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Musiktheater
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Oedipus

Musiktheater von Wolfgang Rihm
Textzusammenstellung vom Komponisten
nach Friedrich Hölderlins Sophokles-Übersetzung "Oedipus der Tyrann", Friedrich Nietzsche und Heiner Müller


Aufführungsdauer: ca. 1h 30 Minuten (keine Pause)

Premiere im Theater Mönchengladbach am 9.02.2003


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Theater Krefeld-Mönchengladbach
(Homepage)
Klänge wie Skalpelle

Von Stefan Schmöe / Fotos von Matthias Stutte



Oedipus' Handlungen scheinen vom Schicksal vorgegebene zu sein: Unwissentlich hat er seinen Vater getötet und mit seiner Mutter vier Kinder gezeugt – und damit den Spruch des Orakels erfüllt. Der Prozess, der zur Erkenntnis seiner Schuld ist quälend, und an dessen Ende straft Oedipus sich selbst in großer theatralischer Geste, indem er sich blendet und damit der Sehfähigkeit beraubt. In der Frage nach persönlicher Schuld und Verantwortung, in der Bereitschaft, diese erkennen zu wollen, übt der Mythos ungebrochen seine Faszination aus, gehört zum Kern der abendländischen Kultur – in seiner dramatischen Qualität dazu wie geschaffen für die Opernbühne.

Vergrößerung Zeitgemäße Wahrheitssuche: Im Mobiliar von IKEA ringen Oedipus und Gattin Jokaste um Erkenntnis ...

Wolfgang Rihms Musiktheater Oedipus wurde nach der Uraufführung 1987 an der Deutschen Oper Berlin nicht wieder gespielt, sodass die Mönchengladbacher Produktion erst die zweite überhaupt ist. Für ein Werk aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ist es zweifellos ein Erfolg, nach der Uraufführung überhaupt noch ein weiteres Mal inszeniert zu werden; dennoch verwundert beim Sehen und Hören dieser Produktion, dass die Oper mit ihren überschaubaren Dimensionen (90 Minuten Länge) nicht häufiger auf den Spielplänen steht, denn mit ihrer hochexpressiven, mitunter physisch an die Schmerzgrenzen gehenden Musik ist sie vielen anderen Werken dieser Epoche sicherlich überlegen. Obwohl auf einem literarischen Stoff basierend ereilt Oedipus nicht das dunkle Schicksal etlicher Literaturopern, nämlich als Vertonung eines bekannten Stoffes von diesem erdrückt zu werden. Rihm hat keine narrative Oper geschrieben, er deutet die Handlung nur an – als Rahmen zu einem Prozess der Bewusstwerdung und Teil eines vielschichtigen Struktur. Die Komplexität macht das Stück natürlich nur schwer fassbar, und das schlägt auf die Inszenierung von Gregor Horres durch, die im Bemühen um ähnlich komplexe Bild- und Symbolsprache mehr verwirrt als Klarheit schafft.

Vergrößerung ... und nicht dem Kiefermöbel, sondern dem nur zögerlich die Wahrheit offenbarenden Boten gilt die Axt ...

Rihm verwendet verschiedene Quellen als „Material" für das Libretto: die Ödipus-Tragödie Sophokles' in der Übersetzung Hölderlins, Nietzsches „Oedipus. Reden des letzten Philosophen mit sich selbst." und Heiner Müllers „Ödipuskommentar". Die darin berührten geschichtlichen Epochen werden auf der Bühne aufgegriffen; Fragmente von altgriechischen Säulen, Einblendungen von Gemälden Caspar David Friedrichs, Aktenordner (die der Seher Tiresias vor Oedipus ausschüttet) als Inkunablen der Gegenwart. Oedipus ist in einer Art Zelle mit spartanischer IKEA-Bestuhlung gefangen, ein stilisiertes Oedipus-Double sitzt vor diesem Raum, der so etwas wie eine Innenwelt gegen das Außen abgrenzt. Im Wesentlichen bleibt die Bedeutung der unzähligen Symbole unverständlich. In ihrer Bedeutungsvielfalt ist dies mehr eine Inszenierung für ein theaterwissenschaftliches Oberseminar. Dabei wirkt kaum ein Element wirklich zwingend, sondern alles irgendwie austauschbar. Die Regie erleichtert die Wahrnehmung der musikalischen Strukturen nicht, sondern verkompliziert sie noch.

