Zur OMM-Homepage Zur OMM-Homepage Veranstaltungen & Kritiken
Musiktheater
Zur OMM-Homepage Zur Musiktheater-Startseite E-mail Impressum



Siegfried
Ein Bühnenfestspiel für drei Tage und einen Vorabend
Zweiter Tag
von Richard Wagner

Premiere im Opernhaus Köln
am 28. November 2002

Logo: Oper Köln

Bühnen der Stadt Köln
(Homepage)

"Zu neuen Taten, teurer Helde, ..."

Von Ralf Jochen Ehresmann / Fotos von Klaus Lefebvre


Selten zuvor hat man Siegfried so lyrisch gehört, was man sowohl über ihn selbst wie auch über das Werk als Ganzes sagen darf. Überwog am Anfang noch der Unmut über die allzu zurückhaltende Gestaltung der Titelpartie, so dass man sich manchmal fragte, ob er denn überhaupt noch singe, dankte man Christian Franz später eine ungewohnte und v.a. ungehörte Sicht auf das Werk, zu der auch Alan Titus als Wanderer und Jadwiga Rappé als Erda kräftig beitrugen, was bei ihr allerdings zu sehr zu Lasten der unbedingt erforderlichen Tiefe ging. Doch allen voran ist hier Jeffrey Tate zu nennen, der die im Programmheft genannte Spieldauer von 5 Stunden, was gutem Durchschnitt entsprochen hätte, locker um fast eine halbe Stunde überzog. Die Idee einer kammermusikalischen Darbietung wäre allerdings auch dadurch nicht verloren gegangen, wenn er - genau wie der Titelheld - bisweilen etwas mehr forte gegeben hätte.

Vergrößerung in neuem Fenster

Mime (Gerhard Siegel): "... könnt' ich die starken Stücke schweißen,
die meine Kunst nicht zu kitten weiß!"

Die Inszenierung zeigte konzeptionelle Geschlossenheit eher in der Makro- als der Mikrostruktur. Intelligente Zitate oder Anspielungen ergaben sich deutlicher zu den vorangegangenen Ringteilen als zwischen den einzelnen Aufzügen des Siegfried. Vermochte die Wiederkehr des Rheingold- oder Walküreninventars durchaus stimmige Zusammenhänge zu stiften, so ergab die fortschreitende Entleerung der Bühne sich nicht aus zwingender Logik.

Vergrößerung in neuem Fenster "Als zullendes Kind zog ich dich auf ..."
Mime (Gerhard Siegel) will Siegfried (Christian Franz) in Sicherheit wiegen.

Doch nun der Reihe nach: Wie schon zu Beginn des Rheingolds finden wir uns gleich eingangs auf einem Müllplatz ein, wo Mime zwischen allerlei Zivil-Schrott in einem fahruntüchtigen Wohnwagen wohnt; seine Schmiede gleicht einer schlecht sortierten Hobbyfricklerheimwerkerbank. Wotan zeigt sich im Gegensatz zur sonst üblichen Darstellung als Edel-Wanderer Typ Taunusanlage mit walking-stick, very british! Später präsentiert sich Alberich in gleicher Aufmachung nur ohne Stock und als schäbiger Abklatsch, bekleckert und zerrissen. Carsens Personenführung zeitigt hier noch allerlei gute Einfälle, wenn etwa Mime versucht, 'den Lauernden loszuwerden', indem er ihn mit langem Messer überfällt oder wenn er sich vor der eigenen Gardinen behängten Schreckgestalt gewaltig ängstigt, mit der er doch eigentlich Siegfried das Fürchten lehren wollte. Mit seiner perfekten Mischung aus stimmlicher Fülle und beeindruckender Bühnenpräsenz ist er der unbestrittene Star des Abends, der selbst dann noch verständlich artikuliert, wenn er den eigenen Rollenwechsel vom Schmied zum Koch mit brennender Kippe feiert, mit der er anschließend eine Mülltonne entzündet, in deren hellem Flammenschein es zu einer beinah versöhnlichen Geste kommt, als Siegfried von Mime eine Flasche Bier annimmt und beide damit wie 2 Penner am wärmenden Winterfeuer - Arm auf Nachbars Schulter - beisammen stehen.

