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Kein Meisterwerk, aber das Werk eines Meisters
Von Thomas Tillmann
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Fotos von Rudolf Majer-Finkes 1845 bat der englische Impresario Lumley Giuseppe Verdi um eine Oper für London - eine große Auszeichnung für den 34-jährigen Komponisten (zwanzig Jahre früher war diese Ehre als einzigem ausländischen Komponisten Carl Maria von Weber mit Oberon zuteil geworden). Andrea Maffei brachte Verdi auf die Idee, Schillers Räuber musikalisch umzusetzen. Der renommierte Dichter und Übersetzer reduzierte das Drama geschickt auf die traditionelle Personenkonstellation des italienischen Melodramma - die Brüder Carlo und Francesco Moor (Tenor und Bariton), deren Vater (Bass) sowie Carlos Braut Amalia (Sopran) -, ließ mit Ausnahme von Roller alle anderen in der Vorlage individualisierten Bandenmitglieder im Chor aufgehen und eliminierte einige für die Vorlage wichtige Handlungsmomente, was Eduard Hanslick zu dem Urteil brachte, es sei ein Jammer und ein Frevel, wie hier mit den Dramen Shakespeares und Schillers umgegangen werde, wobei eigentlich bis heute übersehen wird, dass für die im 19. Jahrhundert in Italien praktizierte Operndramaturgie weniger der metaphysische Inhalt eines Dramas im Vordergrund stand als vielmehr ein überzeugender Plot.
Carlo (Burkhard Fritz) beschließt, Kapitän einer Räuberbande (Chor und Extrachor des MiR) zu werden.
Verdi selbst dirigierte die ersten beiden Aufführungen von I masnadieri im Juli 1847 im "Her Majesty's Theatre", aber trotz seiner effektvollen Arien, Ensembles und Chöre geriet das Werk bald in Vergessenheit, nicht zuletzt aufgrund des Umstandes, dass die Oper immer wieder am vorausgegangenen Ausnahmewerk Macbeth gemessen wird, wie Susanne Kaulich in ihrem erhellenden Aufsatz im Booklet zu einem Mitschnitt einer konzertanten Aufführung bei den Ludwigsburger Festspielen des Jahres 1992 festhält, und tatsächliche ist die Shakespeare-Adaption zweifellos die bedeutendere, interessantere Oper. Auch Verdi-Experte Julian Budden bemängelt den "etwas altmodischen Zuschnitt ... im Vergleich zu Macbeth" und erklärt: "obwohl das Werk später vollendet wurde, stammte seine Konzeption noch aus einer Periode, als die Begegnung mit Shakespeare ihn noch nicht zu einer neuen Auffassung des Musikdramas geführt hatte". Benjamin Lumley aber erwartete nach dem Tode Belllinis und dem Rückzug Rossinis von Verdi eine traditionelle Oper des italienischen Belcantostils, eine Forderung, der der Komponist vielleicht am deutlichsten mit der Anlage der weiblichen Hauptpartie nachkam, die in London von der legendären "schwedischen Nachtigall" Jenny Lind kreiert wurde, während etwa die Traumerzählung des Francesco im vierten Akt oder die große Erzählung des Massimiliano im Finale des dritten Aktes bereits die Meisterschaft der dramatischen Monologe der späteren Werke erahnen lassen.
Amalia (Gabriella Morigi) wehrt sich mit einem Dolch gegen die Übergriffe Francescos (Jee-Hyun Kim).
Auch Regisseur Dieter Kaegi bricht im Gespräch mit Dramaturg Johann Casimir Eule eine Lanze für I Masnadieri. Im Zentrum seines Interesses steht das Beziehungsdreieck der drei Männer im Hause Moor und der dazwischen zerriebenen Amalia, die Familientragödie "von biblischen Ausmaß", der er eine "überzeitliche Dimension" zuerkennt - ein interessanter Einfall, der ein zunächst tragfähiges Fundament für eine präzis erzählte, ohne enervierenden Aktionismus auskommende Geschichte bildet, aber im Laufe des Abends ebenso mehr und mehr an Faszination verliert wie der Zuschauer am Bühnengeschehen und den Problemen der Figuren, von denen Francesco die in den kräftigsten Farben gezeichnete ist, das Interesse. Auch der offene, mehrdeutige Raum, den Ausstatterin Stefanie Pasterkamp entworfen hat und den man zunächst als Eingangshalle des gräflichen Schlosses identifizieren könnte, der aber durch seine Dimension, die Doppeltreppenanlage und vor allem den fehlenden Plafond eine gewisse Unbehaustheit und Kühle ausstrahlt, in den mehr und mehr die Natur einbricht und in dem die Zerstörung der Seelen ihre Entsprechung in Verwilderung und Auflösung findet, kann an diesem Eindruck wenig ändern, zumal die technische Umsetzung so beeindruckend auch nicht ist und nicht gerade kurze Umbaupausen nötig macht. Und schließlich schüttelte man auch noch den Kopf über einige vermeintlich die Handlung aufpeppende Ideen wie den überflüssigen Verfremdungseffekt, dass Amalia die Noten für das Ende des Duetts mit Carlo vom Flügel holt, das alberne Partyspiel der Räuber oder die Waschung, die Carlo während des Duettes mit seinem Vater im letzten Akt an seinem toten Bruder vornimmt, während der psychologisierende Rückgriff auf Szenen aus der Kindheit der verfeindeten, vom Vater unterschiedlich geliebten Brüder und der Einfall durchaus einleuchten, "die zunehmende Auflösung ... in der Wahrnehmung des angstgeplagten Francesco dadurch zu zeigen, dass nun das personifizierte schlechte Gewissen, und nichts anderes ist die Figur des Moser, leibhaftig in Gestalt des ja tot geglaubten Vaters erscheint" (Kaegi).
