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Dove Alberga Amore

szenisches Konzert der Gesangsklasse Prof. Renate Stoll

Vortragssaal der Hochschule für Musik des Saarlandes, Saarbrücken, am 30. Januar2003



Im Rundtanz der Begierden

Von Sebastian Hanusa / Fotos von Carmen Baier


Moleküle eines gasförmigen Stoffes erhöhen ihre Aktivität, sobald der Druck steigt oder der zur Verfügung stehende Raum eingeschränkt wird. Die Bewegungen werden schneller, die Kollisionen häufiger, Aufprall und Abstoßung nehmen an Heftigkeit zu. Vergleichbar den Gasteilchen reagieren Sängerinnen und Sänger, reduziert man ihren Bewegungsraum von den Weiten einer Musikhochschule auf eine höhlenartige Probebühne. Dies ist zumindest der erste Eindruck des Opernabends "Dove Alberga Amore", der den Abschluß eines ungewöhnlichen Projekts an der Saarbrücker Musikhochschule bildete.

Für die Zusammenarbeit mit der Gesangsklasse Stoll hatte man die Regisseurin Sandra Leupold gewinnen können, die von der Opernwelt zuletzt als Nachwuchsregisseurin des Jahres ausgezeichnet worden war und schon mit Größen wie Tabori, Berghaus und Konwitschny zusammengearbeitet hat. Aber auch dem Saarbrücker Publikum ist Sandra Leupold keine Unbekannte, war doch vergangenen Sommer ihre Inszenierung von Cavallis "Scipione Africano" im ehemaligen Stadtbad St. Johann zu sehen.

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Am Nullpunkt des Projekts stand indes keine Oper, die es zu realisieren gab und die musikalisch wie dramaturgisch Verlauf und Thema des Abends bestimmt hätte. Vielmehr waren es Arien und Duette höchst unterschiedlicher Herkunft: Monteverdi, Mozart, Händel und Donizetti, zudem Duette von Schumann, Cornelius, Mendelssohn und von dem heute fast vergessenen Romantiker Ferdinand Hiller. Bestimmend für die Auswahl waren dabei eher äußere Kriterien wie das gerade aktuelle Repertoire der Studenten oder ihr Stand der Ausbildung. Nur die Duette waren von der Regisseurin ausgewählt worden.

Auf der leeren Bühne des Vortragssaales steht einzig das Klavier der Begleiterin Elena Huber, ansonsten konzentriert sich das gesamte Geschehen auf die neun Sängerinnen und Sänger. In dem gut einstündigen Programm befinden sich alle beständig auf der Bühne. Wie in einem Glaskasten kann der Zuschauer einen permanenten Prozess von Sympathie und Antipathie, kollektiver wie individueller Anziehung und Konfrontation erleben. Losgelöst von einer vorgegebenen Handlung ist das ungemein dichte und dynamische Geschehen aus elementaren Formen menschlicher Kommunikation entwickelt. Fast meint man, einer Geburt der Szene aus Gesang und Körpersprache beizuwohnen. Aus einzelnen Ausdrucksmomenten, Gesten, Blicken und Berührungen entwickeln sich entlang der einzelnen Musikstücke kleine Szenen, die durch den rasant montierten Ablauf der einzelnen Musikstücke zu einem imaginären Handlungsablauf verwoben sind.

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Schon die reine Anwesenheit des Ensembles auf der Bühne initiiert Spannung und erzeugt unausgesprochene Machtverhältnisse. Stets droht eine allgegenwärtige, physische Präsenz sich in Gewalt und Eros zu entladen und nur mühsam hält das Ensemble ein labiles Gleichgewicht aufrecht. Nach Monteverdis dreistimmigen Madrigal "Raggi dov’è il mio bene", welches als Introitus den Abend eröffnet, reichen kleinste Aktionen aus, um jenes labile Gleichgewicht zum Kippen zu bringen. Der solistische Gesang als individuelle Äußerung höchsten Grades setzt einen Reigen aus Begehren, Enttäuschungen und emphatische Liebesbekundung in Gang.

Dabei scheinen die Mitwirkenden wie in einer Zentrifuge gefangen, nicht mehr vollständig Herr über Körper und Geist. Getrieben von der unscheinbaren Macht klassisch-romantischer Vokalmusik entspinnt sich eine Folge kurzer, schlaglichtartiger Szenen: Paare finden zusammen und trennen sich, Enttäuschung bricht hervor, kollektive Verschmelzung geschieht gleichfalls wie die nackte Gewalt, wenn ein Einzelner vom Kollektiv verstoßen wird. Die Triebe sprengen die Grenzen von Moral und Geschlechtlichkeit und mitunter bleibt von einer distanzierten Vernunft nichts als fassungsloser Ekel. Alles dies findet in einem enormen Tempo statt, kaum ist die eine Szene etabliert, beginnt schon die nächste. Für den Zuschauer vergeht die gute Stunde wie in einem Rausch, die einzelnen Bilder verschmelzen zu einem faszinierenden, vielgestaltigen Ganzen; spannenden Details fesseln ebenso, wie es gelingt, einem überzeugenden Rahmen abzustecken.

Enorm ist die Konzentration und Hingabe der studentischen Mitwirkenden, die mit Körpereinsatz, Spielfreude und auf höchstem musikalischem Niveau agieren. Besonders ist es die frappierende Symbiose aus physischer Präsenz, prägnanter Gestaltung und musikalischer Souveränität, die den Abend zu einem herausragenden Ereignis machen, der den Vergleich mit etablierten Produktionen nicht zu scheuen braucht. Es bleibt zu hoffen, demnächst in der Region wie auch überregional mehr von den Mitwirkenden wie der Regisseurin zu hören.


FAZIT

Ein Höhepunkt!


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Produktionsteam

Inszenierung
Sandra Leupold

Musikalische Leitung / Klavier
Elena Huber


Ensemble


Bernadette Baumann,

Carolin Debus,

Sook-Hee Jang,

Natalia Kasakov,

Malaika Ledig,

Christina Reiche,

Sergej Aprischkin,

Jens Eggert,

Alexander Wendt







Da capo al Fine

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