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Veranstaltungen & Kritiken Musiktheater |
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Achtungserfolg zum Saisonbeginn
Von Thomas Tillmann
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Fotos von Rudolf Majer-Finkes
Wenn der Vorhang sich öffnet, blickt man auf einen sterilen, schwarz ausgeschlagenen Bühnenraum, der dominiert wird von einer angeschrägten, drehbaren Scheibe, auf der sich unzählige Schreibpulte befinden, an denen das in graublaue Arbeitsuniformen gewandete und mit dem obligatorischen Zopf ausgerüstete chinesische Volk unter Androhung brutalster Strafen Sitten und Gebräuche, vor allem aber Disziplin lernt, deren Macht bis in die Bewegungen des Geistes, der Seele und des Körpers reichen. Dazu passt natürlich die streng synchron gedachte Choreografie, die Rosamund Gilmore, deren Karriere mit zahlreichen Tanztheaterproduktionen mit der international gefragten Laokoon Dance Group begann, die aber inzwischen auch zahlreiche klassische und moderne Opern unter anderem in Frankfurt am Main und in Bremen inszeniert hat, der von Turandot beherrschten Masse verordnet hat, "in einer Sprache, die sich eher weg vom Realismus und hin zum Formalismus bewegt".
Calaf (Roumen Sterionov, vorne links) ist fasziniert vom Schatten Turandots (Richetta Manager), der dem Volk (Opernchor und Extrachor des MiR) so großen Schrecken einflößt.
Das Kopflastig-Artifizielle, Unterkühlte dieses Ansatzes - nicht der eher wohltuende Verzicht auf folkloristischen Plunder aus dem Asia-Großmarkt - dürfte die Hauptursache dafür sein, dass einen das Schicksal der recht oberflächlich gezeichneten Figuren weitestgehend kalt lässt und man einfach nicht gepackt wird von der Geschichte, die trotz aller angedeuteten Brutalität unerhört banal und harmlos vor sich hin plätschert. Symptomatisch ist der Auftritt Turandots: Auf einmal ist sie da, die Frau, über die seit einer Stunde gesungen wird, sie betritt in ihrem strengen pinkfarbenen Hosenanzug fast schüchtern das Schulungszentrum und mischt sich unters schreibende Volk, das respektvoll-verängstigt den Kopf aufs Pult zu legen hat, wie eine strenge Lehrerin, die beschwörend die Augen rollt und überdeutlich die Mundwinkel nach unten zieht, um auch recht bös' und autoritär zu wirken. Ansonsten aber scheint sie nicht über die Maßen involviert zu sein: Das Rätselritual spult sie routiniert ab, dass Calaf, der sich auch nicht so recht freuen kann, gewonnen hat, scheint ihr zunächst auch wenig auszumachen, so dass sie nach kurzem Aufbegehren reichlich ungerührt den Ehevertrag unterzeichnet und der Hinweis auf ihre Heiligkeit und Unberührbarkeit nur noch aus Gründen der Vollständigkeit und alter Gewohnheit heraus ausgesprochen wird.
Der Beginn des Machtkampfes: Turandot (Richetta Manager) schleudert dem namenlosen Prinzen (Roumen Sterionov) ihre Rätsel entgegen (im Hintergrund die Schatten der Tänzer Sandra Lommerzheim, Christina Menne und Rolf Gildenast).
Wenig erhellend ist auch der unermüdliche Einsatz dreier professioneller Tänzer, die "eine autonome, gestisch-rhythmische Gegenwelt zu der Welt des Volkes, der Welt Turandots etablieren" sollen, aber doch eher wie übermotivierte Gebärdendolmetscher wirken, die vom sonstigen szenischen Stillstand und der bequemen Rampensteherei der eigentlichen Hauptdarsteller ablenken sollen. Besonders ärgerlich ist ihre Präsenz im durch mehrfaches langes Schweigen unterbrochenen letzten Akt, denn ihre Bewegungen lenken unentwegt ab von der Auseinandersetzung zwischen Turandot und Calaf, die sich wie Katz' und Maus um den riesigen Tisch in der Mitte des Stuhlkreises hetzen, sich bald einen Platz suchen, bald wieder ziellos herumlaufen - wir verstehen: Die sonst so Souveränen sind verwirrt und überfordert mit der neuen Situation -, bevor dem eher geschäftsmäßig von Turandot (!) initiierten Kuss nach einer weiteren Generalpause ein "richtiger" folgt, sich das kühle Blau im Hintergrund plakativ zunächst in sattes Pink, dann in saftiges Rot verwandeln darf und das Paar repräsentativ lächelnd das "ewige Prüfungszimmer" verlässt, obwohl die Regisseurin doch eigentlich offen lassen wollte, wie die Zukunft der beiden auf der Basis völlig veränderter Standpunkte aussehen kann.