Vergrößerung .. und der Rest ist Tragik. Blutig nimmt das Schicksal seinen Lauf ...

Warum nur schrecken die Theater davor zurück, auch bei deutschen Stücken die Übertitelungsanlge einzusetzen, was schätzungsweise 99 Prozent aller Opernbesucher regelmäßig als wünschenswert erachten würden? Sind einzelne Handlungselemente hier bestenfalls schemenhaft zu erahnen, so ist vom Text praktisch gar nichts zu verstehen. Damit geht eine wesentliche Dimension verloren. Gesungen wird dabei – von der Textverständlichkeit abgesehen – ganz hervorragend. Johannes M. Kösters ist ein sonorer, fein schattierender Oedipus mit phänomenalem Durchhaltevermögen, neben dessen Dauerpräsenz zwangsläufig alle anderen Sänger nur als Nebenfiguren erscheinen. Die sind mit Ronald Carter (Kreon), Michael Tews (Tiresias) und Carola Gruber (Jokaste) durchweg überzeugend besetzt. Lea-ann Dunbar, Janet Bartolova und Debra Hays sind mit berückenden, teils vom Tonband verdoppelten Klängen die Stimmen der Sphinx. Hervorragend von Heinz Klaus einstudiert und in jeder Phase sehr präsent ist der Herrenchor.

Vergrößerung ... und erblindet schreitet Oedipus, wissend geworden, in die Welt hinaus.

Träger des Geschehens ist in erster Linie das Orchester. Die Singstimmen werden nicht „begleitet", sondern ordnen sich in den Gesamtklang, in dem sich das Drama konstituiert, ein. Das gelingt dem Mönchengladbacher Ensemble unter der Leitung von Kenneth Duryea bestens, und das liegt auch an der außerordentlich disziplinierten Leistung der Niederrheinischen Sinfoniker. Schneidende, immer wieder scharf abreißende Klänge der Bläser – Rihm hat anlässlich der Uraufführung vom „Klang als Skalpell" gesprochen – und Schlagwerksalven sind trotz teilweise enormer Lautstärken nicht lärmend und fügen sich zu einem streng strukturierten Klangband zusammen. Rihm verzichtet bis auf zwei Soloviolinen auf die Streicher, erzielt zum Schluss aber einen sehr fragilen Klang. Hier finden Musik und Inszenierung auch einmal zusammen – der Bühnenraum wird, in fast entmaterialisiert scheinenden Farben und auf den Kopf gedreht, auf die Rückwand von Oedipus' Zelle projeziert. Die Ruhe dieses (leider selbst hier noch von aktionistischem Bühnengeschehen überlagert) Bildes ist das, was man der aufregenden Musik als Gegenpol gewünscht hätte.

Mehr noch der Moment der Stille nach dem Schlussakkord als Ausdruck der Betroffenheit, den Rihms Musiktheater auslöst, als der anschließende starke Beifall für alle Beteiligten können als Beleg für die trotz aller szenischer Probleme starke Wirkung dieser Produktion gewertet werden. Die Vereinigten Städtischen Bühnen Krefeld Mönchengladbach machen damit (nicht zum ersten Mal) größeren Häusern vor, was im zeitgenössischen Musiktheater auch bei angespannter Haushaltslage möglich ist.


FAZIT
Großes, musikalisch spannendes, szenisch am Übermaß der Bilder leidendes Musiktheater.

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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Kenneth Duryea

Inszenierung
Gregor Horres

Bühne und Kostüme
Kirsten Dephoff

Choreinstudierung
Heinz Klaus

Dramaturgie
Peter Stalder



Herrenchor der
Vereinigten Städtischen Bühnen

Statisterie der
Vereinigten Städtischen Bühnen

Die Niederrheinischen
Sinfoniker


Solisten



Oedipus
Johannes R. Kösters

Kreon
Ronald Carter

Tiresias
Michael Tews

Bote
Mikhail Lanskoi

Bote
Hayk Dčinyan

Jokaste / Die Frau
Carola Gruber

Sphinx 1
Lea-ann Dunbar (vom Band)

Sphinx 2
Janet Bartolova (vom Band)

Sphinx 3
Debra Hays

Sphinx 4
Janet Bartolova



Weitere Informationen
erhalten Sie vom
Theater Krefeld-Mönchengladbach
(Homepage)



Da capo al Fine

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