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Tyrannenmord auf Italienisch
Von Thomas Tillmann
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Fotos von der Opéra Royal de Wallonie Dass an der Opéra Royal de Wallonie gerade auch der Verdi der sogenannten Galeerenjahre gepflegt wird, habe ich mehrfach an dieser Stelle lobend hervorgehoben, und so war die Entscheidung des Intendanten Jean-Louis Grinda, die Strassburger Produktion des Attila für fünf Vorstellungen nach Lüttich zu holen, nur zu begrüßen, zumal sich damit auch eine weitere Möglichkeit ergab, den renommierten Bassisten Paata Burchuladze zu engagieren, der bereits im letzten Herbst im Ernani das Publikum zu Beifallsstürmen hingerissen hatte und am 1. Oktober diesen Jahres auch noch mit einem Recital in der Stadt an der Maas zu erleben war, in dessen Verlauf er unter anderem die zentralen Szenen aus Boris Godunow interpretierte (diese Partie wird er demnächst an der Scala singen, während er als Filippo und Ramfis an die New Yorker Met, als Attila nach Covent Garden und als Osmin nach München zurückkehren wird).
Attila, der scheinbar unbezwingbare Kämpfer (Paata Burchuladze)
Anders als bei seiner museal-historisierenden Inszenierung des Ernani fühlte sich Jean-Claude Auvray diesmal berührt von der Aktualität des Stoffes, denn bis heute gibt es unmenschliche Systeme und Diktatoren wie Attila an deren Spitze, die eine Gefahr auch für Europa darstellen können. Charles Edwards hat mit dem aufgrund von Kriegsschäden baufälligen Palast, der die Szene dominiert und Attila als Lager und Machtzentrale dient (die riesige Italienkarte und die später eingesetzten Monitore und Laptops illustrieren diese Idee), einen beklemmenden Ort der Zerstörung und Gewalt kreiert, an den Soldaten in modernen, blutroten Kampfanzügen während des Preludio die Leiche von Odabellas Vater bringen, an dem dem Diktator ehrfürchtig mit Fahnen, die sein Porträt zeigen, gehuldigt wird, an dem aber auch Frauen die Bilder ihrer gefallenen Väter, Männer und Söhne hochhalten. Es sind diese starken Bilder, die einen über manche dramaturgische Schwäche des Werkes und letztlich auch über die Defizite in der Personenführung sowie über die szenischen Freiheiten der Sänger hinwegsehen lassen, die sich vermutlich ohne Absprache mit dem Regisseur rechtzeitig zu ihren Bravournummern an der Rampe einfinden.
Attila, der mächtige, vom Volk (Chor der Opéra Royal de Wallonie) gleichermaßen verehrte wie gefürchtete Diktator (Paata Burchuladze)
Paata Burchuladze setzte in der Titelpartie zwar in erster Linie auf die gebieterischen Eruptionen seines wahrhaft mächtigen, sehr "russischen" Organs, in das sich inzwischen allerdings einige Rauheiten und ein ausladendes Vibrato eingeschlichen haben, das aber besonders in der Höhe immer noch wie selbstverständlich anspricht und zu gestalterischen Nuancen etwa in der Visionsszene durchaus zu bewegen ist, erwies sich aber auch einmal mehr als faszinierender, suggestiver Darsteller. Hinsichtlich der Lautstärke und des Herausschleuderns von Spitzentönen lieferte er sich fast so etwas wie ein Duell mit Marcel Vanaud, der bereits 1975 fest in Liège engagiert war und dessen neueste CD mit Arien aus Bizets Carmen und La Jolie Fille de Perth, Delibes' Lakmé, Berlioz' La Damnation de Faust, Massenets Thais und Hérodiade und Gounods Faust gerade erschienen ist (begleitet wird er auf dem bereits im August 1996 aufgenommenen, von der Firma Ligia Digital herausgegebenen, für Freunde der französischen Oper zweifellos anschaffenswerten Tondokument vom Orchestre de l'Opéra Royal de Wallonie unter der Leitung von Roger Rossel, der auch die stimmungsvolle Ouverture zu Lalos Le Roi d'Ys und das Bacchanale aus Samson et Dalila dirigiert). Der Belgier besann sich erst in seiner großen Arie auf die sonst so geschätzten Legatoqualitäten seines dunklen, zunächst sogar etwas dumpf und unruhig tönenden Baritons.
