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Musiktheater
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Madame La Peste

Musiktheater in vier Bildern
Nach Bruno Jasienski, Edgar Allen Poe und Claude Debussy
Text von Matthias Kaiser
Musik von Gerhard Stäbler

Premiere im Saarländischen Staatstheater Saarbrücken am 15. Juni 2003


Homepage des Staatstheaters Saarbrücken
(Homepage)

Saarländische Quarantäne

Von Sebastian Hanusa / Fotos von Klaus Baqué


Gegen die Pest ist niemand gefeit: Letztes Jahr entvölkerte sie Duisburg und Düsseldorf, mittlerweile hat sie Saarbrücken erreicht. Sie tobt im dortigen Staatstheater, beschworen vom Autorengespann Stäbler/Kaiser in ihrem Musiktheater Madame La Peste. Das Stück ist in Kooperation mit der Deutschen Oper am Rhein entstanden und war dort in der vergangenen Spielzeit uraufgeführt worden (unser Bericht). Das Saarländische Staatstheater – Kaisers Wirkungsstätte als Operndirektor – übernahm die Produktion weitestgehend, wenn von einigen Retuschen von Regisseur Fulda und der Tatsache absieht, daß in Saarbrücken das dortige Ensemble zum Einsatz kam.

Eine grundlegende Schwäche des Werkes konnte die Regie trotz Retuschen aber auch diesmal nicht korrigieren: Kaisers Libretto ist ein hochintelligentes Crossfade einer Vielzahl verschiedener Material- und Bedeutungsebenen. Aber auch erfahrene Opern-Besucher sind mit der Entschlüsselung des Textes zunächst überfordert. Ohne die Lektüre der dem Stück zu Grunde liegenden literarischen Texte – Edgar Allen Poes "Untergang des Hauses Usher" und Bruno Jasienskis Roman "Die Pest über Paris" – sowie des Librettos ist es fast unmöglich, das Bühnengeschehen zu verstehen und den Handlungsverlauf nachzuvollziehen.

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Von der Pest gezeichnet.

Um die zentrale Allegorie der Pest – personifiziert durch die Tänzerin Ulrike Walther – sind mehrere Bedeutungsebenen gruppiert. Das zweite Bild basiert auf Jasienskis Roman. In der Weltwirtschaftskrise 1930 infiziert ein Arbeitsloser nach einer Folge von Demütigungen das Pariser Trinkwasser mit der Pest. Nach Ausbruch der Seuche wird die Stadt unter Quarantäne gestellt, worauf dort ein anarchischer Totentanz beginnt. Kaiser und Stäbler verzichten auf den utopischen zweiten Teil des Romans, in welchem die einzigen Überlebenden der Pest – die Insassen der Bastille – eine kommunistische Musterkommune im Schutze des Cordon Sanitaire errichten. Sie nutzen lediglich das Seuchen-Szenario Jasienskis, welches als Folie für einen allegorischen Totentanz auf die großen Utopien des 20. Jahrhunderts dient.

Die Konsenz-Strategien des Liberalismus scheitern, von der Monarchie existiert ohnehin nur noch militaristischer Chauvinismus und die Versprechungen des Großkapitals sind leer und erlogen. Aber auch Kommunismus und erkennende Vernunft, repräsentiert durch den Revolutionär P’an und den Pestartzt, können die Seuche nicht besiegen. Diese wird somit zur Chiffre für die von Adorno diagnostizierte Autodestruktion der Vernunft und das Umschlagen von Aufklärung in Barbarei. Im Zeichen Adornos steht auch das Schlußbild. Das Personal der zweiten Szene steht vor einem Tribunal der Überlebenden, angeklagt des Betrugs an den Pestopfern. Aber die Richterin Madame La Peste bleibt stumm, richtet nicht die Utopie im Namen derer, die diese für überwunden glauben. Denn nur mit der Pest kann Hoffnung überleben, nur vor dem Horizont ihrer Gefährdung ist positive Utopie möglich.