Auch der Meister der Lyrismen legt in seinen letzten Schmiedestrophen kräftig zu und zeigt, dass er auch pressfrei richtig forte singen kann; als Nothungs 1. Beute schlägt er zur vernehmlichen Freude des Publikums die Vorderwand des Wohnwagens herunter, in den sich Mime verkrochen hatte.

Vergrößerung in neuem Fenster

"Zum Leben weckt' ich dich wieder ..."
Siegfried (Christian Franz) mit dem fertig geschmiedeten Schwert Nothung.

Darf der Wald niemals mehr heil und grün erscheinen? Nicht mal als Phantasmagorie? So sehr man sich auch den sauren Tannen satt gesehen hat, so sind die uneinheitlich versägten Stümpfe des Kölner Siegfried doch von zwingender Logik im Umfeld der steten Umweltzerstörung von Menschen Hand, wie sie uns schon im Vorspiel des Rheingolds begegnete, als man die armen Rheintöchter bedauerte, in solchem Dreckswasser baden zu müssen. Auch die Bebilderung des Programmheftes greift eben dieses Motiv ständig wieder auf, und das nicht ohne Grund: Wo weniger das Lied der hehren Helden gesungen, stattdessen vielmehr die Tragödie derer erzählt wird, die sich für Helden halten und damit eine Welt zu Schutt und Asche brennen, ist der Schmerz so authentisch wie unser Anteil an eben dieser Schuld.

Wie so oft lagen Gelungenes und Verunglücktes ach so nah beisammen. Freute man sich zu Ende des 1. Aufzuges schon über einen Abend, der eigentlich nicht mehr schief gehen kann, so war doch die Enttäuschung über den "Drachen" groß; die Teile stimmten einfach nicht überein. Zunächst öffnet sich nur eine dampfende Lichtspalte im Hintergrund, dann hängt unmotiviert eine Baggerschaufel vorne herein, und ebenso grundlos kommt schließlich ein blutender Bauarbeiter hereingewankt, um ohne Verstärker den Rest zu singen. Man meinte, eine schlechte Kopie aus Bonn (Siegfried in Bonn) zu sehen; dort war die Erschlagung des Bagger-Drachen noch ein Vorgang, dessen Technizität den logischen Zusammenhang wahrt und zugleich alle sinnstiftenden Ingredienzien versammelt, indem Nothung ein dickes Kabel gleich einer organischen Hauptschlagader durchschlägt, woraufhin Fafner aus dem Führerhäuschen heraustritt, in dessen Innerem man die Goldbarren glänzen sieht...

Völlig daneben das Waldvögelein: Zu gewohnt unverständlichem Gesang vom Rang ergreift Siegfried eine vogelförmige Stoffpuppe, die er von Hand flattern lassen muss und je nach Bedarf beiseite legt; da war das ornithologische Fachbuch schon origineller, welches Mime zückte, als er Siegfried zu erklären versuchte, was dem Vögelein der Vogel sei...

Auch Robert Carsen kombiniert die Wiederkehr alter Bekannter wie dem Tarnhelm als Kettentuch mit riskanten Slapsticks, wenn etwa Siegfried Mimes Gesicht in die mitgeschleppte Torte eintaucht, die dieser auf einem Klapptisch über Fafners Leiche zur Feier der gelungenen Aktion aufgebaut hatte. Auch der Oberkellner im Gammelfrack, den Mime mimt, ist eine dieser netten Ideen, die aber den Unmut über die Auslassung von Unverzichtbarem nicht wettmachen, solange auch keine Allegorie oder Karikatur zum Ersatz geboten wird.

Vergrößerung in neuem Fenster "Wache, Wala! Wala! Erwach!"
Der Wanderer (Alan Titus) sucht Rat bei Erda.

Der Beginn des 3.Aufzuges versetzt uns zurück in Walhalls Saal: Die Möbel zusammen geschoben, Freias Äpfel verstreut, sitzt der Wanderer am erloschenen Kamin; um Erda zu erwecken, gibt Alan Titus sein Letztes. Es erwacht eine schlecht gekleidete Mamuschka, die wie in einer Zwangshandlung sofort nach Erwachen den Wischmopp ergreift und planlos herumfeudelt. Doch Wotan ist nur noch in seiner Gedankenwelt befangen, so dass er nicht mal bemerkt, wenn die alte Dame, die er hinabschicken will, den Saal bereits seitlich verlasen hat. Sein kratzerfrei glänzender Edelwanderstab, der an einen Speer nicht mal ansatzweise erinnert und dessen schwarzer Lack garantiert runenfrei ist, zerbricht durch Siegfrieds bloße Geste eines Hiebes. Wotan legt die Bruchstücke in den toten Kamin und sinkt dort sinnierend nieder in der Betrachtung eines Gemäldes vom Walkürenfelsen, das gerne schon bei der Uraufführung als Requisit gedient haben könnte.

