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Don Carlo

Opera in quattro atti
Libretto von Joseph Méry und Camille du Locle
Italienische Fassung von Achille de Lauzières und Angelo Zandarini
Musik von Giuseppe Verdi

In deutscher Sprache mit niederländischen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 3h 15' (eine Pause)

Premiere in Het Muziektheater Amsterdam
am 3. Juni 2004

Besuchte Vorstellung: 6. Juni 2004


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De Nederlandse Opera
(Homepage)
Deckersche Dichte für Don Carlo

Von Thomas Tillmann / Fotos von Hans van den Bogaard



Mit einer kammerspielartig-tiefgründigen, ungemein dichten wie ruhigen, ohne Spektakuläres oder Provokantes auskommenden, sondern auf schlichte, ausdrucksstarke, sehr ästhetische Bilder und eine durchdachte Personencharakterisierung und -führung setzenden Produktion der vieraktigen italienischen Fassung des Don Carlo, in der die Mitwirkenden erfreulicherweise mitunter auch einfach nur stehen und beseelt singen dürfen, ohne dass man altmodische Rampensteherei vergangener Tage assoziieren würde, meldete sich Willy Decker an der Amsterdamer Oper zurück, wo er im Januar aus gesundheitlichen Gründen nur den ersten Akt einer Neuinszenierung des Rosenkavalier hatte fertig stellen können.

Vergrößerung Don Carlo (Rolando Villzón) stellt sich vor das von der Inquisition geschundene Volk (Chor von De Nederlandse Opera).

In Verdis Oper sieht Decker die Krise eines Vaters und Königs reflektiert, der keinen Ausweg mehr findet aus seinem inneren Gefängnis und damit hin zu den Menschen, mit denen er lebt, aber auch die Tragödie eines Sohnes, der zugrunde geht an einer vergifteten Atmosphäre von Unfreiheit und Lebensfeindlichkeit. Hintergrund ist ein zentrales Macht- und Ordnungsprinzip: Alle Macht im Himmel, auf der Erde, im Staat und in der Familie geht von einem strengen, strafenden Vater aus, dem totaler Gehorsam geschuldet wird und der sogar bereit ist, seinen eigenen Sohn zu opfern. Der König leitet sein Recht auf unbegrenzte Herrschaft von dieser göttlich-patriarchalen Ordnung ab, in der die Trias Glaube - Liebe - Hoffnung allein auf Gott bezogen wird, weg vom Menschen, weg vom Leben, sondern allein auf die Ewigkeit, auf Gott konzentriert wird. Eben diese Weltordnung wird von Carlo und Posa insofern gestört, als sie den Begriff Glaube durch den der Freiheit ersetzen: Freiheit wird zum Fundament für alles andere. Die Freunde wenden sich dabei nicht gegen Gott an sich, sondern gegen Filippos Gottesbild: Für sie ist Gott derjenige, der sich in Christus offenbart hat, der selber Rebell ist, für den der Mensch im Mittelpunkt steht. Und so lehnen sie sich gegen die Herrschaft ausübende, unterdrückende Vaterfigur auf und kämpfen für eine brüderliche Gemeinschaft der Menschen. Es berührt, wenn Posa für Carlo die Sarkophagwand öffnet und ihm den Blick frei macht für den blauen Himmel, der für die Freiheit steht, wenn das Volk sich während des Autodafé in seiner Not auf Carlo stürzt und ihn als Hoffnungsträger auf den Schultern dem strengen Vater entgegenträgt, wenn Carlo eine Menschenkette initiiert, die sich auf die Mönche zu bewegt, wenn Carlo am Ende der Szene allein zurück bleibt, das Kreuz aufgerichtet wird und der Infant mit Christus identifiziert wird.

Vergrößerung

Rodrigo (Dwayne Croft, Mitte) nimmt während des Autodafés seinem Freund Carlo (Rolando Villazón, rechts) das Schwert ab, mit dem er seinen Vater (Robert Lloyd, links) bedroht.