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Das Kammerspiel des dritten Bildes

Die beiden anderen Bilder präsentieren quasi die Vorgeschichte des Pestbildes, die Geburt der Krankheit aus der Verbindung von Eros und Erkenntnis. Diese wird symbolisiert durch die inzestiöse Beziehung der Geschwister Usher im dritten Bild der Oper. Der Bezug zu den anderen Teilen des Stückes wird im wesentlichen über Besetzung der Rollen gewährleistet. Roderick Usher wird vom selben Sänger gesungen wie der Pestartzt, Madeline ist zugleich Madame La Peste. Aus der hermetischen Welt des Hauses Usher wird die Pest durch den Besucher, die Person des Dichters Poe in der Welt verbreitet. Poe wird vom selben Sänger wie der kommunistische Revolutionär P’an gesungen. Während Poes Besuch zunächst nur die Mauern des Hauses Usher sprengt, wird im ersten Bild die eigentliche Infektion von P’an/Poe durch Madeline dargestellt.

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Der blutverschmierte Schluß

Stäbler gelingt in der ersten Hälfte des Stückes eine explosive Hochspannung mit an Varese erinnernder Klanglichkeit zu erzeugen versteht, läuft seine Musik in der zweiten Hälfte eher leer. Die Idee, den wortreichen Text des dritten Bild rappen zu lassen, erschöpft sich alsbald und die eingeflochtenen Debussy-Zitate bleiben den Nachweis ihrer musikalischen Notwendigkeit schuldig. Dieses Relikt des ursprünglichen Opernplans – der Vollendung von Debussys Usher-Fragment – wirkt doch eher überflüssig. Dem Stück zu Gute kam die präzise und angenehm schlanke Interpretation Michele Carullis am Pult des Saarländischen Staatsorchesters und als geglückt erweist sich der geschickte Einsatz des Zuspielbandes im dritten Bild. Während man sich hier aber auch gut und gerne Live-Elektronik hätte vorstellen können, vermisst man im instrumentalen Teil der Partitur doch ein wenig die Liebe zum Detail.

Wie erwähnt, trägt Fuldas Regie nicht unbedingt zum Verständnis des Stückes bei, wenn sie dem ohnehin schon komplexen Stück eine weitere Bedeutungsebene aufsetzt. Die Interpretation, Madame La Peste thematisiere die "Vereinsamung durch Sprachlosigkeit" beschert zwar eine abwechselungsreiche und gekonnt inszenierte Personenführung, mißversteht aber die Thematik des Stückes.

Daß Madame La Peste darüberhinaus eine recht kurzweilige Angelegenheit bleibt, ist unter anderem auch der durchweg guten Leistung des Ensembles zu verdanken. Ulrike Walther verführt lasziv bis bedrohlich Mann und Weib zu Utopie und Pesttod und Volker Phillipi ist ein herrlich deprimierter Roderick Usher. Mit Stimme und Darstellung fast überpräsent ist Philip Sheffield als P’an/Poe und auch in den zahlreichen anderen Partien ist das musikalische Niveau erstaunlich hoch. Ebenso tapfer schlugen sich Chor und Orcherster und wenn auch die Musiker des Staatsorchester die eine oder andere Dynamik-Stufe ausließen, boten sie doch eine schwungvolle Realisation der anspruchsvollen Partitur.


FAZIT

Ein eigentlich hochspannendes Stück, das sich leider so gut wie keinem Rezipienten erschließen wird. Fuldas Regie ist hierbei leider kontraproduktiv.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Michele Carulli

Inszenierung
Elmar Fulda

Bühne und Kostüme
Florian Parbs

Choreinstudierung
Andrew Ollivan

Dramaturgie
Matthias Kaiser

Orchester, Chor und Statisterie
des Saarländische Staatstheaters


Solisten

P'an / Poe
Philip Sheffield

Professor / Roderick
Volker Philippi

Die Pest / Madeline
Ulrike Walther

Tschen
Oxana Arkaeva

Solomin
Bernd Könnes

Jeanette
Naira Glouchadze

Mr. Lingslay
Rupprecht Braun

Eleasar
Hiroshi Matsui

Laval
Otto Daubner

4 Weiße
Antoniy Ganev, Chang-Kyu Lim,
Stefan Röttig, Terence Vanden Berg



Weitere Informationen
Staatstheater Saarbrücken (Homepage)



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