Es kommt zur ersten Annäherung zwischen Turandot (Richetta Manager) und Calaf (Roumen Sterionov; hinten: Tänzerin Sandra Lommerzheim).
Dass Puccini das 1920 begonnene Werk nicht beenden konnte, lag wohl nicht nur an seinem Tod durch Kehlkopfkrebs im Jahre 1924, sondern auch daran, dass er Schwierigkeiten damit hatte, die Wandlung Turandots von Stolz zu Liebe, von Kälte zu glühendem Gefühl musikalisch nachzuvollziehen - ein Problem, an dem auch Franco Alfano und Luciano Berio scheitern mussten. Simon Bächli hat sich deshalb entschlossen, "im Großen und Ganzen" nur das Material zur Aufführung zu bringen, das auf die Skizzenblätter Puccinis zurückgeht: "Wie sollten wir Nachgeborenen die Frechheit haben, uns einer kompositorischen Aufgabe zu stellen, deren Lösung einem Giacomo Puccini versagt blieb? So gesehen sind wir das einzige ehrfürchtige Theater weit und breit." Bei aller Bewunderung für den großen Respekt vor dem Werk des Meisters: Alfano und Berio haben ja den Schluss nicht ergänzt, um respektlos den Beweis anzutreten, dass sie fähiger sind als ihr Vorgänger, sondern um auch dramaturgisch einigermaßen befriedigende Aufführungen des Werkes zu ermöglichen. Beim Hören und Sehen des durch die bereits erwähnten Pausen zerhackten Gelsenkirchener Finale stellte sich diese Befriedigung leider überhaupt nicht ein. Immerhin, Bächli gelingt es am Pult der insgesamt glänzend disponierten, mit großem Ernst, Musizierfreude und präziser Rhythmik auftrumpfenden Neuen Philharmonie Westfalen, die Kontraste des Werkes - keine andere Oper des vielleicht letzten großen italienischen Meisters ist so reich an Gegensätzen und zugleich so aus einem Guss wie diese -, die kühne, raffinierte Instrumentation und den Farbenreichtum auszukosten, die großen musikalischen Bögen nachzuzeichnen und Puccinis Kenntnis der verschiedenen Strömungen der zeitgenössischen Musik hörbar werden zu lassen, ohne durch allzu breite Tempi oder Lautstärkerekorde die Bedürfnisse der Solistinnen und Solisten außer acht zu lassen - die Bravorufe vor dem dritten Akt, währenddessen die Konzentration dann aber doch nachließ und sich besonders im Blech einige ärgerliche Patzer einschlichen, waren somit nachvollziehbar.
Liù (Noriko Ogawa-Yatake, liegend) ist tot, Calaf (Roumen Sterionov, vorne kniend) und Timur (Nicolai Karnolsky, sitzend) sind betroffen, Turandot (Richetta Manager, links) und ihre Minister (Jee-Hyun Kim, Burkhard Fritz und Erin Caves, von links nach rechts) scheinbar ungerührt.
