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Weit entfernt von lauteren Zielen und unauslöschlichen Verdiensten
Von Thomas Tillmann
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Fotos von Eduard Straub Von lauteren Zielen und unauslöschlichen Verdiensten weiß Theaterdirektor La Roche in seiner berühmten Ansprache zu berichten - Tobias Richters im Mai diesen Jahres für das (auch im Bühnenbild zitierte) Teatro Malibran entstandene Inszenierung des am 28. Oktober 1942 in München uraufgeführten "Diskussionsöperchens" Capriccio ist weit davon entfernt. Schon die Begründung dafür, die Handlung nach Venedig zu verlegen, fällt ziemlich dürftig aus: Zweifellos siedelt Strauss im Sinne einer Rückbesinnung auf den Beginn der theatralischen Auseinandersetzung über die Beziehung zwischen Ton und Wort die Debatte in einer früheren Zeit an, zweifellos verströmt Venedig mit seinem Flair der Vergangenheit, mit seinen Palästen und Theaterräumen, die langsam aber stetig im Meer zu versinken scheinen, in gleicher Weise einen Hauch von Nostalgie und Melancholie, aber ich wurde den Eindruck nicht los, dass hier die Anbiederung an das italienische Publikum im Vordergrund stand, die vermutlich wiederum davon ablenken sollte, dass man Tobias Richters Regiebemühungen abgesehen vom Organisieren der Auf- und Abgänge fast überhaupt nicht bemerkt, weil die meiste Zeit jeder das tut, was das Libretto eben vorsieht oder was ihm gerade einfällt. Dass der Rheinoperintendant für die Übernahme dieser Produktion nach Duisburg nicht einmal die sehr konkreten Anspielungen auf das La Fenice eliminiert hat, ließ bei mir den Eindruck entstehen, dass es hier weniger um die Kunst ging, sondern darum, für verhältnismäßiges kleines Geld und ohne größeren künstlerischen Aufwand eine Premiere auf die Beine zu stellen. Die Duisburger reagierten wie so häufig entsprechend und nahmen fast überhaupt keine Notiz vom Regisseur, als dieser die Bühne betrat, sondern feierten weiter die Sänger und den Dirigenten.
Die Konkurrenten um das Herz der Gräfin im Disput: der Musiker Flamand (Bruce Rankin, links) und der Dichter Olivier (Ludwig Grabmeier, rechts).
Dass die Gräfin und ihre Gäste sich für diesen Nachmittag nur in historische Roben und Perücken aus der Zeit von Gluck und Goldoni werfen, ist an sich kein schlechter, wenn auch nicht neuer oder rasend origineller Einfall. Dass aber am Ende der literarische Salon des ausgehenden 19. Jahrhunderts beschworen wird, ist regieliche Willkür, die völlig ins Leere führt beziehungsweise im bloß Dekorativen stecken bleibt. Da wäre es einleuchtender gewesen, die Entstehungszeit des Werkes ins Spiel zu bringen oder etwa den Schlussmonolog Madeleines konsequent im Hier und Jetzt zu inszenieren - ein schickes Kleid für die Protagonistin hätte sich auch dann gefunden. Überhaupt lebt diese Aufführung von der aufwändigen Ausstattung Gian Maurizio Fercionis mit ihren hohen Räumen, den vielen ziemlich blinden, staubigen Spiegeln, den altmodisch-detailverliebten Kulissen, die für Abwechslung sorgen, und den ansehnlichen Kostümen. Dabei hätte die Mehrzahl der Akteure dringend einen versierten Regisseur gebraucht, um den ihnen anvertrauten Figuren wirkliche Kontur und Dreidimensionalität verleihen zu können und nicht auf in anderen Produktionen Erlerntes zurückgreifen, reichlich unmotiviert über die Bühne tänzeln oder an deren Rampe herumstehen zu müssen. Ein Ärgernis war vor allem die berühmte Schlussszene: Die Diener rollen einen roten Teppich für die Gräfin aus, stellen wenig nachvollziehbar zahllose Kerzenständer auf den Boden des stümperhaft ausgeleuchteten Palais, ein voller Kitschmond hängt im Fenster und sorgt dafür, dass sich Venedigs Wasser auf der Bühne spiegeln. Das bisschen aufkommende Stimmung wird dann auch noch durch die Diener gestört, die mit dem Souper durchs Bild ziehen und schließlich nicht ganz kongruent mit den Schlussakkorden die Leuchter löschen, nachdem die Protagonistin sich reichlich hilflos an den Spiegeln herumgeräkelt hat.
