Zur OMM-Homepage Zur OMM-Homepage Veranstaltungen & Kritiken
Musiktheater
Zur OMM-Homepage Musiktheater-Startseite E-Mail Impressum



Macbeth

Oper in vier Bildern
Libretto von Francesco Maria Piave
nach der gleichnamigen Tragödie von William Shakespeare
Musik von Giuseppe Verdi

Zweite Fassung von 1865


in italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Aufführungsdauer: ca. 2h 40 Minuten (eine Pause)

Premiere im Theater Krefeld am 22. Februar 2003


Homepage

Theater Krefeld-Mönchengladbach
(Homepage)
Respekt!

Von Thomas Tillmann / Fotos von Matthias Stutte


Kaum eine andere der sogenannten Galeerenjahre-Opern Giuseppe Verdis erfährt heute so viel Aufmerksamkeit wie der 1847 in Florenz uraufgeführte Macbeth, was nicht zuletzt mit dem Umstand zu erklären ist, dass der Komponist sich hier zum ersten Mal mit einem Shakespeare-Stoff auseinandersetzt und die behandelten Fragen kein bisschen ihrer Aktualität eingebüßt haben. Natürlich würde man auch in unseren Breitengraden gern einmal die frühe Fassung des Werkes sehen, aber man versteht natürlich die Entscheidung der Vereinigten Städtischen Bühnen, die insgesamt wohl doch geschlossenere zweite Fassung aus dem Jahre 1865 (mit der üblichen Auslassung der für die Pariser Premiere geschriebenen langen Ballettmusik) zu zeigen, die die Handlung auf die bizarre Beziehung des Protagonistenpaares verdichtet. Jens Pesel, Generalintendant der Vereinigten Bühnen der beiden Städte am Niederrhein, hebt dabei deutlich die Kinderlosigkeit der beiden als zentrales Interpretationsmoment hervor: Schon in der ersten Hexenszene hält Macbeth eine Babypuppe in der Hand, die er fortwirft, um seiner Frau den berühmten Brief zu schreiben, im zweiten Bild wiegt er die Puppe im Arm, bevor er der Lady die Krone zu Füßen legt, während des Banketts sind es zwei kichernde Hexen mit umgeschnalltem Schwangerschaftsbauch, die Banco hineingeleiten und Macbeth zum Wahnsinn treiben, und die "Ahnung von der Perspektivlosigkeit seiner Usurpation der Macht" (Ekkehart Krippendorf) kulminiert, wenn er noch vor dem Tod seiner Frau bei der Phrase "Eppur la vita sento nelle mie fibre inaridita!" entnervt vor den allgegenwärtigen Kinderwagen tritt.

Vergrößerung Lady Macbeth (Milana Butaeva) kommt ihrem Ziel näher, schottische Königin zu werden: Den Brief mit den Prophezeiungen der Hexen hat sie in der linken, den Kragen, der für das bereits erreichte Amt des Than von Cawdor steht, in der rechten Hand.

Weniger überzeugend gelingt dagegen das Entschlüsseln der Hexen. Natürlich leben wir in einer säkularisierten Epoche, in der die Mächtigen nicht mehr zu weisen Frauen, sondern zu Meinungsforschern gehen (das wäre doch umzusetzen gewesen!) und in der nach Sartre die Mitmenschen die Hölle sind, in der aber dennoch alle möglichen und unmöglichen esoterischen und parapsychologischen Phänomene Hochkonjunktur haben, so dass man vielleicht doch eine eindringlichere Lösung für das "Hexenproblem" hätte finden können, als sie als auf einem Schrottplatz unter einer (später als Königsmantel und Grabtuch Macbeths wieder auftauchenden) Plane hervorkriechende, hüftwackelnde, in Miniröcke und (Gummi-)Stiefel gesteckte und permanent ausgeklügelte choreographische Einfälle von Ute Raab mehr oder minder kongruent umsetzende, etwas zerlumpt aussehende Hausfrauen-Jazz-Dance-Gruppe auf die Bühne zu bringen, die im Karneval eine bad-taste-party feiert - da bekommt der Programmheftsatz, am Ende könne "das verehrte Publikum mit dem Chor der Hexen gleichzusetzen sein", eine ganz neue, aber doch wenig erhellende Dimension ...

Vergrößerung Das Liebe-lose Paar in bezeichnender Pose: Macbeth (Christoph Erpenbeck) liegt seiner ambitionierten Lady (Milana Butaeva) zu Füßen, die in jeder Hinsicht die Hosen an hat.

Erklärungsbedürftig fand ich auch die Entscheidung, die Handlung in die späten sechziger respektive die frühen siebziger Jahre des letzten Jahrhunderts zu verlegen - es kann keine ausreichende Begründung sein, dass Ausstatter Konrad Hartmann so viele interessante Kostüme der genannten Epoche entwerfen konnte und auf diese Weise möglicherweise dafür entschädigt wurde, dass auf der Bühne in durchaus sinnvoller szenischer Reaktion nicht viel mehr zu sehen war als zwei verschiebbare transparente Seitenwände, hinter denen im Regietheater offenbar unverzichtbare Neonröhren die jeweilige Stimmung oder Ortsvorgabe illustrieren und die Atmosphäre der Kälte einfangen, in der das machtbesessene Paar lebt, das nicht glücklich wird mit dem, was es erreicht hat und dafür zu einer eigenwilligen Körpersprache verdonnert ist (die Lady etwa wirkt in "La luce langue" wie eine bizarre Kombination aus einer Katze und einer das Publikum animierenden Travestievedette), und ein die Bühne beherrschendes, flaches Podest, auf dem sich die wesentlichen Ereignisse abspielen. Ansonsten legt sich das Produktionsteam nicht recht fest, wo das Ganze spielt: Die überall im Zimmer der Lady verstreuten Schuhe könnten auf Imelda Marcos deuten, manche Uniformen haben einen südostasiatischen Einschlag, andere wiederum würden auch in einer Raumschiffserie im Fernsehen nicht weiter auffallen, und Macbeth und Banco treten in veredelter Motorradkluft auf. Wenig abgewinnen konnte ich auch der schräg abfallenden Rechenkästchenwand, vor der Banco und Fleane reichlich platt ein rotes "M!" auf ein mitgebrachtes Plakat malen, bevor der Jüngere flieht, nicht ohne - ganz Herr der Situation! - das Farbeimerchen mitzunehmen, und der Ältere Opfer der Männer wird, die vorher Trenchcoats, Masken und Schlapphüte aus ihren Sporttaschen genommen hatten (und mit dem Umziehen so beschäftigt waren, dass sie nicht mehr auf die Einsätze des Dirigenten achten konnten).

Doch es gibt auch viele starke Bilder, die einem im Gedächtnis bleiben, etwa wenn sich Macbeth und seine Frau nach der Ermordung Duncans die Hände reichen und aneinander reiben, wenn die eiskalte Lady in glänzend vorgetäuschter Trauer vor Duncans Leiche zusammenbricht, wenn Macduff zu Beginn des "Patria oppressa" wie erstarrt vor den Leichen seiner Lieben steht, um sich dann in die Masse der Flüchtigen einzureihen, wenn man die Hände der Lady in ihrer letzten Szene bereits bei den ersten Tönen an der milchigen Glaswand entlang tappen sieht, wenn Macduff während des Schlussjubels von Mannen des neuen Königs abgeführt wird und man als Zuschauer sicher sein kann, dass es kein Ende nehmen wird mit der Tyrannei in Schottland. Und so freut man sich insgesamt über einen plausibel und stringent erzählten, eine gesunde und vor allem nachvollziehbare Portion psychoanalytische Erkenntnis umsetzenden Theaterabend, der zwar nicht die Spannung des von Robert Carsen in Köln erzählten Politthrillers aufweist (vgl. unser Bericht), aber allemal kurzweiliger ist als Dietrich Hilsdorfs in Wiesbaden (vgl. unser Bericht) gezeigte Werksicht, in der die Unfruchtbarkeit des Paares zwar auch fokussiert wird, aber keine so nachhaltige Deutung erfährt.

Vergrößerung Nun hält sie es in den Händen, das Objekt ihrer Begierde: Lady Macbeth (Milana Butaeva) ist Königin von Schottland.

Ein bisschen Pech hatte das Theater Krefeld indes ausgerechnet mit den Interpreten der Titelpartie: Der eigentlich vorgesehene Philip Rock hatte sich krank melden müssen, und auch Christoph Erpenbeck, der die Premiere durch seine Bereitschaft zu singen rettete, kämpfte hörbar mit einer Erkältung oder Schlimmerem, so dass man seine Leistung natürlich nur eingeschränkt beurteilen darf. Grundsätzlich hatte ich mich bereits vor der Vorstellung gefragt, ob für einen lyrischen Bariton mit Tendenz zum Kavalierbariton der Macbeth nicht ein bisschen früh kommt (man denkt an die wenig überzeugenden Versuche etwa eines Thomas Hampson in dieser und anderen zu schwerer Rollen), aber manchen Einwand machte der Sänger durch ja sehr wohl passende leisere, sensiblere Töne, durch eine hohe Identifikation mit dem ihm anvertrauten Charakter und eine fundierte Ausdeutung des Textes wett (trotz nicht wirklich idiomatischer italienischer Aussprache), und die hohen Töne etwa der Arie "Pietà, rispetto, amore" werden nach der vollständigen Genesung bestimmt kein Problem mehr sein. Mit Milana Butaeva, die 2002 bereits am Mecklenburgischen Staatstheater Schwerin als Marie im Wozzeck zu erleben war und im Januar diesen Jahres am traditionsreichen Marinsky-Theater in St. Petersburg die Brünnhilde im Siegfried gesungen hat, hatte man für die vertrackte Partie der Lady einen mehr als interessanten Gast verpflichten können: Die Russin verfügt über eine echte "Riesenröhre", einen in der vollen Mittellage dunkel getönten, in der absolut souveränen, wenn auch mitunter etwas brutal attackierten Höhe (nur das vom Komponisten als "fil di voce" geforderte Des in alto am Ende der Gran Scena di Sonnambulismo lässt sie wie viele andere aus, während sie im ersten Finale das Ensemble mit einem fulminanten C krönt) durchdringend metallisch timbrierten, aber nie wirklich scharfen Sopran, den sie aber durchaus zu freilich immer noch gehaltvollen (und so soll es ja sein!) Pianotönen zurücknehmen kann und dem sie auch manch andere Feinheit abringt; dass verzierte Passagen weniger ihre Sache sind und namentlich fallende Skalen und Koloraturketten problematisch geraten, muss man da wohl in Kauf nehmen, bei den Tonkonserven prominenterer Kolleginnen tut man es ja auch.

Vergrößerung Die Vorbereitungen zur Ermordung Bancos laufen auf Hochtouren (die Herren des Chors und Extrachors der Vereinigten Städtischen Bühnen Krefeld und Mönchengladbach).