Bei aller Kritik im Detail: Es ist erstaunlich, dass das MiR dieses anspruchsvolle, zuletzt 1971 gegebene Werk mit einer Ausnahme aus dem Ensemble besetzen kann - anderswo hätte man wenigstens eine Handvoll teurer "Stars" verpflichtet, die vielleicht auch nicht viel besser gewesen wären. Und so fand ich die Buhs für die seit nunmehr zwanzig Jahren fest in Gelsenkirchen engagierte Richetta Manager völlig unangebracht, denn sie hatte bei ihrem Rollendebüt zunächst einmal - und das ist nicht wenig! - alle Töne für die strapaziöse Titelpartie, auch wenn die Qualität der oberen Mittellage und der Vollhöhe, denen es nicht selten an Rundung, Farbe und Konzentration fehlte, diskutabel ist und Vibrato und Nebengeräusche keine Freude fürs Ohr sind. Auf der anderen Seite muss man ein sehr lyrisch und schlank gesungenes "In questa reggia" (peinlich nur der falsche Einsatz etwa in der Mitte des Monologs), viele schöne Piani und die klangvolle Mittellage und Tiefe, die gar nicht selten gefordert werden und die vielen prominenteren Sopranistinnen enorme Probleme bereiten (etwa Gabriele Schnaut bei ihrer ohnehin desaströsen Salzburger Turandot), in die Waagschale werfen. Mehr versprochen hatten sich viele von Roumen Sterionov, der über einen für meinen Geschmack angenehm dunkel timbrierten, pianostarken Tenor verfügt, der im Studio sicher großen Eindruck machte, dem es aber für eine Live-Aufführung ohne Verstärkung an Volumen, Höhenglanz und Durchschlagskraft mangelt, und ein faszinierender Darsteller ist der gastierende Bulgare leider auch nicht: Den von egozentrischem Liebeswahn Getriebenen, der rücksichtslos das Leben des wehrlosen Vater und der diesen selbstvergessen betreuenden Sklavin aufs Spiel setzt, nimmt man ihm nicht recht ab.
Wie geht's weiter? Turandot (Richetta Manager) versucht sich an den Gedanken einer gemeinsamen Zukunft mit Calaf (Roumen Sterionov) zu gewöhnen (hinten: Tänzerin Sandra Lommerzheim).
Etwas übertrieben fand ich dagegen den Jubel um Noriko Ogawa-Yatake, die als optisch sicher ideale, darstellerisch zweifellos berührende Liù (wer wäre das nicht?) zwar sorgfältig phrasierte und den nötigen schlichten Ton mitbrachte, deren reifer, ansonsten gut geführter lyrischer Sopran aber auch ein die Toleranzgrenze mehr als streifendes Vibrato aufweist. An ihrer Seite war Nicolai Karnolsky natürlich ein viel zu junger, aber tadellos und erstaunlich expressiver Timur. Ein Gewinn war auch das größtenteils kongruent musizierende Ministertrio, dass Jee-Hyun Kim mit gewöhnungsbedürftig aufgeraut-heiserem Bariton als Ping anführte; der tonschön und schlank singende Erin Caves scheint den Fachwechsel zum Tenor inzwischen erfolgreich abgeschlossen zu haben - er gab den Pang -, während man Pong-Interpret Burkhard Fritz trotz einiger durchdringend-heller Töne dringend davon abraten möchte, bereits jetzt eine Karriere als jugendlicher Heldentenor anzusteuern (die überall in der Stadt zu findenden Plakate mit der Aufschrift "Ich bin Florestan" weisen indes in diese Richtung). Solide Qualität ist schließlich Nikolai Miassojedov als Mandarin und Sergei Fomenko als Altoum zu attestieren, der erweiterte Chor präsentierte sich in der Einstudierung von Nandor Ronay in bestechender Verfassung und wurde entsprechend gefeiert.
Die erste Produktion des MiR ist zwar kein solcher Flop wie der Nabucco vor Jahresfrist, aber ein großer Wurf ist sie trotz einiger an sich spannender Ansätze auch nicht, eher ein Achtungserfolg mit orchestralen Highlights. Ihre Meinung Schreiben Sie uns einen Leserbrief (Veröffentlichung vorbehalten) |
Produktionsteam
Musikalische Leitung
Inszenierung und
Bühne und Kostüme
Dramaturgie
Chor
Solisten* AlternativbesetzungTurandot, chinesische Prinzessin Richetta Manager
Altoum,
Timur,
Calaf,
Liù,
Ping,
Pang,
Pong,
Ein Mandarin
Persischer Prinz
Tänzer
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