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Rokoko - Natur - Wahnsinn
Von Gerhard Menzel
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Fotos von Rudolf Majer-Finkes "... lassen Sie sich von Gabriele Rechs anmutiger Rokoko-Inszenierung in Hermann Feuchters immergrün üppigem Bühnenbild frühlingshaft erheitern und inspirieren!"
Wer dieses Vorwort von Peter Neubauer im Programmheft von Mozarts Die Gärtnerin aus Liebe gelesen hat, wird sich - spätestens nach der Pause - ordentlich wundern! Gleich der Anfang lässt das Publikum mit der Tür ins Haus fallen, da ohne Ouvertüre sofort die Introduktion beginnt. Dabei führt Mozart durch seine Komposition des (schon von anderen Komponisten vor ihm vertonten) Librettos weit weg von der herkömmlichen "komischen Oper". Zwar beginnt das Stück mit einer zunächst "heiteren" Introduktion, in deren Zentrum allerdings bereits die "Abgründe" der einzelnen Personen aufgezeigt werden. Außerdem nehmen die Elemente der opera seria im Verlauf des Stückes mehr und mehr überhand.
Ramiro (Marie-Belle Sandis) trauert um seine verlorene Liebe.
Die Gärtnerin aus Liebe ist eine nachträgliche Umarbeitung des 1775 in München uraufgeführten Dramma giocosos La Finta Giardiniera, das Wolfgang Amadeus Mozart im Alter von neunzehn Jahren komponiert hatte (eine Produktion der La Finta Giardiniera an der Deutschen Oper am Rhein kam 1998 heraus). Neben der Übersetzung des Librettos aus dem Italienischen in die deutsche Sprache unterscheidet sich diese Version vor allem dadurch, dass die Rezitative durch gesprochenen Dialog ersetzt wurden. Diese Singspielfassung wurde im Jahr 1780 unter dem Titel Die verstellte Gärtnerin im Komödienstadl in Augsburg erstmals aufgeführt. Ansonsten sind viele Fragen in Bezug auf die Entstehungsgeschichte, Stoffwahl und Librettovorlage weitgehend ungeklärt. Obwohl das Werk Entstehungsgeschichtlich zu Mozarts "Jugendwerken" gehört, überrascht es durch die treffsichere musikalische Charakterisierung der Figuren und Situationen, die allerdings schon deutlich auf den späteren Musikdramatiker Mozart hinweisen. Die wechselweise sich durchdringenden buffa- und seria-Elemente sorgen dabei für ein scheinbar heilloses Durcheinander.
Sandrina (Claudia Braun) umringt von Serpetta (Elise Kaufman), Don Anchise (Erin Caves) und Graf Belfiore (Mark Adler).
Die Gelsenkirchener Produktion bietet nun noch eine eigene Bearbeitung des Werkes. Dabei erwies sich die Zusammenarbeit von Samuel Bächli (Musikalische Leitung) und Gabriele Rech (Inszenierung) als äußerst fruchtbar und produktiv.
Graf Belfiore (Mark Adler) und Sandrina (Claudia Braun) kümmern sich um Ramiro (Marie-Belle Sandis). Serpetta (Elise Kaufman) und Arminda (Regine Hermann) .
Diesen Bogen zeichnet Gabriele Rech in Gelsenkirchen allerdings nicht nach. Die letzte Szene ist gestrichen und statt des lieto fine endet das Stück mit dem "Abschiedsduett" der beiden dem Wahnsinn verfallenen Liebenden Belfiore und Sandrina. Schon zuvor haben diese zwischenzeitlich (fast unbemerkt) auch von der deutschen in die ursprüngliche, italienische Sprache gewechselt. Alle übrigen Protagonisten lässt Gabriele Rech in ihrem hoffnungslosen Elend einfach zurück. Ansonsten überzeugt ihre Personenführung durch ausgezeichnetes Timing und einen virtuosen Umgang mit den zahlreichen Requisiten. Auch die an das Rokoko angelehnten Kostüme von Nicola Reichert und das Bühnenbild von Hermann Feuchter visualisieren eindrucksvoll, wie die zunächst gepflegten Blumen und Gewächse auf Grund ihrer Vernachlässigung in die symmetrische Architektur des Palastes hineinwachsen und diese schließlich völlig überwuchern, während die Protagonisten im wahrsten Sinne des Wortes aus ihrer (zweiten) Haut fahren.
Sandrina (Claudia Braun) und Graf Belfiore (Mark Adler).
Angeführt wird das im großen und ganzen adäquat besetzten Ensemble von Claudia Braun als Sandrina, die sich mit ihrem silberhellen Sopran, ihre fabelhafte Technik und sichtbare Spiellaune die Gunst des Publikums errang. Mark Adler als Belfiore musste wieder einmal - zumindest zu Beginn - in die Rolle des Deppen schlüpfen, bevor er im zweiten Teil - vor allem zusammen mit Claudia Braun - seine lyrischen Qualitäten unter Beweis stellen konnte.
Don Anchise (Erin Caves) will Sandrina (Claudia Braun) im Sturm erobern.
Beeindruckend gestaltete Erin Caves den Don Anchise, vor allem seine "Bravourarie", in der er während der Verführung der Sandrina vom Orchester auf übelste Weise traktiert wird (die einzige Arie mit Pauken!). Regine Hermann als "Oberzicke" Arminda, Marie-Belle Sandis als schwärmend schmachtender Ramiro, Elise Kaufman als kecke Serpetta und Nyle P. Wolfe als Nardo, rundeten das spielfreudige und den Intentionen der Regisseurin bedingungslos folgenden Ensemble ab. Musikalisch herausragend präsentierte sich wieder einmal Samuel Bächli als Spiritus rector. Was er aus den Mitgliedern der Neuen Philharmonie Westfalen herausholte, verdient höchste Bewunderung. So differenziert und mit Herz und Seele musiziert, wird sogar dieses "Frühwerk" Mozarts zu einem Meisterwerk. Vor allem die Balance von Streichern und Bläsern (hervorzuheben ist der Einsatz der Hörner!) ließen die Aufführung zu einem orchestralen Hochgenuss werden (das ständige Kommen und Gehen im halb hochgefahrenen Orchestergraben störte allerdings die intensive Bühnenspannung).
Durch ein gutes Ensemble, eine orchestrale Spitzenleistung und eine engagierte und eigenwillige Inszenierung kann das Musiktheater im Revier einen weiteren Erfolg verbuchen! Ihre Meinung Schreiben Sie uns einen Leserbrief (Veröffentlichung vorbehalten) |
Produktionsteam
Musikalische Leitung
Inszenierung
Bühne
Kostüme
Dramaturgie
Solisten* AlternativbesetzungDon Anchise, Podestá Erin Caves
Gräfin Violante Onesti, als Gärtnerin
Graf Belfiore
Arminda
Ramiro
Serpetta
Roberto, als Gärtner
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