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Audienz bei Kasperle, oder wie schnell ist nichts passiertVon Nora Heyos
1857 lernt Verdi in der Übersetzung von Antonio Somma, Eugene Scribes Drama: Gustave III (1833) kennen. Hier wird ein historische Ereignis, nämlich das des tödlichen Attentats auf den schwedischen König, im Jahr 1792 während eines Balls, mit einer dramatischen und keineswegs historischen Liebesgeschichte effektvoll verknüpft. Fasziniert verarbeitet Verdi das Sujet umgehend zur Oper. Da die neapolitanischen Behörden 1859 verweigern, einen Königsmord als beispielhafte politische Intrige auf der Bühne zu zeigen, zieht Verdi das Stück zurück
Uraufgeführt wird "Ein Maskenball" sodann am 17. Februar desselben Jahres in der römischen Oper. Verdi verlegt den Handlungsort aus kulturpolitischen Gründen von Europa weg ins (...damals noch weltpolitisch unverfänglich geglaubte !!!) Nordamerika. So wird aus Stockholm Boston und aus Gustav, Graf Riccardo. Aber auch ohne den geschichtlichen sowie lokalen Kontext wird die neue Oper nicht zuletzt wegen der dramatischen Handlung, vor allem aber wegen der eingängigen Arien und Duette und der wirkungsvollen Ensembles mit frenetischen Beifall angenommen.
Die komplizierte Bühnengeburt des "Maskenball" hat also selbst bereits Geschichte gemacht und nun eröffnet eben diese Oper verheißungsvoll die Spielzeit 2002/2003 in Saarbrücken - Wir sind gespannt.
Doch was es da zu sehen gibt, ist eher lauwarm. Saarbrücken entscheidet sich für das erste Libretto Verdis, die Handlung findet an einem imaginären Ort statt. Wenn der Vorhang zum ersten Mal aufgeht wird der Blick frei auf einen kleines Pompbett-Barocktheater. Jalousien, die nach Bedarf gehisst, oder lichtgeflutet werden können, meist aber den Lebens und Wirkungsbereich des Herrschers von der Außenwelt abschotten, geben der Spielstätte ihren Rahmen. Hier gibt sich Graf Riccardo die Ehre, hält Hof vor einem stimmlich sehr gut einstudierten Opernchor. Gewiss hat Herr Kaiser seriös die historische Person Gustavs, des Absolutisten, des Narziss und des, mit seinen politischen Ämtern überforderten Ästheten aufgearbeitet. Aber er inszeniert weder ein Historienbild, noch gibt es aufgesetzte Aktualisierungen; Kaisers Maskenball spielt in einem zeitloser Allgemeinheit. Sex and Crime, Freundschaft, politischer Machtkampf, Normenkonflikte, Schein oder Sein das sind Themen, die gehen letztlich immer und überall. Doch gerade die Konflikte der Protagonisten, die radikale Subjektivität ihrer Psyche bleiben in Saarbrücken eher oberflächlich .
Sergio Panajia spielt uns einen Herrscher-Hampelmann. In schicken Roben ist die Figur Riccardo ständig beschäftigt, sich selbst zu genießen. Eigentlich eine hübsche Idee; das Zerrbild eines Herrscher auftreten zu lassen. Aber so überdreht er spielt, wirkt Panaija eher unfreiwillig komisch: Zu sehr müht ihn die hohe Tenorpartie und insbesondere im Duett mit Amelia (gewohnt ausdruckstark und stimmgewaltig, in der Rolle aber sehr statisch angelegt: Barbara Gilbert) im zweiten Akt, kommt er in arge Nöte. Frech, quirlig und stimmgewandt gibt uns Stefanie Krahnenfeld ihre Hosenrolle Oscar. Doch bleibt ihre Stellung zu Riccardo - nicht nur als Page und Berater sondern auch als Lustknabe - in vagen Andeutungen stecken. Weniger vage ist der Auftritt der Ulrica. Entgegen dem sonst eher reduziert gehaltenen Bühnenbild, gibt es bei Ulrica einen ziemlichen Hokuspokus. Maria Pawlus ist die Rolle der Wahrsagerin wie auf den Leib geschnitten, bzw. auf die Stimmbänder geheftet. Geheimnisvoll und eindringlich orakelt sie aus Riccardos Hand, brodelt ihre dunkle Partie. Ein prima Griff, auch Guido Baehr als geharnischter Ehemann, und gedemütigter Freund. Nuanciert und ausdrucksvoll, von beklemmend bis aggressiv singt der Bariton seine Rache aus. Wunderschön lyrisch auch das Solocello im dritten Akt. Leonid Grin führt das Orchester engagiert und sicher durch die Partitur. Weiträumige Linien lässt er mit Pathos ausspielen, so wie er, schon im imitierend aufgelockerten Vorspiel, auch die grazilen, ja fast tändelnden Motive verdischer Ausdruckssprache elegant und behutsam herausarbeiten lässt. So gibt es in dieser Inszenierung zwar eindringliche Bilder - wenn Amelia und ihr Ehemann vor der Richtmauer vom Opernchor entlarvt werden und höchst symbolisch mit dem Rücken zur Wand stehen, bzw. im Kreuzfeuer der üblen Nachrede; - oder wenn sich auf dem Ball die Geige nicht als, mit Larve maskierter Musiker, sondern plakativ als Ulrica mit Totenmaske entpuppt. Die verhaltene, fast sterile Inszenierung bleibt jedoch hinter souveränen Musikern zurück. Etwas mehr Mut zur Leidenschaft hätte dieser Inszenierung gut getan.
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ProduktionsteamMusikalische LeitungLeonid Grin Inszenierung Bühne Kostüme Choreinstudierung Dramaturgie Regieassistenz und Abendspielleitung
Solisten*Besetzung der rezensierten AufführungRiccardo Sergio Panajia Renato Amelia Ulrica Oscar Silvano Samuel Tom Richter Ein Diener
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