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Desaster im Graben
Von Thomas Tillmann
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Fotos von Rudolf Majer-Finkes Das Musiktheater im Revier hat seine unbestrittenen Verdienste, die nicht zuletzt an dieser Stelle immer wieder von meinen Kollegen und mir hervorgehoben werden. Allerdings kommt das rührige Haus in Gelsenkirchen naturgemäß an Grenzen, wenn es sich der ganz großen Oper zuwendet - das ist nicht zuletzt bei der Turandot zu Saisonbeginn, aber auch bei einigen Produktionen der vergangenen Spielzeit deutlich geworden. Da nützt es gar nichts, wenn man damit wirbt, zahlreiche Partien doppelt aus dem eigenen Ensemble besetzen zu können, wenn bereits die erste Besetzung unzureichend ist und eigentlich nur die Interpreten der Marzelline und des Jaquino die zweifellos hohen Anforderungen erfüllen können. Und unterrepräsentiert ist Beethovens einzige Oper auf deutschen Bühnen ja nun wahrlich nicht ...
Mark Adler (Jaquino), Joachim G. Maaß (Rocco), Claudia Braun (Marzelline) und Richetta Manager (Leonore).
Gabriele Rech betont in ihrer Neuinszenierung das Schema der Befreiungsoper, das in Frankreich als Reaktion auf den Bastillesturm entstanden ist: Beim Betreten des Zuschauerraums fällt das Auge des Betrachters auf den eisernen Vorhang, auf den die Werte der französischen Revolution - Liberté, Egalité und Fraternité - projiziert werden, die auch während der Arien der Protagonisten immer wieder zitiert werden. Gegen Ende der Ouvertüre wird man Zeuge eines stummen Prologs: Leonore, Florestan, Pizarro und Fernando, die aus derselben politischen Keimzelle kommen, die einmal befreundet waren und den selben Ideen nachgegangen sind, geraten in erbitterten Streit, dessen Eskalieren Leonores tatkräftiger Einsatz zwar kurzfristig verhindern kann, der aber gleichsam die Folie für die folgenden Ereignisse bildet. Die dafür gewählte hektisch-nervöse Erzählweise, die das Pochen im Innern der Figuren, ihr Getriebensein, illustrieren will (und vom Dirigenten mit haarsträubenden Konsequenzen unterstrichen wird), macht es dem Zuschauer reichlich schwer, sich in die Befindlichkeiten der Figuren und die Handlung einzufühlen und sich wirklich von ihr berühren zu lassen. Dabei ist es natürlich grundsätzlich kein schlechter Einfall, die Dialoge stark zu kürzen und unserem Sprachgebrauch anzupassen; ganz so nonchalant wie die meisten Mitwirkenden muss man sie allerdings nicht abspulen, um distanzschaffendes Pathos zu vermeiden.
Jee-Hyun Kim (Don Pizarro), Joachim G. Maaß (Rocco),
Das Grau in Grau des beklemmenden Sicherheitsbunkers, von dessen Trostlosigkeit nur ein rotes Sofa und die einzige Zimmerpflanze abzulenken versuchen und dessen Inneres Pizarros Soldaten bei ihrem Auftreten genauestens inspizieren und verwüsten, illustriert dagegen überzeugend den Seelenzustand der geknechteten Menschen; nur der tiefere Sinn der Schmuddelecken mit all dem wie unter grauer Lava bedeckten Plunder unter der erhöhten Spielfläche in der Bühnenmitte erschloss sich mir nicht recht. Richtig spannend wird es nach dem Signal, das den Minister ankündigt: Die Bühne wird dank arg schaukelnder Neonröhren hell (ohne diese Leuchtmittel scheint Regietheater nicht zu funktionieren), die bunten Biedermeierkostüme werden ausgetauscht gegen aktuelle Festtagsgarderobe, Florestan kann gerade noch mit Kreide das Schlüsselwort Liberté an die Bühnenwand kritzeln (auch dies eine abgestandene Ingredienz, die inzwischen jeglicher Originalität und Eindringlichkeit entbehrt), bevor er wie seine Gattin im Revolutionsoutfit aufs Podest muss. Ketten werden hier auch nicht abgenommen, sondern nur das Band um das lebendige Gattendenkmal, das in aufgesetzt feierlicher Stimmung "enthüllt" wird. Getrübt wird die Festlichkeit nur durch die Aussetzer des besoffenen Jaquino, der wütend ein Anarchie-A auf Florestans "Liberté" setzt, bevor die hysterisch-frustriert lachende Marzelline es wegzuwischen versucht und ein Sektglas zu Boden schleudert - sie ist "das erste und schlimmste Opfer der Handlung", wie Attila Csampai in seinem bemerkenswerten Opern-Lesebuch "Sarastros stille Liebe" zurecht behauptet. Es spricht für Gabriele Rech, dass sie sich dieser häufig vergessenen Nebenfiguren annimmt, und auch Pizarro, der - so weiß der bereits Zitierte - "kein geborener Sadist" ist, sondern "ein offenbar persönlich Verwundeter", der "offene Rechnungen mit einem Intimfeind zu begleichen" hat, darf sich unter die das Premierenpublikum direkt ansingenden Gäste mischen und sich im inzwischen vielsagend blau gestalteten Bühnenhintergrund ins Fäustchen lachen.