Beeindruckend in seiner kalten Grandeur und schlichten Eleganz in hellen Grauentönen und edler Marmoroptik gerät das von Wolfgang Gussmann entworfene "Pantheon de los Reyes" mit seinen sich in den Bühnenhimmel verlierenden Sarkophagwänden, hinter denen der König die Gebeine seiner auch namentlich erwähnten königlichen Vorfahren und andere Reliquien sammelt. Filippo hat ein beinahe erotisches Verhältnis zum Tod, der gleichzeitig auch seine stärkste Waffe ist; seine berühmte Arie singt er zusammengekauert auf dem eigenen Sarg, der schon bereit steht. Fast verloren und ungeheuer verkrampft in seiner Körperhaltung wirkt Carlo in diesem Ambiente bei seinem ersten Auftritt, wenn er flehend vor seinem Vater steht, vergeblich sich nach einem Funken Zuneigung verzehrend. Filippo unterdrückt Carlo nicht nur politisch, indem er ihm die Thronfolge vorenthält, sondern auch menschlich, indem er ihm die Liebe seines Lebens raubt. Und so wirken die beiden schon in der ersten Szene wie Gegner in einem Kampf auf Leben und Tod; aber natürlich ist Filippo der Stärkere und führt dem Sohn autoritär die Hand, bevor er ihn zu Boden zwingt (am Ende ersticht sich Carlo und hängt sich mit letzter Kraft an den Hals des hartherzigen Vaters). Dass Filippo im Dialog mit dem Großinquisitor ähnlich unterwürfige Gesten einnimmt wie Carlo zu ihm selber, unterstreicht Deckers Erkenntnis, dass auch der König ein "hulpeloos slachtoffer" väterlicher Unterdrückung ist. Alles, was das Christentum ursprünglich ausgemacht hat, ist bei dem Geistlichen, an dem nichts Menschliches mehr zu erkennen ist, ins Gegenteil verkehrt (im Programmheft wird er als "monstrueuze mensenslachter" bezeichnet, dem Werte wie Barmherzigkeit, Nächstenliebe und Mitleid völlig fremd sind), was szenisch dadurch umgesetzt wird, dass er statt eines Stocks ein Kreuz als Gehhilfe benutzt. Die kirchliche Macht, für die er steht, symbolisiert auch das überdimensionale Kruzifix, das sich von oben ins Bild schiebt und das solche Ausmaße hat, dass nur die Füße des Gekreuzigten zu sehen sind.

Vergrößerung Filippo II (Robert Lloyd) zelebriert seine Todessehnsucht und ist sich sicher, dass Elisabetta ihn nie geliebt hat.

Nicht nur dekorative Funktion haben in dieser Inszenierung auch die edlen, historisierenden Roben von Wolfgang Gussmann und Susana Mendoza: In Carlos, Posas und Elisabettas Kostümen ist das kühle Hellgrau des Bühnenbilds wieder aufgenommen, und so erscheinen diese Figuren noch mehr als Filippos Opfer, der ebenso wie die Hofschlange Eboli in schwarz gewandet ist, die zudem als einzige ein weit dekolletiertes Kleid tragen darf. Dass die beiden Frauenfiguren und ihr Schicksal ansonsten ziemlich blass bleiben, ist einer der wenigen Schwachpunkten des Konzepts.

Auch musikalisch war dieser Nachmittag ein hochkarätiger, der an anderen Häusern allein wegen der Besetzung Galapreise und superlativgespickte Pressemitteilungen ausgelöst hätte.

