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Das Rheingold

Vorabend zum Bühnenfestspiel
Der Ring des Nibelungen

Musik und Dichtung
von Richard Wagner

In deutscher Sprache mit französischen und flämischen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 2h 35' (keine Pause)

Premiere im Théâtre Royal de Liège
am 2. Mai 2003


Besuchte Vorstellung: 4. Mai 2003


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Opéra Royal de Wallonie
(Homepage)
Respekt!

Von Thomas Tillmann / Fotos von der Opéra Royal de Wallonie



Nur ganz kurz und auf massives Drängen seines Wotan-Darstellers zeigte sich Jean-Louis Grinda am Ende der zweiten Vorstellung des Rheingold dem begeistert die gelungene Produktion feiernden, internationalen Publikum im Théâtre Royal (in der Premiere zwei Tage früher war gar Bayreuth-Prinzipal Wolfgang Wagner samt Gattin angereist). Dabei war ihm doch fast alles gelungen bei der Umsetzung des gewagten Unternehmens, zum ersten Mal seit Bestehen der Opéra Royal de Wallonie Richard Wagners Ring des Nibelungen auf den Spielplan setzen und damit seit Beginn des neuen Jahrtausends die erste Aufführung der Tetralogie in Belgien zu präsentieren. Der Intendant der Lütticher Oper, der nach ersten Erfahrungen im Bereich des Musicals und unterstützt von Hausregisseurin Claire Servais selbst Regie führt, hat sich größten Respekt vor dem Werk, aber ohne nostalgisches Festhalten am Vergangenen als Motto gesetzt; erklärtes Ziel ist es, das monumentale Oeuvre einem möglichst breiten Publikum zugänglich und verständlich zu machen (flankierend werden vor der Vorstellung Einführungsvorträge angeboten), Ansätze zur Analyse der komplexen Vorlage aufzuzeigen, ohne den Raum für eigene Assoziationen des Betrachters allzu sehr einzuschränken, vor allem aber die Faszination spürbar werden zu lassen, die von diesem gewaltigen Kunstwerk immer wieder neu ausgeht. Dass dabei manches Bild eher traditionell gerät, halte ich für wesentlich akzeptabler als die mitunter bedeutend weniger einleuchtenden fixen Ideen, die einem bei anderen Deutungen aufgedrängt werden und die das Verständnis mitunter eher erschweren als fördern.

Vergrößerung Wotan (Jean-Philippe Lafont) realisiert, dass er sich mit dem Bau Walhalls übernommen hat.

Die Aufführung beginnt in vollständiger Dunkelheit und (fast) absoluter Ruhe, bevor auf einem schwarzen Vorhang die Weltesche Yggdrasil sichtbar wird, jener heilige Baum der nordischen Mythologie im Mittelpunkt der Erde, unter dessen Wurzeln die Welten der Menschen, der Hel und der Reifriesen liegen. Aus dem Orchestergraben tauchen Felsen mit den Rheintöchtern auf - wie alle anderen Mitwirkenden in zeitlich nicht recht zu fixierenden, wohl am ehesten dem Fantasygenre zuzuordnenden, die Charakterisierung der Figuren überzeugend unterstreichenden Kostümen von Christian Gasc. Bei ihrem Spiel mit Alberich schaut bereits Loge von der Seite interessiert zu, bevor er später mit Wotan den Plan zum Raub des Goldes ausheckt. Die Götter (in majestätisch leuchtendem Rot) werden von hinten auf einer Spielfläche hineingefahren, die wie eine Miniaturwelt wirkt und auf der sich auch ein Modell Walhalls befindet, das ansonsten nur auf einem durchsichtigen Vorhang zu sehen ist und einem modernen Bürobau nicht unähnlich ist. Detailverliebt hat Eric Chevalier Nibelheim als mit Wurzeln der Weltesche überzogenes Bergwerk ausgestattet, in dem der inzwischen in Uniform und mit Reitpeitsche auftretende Alberich seine Schreckensherrschaft ausübt und in dem die Verwandlungen nicht weniger peinlich ablaufen als in anderen Produktionen, wie an entscheidenden Punkten die Bühnentechnik des ehrwürdigen Lütticher Opernhauses überhaupt sicht- und hörbar an Grenzen kommt (und man dringend nach einem Sponsor für eine Bühnennebelanlage suchen sollte). Erfreulicherweise stehen diese technischen Aspekte der Aufführung aber nicht im Vordergrund - es ist die klare, stringente und ruhige Erzählweise, die den Betrachter soviel mehr fesselt als kopfloser Aktionismus, die differenziert-präzise Figurenzeichnung und die wohlüberlegte Personenführung.

