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Eine gelungene Hommage an George Gershwin
Von Gerhard Menzel
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Fotos von Rudolf Majer-Finkes Ende der 80er Jahre erfüllte sich der amerikanische Multimillionär und leidenschaftliche Gershwin-Fan Roger Horchow einen persönlichen Traum, indem er dafür sorgte, dass sein Lieblingsmusical "Girl Crazy", in einer zeitgemäßen Bearbeitung wieder zur Aufführung gebracht wurde. "Girl Crazy" erlebte 1930 am Broadway zwar eine erfolgreiche Uraufführung, verschwand aber bald wieder von den Spielplänen. Der Grund war - wie bei fast allen zu dieser Zeit entstandenen Musical-Shows - ein nur "bescheidenes" Textbuch und eine völlig belanglose Handlung. Diese Stücke wurden eben nur für das "Hier und Heute" geschrieben, und nicht für die "Ewigkeit".
Klangbeispiel:
Aus der Ouvertüre: die Themen zu "I Got Rhythm" und "Embraceable You" (MP3-Datei)
Ken Ludwig, Autor mehrerer Musicals und von Horchow zu Rate gezogen, überarbeitete "Girl Crazy" von Grund auf und erdachte gemeinsam mit dem Regisseur Mike Ockrent eine neue Handlung. Sie stellten musikalische Nummern um, verzichteten auf einige Songs, fügten dafür andere hinzu und gaben dem Ganzen - bezugnehmend auf den Eröffnungssong - einen neuen Namen. Mit Erlaubnis der Gershwin-Erben erlebte "Crazy For You" 1992 - vor gerade einmal 10 Jahren und 65 Jahre nach dem Tod George Gershwins - am Shubert Theatre in New York seine bemerkenswerte Uraufführung. "Crazy For You" entführt das Publikum in die "gute alte Zeit" des amerikanischen Musicals der 20er/30er Jahre, das mit Humor und Sentiment, Tapdance und vor allem mit der herrlichen Musik von George Gershwin aufwartet. Songs wie "I Got Rhythm", "Embraceable You" oder "Naughty Baby", die längst zu Klassikern des Genres geworden sind, haben nichts von ihrem Zauber verloren, und reißen auch heute noch das Publikum mit.
Bobby Child (Gaines Hall) versucht Polly Baker (Anke Sieloff) zu imponieren.
Die Handlung von "Crazy For You" spielt vor allem hinter den Kulissen des Theaters.
Bobby Child, Sohn einer reichen Bankiersfamilie, liebt die Bühne und den Tanz. Doch trotz seiner Bemühungen - er tanzt auch dem berühmten ungarischen Produzenten Bela Zangler vor - gelingt es ihm nicht, ein Engagement zu bekommen. Stattdessen schickt ihn seine Mutter in die Wüste, nach Deadrock, Nevada, um das bankrotte "Gaiety Theater" im Auftrag der Bank zu liquidieren.
Dort angekommen, verliebt er sich sofort in dieses Theater und in die Tochter des Besitzers, Polly, die natürlich von dem Banker, der ihnen das Theater wegnehmen soll, nichts wissen will. Bobby schlüpft in die Rolle von Bela Zangler, mobilisiert seine Freunde vom Broadway, lehrt die raubeinigen Cowboys das Steppen, um mit einer grandiosen Show das Theater zu retten und Polly von der Ernsthaftigkeit seiner Bemühungen zu überzeugen.
Als Bela Zangler verkleidet, erscheint Bobby Child (Gaines Hall)
Doch die einzigen, die sich zur Premiere in das Provinznest verirren, ist ein englisches Geschwisterpaar, das einen Reiseführer über den amerikanischen Westen schreiben will. Der Traum zerplatzt und als Polly ihm auch nicht glauben will, dass er die Rolle des berühmten Produzenten nur für sie gespielt hat, fährt Bobby enttäuscht nach New York zurück.
Der echte Zangler taucht in Deadrock auf, um die von ihm geliebte Choreographin Tess zu treffen. Er ist von der Show beeindruckt und bereit, Namen und Geld zur Verfügung zu stellen, um ihr zum Erfolg zu verhelfen...
Für "Crazy For You" engagierte das Musiktheater im Revier mit Matthias Davids einen auch im Musical versierten Regisseur. Immerhin kennt er die Gattung sowohl als Darsteller (vor Jahren war er in Gelsenkirchen in der Titelpartie von Jesus Christ Superstar zu erleben) wie als Regisseur. Die Inszenierung von Matthias Davids beschwört in den opulenten und verspielt gestalteten Bühnenbildern von Knut Hetzer und den Kostümen von Judith Peter die Atmosphäre der 30er Jahre Shows am Broadway. Schnelle Umbauten, perfektes Timing zwischen den Nummern und die zahlreichen instrumentalen Zwischenspiele lassen keinen Leerlauf aufkommen.
Die Boys und Girls der Show sind ganz Feuer und Flamme.
Ein besonderes Zeichen der Produktion ist die Geschlossenheit des Ensembles. Der von Nandor Ronay exzellent einstudierte Chor reiht sich ebenso selbstverständlich in die mitreißenden Choreografien von Melissa King ein, wie die Tänzer sich am szenischen Spiel und den Dialogen beteiligen. So entstehen Szenen von großer Wirkung, wobei jedes Mitglied des Ensembles ein individuelles Eigenleben führt.
