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Musiktheater
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Macbeth

Melodramma von Giuseppe Verdi
Libretto von Francesco Maria Piave und Andrea Maffei
Zweitfassung von 1865

In italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 2h 50' (eine Pause)

Premiere im Großen Haus des Hessischen Staats-
theaters Wiesbaden am 16. November 2002


Homepage

Hessisches
Staatstheater
Wiesbaden

(Homepage)
Der alte Wolf wird langsam grau

Von Thomas Tillmann / Fotos von Martin Kaufhold



Wann hat man je erlebt, dass Dietrich Hilsdorf vor dem Vorhang nicht mit wütenden Missfallensbekundungen, sondern mit freundlich-höflichem Applaus und nur vereinzelten Bravorufen empfangen wurde? Anders als bei früheren Verdi-Interpretationen war dem Meister der Provokation aber auch nicht viel Verstörendes eingefallen; der bereits beim Betreten des Zuschauerraums beleuchtete Prospekt mit dem gemalten wolkenverhangenen Himmel Schottlands war da symptomatisch.

Vergrößerung

Lady Macbeth (Barbara Schneider-Hofstetter) liest noch einmal nach, dass ihr Gatte (hinten: Raimo Laukka) nun zum Than von Cawdor aufgestiegen ist.

Offenbar inspiriert von einem Shakespeare-Sonett bringt der Regisseur Macbeth und seine Frau als ein Paar auf die Bühne, dass sich nach jahrelanger Kinderlosigkeit durch übernatürliche Kräfte zum lang ersehnten Nachkommen verhelfen lassen will. Mit Hilfe einer Kammerfrau, die in dieser Produktion stark aufgewertet wird und anders als in der Partitur vorgesehen große Passagen des Hexenchores mitzusingen hat, konnte die Verbindung zu geheimnisvollen Frauen von den Rändern der Gesellschaft hergestellt werden: Wahrsagerinnen, Hebammen mit zweifelhaftem Ruf, Verrückte, Ausgestoßene und Huren (im Programmheft erfahren wir, dass die Hebamme, die weise Frau, die "gute" oder "weise" Hexe, wahrscheinlich ein und dieselbe Person war, bevor sich in den mittelalterlichen Städten eine geregelte medizinische Versorgung etabliert hatte).

Vergrößerung Die Hexen besuchen Banco (Guido Jentjens) und Macbeth (Raimo Laukka), und auch die Lady (Barbara Schneider-Hofstetter, hinten) spitzt die Ohren.

Hilsdorf reflektiert zweifellos das Interesse des Komponisten am sogenannten "genere fantastico", das mit Beschwörungs-, Nachtwandel- und Hexenszenen die romantische Faszination am Übersinnlichen und Phantastischen auf die Opernbühne übertrug. Besonders gefährlich oder bizarr wirken diese "Hexen" in den vorwiegend schwarzen, zeitlosen Kostümen der vielbeschäftigten Renate Schmitzer freilich nicht, auch wenn einige ihre nackten oder aus Stoff gefertigten Brüste (oder mehr) in dem mit seinen schlecht verputzten Wänden ziemlich modrig wirkenden, ständig in dicken Bühnennebel gehüllten Palast präsentieren - das scheint nicht einmal mehr ein Premierenpublikum im schmucken Staatstheater aufzuregen, ebenso wenig wie es das Auffahren des an schlechte Halloween-Partys erinnernden Plunders beim Brauen des Trankes im dritten Akt das Fürchten lehrte.

Vergrößerung Macbeth (Raimo Laukka) bekommt im Spiegel die Banco-Sippe auf dem Königsthron vorgeführt (Statisterie des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden).

