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Danke, Frau Kammersängerin!
Von Thomas Tillmann
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Fotos von Thomas M. Jauk Christine Mielitz kennt natürlich ihren Janacek und zeigt mit Scharfblick eine bürgerliche Tragödie auf dem Land, die sich so oder ähnlich grundsätzlich auch heute noch ereignen könnte (nicht umsonst schätzt eine Studie aus dem Jahre 2001 die Zahl von Kindstötungen und Kindesaussetzungen in Deutschland jährlich auf jeweils 40 bis 50 Fälle!). Als wohltuend empfand ich dabei den Verzicht auf mährische Folklore und sonstigen szenischen Plunder (als Inspiration dienten der Regisseurin eher die auch im Programmheft abgedruckten Edvard-Munch-Bilder) und die Konzentration auf ein präzises, um Differenzierung bemühtes, nur selten allzu plakatives, viele bemerkenswerte Details einbeziehendes, sich aber nicht in diesen verfangendes Herausarbeiten der bedrückenden Stimmung in dieser Gesellschaft, der Charaktere in ihren zeitlos-schlichten Kostümen und ihrer verwickelten Beziehungen zueinander.
Das Interesse Stewas (Paul Lyon) an Jenufa (Elena Nebera) ist ein sehr körperliches.
Die Szene wird bestimmt von verschiebbaren grauen Lamellenwänden, die nicht nur schöne Lichteffekte ermöglichen, sondern auch heimliche Einblicke neugieriger Dorfbewohner oder Familienmitglieder selbst (oder gerade) in intimeren Momenten. