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Märchenstunde in Wagners Wäldern
Von Stefan Schmöe
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Fotos von Matthias Stutte Kinder brauchen Märchen. Das wissen wir seit dem Erscheinen von Bruno Bettelheims gleichnamigem Buch 1977, das unvermeidlich in den Programmheften von Hänsel und Gretel fortlebt. Die Krefelder Neuinszenierung von Humperdincks Oper stellt sich überdeutlich unter diesem Motto, macht es geradezu zum Programm. Inmitten einer abstrakten Baumlandschaft aus starren Latten, die im Streiflicht wie Strichcodes einer entmenschlichten Datengesellschaft aussehen, spielt Regisseur Jörg Fallheier das Märchen als Spiel der Illusion durch: Wenn man sich Kraft der Phantasie auf das Märchen einlässt, dann wird man in diesem Bühnenbild (Friederike Singer) auch leicht den Wald erkennen können. Die Stärke dieses Konzepts liegt daran, dass Regisseur und Bühnenbildnerin mit unaufdringlichen Andeutungen auskommen. Die Inszenierung ist in ihren stärksten Momenten frei für Assoziationen. Wenige Requisiten reichen meist aus. Das Haus des Besenbinders besteht nur aus einer Wand, aber die reicht aus, um die Situation eindeutig festzulegen, ohne ins bieder Naturalistische abzugleiten. Andererseits werden durchaus die Mittel des Theaters ausgeschöpft, um Bühnenzauber zu verbreiten: Sand- und Taumann schweben in märchenhaften Luftfahrzeugen ein und werfen mit Goldstaub um sich. Das Märchenhafte wird dem Publikum keineswegs vorenthalten.
Kind zu sein in unromantischen Zeiten ...
Vor allem aber funktioniert das Konzept durch die exzellenten darstellerischen Leistungen. Carola Gruber (Hänsel) und Judith Arens (Gretel) sind ein hinreißend kindliches Geschwisterpaar, die ihrem liebenswertem Spiel immer eine Spur Ironie unterschieben. Auch hier ist die Regie dezent zurückhaltend. Brüderlein, komm, tanz mit mir: Während Gretel an antiquierte Ringeltänze denkt, hat Hänsel eher flotte Discorhythmen im Kopf. Das aber ist ganz behutsam inszeniert. Zudem singen die beiden auch noch sehr überzeugend. Christoph Erpenbeck ist ein spielerisch wie sängerisch sehr präsenter Vater, Vuokko Kekäläinen gestaltet die Mutter als hysterische, von der familiären Situation überforderte Hochdramatische: Eine entfernte Verwandte der Walküren, eine Spur zu sehr ins Karikierende gewendet. Walter Planté legt die Hexe recht komödiantisch an. Marianne Thijssens und Barbara Cramm als Sand- bzw. Taumann vervollständigen ein durchweg sehr gutes Ensemble.
... ist nicht unproblematisch, auch wenn die Eltern sich eigentlich nur unwesentlich anders benehmen ...
Der Wald, in dem sich Hänsel und Gretel verirren, ist, wenn man der musikalischen Interpretation von Kapellmeister Allan Bergius glaubt, der gleiche, in dem etwa 20 Jahre zuvor Siegfried Drachen jagte und mit dem Waldvogel plauderte. Es wagnert ordentlich, und Bergius legt die raffinierten Klangfarben offen. Die volkstümlichen Passagen setzt er in ihrer Schlichtheit bewusst dagegen, und dadurch bewahrt die Musik ihre Eigenständigkeit: Kein Wagner-Imitat, aber eine an Wagner geschulte, manches übernehmende und sich teilweise deutlich dagegen absetzende Klangsprache. Diese Auffassung ist schlüssig, und die sehr engagierten Niederrheinischen Sinfoniker tragen ihren Teil zum Gelingen der Produktion bei.
... aber wir wissen ja, dass sich Hänsel und Gretel im Wald verirren ...
Dass trotzdem keine ganz runde Sache daraus wird, liegt an der Überfrachtung des letzten Bildes mit weitgehend unverständlichen Botschaften des Regisseurs. Die Hexe ist janusgesichtig. Was der Regisseur damit ausdrücken will, dürfte sich den wenigsten erschlossen haben. Die 14 Engel des Abendsegens waren Kinder in Nachtgewändern des 19. Jahrhunderts, in der strengen Choreographie durchaus beeindruckend und erfreulich wenig verkitscht. Zum guten Schluss kommen diese Kinder wieder auf die Bühne, jetzt sind es die zuvor verzauberten, durch den Tod der Hexe wieder erweckten Kinder. Wird hier ein Kindheitsbild des bürgerlichen 19. Jahrhunderts nur zitiert, oder auch kritisiert? Oder handelt es sich um ein Symbol für das Kind-sein-dürfen an sich? Die Offenheit des ersten Teiles wird hier zur unbefriedigenden Unbestimmtheit, weil sich nicht darüber hinwegsehen lässt, weil die Bilder aber auch zu ungenau sind, um Anhaltspunkte zu ihrer Deutung zu geben.
... und Hänsel dabei beinahe den Appetit dieser schäbig gekleideten Hexe stillen muss.
Hänsel und Gretel läuft ohnehin Gefahr, im Bettelheim'schen Sinne überinterpretiert zu werden, und dieser Gefahr entgeht Fallheier nicht. Die knallig bunte Kirmesatmosphäre des Hexenhauses mit viel Zellophan deutet auf modernen Konsumterror hin, schreit aber auch: Interpretier' mich!, wo man sich lieber in unbeschwerte Märchenwelten zurückziehen möchte. Das Recht auf Märchen, das Fallheier zunächst einzufordern scheint, gesteht er seinem Publikum jedenfalls mit zunehmender Spieldauer immer weniger zu. Das trübt eine über weite Strecken ausgezeichnete Produktion gegen Ende ein, kann sie aber, zum Weihnachtsglück, nicht aus den Angeln heben.
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Produktionsteam
Musikalische Leitung
Inszenierung
Bühne und Kostüme
Dramaturgie Solisten* Besetzung der PremiereHänsel Uta Christina Georg / *Carola Gruber
Gretel
Barbara Cramm / Debra Hays
Besenbinder Peter
Mikhail Lanskoi
Gertrud
*Vuokko Kekäläinen
Hexe
Reiner Roon
Sandmännchen
Barbara Cramm / Debra Hays / *Marianne Thijssens
Taumännchen
*Barbara Cramm / Ursula Henning Christina Heuten
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