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Die Walküre

Erster Tag des Bühnenfestspiels
Der Ring des Nibelungen

Musik und Dichtung
von Richard Wagner

In deutscher Sprache mit französischen und flämischen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 4h 55' (zwei Pausen)

Premiere im Théâtre Royal de Liège
am 15. Juni 2003



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Opéra Royal de Wallonie
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Schwacher Erster Tag

Von Thomas Tillmann / Fotos von der Opéra Royal de Wallonie



Natürlich erwartet man von der Lütticher Oper keine revolutionäre Neudeutung der Tetralogie Wagners und darf vielleicht nicht dieselben Maßstäbe anlegen wie bei einem mit dem Genre vertrauten Haus, aber was Jean-Louis Grinda zu der Walküre eingefallen ist, ist einfach zu wenig. So begrüßenswert der Respekt vor dem Werk auch sein mag: Ganz so ängstlich hätte der Intendant des Traditionshauses nun doch nicht am Vergangenen festhalten müssen, ganz so angestaubte Bilder hätten es nicht sein müssen, auch nicht ein solches Maß an szenischer Langeweile - eine nicht ausschließlich von den (größtenteils erfahrenen) Darstellern eingebrachte Figurencharakterisierung etwa und eine plausible Personenregie sind ja nicht gleichbedeutend mit einem Verrat am Werk und einer Einengung der Assoziationsmöglichkeiten des Betrachters, sondern eine Bedingung für die versprochene Analyse der komplexen Vorlage, die über ein Konzert in Kostümen hinausgehen will. Und der permanente Einsatz altersschwach vor sich hin wabbernder Nebelmaschinen hat auch noch nie von inszenatorischer Einfallslosigkeit und Einfalt ablenken können, pardon.

Vergrößerung "Heraus aus der Scheide!" - Siegmund (Patrick Raftery) zieht, Sieglinde (Hedwig Fassbender) fiebert mit.

Ausgesprochen lahm gerät schon der Beginn: Ein paar schwache Gewitterblitze und eine Handvoll in Hundings sehr naturalistisch gestaltetes Haus geblasene Blätter weisen auf die kalte Jahreszeit, der der völlig verschenkte Lenz-Einbruch am Ende des Aufzugs sicher nicht den Garaus macht, ebenso wie das Entfernen der über das schlichte Kleid geschnürten Korsage ernsthaft an das Blühen von Wälsungenblut denken ließe. Das Geschwisterpaar sieht man hinter einem schlecht aufgehängten Prospekt mit einem ausgebleichten Gemälde wieder, auf dem ein Felsen auszumachen ist und das Wotan an den an einer merkwürdigen Holzkonstruktion befestigten Seilen hochzieht (ein jämmerliches Walhall!). Bei Wotans großem Monolog wird hinter einem der vielen zusätzlich dämpfenden Vorhänge ein Nibelungenkind sichtbar (einer von wenigen erhellenden Einzelfällen!), später dann eine leicht stilisierte Felslandschaft, von der aus fast unbekleidete, in Zeitlupe kämpfende Ringer nach Walhall aufbrechen. Die Walküren indes erfahren Unterstützung von vier völlig überflüssigen Schlachtross-Attrappen, die sich noch oberhalb des Orchesters nach vorn bewegen - mancher Besucher kämpfte mit dem Lachen angesichts derartiger Zumutungen. Dass auch noch die Flämmchen um den mit dem entscheidenden Satz "Wer meines Speeres Spitze fürchtet ..." versehenen Brünnhildenfelsen zu früh aktiviert wurden, mag als Beispiel für manch andere technische Panne ausreichen. Und auch der den Abend beschließende Einfall, Wotan bereits im Wanderer-Outfit zu zeigen, ist nicht neu.

Vergrößerung "So ist es denn aus mit den ewigen Göttern?" - Fricka keift (Martine Surais), Wotan (James Morris) weiß, dass er keine Chance hat.

