|
Veranstaltungen & Kritiken Musiktheater |
|
|
|
|
Solider Saisonstart
Von Thomas Tillmann
/
Fotos von Matthias Stutte Kaum ein Musical erlebt an den Stadttheatern Nordrhein-Westfalens zur Zeit derart viele Neuinszenierungen wie John Kanders im November 1966 in New York uraufgeführtes Cabaret. Anders als das Theater Dortmund, das am selben Tag mit dem Stück Premiere hatte, hatte man am Niederrhein die ja vor allem darstellerisch fordernden Rollen mit Schauspielern des eigenen Ensembles besetzt, die dennoch in den (die Handlung scheinbar unterbrechenden, eigentlich aber intelligent kommentierenden, abwechselnd in deutscher wie in englischer Sprache präsentierten) Songs keinen schlechten Eindruck hinterließen, die die auf der Bühne sitzenden Musiker um Jochen Kilian schwungvoll, ohne Fehl und durchaus kreativ begleiteten (freilich wünscht man dem Krefelder Theater einen Sponsor für eine bessere Mikrofonanlage und hochwertigere Boxen).
Foto links:Ein Foto, das an die Ästhetik von Dix-Gemälden erinnert: Der Conférencier (Christoph Michael Schüchner) inmitten seiner Kit-Kat-Girls (von links nach rechts: Cornelia Scheidter, Sabine Schwietz, Danielle Sasso und Maria Michala).
Das Produktionsteam ließ sich offenbar nicht nur beim schlichten, leicht veränderbaren Bühnenbild (vier Cabaret-Gäste verschieben wenig störend die Dekorationsteile, auf deren Rückseite sich die detailverliebt eingerichteten Zimmer der Schneiderschen Pension befinden) von zeitgenössischen Gemälden wie Otto Dix' "Die Großstadt" und Fotos inspirieren, sondern auch in der Personenführung und der über weite Strecken witzigen, nur gegen Ende allzu ambitioniert wirkenden Choreografie. Dabei gelingt es Matthias Kniesbeck im Verbund mit den hochengagierten, wirklich miteinander spielenden und aufeinander hörenden Darstellern, eine gleichermaßen unterhaltende wie unter die Haut gehende, vor allem aber plausible Geschichte mit Figuren aus Fleisch und Blut zu erzählen, die einem nach wenigen Minuten wie alte Bekannte vorkommen. Da sieht man gern darüber hinweg, dass die insgesamt bemerkenswerte "leise" Inszenierung mitunter ein wenig hausbacken und brav gerät.
Foto links:Fräulein Sally Bowles (Esther Keil) ...
Esther Keil setzt als jungen- und katzenhafte, durchaus berechnende und gefährliche Sally Bowles eher auf unterkühltes Understatement als auf schrilles Möchtegern-Star-Gezicke - eine überzeugende Entscheidung; gern hätte man von ihr auch das leider gestrichene "Don't Tell Mama" gehört. Der hochgewachsene, über diskreten jungenhaften Charme verfügende Adrian Linke machte mehr aus der Rolle des Clifford Bradshaw als mancher andere und durfte ganz zurecht den von Kander und Ebb nach den Previews in New York des Jahres 1966 verworfenen, für das Broadway-Revival im Jahre 1987 eigentlich für "Emcee" Joel Grey wieder eingefügten Song "I Don't Care Much" singen, nachdem er im Kit-Kat-Club von Ernsts Ludwigs Schergen zusammengeschlagen wurde. Der eloquente, bewegliche, wandlungsfähige, die Grenzen des guten Geschmacks niemals überschreitende Christoph Michael Schürer machte als Conférencier nicht nur gute Figur, sondern erfasste auch beeindruckend die Doppelbödigkeit dieses faszinierenden Charakters.
Foto rechts:... landet nicht nur im Zimmer des gerade in Berlin angekommenen Clifford (Adrian Linke), sondern auch ziemlich schnell in seinem Bett.
Hervorragend besetzt war auch das andere Paar: Suly Röthlisberger protraitiert das in die Jahre gekommene Fräulein Schneider so liebenswert und rührend, dass man in Gefahr gerät, Verständnis zu entwickeln für ihre opportunistisch-ängstliche Haltung angesichts des aufkommenden Nationalsozialismus und ihre Entscheidung gegen den Juden Schultz, den Matthias Oelrich an ihrer Seite gleichermaßen bewegend wie humorvoll zeichnete - schade nur, dass er während der Verlobungsfeier statt des wirkungsvolleren, dramaturgisch plausibleren Miesnick-Songs das traditionelle jiddische Lied "Die grine Kusine" zum Besten gab, das die Emigration russischer Juden nach Amerika gegen Ende des 19. Jahrhunderts und deren Frustration über die Arbeitsbedingungen im Land der vermeintlich unbegrenzten Möglichkeiten thematisiert.
Foto rechts:Es kommt zum Eklat auf der Verlobungsfeier von Fräulein Schneider und Herrn Schultz, nachdem dieser ein jiddisches Lied vorgetragen hat: Die meisten Partybesucher stimmen in das Nazilied "Der morgige Tag ist mein" ein (Ensemble der Vereinigten Bühnen Krefeld Mönchengladbach).
Und auch Annette Heimerzheim und Ralf Beckord verleihen Fräulein Kost, die ihren Dienst als Prostituierte als patriotische Pflicht versteht, und dem frühen Nazi Ernst Ludwig unverwechselbares, differenziertes Profil, ebenso wie die zahlreichen anderen Mitwirkenden an diesem kurzweiligen Musicalabend.
Mit einer weniger spektakulären als handwerklich soliden, sehenswerten Musical-Neuproduktion, der man viele gerade auch jüngere Zuschauerinnen und Zuschauer wünscht, starten die Vereinigten Bühnen der beiden Niederrhein-Städte in die neue Saison. Ihre Meinung Schreiben Sie uns einen Leserbrief (Veröffentlichung vorbehalten) |
Produktionsteam
Inszenierung
Musikalische Leitung
Choreografie
Bühne
Kostüme
Dramaturgie
SolistenConférencierChristoph Michael Schüchner
als Kit-Kat-Girls
Rosie
Lulu
Olga
Texas
Helga
Fritzie
Clifford Bradshaw
Ernst Ludwig
Zollbeamter/Max
Sally Bowles
Fräulein Schneider
Herr Schultz
Fräulein Kost
Taxifahrer
Gorillamädchen
Two Ladies
Ein Junge
Musiker
Matrosen und Schieber
|
© 2002 - Online Musik Magazin
http://www.omm.de
E-Mail: oper@omm.de