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Senja
Oper von Azio Corghi
Text vom Komponisten
nach der dramatischen Skizze Auf der großen Straße von Anton Tschechow

Aufführungsdauer: 1 Stunde (keine Pause)

Uraufführung im Großen Haus der Städtischen Bühnen Münster
am 7. März 2003


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Städtische Bühnen Münster
(Homepage)

Das Schicksal ruft „Ta ta ta taaa"

Von Stefan Schmöe / Fotos von Michael Hörnschemeyer



In einer Kneipe an einer Landstraße tief in der russischen Provinz treffen die Gestrandeten der Gesellschaft zusammen. Neu ist diese Konstellation nicht; der Kontrast zwischen dem weiten Land und der Metropole Moskau ist so etwas wie ein Grundpfeilern der russischen Literatur des 19. Jahrhunderts, ähnlich wie die Spannung zwischen Arm und Reich; und Säufer, Landstreicher und Vertreter der Volksfrömmigkeit (hier sind es Pilger) gehören sozusagen zur Grundausstattung russischer Dramatik. Der italienische Komponist Azio Corghi (Jahrgang 1937), der 1993 für das Theater Münster mit Divara – Wasser und Blut eine Oper mit konkretem stadtgeschichtlichen Hintergrund (die blutige Episode der Wiedertäufer-Sekte in Münster) geschrieben hat, greift mit seiner ebenfalls als Auftragswerk für Münster entstandenen Oper Senja auf einen Einakter von Anton Tschechow zurück (Auf der großen Straße). Konzeptionell ist das mit 60 Minuten Spieldauer nicht eben abendfüllende Werk mit einer zweiten Tschechow-Oper verbunden (Tat'jana, uraufgeführt 2000 in Mailand), und Corghi schlägt die Kopplung beider Kompositionen zu einem Opern-Diptychon vor (was nicht nur angesichts der zeitlichen Dimensionen Sinn macht): Statt einer großen „Münster-Oper“ wie Divara bekommt das Publikum, streng betrachtet, nur eine halbe Uraufführung einer Literaturoper vorgesetzt, die auf ihre erste geschlossene Aufführung wartet.


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In einer schaurigen Kneipe spielt Fedja den Pilgern Nazarovna und Savva ein fröhliches Lied ...

Natürlich darf man in Münster auch Stücke russischen Sujets uraufführen, aber die Problematik geht tiefer und durchzieht die Dramaturgie der Oper. Corghi schildert die Explosion einer psychologischen Situation, die sich aus dem Aufeinandertreffen der Charaktere in einem abgeschlossenen Raum (draußen tobt ein Sturm) ergibt. Die Handlung ist durchaus opernhaft: Der heruntergekommene Borcov bettelt um Alkohol und entpuppt sich nach und nach als verarmter Großgrundbesitzer, der am Tag seiner Hochzeit von seiner Frau verlassen wurde und danach zum Säufer wurde. Der Landstreicher Merik, der ebenfalls schlechte Erfahrungen mit Frauen hatte (das wird nur vage angedeutet), solidarisiert sich mit ihm. Schließlich betritt Mar'ja, Borcovs untreue Frau (die ihm einst den Kosenamen Senja gab) die Gastwirtschaft, weist aber Borcov kalt ab und wird beinahe von dem aufbrausenden Merik erschlagen. Als sie den Schankraum verlässt, stürzt Borcov ihr mit einer Axt nach – obwohl das Ende offen ist, darf man getrost ein blutrünstiges Ende annehmen.


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... während Merik (links) etwas trinken möchte ...

Aus diesem fast veristisch anmutenden Stoff hat Corghi ein unspektakuläres Libretto destilliert: Auf Arien im klassischen Sinne hat er verzichtet, exponiert seine Charaktere aus den Dialogen heraus, und statt einer psychologischen Entwicklung zeigt er eine Zustandsbeschreibung. Mar'ja bleibt, obwohl eigentlicher Drehpunkt der Oper, nur eine Randfigur fast ohne Text, die auch nicht in den Worten der anderen an Konturen gewinnt; Borcov ist ein willenloser Schwächling, Merik die treibende Kraft (ohne dass man etwas über dessen Motivation erführe). Die dramatische Zuspitzung verläuft nur auf der Ebene der äußeren Handlung und ist im Innenleben der Charaktere nicht nachzuvollziehen, und mehr als Dreiviertel der Oper dienen nur als Kolorit – was bei Tschechow im zaristischen Russland als Zustandsbeschreibung noch provokative Kraft hatte (das Stück wurde von der Zensur abgelehnt), bekommt bei Corghi einen folkloristischen Einschlag (das böse Wagner'sche Diktum von „Wirkung ohne Ursache“ liegt nahe). Der eigentliche Konflikt wird nicht ausgetragen - Senja könnte beinahe der erste Akt einer groß konzipierten Tragödie sein, wirkt für sich allein aber ziemlich blass.