Bereits bei meiner Rezension des Rheingold hatte ich Grindas Entscheidung, unter Berufung auf Wagners eigene Bewunderung für das griechische Theater und auf dessen Idee des Gesamtkunstwerks das Orchester aus dem dafür vorgesehenen Graben herauszuholen und erhöht und fast immer sichtbar an der Stelle des antiken Chors im Bühnenhintergrund zu platzieren, als diskutabel und nicht glücklich bezeichnet. In der Walküre nun ärgerte man sich noch mehr über den daraus resultierenden geradezu kastrierten Orchesterklang, der dem Abend jede Spannung raubte und auf der Bühne selbst für akute Platzprobleme sorgte. Ein echtes Miteinander von Solisten und Dirigenten war unter diesen Umständen natürlich nicht möglich, da nützte auch der neue Farbmonitor nichts, auf dem die Solisten Friedrich Pleyer entdecken konnten (gute Augen oder Sehhilfen vorausgesetzt - es grenzt an ein Wunder, dass nicht mehr Pannen passierten!), der besonders in den beiden ersten Aufzügen vielleicht doch etwas zu breite Tempi favorisierte, seinen Wagner aber natürlich bis in die kleinsten Details kennt und dies dem Lütticher Orchester offenbar auch vermitteln konnte, dessen Spiel mich aber erst bei Wotans Abschied wirklich berührte. Ob die Sängerinnen und Sänger mit der beschriebenen Anordnung zufrieden sind, wage ich zu bezweifeln: Zwar werden sie anders als bei anderen Produktionen natürlich nie zugedeckt, aber dafür fällt auch jede vokale Unebenheit sofort auf, und ich kann mir denken, dass es nicht eben angenehm ist, wenn sich fast alle Aktionen so weit auf der Vorderbühne abspielen, dass die Zuschauer in der ersten Reihe die Protagonisten problemlos berühren könnten.

Vergrößerung "Leb wohl, du kühnes, herrliches Kind!" - Wotan (James Morris) nimmt schweren Herzens Abschied von seiner Lieblingstochter Brünnhilde (Susan Owen).

Außer einer guten Textverständlichkeit, einer sorgfältigen Phrasierung und ein paar geglückten Pianoversuchen in den "Winterstürmen" brachte Patrick Raftery wenig für den Siegmund mit (den er bereits in Frankfurt und Seattle interpretiert hat): Obwohl der Kanadier seit 1992 Tenorrollen singt, klingt seine glanzarme Stimme doch immer noch sehr baritonal (was grundsätzlich kein Fehler bei dieser ohnehin relativ tief notierten Partie ist) und eben nur in der tiefen Lage einigermaßen attraktiv, ab der Mittellage leider deutlich heller, allzu unruhig (nicht selten ist ein Wobble zu beklagen, der es einem unmöglich macht, den eigentlich angesteuerten Ton korrekt zu identifizieren!), ältlich-müde und besonders in der Höhe unangenehm farblos, und ein begnadeter Darsteller ist der Künstler auch nicht. Dagegen war Hedwig Fassbender bei ihrem Rollendebüt eine sehr um Textnuancen bemühte, intensive Sieglinde mit durchaus jugendlichem Ton. An Grenzen kommt die Stimme eigentlich nur dann, wenn sie wie im dritten Aufzug längere Zeit in hoher Tessitur gefordert ist; trotz der aufgewandten Kraft, des hörbaren Risikos und einer gewissen Schärfe gehörte das "Hehrste Wunder" aber zu den aufregenderen Momenten des Abends. Artur Korn war mit gewaltigem, respekteinflößenden und in allen Lagen ausgeglichen tönendem Bass und großer darstellerischer Ausstrahlung natürlich erste Wahl für den Hunding.

Vergrößerung "Wer meines Speeres Spitze fürchtet ..." - Wotan (James Morris) erfüllt Brünnhildes letzten Wunsch und umgibt sie mit einem Feuerwall.

