|
Veranstaltungen & Kritiken Musiktheater |
|
|
|
|
Freiheit für Eurydike
Von Silvia Adler / Fotos von Milena Holler
Unerhört, herrlich, geistvoll, charmant , urteilte die zeitgenössische Presse über Jacques Offenbachs 1858 uraufgeführten Orpheus in der Unterwelt. Mit hintergründigem Humor und frechem Sarkasmus stellte der brillante Spötter die antike Mythologie auf den Kopf und wirbelte die Götterwelt des Olymp mächtig durcheinander. Im antiken Gewand nimmt die scharfzüngige Satire die moralisch in Verruf geratenen Autoritäten des zweiten französischen Kaiserreichs ins Visier. Respektlos und bissig wird mit bigotter Moral und hohlen Pathos der Zeit Napoleons III. abgerechnet. Die Wuppertaler Inszenierung von Jakob Peters-Messer verzichtet bewusst darauf, die gesellschaftspolitischen Anspielungen zu aktualisieren, um sie in unsere Zeit herüber zu retten. Dem Regisseur geht es vor allem um den Gegensatz von Sein und Schein, um das Bloßlegen von Fassaden sei es in Gesellschaft, Politik oder auch nur in der privaten Zweierbeziehung. Schauplatz der Inszenierung ist die moderne Spaßgesellschaft mit ihrem fatalen Hang, Persönlichkeit durch Image und bloßes Styling zu ersetzen. Unterstützt wird das Regie-Konzept von der pointierten, auf das Wesentliche konzentrierten Text-Neufassung von Christian Baier. Auch er betrachtet die satirische Erfolgsoperette vor allem als einen Diskurs über menschliche Verhaltensmuster, die sich bis heute nicht geändert haben.
Langeweile im Olymp: Vielleicht gibt es in dieser Richtung 'ne tolle Party. Pluto (in Rot) jedenfalls scheint Herr der Lage.
Im Hause des Geigenvirtuosen Orpheus herrscht Rosenkrieg. Während er seinen begabten Studentinnen Privatstunden gibt, tröstet sich seine Frau Eurydike mit dem Schäfer Aristeus. Ausgerechnet den hat Orpheus als Killer engagiert, um sich seiner verhassten Gattin zu entledigen.. Aristeus entpuppt sich jedoch als der Gott Pluto, der seine eigenen Ziele verfolgt und Eurydike kurzerhand in den Hades entführt. Den frischgebackenen Witwer kümmern solche Details indes wenig. Hauptsache er hat wieder freie Bahn. Alles könnte so schön sein wenn nur die öffentliche Meinung nicht wäre, die ihn zwingt, Eurydike vom Göttervater persönlich zurück zu fordern. Doch auch Jupiter hat mit seiner eifersüchtigen Frau Juno nichts als Ärger. Längst hat man sich auseinander gelebt. Die Stimmung in der Götterfamilie ist vergiftet. Außerdem herrscht im Olymp gähnende Langeweile. Ein Ausflug in den Hades, um nach Eurydike zu suchen, erscheint allen als willkommene Abwechslung. Doch auch die Unterwelt ist nicht mehr, was sie einst war: Eurydike rekelt sich gelangweilt im roten Separee. Sie fühlt sich von Pluto vernachlässigt. Das Mätressen-Dasein hat sie längst satt. Immerhin verspricht der als Fliege verkleidete Jupiter, sie im nächsten Partygetümmel in den Olymp zu entführen. Doch aus der Entführung wird nichts und auch die Schummerlicht-Party erweist sich als einziger Flop. Als sie auf Druck der Öffentlichen Meinung auch noch ihrem Mann zurückgegeben werden soll, hat Eurydike genug. Sie tritt auf einen geheimen Mechanismus und verschwindet.
Jupiter dagegen versucht sein Liebesglück im Insektenkostüm und umschwärmt Eurydike.
Die Götterwelt macht lange Gesichter. Um die mythologische Situation zu retten, inszeniert die Öffentliche Meinung schließlich ein großes Finale für die Sterblichen. Obgleich die Inszenierung ihre ästhetischen Mitteln äußerst sparsam einsetzte, erzielte besonders das auf einfachen Farbkontrasten beruhende Bühnenbild von Markus Meyer eine große Wirkung. Auch die einfallsreiche Personenregie, die sich vor allem auf die Paarkonstellationen konzentrierte, bot den Sängern ein gute Vorlage. Leider wussten sie diese nicht immer zu nutzen. Auch die Impulse des präzise und zupackend musizierenden Orchesters unter Leitung von Martin Braun wurden auf der Bühne nur selten aufgegriffen. Besonders der erste Akt wirkte erstaunlich blutleer. Den Dialogen fehlt es an Temperament; die Gesangsnummern blieben überwiegend blass. Ohne wirklich Überzeugungskraft plätscherten sie meist in verhaltenem Mezzopiano dahin. Viel zu vorsichtig klangen vor allem Pieter Roux als Orpheus und Edgardo Zayas als Pluto. Auch die koloratursichere Elena Fink als Eurydike nahm sich in den Dialogen häufig zu sehr zurück. Einzig Tina Hörhold durchbrach mit ihrem vollen aber schlank geführten Mezzosopran das wenig inspirierende Einheits-Piano.
Hab' ich dich: Hier hat Jupiter Eurydike bereits fest im Griff.
Dass die sich die Aufführung nach der Pause deutlich steigern konnte, lag neben der hervorragenden stimmlichen Leistung von Elena Fink und der plötzlich aufflammenden Spielfreude des übrigen Ensembles vor allem am herrlich grotesken Auftritt Arthur Friesen, der als im bizarren Fliegenkostüm auf die erotisch ausgehungerte Eurydike einfach unwiderstehlich wirkte. Etwas gewollt erschien hingegen der Schluss. Die Idee, Eurydike in ein selbstbestimmtes, emanzipiertes Leben zu entlassen, mag löblich erscheinen, zu Offenbachs frechem doppelbödigen Humor passte sie jedoch nicht. Leider verdarb der bedeutungsschwere Ausflug ins Regietheater die gerade aufkommende Partystimmung.
Verhaltene Töne im Olymp auch im Hades will trotz einiger musikalischer Höhepunkte keine echte Champagnerlaune aufkommen.
|
Produktionsteam
Musikalische Leitung
Inszenierung
Bühnenbild
Kostüme
Licht
Dramaturgie
Chor
Choreographie
SolistenOrpheusPieter Roux
Pluto
Jupiter
Styx
Merkur
Mars
Eurydike
Juno
Diana
Juno
Diana
Venus
Cupido
Öffentliche Meinung
Höllenhunde
Tänzerinnen
|
© 2002 - Online Musik Magazin
http://www.omm.de
E-Mail: oper@omm.de