Gräfin Madeleine (Alexandra von der Weth, rechts) begrüßt Alexandra von der Weth habe ich stimmlich lange nicht in so glänzender Verfassung gehört: Die zuletzt beklagte Kurzatmigkeit ist verschwunden, die leicht ansprechende Höhe klingt wunderbar rund und ist auch in den Ensembles durchaus präsent, sie hat den nötigen jugendlichen Ton - das ist die "alte" Alexandra, die ich beispielsweise als Pamina so bewundert habe. Sicher, sie ist eine leichte Besetzung für die Partie der Gräfin, aber doch keine zu leichte, auch wenn gegen Ende einige Nebengeräusche den Eindruck vermittelten, dass die Künstlerin hier an die natürlichen Grenzen ihres Soprans stieß. Trotzdem hat sie bei sorgfältiger (!) Karriereplanung die Chance, in diesem Fach (und bei aller Ambition sicher nicht im italienischen!) eine erste Sängerin zu werden, zumal sie sich entgegen sonstiger Gewohnheit erfolgreich um größtmögliche Textverständlichkeit bemühte. Allerdings - ich muss darauf zurückkommen - hätte es größerer spielleiterischer Autorität bedurft, dem Rheinopernstar zumindest die gröbsten szenischen Unarten abzugewöhnen: Madeleine ist keine überdrehte Sophie, die nervös permanent über die Bühne flitzt und ständig mit den Händen herumfuchtelt, weil sie wie ein zu schnell gewachsener Teenager nicht weiß, was sie mit ihnen anstellen soll, und sie ist vor allem keine lüsterne Vorstadt-Monroe, die zum Entzücken der älteren Kavaliere permanent ins Publikum grinst, sondern eine kultivierte, gebildete Aristokratin mit erstklassigen Manieren. Auch Annette Seiltgen nahm man die mondäne Tragödin, die als Andromache, Phädra oder Medea reüssieren könnte, nicht ab (Jeanne Piland, die im Publikum war, hätte garantiert viel mehr aus der Clairon gemacht), und ihr hoher, metallischer Mezzosopran hat auch nicht das Fundament in der Tiefe, das man für manche Phrase dieser Partie wohl doch benötigt. Stimmlich tadellos, aber darstellerisch so blass wie das Puder auf seiner Perücke blieb Heikki Kilpeläinen, während Bruce Rankin als Flamand zwar tadellose Figur machte, aber mit der hohen Tessitur (weniger mit einzelnen hohen Fortetönen) und einer sauberen Intonation besonders während des Sonetts hörbar kämpfte und Ludwig Grabmeier als Olivier einmal mehr einen expressiven Deklamationsstil vorführte, der streckenweise nur noch entfernt an Gesang erinnert. Die stimmigste Figur des Abends war ohnehin Hans-Peter König als bassgewaltiger, witziger, lebenskluger Theaterpraktiker La Roche - was für eine Stimme, was für eine Identifikation mit der Rolle, was für ein Umgang mit dem anvertrauten Text, natürlich besonders in seinem großen Monolog.
Streit am Nachmittag vor der ehrwürdigen Kulisse des Teatro Malibran: der Graf (Heikki Kilpeläinen), Clairon (Annette Seiltgen), Theaterdirektor La Roche (Hans-Peter König), die Gräfin (Alexandra von der Weth), das italienische Sängerpaar (Fernando Aguilera und Netta Or) sowie hinten Flamand (Bruce Rankin) und Olivier (Ludwig Grabmeier).
Helmut Pampuch machte erwartungsgemäß ein Kabinettstückchen aus dem kurzen, aber wichtigen Auftritt des Souffleurs, Fernando Aguilera ließ ziemlich sprödes Material als italienischer Sänger im Farinelli-Outfit hören, während Partnerin Netta Or nicht nur auf Grund ihres interessanten, nur in der Extremhöhe noch nicht ganz sicher geführten Soprans die Blicke auf sich zog, sondern auch wegen ihres umwerfend komischen Talents beim gierigen Verzehren der offerierten Torte. Peter Nikolaus Kante war der würdevolle Haushofmeister, Marie Riquet bewegte sich ansprechend als junge Tänzerin, und mit E. Lee Davis, Heinz Leyer und Wilhelm Richter hatte man selbst bei den Dienern verdiente Mitglieder des Traditionshauses besetzt.
Die verliebte Gräfin (Alexandra von der Weth) fragt in der Schlussszene der Oper ihr Spiegelbild,
Bejubelt wurde auch John Fiore, der es zwar im Graben ordentlich "rauschen" ließ, der aber die Feinheiten der delikat-brillianten Partitur unter einer etwas allgemeinen, wenig filigranen, vor allem am äußeren Effekt orientierten Klangsauce zudeckte - ein bisschen mehr Transparenz und ein paar Spielfehler weniger bereits während des schlecht geprobten Einleitungssextetts hätten es schon sein dürfen.
Natürlich ist man dankbar, Strauss' hochartifizielles, beziehungsreiches theatralisches Vermächtnis in Form einer Oper über das Schreiben einer Oper wieder einmal auf einer Bühne Nordrhein-Westfalens zu erleben (übrigens mit der traditionellen Pause nach der 7. Szene). Die Produktion an sich setzt allerdings das von meinem Kollegen Stefan Schmöe in seiner Besprechung der Düsseldorfer Carmen so wunderbar als Gemischtwarenladen bezeichnete Nicht-Konzept der Deutschen Oper am Rhein fort, zumal man hier einmal mehr ein Werk in den Spielplan genommen hat, das vermutlich bereits nach wenigen Vorstellungen vor halbleerem Haus gespielt werden dürfte. Daran wird auch die Mitwirkung der in Düsseldorf und Duisburg so heiß verehrten Alexandra von der Weth kaum etwas ändern können.
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Produktionsteam
Musikalische Leitung
Inszenierung
Bühne und Kostüme
Licht
Choreografische Mitarbeit
SolistenDie GräfinAlexandra von der Weth
Der Graf,
Flamand,
Olivier,
La Roche,
Die Schauspielerin
Monsieur Taupe
Eine italienische Sängerin
Ein italienischer Tenor
Eine junge Tänzerin
Der Haushofmeister
Acht Diener
Drei Musiker
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