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Les Miserables

Musical von Alain Boubil und Claude-Michel Schönberg
nach einem Roman von Victor Hugo
Musik von Claude-Michel Schönberg
Französisches Libretto von Alain Boubil und Jean-Marc Natel
Gesangstexte von Herbert Kretzmer
Deutsche Übersetzung von Heinz Rudolf Kunze
Zusätzliches Material von James Fenton
Orchestrierung von John Cameron

Premiere im Saarländischen Staatstheater Saarbrücken am 7. Dezember 2002


Homepage des Staatstheaters Saarbrücken
(Homepage)

Quotenkochen nach Erfolgsrezept?

Von Sebastian Hanusa / Fotos von Klaus Baqué


"Herr, erbarme Dich meiner!" 19 Jahre hinter Gittern, danach als Verbrecher gebrandmarkt und ausgestoßen – der Aufschrei eines Verzweifelten, des zu unrecht verurteilten Jean Valjean. Doch Valjeans Klage wird erhört. Der Bischof von Digne ermöglicht ihm ein neues Leben, den Aufbau einer neuen Existenz. Deren Früchte wird dieser in bewegten Zeiten an seine Mitmenschen weitergeben. Soweit der Plott von Victor Hugos monumentalem Romanepos "Les Miserables".

Vergrößerung Lebenslange Kontrahenten: Valjean und Javert

Für das Musical haben sich dessen Macher ganz auf die individuellen Schicksale der Hauptfiguren, galt es doch, drei dicke Romanbände zu einem abendfüllenden Libretto zu kürzen. Nette Abendunterhaltung scheint garantiert, ein opulentes Historien- und Revolutions-Gemälde inklusive diverser Gefühlspanoramen zum Mitleiden.

Doch unerwartet durchzuckt ein stechender Schmerz das Kritikerherz: Statt schwungvoller Abendunterhaltung kündigt sich schon nach den ersten Takten des Stückes eine mehrstündige Tortur an. Valjeans Verzweiflungsschrei bekommt ein ungeahntes Identifikationspotenzial: Zwar keine Kette am Bein, dafür aber drei Stunden einem richtig schlechten Musical ausgeliefert!

Vergrößerung Völker höhrt die Signale!

Gänzlich missglückt ist der Versuch, den hochkomplexen Roman in ein taugliches Libretto zu verwandeln. Auch die Reduktion auf einige wenige Handlungs-Elemente ergibt immer noch eine kurzatmige, fast hektische Szenenfolge. So bleibt kaum Raum für größere Tableaus, können sich die dramaturgischen Gemeinplätze, ohne die kein Musical auskommt, nicht entfalten. Erschreckend auch das Niveau der Texte. Das ohnehin nicht überragende französische Original verliert zusätzlich in der Übersetzung von Heinz-Rudolf Kunze. Die Banalität der hilflos dahingestolperten Verse ist erschreckend, die geheuchelte Ernsthaftigkeit nervt und nach Geist oder Ironie sucht man vergeblich.

Vergrößerung Auf die Barrikaden!

Nicht anders ist die Musik, die schale Klischees auftischt und noch nicht mal den einen, eingängigen Song liefert, welcher selbst die sterilen Webber-Musicals noch erträglich macht. Auch fehlt der Musik jeglicher Schwung, nirgends etwas, was dem Swing von My fair Lady oder den Hits der Rocky Horror Picture Show vergleichbar wäre. Stattdessen ein pseudo-pathetischer, gesichtsloser Einheitsbrei langweiligster Machart.

Einziger Lichtblick an diesem trostlosen Abend ist die sorgfältige Inszenierung durch Intendant Schildknecht und das herausragende Niveau gerade der hauseigenen Sänger. Das Theater braucht die zugkräftigen Musicals um sein Besuchersoll zu erfüllen um somit seinen Bestand kulturpolitisch zu rechtfertigen: Folglich macht Schildknecht die Elenden zur Chefsache. Mit bewährten Rezepten und routiniert umgesetzt wird das undankbare Stück bebildert, mit sparsamen, aber wirkungsvollen Mitteln schafft der Regisseur ein wenig jene Atmosphäre, die dem Libretto abgeht. Gelungen sind insbesondere der Barrikaden-Kampf und das schaurig-schöne Szenario der Pariser Kanalisation.

Vergrößerung Aufgeopfert für die Freiheit...

Eine großartige Vorstellung bot Guido Baehr in der Titelpartie des Valjean. Stimmlich überragend entfachte er auch darstellerisch einen funkenstiebenden Parforce-Ritt durch die Extreme menschlicher Befindlichkeit. Ihm zur Seite stand mit dem Bassisten Norbert Lamla ein stimmlich ebenbürtiger Widersacher, dessen szenisches Talent leider vom Stück ebenso wenig gefordert wurde, wie jenes der Peggy Steiner, die abermals Zeugnis von ihrem beeindruckenden Fähigkeiten als Sängerin ablegte. Ähnlich wie Guido Baehr war auch Martin Leutgeb die Rolle des Thenardier mehr ein Hemmschuh. Seine Interpretation jenes habgierig-komischen Schattenwesens ging weit über das Potenzial der Rolle hinaus.

Ein wenig schade war, dass der für den Marius als Gast engagierte Petter Udland Johansen seine wunderschöne Tenorstimme den Unsitten des Genres anpasste. Das schmalzige An- und Abheulen er Töne hatte leicht verunzierende Wirkung. Sein szenisches Spiel entbehrte nicht einer gewissen Eitelkeit, so dass auch hier das Musikalische keine Rehabilitation im Schauspielerischen erfuhr.Während der Chor, wie auch die am Haus engagierten Sänger in den zahlreichen Nebenrollen, durch hohes Niveau und eine engagierte Darstellung auffielen, war die ebenfalls als Gast eingekaufte Katharine Mehrling nicht gefeit gegen die Unsitten des Musical-Betriebs. Das sonderbare Forcieren der Stimme machte einen sehr bemüten Eindruck und konnte nicht gegen die "hauptamtlichen" Opernsänger auch in den kleineren Partien bestehen.


FAZIT

Der rege Zuspruch des Publikums im Vorfeld (schon 25 ausverkaufte Vorstellungen!) mag einen beruhigen: Der kulturpolitisch wichtige Akt des Musical-Besuchs ist nicht von Nöten, es gibt lohnendere Arten der Abendgestaltung.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Scott Lawton

Inszenierung
Kurt Josef Schildknecht

Bühne
Rudolf Rischer

Kostüme
Gera Graf

Choreographie
Marguerite Donlon

Choreinstudierung
Andrew Ollivant



Chor, Extrachor und Statisterie
des Saarländischen Staatstheaters

Das Saarländische Staatsorchester


Solisten

* Besetzung der rezensierten AuffŸhrung

Jean Valjean
Guido Baehr* /
Ansgar Schäfer

Inspektor Javert
Norbert Lamla

Marius
Petter Udland Johansen* /
Ansgar Schäfer

Cosette
Peggy Steiner* /
Sabine v. Blohm

Eponine
Katharine Mehrling* /
Isabella Steng

Fantine
Frédérique Sizaret* /
Manou Walesch /
Christin Zacher

Enjorlas
Ansgar Schäfer* /
Alexander Gronen

Thenardier
Martin Leutgeb

Mme. Thenardier
Barbara Dunkel / Anne Welte*


Weitere Informationen
Staatstheater Saarbrücken (Homepage)



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