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L'anima del filosofo,
ossia Orfeo ed Euridice

Dramma per musica in vier Akten von Joseph Haydn


In italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Premiere im Operhaus Wuppertal
am 15. Februar 2003

Koproduktion der Wuppertaler Bühnen mit den Schwetzinger Festspielen


Homepage

Wuppertaler Bühnen
(Homepage)
Sichtbar überdreht
Haydns Orpheus-Oper leidet in Wuppertal unter Einfallsüberfülle

Von Tilman Lücke / Fotos von Milena Holler



Männer gucken irgendwie anders. Eurydice jedenfalls kann da diverse Lieder von singen. Vorsichtshalber flüchtet sie ins Dunkel der Wälder, um dem männlichen Blick des ungeliebten Aristaios zu entgehen. Mit dem soll sie nämlich verheiratet werden, aber sie liebt doch nur Orpheus, den Mann, der so schön singen kann! Also ab in den Wald, aber dort drohen die wilden Damen und Herren des Chores als Waldgespenster, die auch ganz schön böse sind - vielleicht wegen der von Regisseur Achim Freyer verordneten Masken, die sie aussehen lassen wie Werbeträger der Kartoffelindustrie. Ob sie auch "Esst mehr Kartoffeln!" singen, ist leider wegen der Masken nicht zu verstehen (warum nicht - schließlich arbeitet Haydn 1791 im Mutterland von Fish&Chips an dieser, seiner letzten Oper). Wirklich gefährlich sind die Wilden jedenfalls nicht, schließlich sehen sie nichts in diesen Masken, und im Orpheus-Mythos töten bekanntlich Blicke, nicht Gegrummel hinter Pappmaché.

Vergrößerung in neuem Fenster Eurydice (Elisabeth Scholl) und die Waldgespenster.

Klangbeispiel Klangbeispiel: Aus dem 2. Akt:
Eurydice (Elisabeth Scholl)
(MP3-Datei)


Vereinfacht gesagt: Am Chor entscheidet sich, ob eine Produktion von L'anima del filosofo gelingt - weil der Chor musikalisch und dramatisch so überdurchschnittlich bedeutsam ist in dieser Oper. Achim Freyer gelingen durchaus starke Bilder, weil er die Rolle des Chores als Gegenspieler und Katalysator der Handlung aus der antiken Tradition heraus versteht: Hinter einer hohen Balustrade, die das halbrunde Spielfeld begrenzt, steht der Chor und gestikuliert, wägt ab, interagiert - da tauchen blutige Hände auf und werden Fäuste geballt. Meistens recht geschmackssicher und überzeugend bis in die Details der Ausstattung. Völlig daneben nur die Bacchantinnen, die am Schluss der Oper Orfeo vom rechten Weg abbringen sollen: Die schwarzhaarigen Weibermonster sind behängt mit roten Schaumstoffkegeln jenseits irdischer Körbchengröße und ihre Nachthemden sind auch noch mit roter Ersatzflüssigkeit beschmiert. Im Zuschauer wächst der Wunsch nach Monatshygiene, die Spaß macht.

Vergrößerung in neuem Fenster

Die Bacchantinnen wollen Orfeo (Raphael Pauß) vom rechten Weg abbringen.

Das kommt davon, wenn Achim Freyers Theatereinfallmaschine auf Hochtouren läuft, ein Einfall den nächsten jagt. Man versteht, warum er das macht: Er will erst gar keine Fremdheit des Publikums aufkommen lassen in der fernen Barockwelt. Doch irgendwann ist das Auge satt und mag nicht mehr hinschauen. Doch Orpheus ist ja wohl derjenige, dem gucken verboten ist, oder?

Vergrößerung in neuem Fenster Genio (Elena Fink) als Begleiter
des Leiermannes Orfeo (Raphael Pauß).

Überdurchschnittlich die musikalische Leistung des Wuppertaler Ensembles, von Christoph Spering souverän geleitet. Er tat sein Bestes, authentischen Barockklang an einem Haus hervorzubringen, wo kontinuierliche Pflege entsprechenden Repertoires nicht zu leisten ist. Dass bei den Blechbläsern am wenigsten gelang, kann Kenner des Wuppertaler Sinfonieorchesters nicht überraschen. Anstänig meisterte Raphael Pauß den Orfeo; für meinen Geschmack vielleicht etwas zu heldisch. Schön ausgespielt das Leiden und ausgesungen das Leiden seiner Liebsten Eurydice, von Elisabeth Scholl ein überzeugender Abend, was man auch von Kay Stiefermanns Creonte sagen kann. Herausragend Elena Fink, die als Genio ein vertrauenswürdiger Begleiter des Leiermannes in allen musikalischen Lagen war.

Ihre Figur übrigens gibt den titelgebenden Hinweis: Mit philosophischem Gleichmut lässt sich vermeiden, dass das Herz in Raserei gerät - sofern rasend-begeisternde Liebe und Verzweiflung vermieden werden. Achim Freyers Wuppertaler (Schwetzinger) Inszenierung gab irgendwie auch keinen Anlass - weder zum einen, noch zum andern.


FAZIT

Musikalisch beachtlich, was in Wuppertal geleistet wird; keine Weltklasse, aber durchaus hörenswert. Eine bunte, farbenfrohe Inszenierung, die gute Unterhaltung liefert - aber dem Werk nicht ganz nahe kommt.



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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Christoph Spering

Inszenierung
Achim Freyer

Bühnenbild
Achim Freyer

Kostüme
Amanda Freyer

Licht
Gerd Budschigk
Karl Ulrich Maria Feja

Dramaturgie
Laura Berman

Chor
Gabriele Pott



Chor der Wuppertaler Bühnen
Sinfonieorchester Wuppertal
Statisterie der Wuppertaler
Bühnen


Solisten

Orfeo
Raphael Pauß

Euridice
Elisabeth Scholl

Creonte
Kay Stiefermann

Genio
Elena Fink

Plutone
Martin Maßmann

Baccante
Barbara Pickenhahn

Corista
Jochen Bauer
Martin Maßmann
Jung Wook Kim
Javier Zapata Vera
Jae Hyoung Lee




Weitere Informationen
erhalten Sie von den
Wuppertaler Bühnen
(Homepage)



Da capo al Fine

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