Vergrößerung Die Riesen (Léonard Graus und Tómas Tómasson, zweiter und dritter von links) verlangen von den Göttern (von links nach rechts: Alain Gabriel, Martine Surais, Roger Joakim, James McLean und Jean-Philippe Lafont) den vereinbarten Lohn: Freia (Jialin Marie Zhang, ganz links).

Diskutabel ist bei all dem natürlich Grindas Entscheidung, unter Berufung auf Wagners eigene Bewunderung für das griechische Theater und auf dessen Idee des Gesamtkunstwerks das Orchester aus dem dafür vorgesehenen Graben herauszuholen und erhöht und fast immer sichtbar an der Stelle des antiken Chors im Bühnenhintergrund zu platzieren. Die Vorteile für die Sängerinnen und Sänger und die Textverständlichkeit liegen natürlich auf der Hand, denn zugedeckt wurde auf diese Weise niemand von dem personenstarken Kollektiv (und Koordinationsprobleme zwischen Pult und Bühne gab es auch keine), aber mancher Farbe und Wirkung wurde die Partitur auf diese Weise natürlich schon beraubt, so dass sich der richtige Wagner-Sound nicht recht einstellen wollte, sondern man die bekannte Musik merkwürdig gedämpft wahrnahm - da nützte auch der sicher größte Wertschätzung zum Ausdruck bringende Einfall nichts, dass nach den Donnerschlägen der letzten Szene für eine Weile nur das Orchester als das eigentliche Walhall zu sehen war.

Vergrößerung Loge (James McLean, Mitte) und Wotan (Jean-Philippe Lafont, rechts) statten Alberich (Werner Van Mechelen, links) einen Besuch ab.

Friedrich Pleyer wird gute Miene zum bösen Spiel gemacht haben, denn immerhin erfüllt sich mit dieser Produktion auch für ihn ein lang gehegter Traum, nämlich endlich die gesamte Tetralogie dirigieren zu dürfen. Umso erstaunlicher war es, wie klar sein Konzept war, wie ausgewogen und "richtig" seine Tempi, wie hochrangig das Spiel seines Orchesters - da hat man bei mit den Opern Richard Wagners vertrauteren Orchestern schon deutlich mehr Spielfehler gehört, was für eine solide Vorbereitung spricht, die man auch den Solistinnen und Solisten attestieren muss, von denen die Mehrheit die ihnen anvertrauten Partien zum ersten Mal sang. Jean-Philippe Lafont, der an allen wichtigen Opernhäusern und bei den renommiertesten Festspielen aufgetreten ist (ich erinnere mich etwa an seinen Bayreuther Telramund in den letzten Jahren), das ist vor allem eine mächtige Stimme in einem mächtigem Körper, ohne dass man feinere Nuancen vermisst hätte, aber auch ohne dass man hier bereits von einem die Szene beherrschenden Wotan hätte sprechen können. Die größte Bühnenpräsenz besaß James McLean als kahlköpfiger, mitunter fast tänzerisch agierender, eleganter Spötter Loge, und wenn man einige heisere Nebengeräusche akzeptierte, konnte man sich auch über viele schöne Lyrismen freuen, die an auch an mittleren deutschen Häusern erzielte Erfolge des Künstlers besonders in den Mozartpartien seines Fachs erinnerten. Auch Martine Surais ist eine verdiente Sängerin - im März 2002 hat sie am selben Ort noch die Elektra gesungen -, aber ihr (Mezzo-)Sopran ist inzwischen so stumpf, vibratös und hinsichtlich der Register auseinanderklaffend, dass man sich für die beiden Zyklen im Jahre 2005 doch nach einer Alternative umschauen sollte (ein paar schöne Piani in der Mittellage können daran wenig ändern), ebenso wie für Jialin Marie Zhang als mit ihrem grundsätzlich winzigen, nur künstlich auf unangenehme Lautstärke getrimmten, flackernden Sopran hoffnungslos überforderte Freia nichts als die zierliche Figur und die mädchenhafte Optik spricht. Die männlichen Götterkollegen waren da mit dem einige schöne Tenortöne beisteuernden Alain Gabriel als Froh und Roger Joakim mit sehr angenehm timbrierten Bariton als Donner bedeutend besser besetzt, und auch die von der Frankfurter Oper bekannte Elzbieta Ardam hatte für eine würdevoll-reife, geheimnisvolle Erda alle Töne, was nicht wenig ist in Zeiten eines akuten Mangels an echten Altstimmen.