In einem von einer rätselhaften farbigen Schönheit im Paillettenkleid hingehaltenen Spiegel erblickt Macbeth die endlose Nachkommenschaft Bancos (bedeutungsschwanger segeln sieben schwarze Federn auf die Szene hinab, ansonsten wird diese mitunter so suggestiv gestaltete Szene völlig verschenkt), während seine Frau, die sich eben noch im roten Umstandskleid als Animateuse auf der Krönungsfeier verausgabt hatte, unterstützt von drei nackten, theaterblutverschmierten Statistinnen in dem allgegenwärtigen Bett, in dem sie aufstiegsfördernd auch mit König Duncan geschlafen hat und in dem sie wie ihr Mann sterben wird, ein totes Kind zur Welt bringt. Trauer und Verzweiflung können nun natürlich erst recht nur durch neues Morden und Gewalt kompensiert werden. Einleuchtend ist diese Motivation der Machtbesessenheit der Macbeths schon, doch abendfüllend ist sie keineswegs, zumal Hilsdorf an zu vielen Stellen in einen an Horrorfilme erinnernden Realismus verfällt, der hinsichtlich der "special effects" aber nicht das nötige Niveau hat, um nicht provinziell oder gar lächerlich zu wirken. Nur ganz am Schluss blitzt dann noch ein wenig von Hilsdorfs gewohntem Ideenreichtum auf: Der vom Schicksal so sehr geschlagene Macduff wird auch noch schnell umgebracht, was den historisch wohl gesicherten Umstand reflektieren mag, dass die Gewalt nach Macbeths Tod keinesfalls ein Ende fand, sondern sich eine äußerst konfuse Zeit der raschen Thronfolge in Schottland anschloss, und die Fackeln in den Händen der Mannen Malcolms, die in Richtung Hexen ausgestreckt werden, spielen auf zukünftige Verbrennungen dieser gefürchteten Spezies an.

Vergrößerung

Macbeth (Raimo Laukka) berichtet der Lady (Barbara Schneider-Hofstetter), die inzwischen ein totes Kind zur Welt gebracht hat, von den letzten Prophezeiungen der Hexen.

Insgesamt aber geraten die Personenführung und die Zeichnung der Figuren bei dieser Neuproduktion, die wie geschaffen scheint für die Maifestspiele, bei denen sich Stargäste nach kürzester Einweisung in ihre Aufgaben einfinden werden, ausgesprochen konventionell und eindimensional. Hilsdorfs neue Arbeit wirkt einfach nicht besonders inspiriert, obwohl sie natürlich immer noch besser ist als manch andere Inszenierung, die von ihm beeinflusste Regisseure sich teuer bezahlen lassen, aber man erwartet einfach mehr als diese brav, aber nicht wirklich eindringlich erzählte Geschichte. Wie spannend man dieses frühe Meisterwerk Verdis heute auf die Bühne bringen kann, hat etwa Robert Carsen in Köln bewiesen.

Vergrößerung

Die schwangere Lady (Barbara Schneider-Hofstetter) versucht verzweifelt beim Bankett die Stimmung zu retten, Macbeth (Raimo Laukka) und die übrigen Gäste (Chor, Extrachor und Statisterie des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden) lauschen andächtig.

Barbara Schneider-Hofstetters hochgetriebener, sehr individueller timbrierter, in Tiefe und Mittellage üppiger, in der auf merkwürdige, riskante Weise erreichten Höhe viel schlankerer, metallischerer (Mezzo-)Sopran ist natürlich ideal für die Partie der Lady, deren beträchtliche virtuose Anforderungen sie souveräner meisterte als manch andere Hochdramatische selbst in Studioaufnahmen, so dass man über einzelne zu tief geratene Acuti zu Beginn, störende Vokalverfärbungen und kleinere rhythmische Freiheiten hinwegsehen mochte. Natürlich hatte die überaus involvierte, auch in den Ensembles stets dominierende Künstlerin Verdis Anweisungen zur Rollengestaltung verinnerlicht und viel Augenmerk auf eine expressive Textgestaltung gelegt (offenbar so sehr, dass sie in der "gran scena di sonnambulismo" einen wichtigen Einsatz verpasste), und auch das keinesfalls fakultative, sondern notierte Des in alto am Ende bewältigte sie problemlos in der vom Komponisten vorgesehenen Weise (also "fil di voce").

Vergrößerung Macbeth (Raimo Laukka) hat König Duncan getötet.