Burkhard Fritz (Florestan) und Richetta Manager (Leonore).
Claudia Braun ist mit ihrem mädchenhaften, schlank geführten Sopran, dem hohen Maß an Textverständlichkeit und ihrer darstellerischen Natürlichkeit eine Idealbesetzung der Marzelline, die einem ans Herz wächst, wenn sie ihren Brautschleier hervorholt, von einer besseren Zukunft träumt und ihren Wunsch nach Glücklichwerden Jaquino geradezu ins Gesicht spuckt. Mark Adler singt den um sein Liebe Geprellten mit angenehm timbrierten, geschmeidig-kultivierten lyrischen Tenor auf ähnlich hohem Niveau wie er dessen verständlichen Frust ausspielt. Dass der bis vor kurzem noch als Spieltenor eingesetzte Burkhard Fritz keine Probleme mit der hohen Tessitur der Florestan-Partie haben und in den lyrischen Passagen dank großer Legatofähigkeiten durchaus überzeugen würde, war zu erwarten gewesen und muss hervorgehoben werden; nichtsdestotrotz nahm der Rezensent besorgt zur Kenntnis, wie der Künstler die Stimme bereits in der Mittellage künstlich abdunkelt und im Forte nicht selten zu schreien beginnt. Keinen guten Abend hatte Richetta Manager, die nicht nur mit erheblichen Intonationsproblemen und den immer heiklen Skalen ihrer großen Arie kämpfte, sondern deren ein wahrlich ausladendes Vibrato aufweisender Sopran überhaupt keinen Glanz mehr aufwies, sondern über weite Strecken unangenehm stumpf und in der Tiefe reichlich vulgär klang. Gegen Ende hörte man besonders in der Höhe bedauerlicherweise nur noch heiße Luft - vielleicht hat die verdiente Sopranistin sich mit der Übernahme zweier derart exponierter Partien innerhalb weniger Monate (sie singt neben der Leonore ja auch noch die Turandot in der laufenden Produktion des MiR) keinen Gefallen getan. Ein etwas besseres Deutsch könnte man übrigens nach zwanzig Jahren an diesem Haus auch erwarten. Völlig inakzeptabel in den Dialogen war aber Jee-Huyn Kim, der natürlich noch nicht so lange im Land ist. Einer Heldenbaritonpartie wie Pizarro wird man allein mit einer präsenten Höhe und schönen Piani nicht gerecht; die Tiefe der Stimme ist leider kaum vernehmbar, das heisere Timbre derselben alles andere als eine Freude fürs empfindliche Ohr. Einen sehr leichtgewichtigen, völlig unauffälligen, blassen Rocco gab Joachim G. Maaß, und auch Nyle P. Wolfe hat wirklich nicht die vokalen Mitteln für den im Programm als typischen "Wendehals" und ewigen Mitläufer bezeichneten Minister. Wenig Eindruck hinterließ schließlich auch der Chor, in dem die vermutlich in typischen Gesangvereinen engagierten Extrachoristen den Ton angaben.
Schlußszene Hauptschuld an diesem ärgerlichen Abend trug aber Johannes Wildner, der rücksichtslos auf seinen überzogen hektischen Tempi beharrte, so dass die Neue Philharmonie Westfalen über viele Details nur hinwegfegen konnte und sich peinliche Spielfehler und Unsauberkeiten en masse einstellten - nur selten habe ich Beethovens Meisterwerk so unsensibel, oberflächlich und unmusikalisch wiedergegeben erlebt. Überfordert war natürlich auch die Mehrheit der bemitleidenswerten Akteure auf der Bühne, die vergeblich auf Unterstützung aus dem Graben hofften; der Gelsenkirchener Generalmusikdirektor hat sich mit diesem Dirigat zweifellos den Titel des unsensibelsten Begleiters weit und breit erworben (Leonores Arie allein hätte für diese Einschätzung gereicht!), was eines gewissen Zynismus nicht entbehrt, hatte er doch im Programm noch darauf hingewiesen, dass die Partien im Fidelio "so schwer" und "fast unsingbar" seien.
Gibt es eigentlich Statistiken darüber, wie viele Zuschauerinnen und Zuschauer mehr als die Inhaltsangabe im Programmheft lesen? Für diejenigen, die zu dieser harschen Tadel verdienenden Minderheit (?) gehören, mag Gabriele Rechs Werksicht einige Rätsel aufgeworfen haben, während die Beflissenen wohl die interessanten Ansätze nachvollziehen konnten, aber auch manche Hilflosigkeit in der szenischen Umsetzung des wie stets klug erdachten Konzepts bemerkt haben müssen, ohne dass es zu den üblichen Buhkonzerten gekommen wäre, die Johannes Wildner für seine unzulänglichen Selbstverwirklichungsversuche im Graben verdient gehabt hätte. Ihre Meinung Schreiben Sie uns einen Leserbrief (Veröffentlichung vorbehalten) |
Produktionsteam
Musikalische Leitung
Nachdirigat
Inszenierung
Bühne
Kostüme
Dramaturgie
Chor
Solisten* AlternativbesetzungDon Fernando, Minister Nyle P. Wolfe
Don Pizarro,
Florestan,
Leonore,
Rocco,
Marzelline,
Jaquino,
Erster Gefangener
Zweiter Gefangener
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E-Mail: oper@omm.de