Vergrößerung Die Götter (von links nach rechts: James McLean, Jean-Philippe Lafont, Martine Surais, Jialin Marie Zhang, Roger Joakim und Alain Gabriel) ziehen in Walhall ein, die Rheintöchter (Christine Solhosse, Anne-Catherine Gillet und Migali Mayenne) beklagen den Raub des Goldes (im Hintergrundund das Orchestre de l'Opéra Royal de Wallonie unter Leitung von Friedrich Pleyer).

Ich kann mich nicht erinnern, in den letzten Jahren einen so schön singenden und dennoch in der Textausdeutung so engagierten Interpreten des Alberich gehört zu haben wie Werner Van Mechelen, der niemals die Gesangslinie des vordergründigen Effekts wegen zerstörte, sondern Ausdruck eben aus der vorgenannten entwickelte. An seiner Seite war Helmut Wildhaber, Kammersänger der Wiener Staatsoper seit 1990, ein exzellent deklamierender Mime, von dem jedes Wort zu verstehen war und der anders als mancher Kollege ohne größere Übertreibungen auskam. Einen exzellenten Eindruck hinterließ auch Ensemblemitglied Léonard Graus als verliebter Fasolt mit seinem kraftvollen, aber nie unkontrolliert eingesetzten, legatostarken Bass, während Tómas Tómassons zwar schwärzere, aber auch mauligere und nicht unerheblich tremolierende Stimme die Engagements an Häusern wie der Berliner, der Bayerischen und der Wiener Staatsoper, in Covent Garden, Amsterdam und Chicago kaum rechtfertigt, zum unangenehmen, gefährlichen Wesen Fafners allerdings hervorragend passte. Als zuverlässig erwiesen sich schließlich die Interpretinnen der Rheintöchter, von denen Anne-Catherine Gillet für mein Empfinden die schönste Stimme besitzt.


FAZIT

Die erste Etappe des ehrgeizigen Vorhabens ist genommen, dessen Wichtigkeit für die Lütticher Oper durch die eigens in Auftrag gegebene Prägung einer mit einer Bronzeschicht überzogenen Messingmedaille unterstrichen wird, die Details der 1903 von Emile Berchmans gemalten Decke des Théâtre Royal zeigt (ein Portrait Richard Wagners sowie Wotans Abschied von Brünnhilde aus dem dritten Aufzug der Walküre) und für 30 Euro in der Opernboutique zum Kauf angeboten wird. Schon jetzt darf man gespannt sein auf den Ersten Abend, der ab dem 15. Juni an der Maas zur Aufführung kommen wird.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Friedrich Pleyer

Inszenierung
Jean-Louis Grinda

Mitarbeit
Claire Servais

Bühnenbild
Eric Chevalier

Kostüme
Christian Gasc

Licht
Roberto Venturi

Eine Neuproduktion der
Opéra Royal de Wallonie



Orchester der
Opéra Royal de Wallonie


Solisten

Wotan
Jean-Philippe Lafont

Donner
Roger Joakim

Froh
Alain Gabriel

Loge
James McLean

Fasolt
Léonard Graus

Fafner
Tómas Tómasson

Alberich
Werner Van Mechelen

Mime
Helmut Wildhaber

Fricka
Martine Surais

Freia
Jialin Marie Zhang

Erda
Elzbieta Ardam

Woglinde
Anne-Catherine Gillet

Wellgunde
Christine Solhosse

Floßhilde
Magali Mayenne



Weitere Informationen
erhalten Sie von der
Opéra Royal de Wallonie
(Homepage)



Da capo al Fine

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