Roman Kofman

Inszenierung
Vera Nemirova

Bühne und Kostüme
Hans-Joachim Schlieker

Licht
Thomas Roscher,
Helmut Bolik

Choreinstudierung
Sibylle Wagner

Dramaturgie
Jens Neundorf
von Enzberg



Opern-, Extra- und
Kinderchor des
Theater Bonn


Beethoven Orchester
Bonn


Solisten

* Premierenbesetzung

Macbeth
Peter Danailov

Banco,
Feldherr des Königs
Andrej Telegin/
Martin Tzonev*

Lady Macbeth
Cynthia Makris/
Iano Tamar*

Kammerfrau der
Lady Macbeth
Ute Hallaschka/
Julia Kamenik*

Macduff,
schottischer Edler
Timothy Simson

Duncan, König
von Schottland

Hans-Jürgen Moll

Malcolm,
Duncans Sohn
Eric Laporte/
Mark Rosenthal*

Fleanzio,
Bancos Sohn
Jonas Waldow

Ein Arzt
Algis Lunskis/
Kamen Todorov*

Zwei Diener Macbeths
Johannes Flögl/
Gintaras Tamutis

Ein Mörder
Guido Scheer

Ein Herold
Gintaras Tamutis

Erscheinung
David Hidalgo



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