Anstelle des angekündigten Jean-Philippe Lafont, der als Wotan im Rheingold ja keinen schlechten Eindruck hinterlassen hat, hatte man mit James Morris kurzfristig einen der bedeutendsten Rollenvertreter der letzten Jahrzehnte verpflichtet (1984 hatte der Schüler von Rosa Ponselle und Nicola Moscona in Baltimore in dieser Rolle debütiert, bei deren Vorbereitung er sich von einem anderen großen Wotan-Interpreten beraten ließ, dem legendären Hans Hotter), der natürlich um alle Nuancen dieser fordernden Partie weiß und ihr auch in vokaler Hinsicht nichts schuldig bleibt, zumal er anders als mancher Kollege präzise Deklamation und am italienischen Repertoire geschulten Schöngesang vorbildlich zu verbinden versteht. Nur gegen Ende fielen einige gefährdete Pianotöne auf, die er aber geschickt in seine Charakterisierung des Gottes integrierte, während ich das von einigen Zuschauern kritisierte Überartikulieren (Konsonanten!) angesichts der im Opernbetrieb vorherrschenden Nachlässigkeit in diesem Bereich verzeihlich finde. Befürchtete man angesichts der problematischen Intonation, der stumpfen Mittellage, den überhaupt ziemlich auseinanderklaffenden Registern und den bloß angerissenen Hs und Cs der Hojotohos das Schlimmste, so stabilisierte sich Susan Owens Leistung in der Titelpartie mehr und mehr, auch wenn ihr Sopran deutlich unflexibler geworden und viel von seinem früheren Glanz verloren hat, die Künstlerin für meinen Geschmack in der Tiefe allzu häufig von der Bruststimme Gebrauch macht und sich zu unschönem Sprechgesang verleiten lässt; auch das scheußliche Anbohren der merkwürdig aus der Gesangslinie herausragenden, unfokussierten Spitzentöne ist für sensible Ohren eine Pein. Dennoch hatte die Amerikanerin ihre Momente, namentlich in lyrischeren Passagen und in der mit wunderbar rundem Ton gesungenen Todesverkündigung, und auch ihre exemplarische Diktion, die tief empfundene Darstellung und ihre Qualitäten als aktive Zuhörerin etwa bei Wotans langem Monolog im zweiten Aufzug dürfen nicht unerwähnt bleiben. Man möchte nicht uncharmant sein, aber spätestens nach ihrer Rheingold-Fricka hätte man Martine Surais erklären müssen, wann eine Sach' ein End' hat, und sich nach einer Mezzosopranistin umsehen müssen, die sich als Fricka nicht ausschließlich auf grelles Gekeife und exaltiertes Herumrennen konzentriert und mehr zu bieten hat als eine aufdringliche Chansonettentiefe und ein brüchiges Piano - nur ein paar einzelne Töne in der oberen Mittellage sind bei dieser verbrauchten Stimme noch intakt, was mir für eine solche Partie zu wenig ist. Und auch im gut einstudierten Walküren-Oktett fielen einige Sängerinnen auf, die sich wirklich darauf beschränken sollten, für ihre Freunde zu singen (so die heisere Margaret Sitniak als Gerhilde oder die soubrettige Evelyne Bohen als Helmwige; positiv fiel nur der kraftvolle Mezzosopran von Elzbieta Ardam auf).


FAZIT

Nach dem soliden Beginn mit Rheingold zeigten sich bei der Walküre gravierende Schwächen, deren schmerzlichste sicher die unglückliche Position des Orchesters ist, über die man angesichts der zwei noch ausstehenden Ring-Abende wirklich noch einmal gründlich nachdenken sollte. Und auch dies muss einmal gesagt werden: Nur weil das Unternehmen angesichts der begrenzten Möglichkeiten der Opéra Royal de Wallonie ein gewagtes ist, kann nicht erwartet werden, dass man als Kritiker über jede szenische wie musikalische Unzulänglichkeit hinwegsieht - niemand hat die Verantwortlichen gezwungen, sich dieser immensen Herausforderung zu stellen!


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Friedrich Pleyer

Inszenierung
Jean-Louis Grinda

Mitarbeit
Claire Servais

Bühnenbild
Eric Chevalier

Kostüme
Christian Gasc

Licht
Roberto Venturi

Eine Neuproduktion der
Opéra Royal de Wallonie



Orchester der
Opéra Royal de Wallonie


Solisten

Siegmund
Patrick Raftery

Wotan
James Morris

Hunding
Artur Korn

Sieglinde
Hedwig Fassbender

Brünnhilde
Susan Owen

Fricka
Martine Surais

Gerhilde
Margaret Sitniak

Ortlinde
Marie-Thérèse Fontaine

Waltraute
Elzbieta Ardam

Schwertleite
Johanna Duras

Helmwige
Evelyne Bohen

Siegrune
Magali Mayenne

Grimgerde
Martine Gaspar

Roßweiße
Christine Solhosse



Weitere
Informationen

erhalten Sie von der
Opéra Royal
de Wallonie

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