Keinen schlechten Eindruck machte Hayk Dèinyan als besonders in der Arie ausdrucksstarker, präsenter Banco, auch wenn manche Rauheit und manches Nebengeräusch nicht Interpretamente, sondern vokaltechnisches Problem sein dürfte. Einer der Showstopper des Abends gelang dem immer ein wenig im Schatten seines Kollegen Kairschan Scholdybajew stehende Man-Taek Ha mit seiner tief empfundenen Macduff-Arie, die er mit leicht ansprechender Stimme sempre legato und mit reichen, durchaus persönlichen vokalen Farben und leicht vibrierender Höhe auf höchstem Niveau sang - was für ein Haus, dass über zwei Tenöre dieses Rangs verfügt, und man hat auch wesentlich schlechtere Sänger als Markus Heinrich in der kurzen, aber wichtigen Partie des Malcolm gehört. Daneben steuerte Kerstin Brix als Kammerfrau einige tadellose Töne bei, und auch Michael Tews entwickelte einiges Format als mit der Untersuchung der wahnsinnigen Lady betrauter Medico. Auf erstaunlich hohem Niveau bewältigten auch die Chöre ihre durch das hohe Maße an choreographischen Abläufen noch erschwerte Aufgaben, nicht nur im wunderbar abgestuften, zu Herzen gehenden "Patria oppressa" - Heinz Klaus hat mit seiner Einstudierung hörbar gute Arbeit geleistet. Glänzend disponiert waren schließlich die Niederrheinischen Sinfoniker, die den Impulsen Kenneth Duryeas glänzend folgten, der erfreulicherweise übertriebene Lautstärke (was nicht heißt, dass es nicht auch wuchtige Töne zu hören gab!) und bizarre Tempi nicht nötig hatte, sondern stattdessen einen stets reibungslosen Ablauf des Abends im Blick hatte, die Sänger nach Kräften unterstützte und Verdis frühes, für die Entwicklung seines die Grenzen des romantischen Belcanto sprengenden Personalstils so wichtiges Meisterwerk kompetent, engagiert und mitreißend umzusetzen verstand.


FAZIT

Man kann nicht oft genug darauf hinweisen, dass das Theater Krefeld-Mönchengladbach gerade im Bereich der italienischen Oper des 19. Jahrhunderts häufig Erstaunliches zu leisten im Stande ist (ich erinnere etwa an die hervorragenden Produktionen von Luisa Miller und Maria Stuarda in den letzten Spielzeiten) - mehr übrigens als manches größere, finanzkräftigere Haus in der Umgebung, denn sowohl der kürzlich herausgekommene Essener Andrea Chénier als auch Cavalleria rusticana/Pagliacci, die am letzten Wochenende in Düsseldorf Premiere hatten, blieben szenisch wie musikalisch deutlich hinter dem Niveau dieser Neuproduktion zurück.

Ihre Meinung
Schreiben Sie uns einen Leserbrief
(Veröffentlichung vorbehalten)

Produktionsteam

* Besetzung der Premiere

Musikalische Leitung
* Kenneth Duryea /
Allan Bergius /
Ulrich Wagner

Inszenierung
Jens Pesel

Bühne und Kostüme
Konrad Hartmann

Bewegungsregie
Ute Raab

Choreinstudierung
Heinz Klaus

Dramaturgie
Benedikt Holtbernd

Chor, Extrachor und
Statisterie der
Vereinigten Städtischen
Bühnen

Die Niederrheinischen
Sinfoniker


Solisten



Duncan, König
von Schottland

Hannelore Jonas

Generäle des
königlichen Heeres:

Macbeth
* Christoph Erpenbeck /
Philip Rock

Banco
* Hayk Dèinyan /
Michael Tews

Lady Macbeth,
Frau des Macbeth
* Milana Butaeva /
Elena Nebera

Kammerfrau der
Lady Macbeth
* Kerstin Brix /
Uta Christina Georg

Macduff, schottischer Edler,
Herr von Fife
* Man-Taek Ha /
Kairschan Scholdybajew

Malcolm, Duncans Sohn
Garrie Davislim /
* Markus Heinrich

Fleance,
Bancos Sohn
* Markus Bikowski /
Florian Geneschen /
Kevin Roy-Hackenberg

Medico
Hayk Dèinyan /
* Michael Tews

Domestico / Sicario /
Araldo
* Jong-Ho Park /
Zbigniew Szczechura

Erscheinungen
* Jeong-Han Lee /
Bernhard Schmitt
* Annelie Bolz /
Marianne Thijssens
Christina Heuten /
* Jacqueline Stein



Weitere
Informationen

erhalten Sie vom
Theater Krefeld-
Mönchengladbach

(Homepage)



Da capo al Fine

Zur OMM-Homepage Musiktheater-Startseite E-Mail Impressum
© 2003 - Online Musik Magazin
http://www.omm.de
E-Mail: oper@omm.de

- Fine -