Attila, der Scheiternde (Paata Burchuladze, kniend), unter den strengen Augen Forestos (Zwetan Michailov, links), Odabellas (Michèle Lagrange), Leo I., des römischen Bischofs (Léonard Graus, hinten), seiner Soldaten und des Volkes (Chor der Opéra Royal de Wallonie)
Hochproblematisch war dagegen Michèle Lagranges Leistung als Odabella, deren Sopran inzwischen deutlich hörbar in drei Teile zerfällt: Da ist die furchteinflößend-energische, vulgäre Bruststimme, die die Französin ungewöhnlich hoch zieht, eine dadurch nur sehr kurze, unangenehm heisere, beschädigte Mittellage und eine häufig angeschliffene, mitunter reichlich unkontrolliert herausgegellte Höhe - auch bei ihr scheint Lautstärke das oberste Ziel ihrer risikofreudigen gesanglichen Bemühungen zu sein, was ihr natürlich große Präsenz in den Ensembles sichert, in denen man die Verschleißerscheinungen des Organs nicht so deutlich vernehmen kann wie in den virtuoseren und lyrischeren Passagen etwa in der berühmten Arie, in der sie zwar noch mit einigen Piano- und Messa-di-voce-Effekten aufwarten kann, aber bei grundsätzlich unausgeglichener, ältlich-schriller Tongebung auch mit unschönen Intonationstrübungen zu kämpfen hat, die sich durch überemphatische, außermusikalische Ausdrucksgesten nicht wirklich kompensieren lassen. Zwetan Michailow setzte als Foreso zwar erfreulicherweise nicht nur auf Fortedemonstrationen, aber seinem an sich angenehm timbrierten Tenor fehlt es am letzten gestalterischen Schliff, bei seinen hohen Tönen, die nicht frei ausschwingen, sondern wie durch ein (zu) enges Rohr geführt klingen, ist eine Menge Kraft im Spiel, und ein paar Schluchzer weniger hätten es auch sein dürfen. Nicht vergessen werden dürfen Léonard Graus und Guy Gabelle, denen Lob für ihre solide Ausführung der Comprimariopartien gebührt. Der Umstand, dass in dieser Oper nicht zuletzt die Chöre große Chancen der Profilierung haben, soll dem Vernehmen nach keine geringe Bedeutung bei der Stückauswahl gehabt haben, und auch dieses Konzept ging auf, denn das von Edouard Rasquin offenbar exzellent vorbereitete, glänzend disponierte Kollektiv hatte einen großen Abend.
Attila, der von Odabella (Michèle Lagrange, vorne links) Gerichtete (Paata Burchuladze, rechts am Boden liegend)
Jubelstürme löste ein weiteres Mal Alain Guingal aus, der dem Lütticher Orchester nicht nur ein dynamisch fein abgestuftes Spiel entlockte, sondern durch seine flotten, aber nie gehetzt wirkenden, die militärische Aggressivität der Szene unterstreichenden, mitreißenden Tempi, sein Gespür für Rubati und bewegte Begleitfiguren ungeheure Spannung erzeugte und gleichzeitig mit den Sängern atmete - ein Glücksfall!
Ein trotz einzelner Schwachpunkte szenisch wie musikalisch packender Saisonstart! Ihre Meinung Schreiben Sie uns einen Leserbrief (Veröffentlichung vorbehalten) |
Produktionsteam
Musikalische Leitung
Inszenierung
Assistenz
Bühnenbild und Licht
Kostüme
Choreografie
Einstudierung
Choreinstudierung
Eine Produktion der
SolistenOdabellaMichèle Lagrange
Attila
Foresto
Ezio
Leone
Uldino
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