Amalia (Gabrielle Morigi) und Carlo (Burkhard Fritz) schwelgen in Wiedersehensfreude.
Auch sängerisch kam an diesem Abend nicht die rechte Freude auf: Burkhard Fritz nimmt zwar zunächst durch viele sensible Momente, eine sorgfältige Phrasierung und manch schönes Legato ein, aber die Stimme ist mir für diese ja durchaus in Richtung Manrico, Alvaro und Otello weisende, viel Kraft und Kondition erfordernde Partie einfach zu hell und zu wenig "italienisch", und bereits in der ersten Szene fallen auch einige gefährdete Töne auf, die meine nach seinem Florestan geäußerte Befürchtung stützen, dass der Wechsel ins Fach des jugendlichen Heldentenors eher ein Akt des Wollens als des einer vokalen Entwicklung Nachgebens ist. Das reichlich unkultivierte, nicht wirklich expressive Fortegebrüll von Jee-Hyun Kim als Francesco imponierte der Mehrheit des Publikums, das offenbar anders als der Rezensent bereit war, über das wirklich scheußliche, heiser-belegte Timbre des zu leiseren Tönen kaum fähigen Baritons hinweg zu hören. Dagegen war es beinahe eine Wohltat, dem leicht ansprechenden, klangvollen, herrlich strömenden, vielleicht ein bisschen zu offen eingesetzten Bass des wie stets sehr involvierten Nicolai Karnolsky zuzuhören, und auch Erin Caves überzeugte in der nicht unwichtigen Nebenrolle des Arminio mit angenehm gefärbtem, tragfähigen Tenor, während Georg Hansen als Rolla vor allem darstellerisch alles tat, um auf sich aufmerksam zu machen, und mir beim erweiterten Herrenchor trotz guter Einstudierung (dies gilt für alle Beteiligten!) der unangenehm dominante Klang eines ambitionierten Männergesangvereins aufstieß.
Die Trümmer einer Familie: Carlo (Burkhard Fritz, stehend), Massimilano (Nicolai Karnolsky, sitzend) und der tote Francesco (Jee-Hyun Kim, liegend).
Einen zwiespältigen Eindruck hinterließ Gabriella Morigi in der diffizilen Partie der Amalia trotz ihres nie nachlassenden schauspielerischen wie des risikofreudigen vokalen Engagements; ihr nicht sehr großer, mitunter drahtiger, eigenwillig timbrierter, hinsichtlich der Register und in der Ausführung von Trillern reichlich unausgeglichener Sopran hat zwar Charakter, die Künstlerin weiß auch um die Kunst der expressiven Koloratur, der präzisen Staccati und des wirkungsvollen fil di voce, aber manch hoher Ton brauchte doch erheblichen Anlauf, flackerte unkontrolliert und wies eine unangenehm schneidende Schärfe auf, die Mittellage klang ziemlich fahl, und der Gebrauch der Bruststimme in der tiefen Lage war mir allzu exzessiv.
Aus Liebe ersticht Carlo (Burkhard Fritz) seine Amalia (Gabrielle Morigi), bevor er selbst von den Räubern (Chor und Extrachor des MiR) gerichtet wird.
Cosima Sophia Osthoff überzeugte am Pult der Neuen Philharmonie durch ihre Flexibilität hinsichtlich der Tempi und der Dynamik, durch den kreativen Umgang mit den oft belächelten Begleitfiguren und ihre nicht geringe Kompetenz in Sachen Sängerbegleitung, aber das Preludio mit seinem eindrucksvollen Cello-Solo hätte nicht gar so wuchtig beginnen und die Schlusstakte mancher Nummer nicht gar so in die Breite gezogen erklingen müssen, während manche Cabaletta doch ein bisschen mehr Drive hätte haben dürfen.
Trotz der gemachten Einschränkungen freute man sich - gerade auch angesichts der geradezu inflationären Macbeth-Neuinszenierungen der letzten Zeit und der Einfallslosigkeit in der Spielplangestaltung mancher Konkurrenzbühnen -, eine weitere frühe Verdi-Oper kennen zu lernen, die zweifellos ihre großen Momente hat. Ihre Meinung Schreiben Sie uns einen Leserbrief (Veröffentlichung vorbehalten) |
Produktionsteam
Musikalische Leitung
Nachdirigat
Inszenierung
Bühne und Kostüme
Dramaturgie
Chor
Solisten* PremierenbesetzungAmalia, eine Waise Nichte des Grafen Edit Lehr/ Gabriella Morigi *
Massimiliano, regierender
Carlo, sein älterer Sohn
Francesco, sein jüngerer
Arminio, Haushofmeister
Moser, ein Pfarrer
Rolla, ein Gefährte
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