|
Veranstaltungen & Kritiken Musiktheater |
|
|
|
Kirche, Kunst und Illusion im Wohnzimmer des LebensVon Meike Nordmeyer / Fotos von Klaus Lefebvre
Der große Raum ist mit Marienbildern vollgestellt. Mit einfacher, leicht vergilbter Tapete und Kronleuchtern, mit Kerzen, Marienstandbild und Stühlen für die Gemeinde ist er Wohnzimmer und Kirchenraum zugleich und zeigt damit gelungen die unauflösliche Verbindung von Frömmigkeit, der Gemeinschaft in der Gemeinde und dem Privatleben, jenen Spähren, die im Leben auf dem Dorf unauflöslich ineinander verwoben sind. In diesem einen eindrucksvoll von Paul Steinberg ausgestatteten Bühnenraum lässt denn auch Regisseur Christopher Alden die ganze Geschichte der Cavalleria rusticana spielen: Santuzza, Turiddu und Mutter Lucia können kaum ein Wort alleine sprechen, sie sind immer den neugierigen und parteiischen Blicken der Dorfbewohner ausgesetzt. Die zum Gottesdienst aufgestellten Stühle finden sich schließlich an den Wänden ringsum zur Zimmermitte zugewandt, in der gleich einer Manege der Verlauf der tragischen Geschichte beobachtet und natürlich angestachelt wird.
Turiddu (Mikhail Davidoff) und Lola (Regina Richter) gefallen sich vor allen Leuten.
Das sinnvoll reduzierte Regiekonzept wird von den Solisten mit präsentem, konzentriertem Spiel getragen. Auch der Chor zeigt entsprechend dicht bewegte Darstellung. Musikalisch gelingt die Aufführung in solider, beachtlicher Ausführung. Dalia Schaechter bietet als Santuzza warmtöniges Timbre und gehaltvollen Ausdruck, klingt dabei nur gelgentlich etwas angespannt. Mikhail Davidoff zeichnet überzeugend mit vitalem, strahlendem Tenor den Möchte-gern-Rebellen Turiddu. Seine große Arie hätte er allerdings noch etwas gestaltungsreicher entwickeln können. Regina Richter lässt die oftmals nur blass gezeichnete Rolle der Lola erstaunlich charaktervoll erklingen. Überzeugenden Auftritt bieten auch Katja Boost als Mutter Lucia und Donnie Ray Albert als Alfio. Nur der Chorgesang erklang mitunter etwas unpräzise.
Die Schauspieler vor dem Abschminken.
Die Aufführungspraxis hat die Pagliacci zum vertrauten Begleiter der Cavalleria rusticana gemacht. Regisseur Alden entwickelt zu diesem zweiten Werk des Abends ein entsprechendes Regiekonzept, das sich stimmig an die Cavalleria rusticana anschließt und in seiner Durchführung noch spannender gelingt. Auch hier lässt er die Geschichte in einem einzigen Raum erzählen. Dieser ist Wohnraum und Bühnensaal zugleich. Das Theater reicht in seiner Bedeutung entscheidend in den privaten Bereich hinein, es ist wichtiger Bestandteil des bürgerlichen Lebens, mit dem man sich unterhält und der wenigstens in der Illusion ersatzweise aufregende Gefühle erleben lässt. Folgerichtig lässt Regisseur Alden die Bürger auch in Maske und Kleidung der Schauspieler antreten - wenigstens für kurze Zeit so sein und so fühlen wie diese Menschen auf der Bühne, will man da. Für die Menge bleibt eine Theateraufführung freilich einfach ein besonderer Abend, der mit großem Hallo genossen wird. Religiöse Züge nimmt hingegen die Liebe zum Theater beim außerordentlichen Fan an. Dargestellt wird er mit der Figur von Silvio (eindrucksvoll in der Rolle Scott Hendricks). Für ihn ist die Kunst Religionsersatz, die Schauspielerin Nedda, in die er sich verliebt hat, verehrt er wie eine Madonna.
Abgeschminkt und ausgebrannt - Nedda (Lina Tetruashvili) am Küchentisch.
Alden zeichnet im Verlauf seiner Inszenierung ein feines Spiel der Verquickung und Verdrehung von Wirklichkeit und Bühnenspiel, bei dem es immer noch eine überraschende Wendung weiter geht als gedacht. Da schminken sich die Schauspieler vor ihrem Auftritt ab und spielen sich als Privatpersonen, während ihr Publikum maskiert als Bajazzi und Columbinen zuschaut. Herrlich dargestellt wird diese Szenerie durch die treffende Ausstattung der kleinen Zimmerbühne zu einer trostlosen Küche, in der Nedda als müde, resignierte Hausfrau herumschlufft (besonders gelungen hier das Spiel von Lina Tetruashvili). Denkt das Dorfpublikum schließlich, aus dem Theaterspiel werde nun Ernst und es erlebe da offenbar einen Eifersuchtsmord, dann ist auch gerade das wieder nur Spiel gewesen. Nedda steht unversehrt wieder auf und schubst anschließend noch schnell den sie anhimmelnden Silvio vom Bühnenrand. Er ist das einzige Opfer, das sich echte Verletzungen zuzieht, das sich in den Strudel von Illusion und Wirklichkeit gefährlich verwirren lässt, um in seiner bürgerlichen Existenz schließlich wieder hart aufzuschlagen. Doch er wird weiter zu seinem Madonnenbild beten. Eine packende, geistreiche wie verblüffende Umsetzung der Oper, die der Regie da gelungen ist und die seine Wirkung auch dem exellent agierendem Ensemble verdankt. Lina Tetruashvili gestaltet die Partie der Nedda facettenreich und empfindsam mit schöner, freier Stimme. Beeindruckend gelingt die Eifersuchtsszene auf der Bühne mit ihr und Mikhail Davidoff als leidenschaftlich brennender Canio. Mächtig im Auftritt, ebenso stimmlich präsent prägt auch Donnie Ry Albert als Tonio die Aufführung. Das Orchester trägt hier im zweiten Teil des Abends die Sänger entscheidend und treibt sie mit dichtem, drängendem Klang an.
|
Produktionsteam
Musikalische Leitung
Inszenierung
Bühne
Kostüme
Licht
Choreinstudierung
Kinderchor der Rheinischen Solisten
Santuzza
|
- Fine -