"Spiegelszene" in Lanks Saloon:
Matthias Davids geizt nicht mit Klischees und Anspielungen auf Film und Fernsehen. So werden immer wieder Erinnerungen geweckt, die von Filmen mit Fred Astaire bis zu alten Western bzw. Cowboyserien reichen. Das zentrale Thema ist dabei die Konfrontation der Schickeria der Großstadt mit den "einfältigen" Cowboys in der Wüste. Dort fliegen dann auch nicht nur die Torten, sondern es gibt die obligaten Schießer- und Prügeleien im Saloon, mit Treppensturz und zerlegtem Mobiliar. Der Slapstick erreicht seinen Höhepunkt in der "Spiegelszene" zwischen dem "echten" und dem "falschen" Zangler in Lanks Saloon. Dem szenischen Feuerwerk auf der Bühne entsprechend, ließ Kai Tietje, Preisträger des Gelsenkirchener Förderpreises 2002, das durch Bandmusiker verstärkte Orchester nur so funkeln, glitzern und jubilieren. Die Vielseitigkeit der Mitglieder der Neuen Philharmonie Westfalen lässt wirklich aufhorchen. Swingende Streicher, jazzige Bläser mit packenden Soli und präzisen Akzenten, ließen die Musik Gershwins so richtig aufblühen und produzierten so den nötigen Schwung und Rhythmus für das Ensemble auf der Bühne. Sinniger Weise beginnt das Stück mit dem Orchester auf Parkettebene. Erst im Verlauf der Ouvertüre verschwindet es langsam im Graben. Als Zugabe gibt es dann schließlich noch ein reines Orchesternachspiel, der Musik Gershwins zur Ehre.
"Ginger Rodgers und Fred Astair" alias Bobby Child (Gaines Hall) und Polly Baker (Anke Sieloff) leiten das große Finale ein.
Mit Anke Sieloff als weibliche Hauptfigur Polly Baker, besitzt das Musiktheater im Revier eine Künstlerin, die als Ausnahmeerscheinung gelten darf. Die mit einer facettenreichen Stimme ausgestattete Mezzosopranistin begeistert nicht nur immer wieder bei ihren zahlreichen Auftritten im "klassischen Opernfach", sondern auch als phantastische Musicaldarstellerin (siehe Kiss Me Kate), die auch Ausflüge in Ballett-Produktionen nicht scheut (Schindowskis Der Tod der Cleopatra). Ob Gesang, Schauspiel oder Tanz, sie beherrscht das Metier und kann sich mühelos in oder zwischen den Genres bewegen. Um ihr einen ebenbürtigen Partner zu bieten, wurde Gaines Hall als Bobby Child engagiert. Er ist ein Musicalspezialist mit überwältigender Ausstrahlung, der neben singen und tanzen auch vorzüglich steppen kann. Seine Szenen mit Anke Sieloff und Joachim Gabriel Maaß (Bela Zangler) gehören zu den Höhepunkten der Show, die auch von weiteren, meist drolligen Paaren, geprägt wird.
Die Geliebte, Polly Baker (Anke Sieloff),
Vom Charakter her diametral entgegengesetzt präsentieren sich die "Koloraturenprinzessin" Elise Kaufman als vornehme Stadtdame Irene Roth und Jürgen Morche als schlitzohriger Saloonbesitzer Lank Hawkins. Eine tolle Figur geben Joachim Gabriel Maaß als kleiner, untersetzter Impressario Bela Zangler und die spindeldürre, hoch aufgeschossene Anja Karmanski als Choreografin Tess ab. Während sich Anna Agathonos und Georg Hansen als Geschwisterpaar Fodor wie ein Ei dem anderen gleichen, finden mit der Grande Dame Eva Tamulénas als Finanzcheffin Mrs. Child und Waldemar Mauelshagen als ehemaliger Theaterprinzipal Everett Baker zwei Welten zueinander. Das Cowboy-Trio Sam (Nyle P. Wolfe), Moose (Rainer Stevens mit Kontrabass-Solo) und Mingo (Erin Caves), sowie Franziska H. Ballenberger als "blonde" Patsy bereichern das spielfreudige Solistenensemble.
Die Boys und Girls der Show sind ganz Feuer und Flamme.
Anfängliche Tonprobleme bei der Verstärkung der Solisten wurden zwar mit der Zeit behoben, doch der Lautstärkepegel war trotzdem generell zu hoch angesetzt. Immerhin handelt es sich beim größten Teil des Publikums nicht um Lärmgeschädigte oder Schwerhörige. Mehr ist nicht immer besser!
Eine herrliche "Klamotte". Gershwins großartige Musik, hervorragende Protagonisten, furiose Ensembleszenen, "Who can ask for anything more"!
24.11.2002 Ihre Meinung Schreiben Sie uns einen Leserbrief (Veröffentlichung vorbehalten) |
Produktionsteam
Musikalische Leitung
Inszenierung
Bühne
Kostüme
Choreografie
Chor
Dramaturgie
Solisten* AlternativbesetzungBobby Child Gaines Hall
Polly Baker
Irene Roth
Lank Hawkins
Bela Zangler
Mrs. Child
Everett Baker
Mingo
Sam
Moose (Kontrabass)
Eugene Fodor
Patricia Fodor
Tess
Patsy
Billy
Wyatt
Junior
Tänzer
Anke Sieloff
Gaines Hall |
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