Mit großer Spannung war vor allem Rolando Villazóns Rollendebüt in der Titelpartie erwartet worden, dessen erste Solo-CD mit italienischen Arien sich zur Zeit so hervorragend verkauft. Der junge Mexikaner ist zweifellos ein involvierter, intensiver Darsteller, der die Anweisungen des Regisseurs umzusetzen und sich auf der Bühne als um väterliche Liebe buhlender, nach Freiheit für sich und Flandern sich verzehrender Heißsporn zu bewegen weiß, man gerät auch ins wohlige Seufzen angesichts des wirklich attraktiven, interessanten, herrlich warmen, dunklen Timbres der zu wunderbaren Piani und messa-di-voce-Effekten fähigen Ausnahmestimme, aber man überhört dabei auch nicht, dass es dieser an Metall und Durchschlagskraft, an heldischem Strahlen in der Höhe nicht nur in den großen Tableaux fehlt und dass sie insgesamt einfach noch zu klein ist für eine Spintopartie, mit der der Tenor sich doch auch gut noch ein paar Jahre hätte Zeit lassen können.

Schade, dass Dwayne Croft sich nach überzeugendem Beginn vor dem zweiten Teil als indisponiert entschuldigen lassen musste, was angesichts einiger weggebrochener Töne vor der Pause dennoch eine richtige Entscheidung war; zu welchen Leistungen der Bariton als Posa fähig sein muss, ahnte man trotzdem nicht nur während der wirklich bewegenden Todesszene. Mit immer noch intakter Stimme und beeindruckenden Ausdrucksmitteln sang Robert Lloyd, seit 1972 principal bass des Royal Opera House Covent Garden in London, einen zwischen unerschütterlicher Strenge und innerer Gebrochenheit zerrissenen, tief traurigen Filippo II, zu dem auch einige raue und in der oberen Lage nicht immer ganz einfach erreichte Töne glänzend passten. Einen gleichermaßen größte Autorität ausstrahlenden Gegenspieler hatte er in Jaakko Ryhänen (in der vor kurzem herausgekommenen Naxos-Aufnahme singt er noch den König), der auch einige schüttere Töne und charaktervolle Nebengeräusche in sein eindringliches Portrait des Repräsentanten eines pervertierten Christentums zu integrieren verstand.

Vergrößerung

Die kirchliche Macht, repräsentiert durch den Großinquisitor (Jaakko Ryhänen), hat die weltliche in Gestalt Filippo II. (Robert Lloyd) einmal mehr in die Knie gezwungen.

Bedauerlicherweise sang Violeta Urmana, die in Amsterdam schon als Amneris und Kundry sowie konzertant als Adalgisa in einer konzertanten Aufführung der Norma im Concertgebouw zu erleben war, in dieser Aufführungsserie zum letzten Mal die Eboli. Als intrigante Prinzessin kam sie auch in dieser Vorstellung der Perfektion sehr nahe, zumal sie in den letzten Jahren als Interpretin des gesungenen Wortes dazu gewonnen hat (die subtilste Actrice dagegen war sie nie): Da ist die immer noch satte, nie vulgär gebrustete Tiefe, die Präzision, mit der sie die Canzone bewältigt, für die sie noch immer den angemessen leichten Ton hat und in der man ja sonst gern auch hochindividuelles Gejodel zu hören bekommt, da ist ein sensationelles "O don fatale" (das Decker überzeugend als Bitte anlegt, die in Elisabettas Gegenwart formuliert wird) und vieles mehr an weniger prominenten Stellen. Die recht metallische Höhe indes klingt für mein Empfinden nach wie vor wie die eines echten Mezzosoprans und hat eben nicht die Farbe eines Soprans, allen apologetischen Äußerungen der Sängerin zum Trotz, mit denen sie den Fachwechsel so vehement verteidigt. Im Jahre 2006 wird die Künstlerin, die in ihrer litauischen Heimat als Sopran begonnen hatte und seit Juni 2003 wieder ausschließlich Sopranpartien wie Maddalena di Coigny, Lady Macbeth, Isolde und Gioconda singt (Debüts als Leonora in La forza del destino, Tosca, Norma, Amelia in Verdis Un ballo in maschera und Ariadne sind angekündigt), zum ersten Mal die Elisabetta interpretieren.

Vergrößerung Elisabetta (Amanda Roocroft) ist entsetzt, dass sich ihre Schmuckschatulle, in der sie nicht zuletzt ein Portrait des Infanten hütet, in den Händen des Königs (Robert Lloyd) befindet.