Raimo Laukka fand in der Titelpartie einen guten Ausgleich zwischen kraftvollem Schöngesang und differenzierter, nie auf vordergründige außermusikalische Effekte setzender Deklamation und lieferte ein nuancenreiches Portrait dieser von Anfang als gebrochen gezeichneter, nicht nur sexuell von seiner Frau abhängigen Frau. In der Romanze des vierten Aktes allerdings machten sich erste Ermüdungserscheinungen der besonders in der Tiefe voluminösen, nun aber in allen Lagen raue, heisere Nebengeräusche aufweisenden Stimme bemerkbar. Dem eigentlich nur in der Höhe sehr präsenten, wenig persönliche Farbe besitzenden, recht leichten Bass von Guido Jentjens fehlt es für mein Empfinden am nötigen Fundament in der Tiefe und der "Schwärze", um sich in den gemeinsamen Szenen von Macbeths Bariton abzuheben. Mauro Nicoletti, der doch im Februar diesen Jahres noch einen mehr als anständigen Dick Johnson gesungen hatte, enttäuschte mit weinerlich-ersticktem Ton und vager Intonation in der selbst vom Komponisten als undankbar beschriebenen Rolle des Macduff. Verdi hatte ja in einem seiner zahllosen Briefe sogar nur von drei Hauptrollen gesprochen, wobei ich zu bezweifeln wage, dass der Komponist damit in weiser Voraussicht den Einsatz solch überforderter Comprimari rechtfertigen wollte (den besten Eindruck hinterließen da noch die Mitglieder der Mainzer Domsingknaben), wie sie an diesem Abend besetzt waren.

Vergrößerung Macduff (Mauro Nicoletti) tötet zum Entsetzen der undurchsichtigen Kammerfrau (Romana Vaccaro) zwar Macbeth (Raimo Laukka), weiß aber noch nicht, dass auch seine letzte Stunde bald geschlagen hat.

Als gut einstudiert und engagiert erwiesen sich erwartungsgemäß besonders die Damen des verstärkten Chores des Staatstheaters (die dritte Hauptrolle eben), dessen Orchester Wolfgang Ott mit aufmerksamem Blick für die Belange der Solistinnen und Solisten vorstand. Insgesamt könnte man sich aber eine weniger kontemplative, packendere, rhythmisch aggressivere Interpretation vorstellen, die zudem - und dies gilt besonders für den zweiten Teil - weniger Spielfehler aufweisen würde, auch wenn diesmal das peinliche Niveau des Fidelio vom letzten April nicht erreicht wurde.



FAZIT

Eine Neuproduktion, die szenisch hinter den mit dem Namen des Regisseurs verbundenen Erwartungen zurückbleibt und auch musikalisch trotz einzelner Höhepunkte manche Schwachstelle offenbart.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Wolfgang Ott

Inszenierung
Dietrich Hilsdorf

Bühnenbild
Dieter Richter

Kostüme
Renate Schmitzer

Choreinstudierung
Thomas Lang

Einstudierung Mainzer
Domsingknaben
Prof. Mathias Breitschaft

Dramaturgie
Bodo Busse



Chor und Extra-Chor
des Hessischen
Staatstheaters Wiesbaden

Hessisches Staats-
orchester Wiesbaden

Statisterie und Kinder-
statisterie des Hessischen
Staatstheaters Wiesbaden


Solisten

* Premierenbesetzung

Macbeth
Raimo Laukka*/
Hannu Niemelä

Lady Macbeth
Barbara Schneider-Hofstetter

Kammerfrau der
Lady Macbeth
Romana Vaccaro

Banco
Guido Jentjens*/
Tom Mehnert

Macduff
Mauro Nicoletti

Malcolm, Sohn des
Königs Duncan

Axel Mendrok

Duncan, König von
Schottland

Gordon Adam

Ein Arzt
Florian Plock

Ein Diener
Martin Stoschka

Ein Mörder
André Uelner

Erscheinungen
John D. Holyoke
Johannes Both**
Frederik Bak**

** Mitglied der
Mainzer Domsingknaben




Weitere Informationen
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Hessischen
Staatstheater
Wiesbaden

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Da capo al Fine

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