Vergrößerung in neuem Fenster

"Komm, mein Schwert, schneide das Eisen!"
Siegfried (Christian Franz) befreit Brünnhilde (Renate Behle) aus tiefem Schlaf.

Renate Behle als Brünnhilde ist eine treffliche Wahl, die erste richtige Frau nach fast 5 Stunden fast nur Männern und Naturwesen. Noch etwas mehr Kraftfülle wäre sicher auch erlaubt, doch auch so zaubert sie in der völligen Kargheit der Raumausstattung einen Stimmungsumschwung herbei. Schauspielerisch agiert sie voller Präsenz, besonders dort, wo Brünnhilde sich endlich in ihre neue Rolle als liebende Frau findet und des zum Zeichen ihren Mantel ablegt. Ihr einstiger Schlafplatz ist gähnend leer; außer einigen Resten der letzten Wal verliert sich das ungleiche Paar auf der freien Platte der Kölner Riesenbühne. Das ist nicht nur ihrem Gesang abträglich, der nirgendwo reflektiert wird, das hätte auch eine viel pronociertere Personenführung oder ein Mehr an Lichtregie erfordert. Doch allzu lang stehen sie unbewegt am Fleck, gegen Ende beide an der Rampe des Orchestergrabens, dort allerdings beeindruckend in ihrer stringent durchgehaltenen Berührungslosigkeit, jeder für sich an den äußersten Rändern, zuletzt dann ganz dicht im Lichtkegel auf der Bühnenmitte - kontaktfrei.

Vielleicht nicht jedermanns Geschmack, doch ideal nach meiner persönlichen Meinung: die Reduktion des Klatschfaktors; so begann ein jeder Aufzug wie in Bayreuth aus der Stille heraus ohne Begrüßungsapplaus, wie auch vor Aufführungsende keine SängerIn vor den Vorhang trat.

Das Programmheft empfiehlt sich besonderer Lektüre, da es uns glücklicherweise jene Zitatsammlungen erspart, die viel zu oft in halbidentischer Einheitsfaktur wieder und wieder kompiliert werden. Ein exzellenter Originalbeitrag Oswald Panagls widmet sich Wagners Sprache und füllt dabei mehr als das halbe Heft. Auch Paul Bekkers Sorgen um die Zukunft Bayreuths von 1920 zeitigen aktuelle Bezüge angesichts der heutigen Nachfolgedebatte. Dagegen wirken die Eigenbeiträge der Dramaturgie völlig verunglückt: eine Collage aus Fehlzitaten und Falschdarstellungen, dazu in schlechtem Deutsch, so dass man empfehlen möchte, Ian Burton möchte demnächst doch lieber schreiben lassen.


FAZIT

Man wartet gespannt, wie's weitergeht und wünscht sich mehr Texttreue, mehr Bezug zum Ganzen bei den Einzelideen, mehr zwingende Logik in der Abfolge.
Wenige Bravos, keine Buhs: eine angemessene Würdigung.

Unsere Rezensionen von:
Das Rheingold
Die Walküre



Ihre Meinung ?
Schreiben Sie uns einen Leserbrief

Produktionsteam

Musikalische Leitung
Jeffrey Tate

Inszenierung
Robert Carsen

Ausstattung
Patrick Kinmonth


Gürzenich-Orchester
Kölner Philharmoniker


Solisten

Siegfried
Christian Franz

Der Wanderer
Alan Titus

Alberich
Harry Peeters

Mime
Gerhard Siegel

Fafner
Dieter Schweikart

Erda
Jadwiga Rappé

Brünnhilde
Renate Behle

Stimme eines Waldvogels
Banu Böke


Weitere Informationen
erhalten Sie von den
Bühnen der Stadt Köln
(Homepage)

und bei:

www.koelnerring.de




Da capo al Fine

Zur OMM-Homepage Zur Musiktheater-Startseite E-mail Impressum

© 2002 - Online Musik Magazin
http://www.omm.de
E-Mail: oper@omm.de

- Fine -