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... und Merik hat ein starkes Argument: Eine prima Axt, die Senja (vorne) schwer beeindruckt ...

Musikalisch stellt Corghi die Sphäre der abgewirtschafteten Kneipenbesucher einer Ebene von Reminiszenzen an den bürgerlichen Salon des 19. Jahrhunderts gegenüber – musikalischer Ausdruck von Borcov Abstieg vom reichen Großgrundbesitzer zum Alkoholiker. Die vermeintlich gute alte Zeit wird durch Tschaikowskijs Kinderalbum op. 39 symbolisiert, das sich wie ein roter Faden durch die Partitur schlängelt. Der Wechsel zwischen „romantischer“ und „moderner“ Musik erzeugt teilweise reizvolle Kontraste, wirkt aber oft bemüht und ist als Grundprinzip der Komposition durch die Dramaturgie der Handlung (die mehr auf die Rolle der untreuen Ehefrau als Auslöser einer individuellen Katastrophe fokussiert denn auf den sozialen Anstieg Borcovs) kaum motiviert. Statt dessen wird hier eine klischeebeladene Stimmung zwischen Tschechows Kirschgarten und Gorkis Nachtasyl suggeriert, die etliche literarische und musikalische Motive zu einem, mit Tschaikowskijs Melodien alle avantgardistische Kanten glättenden und dadurch vergleichsweise leicht verdaulichen russischen Brei vermengt – nicht uninteressant zu hören, aber mit leicht unangenehmem Beigeschmack. Zur Platitüde wird es allerdings, wenn zur Ankunft Mar'jas das Schicksal mit Betthovens Fünfter an die Türe klopft: „Ta ta ta taaaa“. So komt Corghi unversehens bei „Erkennen Sie die Melodie“ an.


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... besonders, wenn Merik damit Senjas untreue Gattin erschlagen möchte. Macht er aber dann doch nicht. Aber er leiht Senja gern die Axt aus.

Stärker wiegt die insgesamt unaufdringliche, im Detail sehr sorgfältige Inszenierung von Dietrich Hilsdorf, die irgendwann im 20. Jahrhundert angesiedelt ist. Die schäbige Kneipe setzt er in einen verfallenen Kirchenraum (das eindrucksvolle Bühnenbild von Renate Schmitzer ist vieldeutiger und doch konkreter fassbar als die Oper selbst), das Orchester sitzt hinter der durch einen Schleier zart angedeuteten Ikonenwand und damit hinter der Spielfläche, die über den Orchestergraben gebaut und damit näher an das Publikum herangebracht ist. Damit betont Hilsdorf das Kammerspielartige und rückt die Handlung ganz wörtlich näher an das Publikum heran. In diesem trostlosen Ambiente mit laufendem Fernseher haben sich Obdachlose (bei Corghi/Tschechow sind es drei Pilger) versammelt (dem unverwüstlichen Mario Brell gelingt in der gewohnt virtuosen Personenregie Hilsdorfs eine eindrucksvolle Charakterzeichnung des todkranken Savva). Mit Radoslaw Wielgus als klangvollem, nicht in falsche Weinerlichkeit verfallendem Borcov und dem ungeheuer präsenten und stimmgewaltigen Stefan Adam als mit der Axt bewaffneten Landstreicher Merik sind die Hauptrollen musikalisch wie darstellerisch sehr überzeugend besetzt. Das gilt auch durchweg für die Nebenrollen, bei denen Mineo Nagata als junger Arbeiter Fedja herauszuheben ist. Will Humburg, erwiesener Spezialist für die Musik Corghis, leitet das gut disponierte Orchester mit transparentem und nuanciertem Klangbild durch die Partitur. Das Premierenpublikum applaudierte frenetisch.



FAZIT

Die gute Aufführung hätte eine gewichtigere Oper verdient.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Will Humburg

Inszenierung
Dietrich Hilsdorf

Bühne
Dieter Richter

Kostüme
Renate Schmitzer

Dramaturgie
Berthold Warnecke



Symphonieorchester der
Stadt Münster


Solisten

Semen Sergeevic Borcov
(genannt Senja)
Radoslaw Wielgus

Tichon, Wirt
Patrick Simper

Mar'ja Egorovna
Suzanne McLeod

Fedja
Mineo Nagata

Egor Marik, Landstreicher
Stefan Adam

Kuz'ma
Mark Bowman-Hester

Nazarovna
Eva Lillian Thingbo

Efimovna
Lucy Coleby

Savva
Mario Brell

Denis, Kutscher
Donald Rutherford

Stimme aus der Ecke
Gian-Philip Andreas






Weitere Informationen
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Städtischen Bühnen Münster
(Homepage)






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