Deutlich schwächer präsentierte sich Amanda Roocroft, die zwar das Kostüm der Elisabetta di Valois (übrigens der einzigen blonden Frau am Hof und schon durch dieses Detail als Außenseiterin am spanischen Hof charakterisiert) trug, deren reifer, wahrlich nicht dramatischer Sopran aber wenig für die Partie mitbringt: Besonders mit der engen, steifen, ältlich und forciert klingenden, mitunter auch arg scharf werdenden oder unruhig flackernden Höhe konnte ich mich nicht anfreunden, aber auch der lange Anlauf, der zum Erreichen der wenigen Acuti nötig war, der veristische Angang tieferer Töne und das zittrige, ausgebleichte Piano in der großen Arie waren meine Sache nicht, zumal all dies nicht durch eine packende Interpretation ausgeglichen wurde.

Als Frate ließ Giorgio Guiseppini eine etwas hohle Höhe und eine satte Tiefe hören - mehr von ihm gibt es in der nächsten Saison zu erleben, wenn er an der Seite von Nelly Miricioiu in der Neuproduktion der Norma den Oroveso geben wird. Keinen bleibenden Eindruck hinterließ Marisca Mulder als Tebaldo, während Cinzia Fortes Sopran zwar als "voce dal cielo" zu hören war, wohl aber kaum als solche zu bezeichnen ist. In fantastischer Form präsentierte sich dagegen der Koor van De Nederlandse Opera in der Einstudierung von Winfried Maczewski, der besonders im Autodafé ungeheuer homogen und tonschön sang.

Vergrößerung

Prinzessin Eboli (Violeta Urmana, links) gesteht der Königin (Amanda Roocroft, rechts) ihre schändliche Intrige.

Nachdem man beim Rosenkavalier im Januar bereits von Edo de Waart als Chefdirigent der DNO hatte Abschied nehmen müssen, wird auch Riccardo Chailly dem Koninklijk Concertgebouworkest, das er seit 1988 geleitet hatte, nur noch als Conductor emeritus zur Verfügung stehen. Der designierte Gewandhauskapellmeister und Generalmusikdirektor der Oper Leipzig setzte grundsätzlich auf eher ruhige, aber nie spannungsarme Tempi, die hervorragend zum Erzählduktus der Inszenierung passten, verantwortete einen wunderbar warmen, sonoren, ja "saftigen" Orchesterklang und förderte viele schöne Details zutage, ohne sich ihnen zu verlieren oder dabei die Belange der Bühne aus den Augen zu verlieren.


FAZIT

Trotz kleiner Einschränkungen hatte ich an diesem Nachmittag in Amsterdam nach langer Zeit wieder einmal das Gefühl, einer Opernvorstellung beizuwohnen, die enthusiastische Zuschauerreaktionen angemessen erscheinen ließ.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Riccardo Chailly

Inszenierung
Willy Decker

Bühne
Wolfgang Gussmann

Kostüme
Wolfgang Gussmann
Susana Mendoza

Licht
Hans Toelstede

Choreinstudierung
Winfried Maczewski

Dramaturgie
Klaus Bertisch



Koor van
De Nederlandse Opera

Koninklijk
Concertgebouworkest


Solisten

Filippo II
Robert Lloyd

Don Carlo
Rolando Villazón

Rodrigo
Dwayne Croft

Il grande inquisitore
Jaakko Ryhänen

Un frate
Giorgio Giuseppini

Elisabetta di Valois
Amanda Roocroft

La principessa d'Eboli
Violeta Urmana

Tebaldo, paggio
d'Elisabetta

Marisca Mulder

La contessa
d'Aremberg
Maartje de Lint

Il conte di Lerma
Kristian Benedikt

Un araldo reale
Rudi de Vries

Una voce dal cielo
Cinzia Forte

Deputati fiamminghi
Peter Arink
Bas Kuijlenburg
Serge Novique
Thomas Oliemans
Mitchell Sandler
Jordan Shanahan





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