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Struwwwelpeter

Junk Opera
von Julian Crouch und Phelem McDermott
nach Dr. Heinrich Hoffmann
Musik von Martyn Jaques

Premiere in der Alten Feuerwache Saarbrücken am 13. September 2002


Homepage des Staatstheaters Saarbrücken
(Homepage)

Paulinchen allein zu Haus' – aber voll junky!

Von Angela Mense



Zum Saisonauftakt in der Alten Feuerwache präsentierte das Saarländische Staatstheater ein ganz besonderes Bonbon. Struwwwelpeter, eine Junk Opera von Julian Crouch und Phelim McDermott scheint zwar eher nach dem Geschmack eines Erwachsenen-Publikums, ist dafür aber nicht weniger bitter-süß wie die biedermeierliche Kinderbuchvorlage von Heinrich Hoffmann. Ein Theaterdirektor führt, halb den Bänkelsänger halb den Conférencier mimend, durch die zehn "lustigen Geschichten und drolligen Bildern mit 15 schön kolorierten Tafeln für Kinder von 3 bis 6 Jahren" – so der ursprüngliche Titel des 1845 erstmals erschienenen Struwwelpeter. Mal singend, mal rezitierend erzählt er vom Suppenkaspar, von Paulinchen und Hans Guck-in-die-Luft, die vorm Publikum fleißig verhungern, verbrennen und ertrinken. Angeheizt wir das Kindersterben durch das ebenso fleißige Kindermachen der Eltern, die immer neue Ausgeburten menschlicher Triebhaftigkeit auf die Bühnenwelt setzen. The show must go on.

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Trotzdem oder gerade weil das Lied von Tot und Leid episodisch wiederkehrt, ist Unterhaltung garantiert. Die Inszenierung (Nada Kokotovic) jongliert mit poetischer Groteske und minimalistischer Symbolik, wobei der leicht verstaubte moralische Zeigefinger Hoffmanns nicht ganz eindeutig gegen die bösen Buben und Mädchen gerichtet ist. Die spielen zwar ungehemmt mit dem Feuer – und man freut sich mit Paulinchen über dieses überdimensionale Streichholz, das wie ein Feuerzeug funktioniert. Unter der Fuchtel der Erwachsenen werden die Kinder jedoch zum Erziehungsobjekt und nur als Täter können sie ein Stückchen Freiheit genießen.

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Da sind ja noch die fürsorglichen Eltern, für die Familie und "standfester Glaube" der ganze Lebensinhalt bedeutet – auf der Saarbrücker Bühne residieren sie in einem gläsernen Haus, in dem gerade mal ein Ehebett auf grünem Kunstrasen steht. Damit die Menschheit nicht ausstirbt, müssen sie sich ständig lieben – die Regie läßt die Darsteller (Klaus Müller-Beck, Christiane Motter) Luftballons aufblasen. Da ist auch dieser Theaterdirektor-Gott (Hans Georg-Körbel), der in der Alten Feuerwache auch schon mal als transsexuelle Diva auftritt und der das munter-makabre Treiben mal aus der Distanz betrachtet, mal selber die Strippen zieht. "Das menschliche Bewußtsein ist voller Ungeheuer", so sein Urteil. Am Ende seiner Tirade erwähnt er, dass er in Wien auf der Schauspielschule war.

Falsche Bescheidenheit wäre hier auch völlig fehl am Platz, denn die Produktion überzeugt nicht nur mit schauspielerischen Talenten. Auch gesungen wird in echter Dreigroschenoper-Manier. Rein musikalisch ist Shockheaded Peter – so der Originaltitel der 1998 in London uraufgeführten Junk Opera – aber auch ein dankbares Stück. Junk heißt so viel wie Trödel, Ramsch, Schund und erfreut sich seit einiger Zeit als Modewort ungebrochener Beliebtheit. Junk Art ist Kunst aus Abfallprodukten.

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Für den Struwwwelpeter machte sich Song-Schreiber Martyn Jacques von den Tiger Lilies ans Recyclen. Was dabei herauskam, ist ebenso unbeschreiblich wie die Musik, mit der er seit 1989, der Gründung der Band, internationale Erfolge feiert. Die fünf Musiker, die in Saarbrücken ganz unauffällig als Struwwelpeter verkleidet im Bühnenbild integriert sind, spielen in klassischer Jazz-Formation auch mit unklassischen Instrumenten auf. Da wird beispielsweise auf Bouzuki und Gümbüz gezupft. Der Percussionist kann sich so ziemlich auf allem austoben, was ein schmuddeliger Keller so hergibt – von abgenutzten Besen über leere Blechkanister bis hin zum Rattenkäfig ist alles dabei. Es ist doch nicht alles Abfall, was als veraltet abgetan wird.


FAZIT
Leichte aber keineswegs seichte Unterhaltung mit einer gehörigen Portion an geistreichem Witz und einer Prise Gesellschaftskritik.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Uli Schreiber

Inszenierung
Nada Kokotovic

Bühne
Nada Kokotovic

Kostüme
Dana Horvath-Schaller

Dramaturgie
Holger Schröder

Regieassistenz und Abendspielleitung
Lothar König


Band

Klavier, Akkordeon
Uli Schreiber

Banjo, Bouzuki, Ballalaika, Gümbüz
Bernd Dahlmanns

Klarinette, Baßklarinette,
Flöte, Sopran- und Tenorsaxophon

Cornell Wegmann

Kontrabass
Jochen Lauer

Percussion
Jochen Krämer


Solisten

Theaterdirektor
Hans-Georg Körbel

Vater
Klaus Müller-Beck

Mutter
Christiane Motter

Kinder
Claudia Hübschmann,
Karen Köhler,
Max Landgrebe,
Christian Taubenheim


Weitere Informationen
Staatstheater Saarbrücken (Homepage)



Da capo al Fine

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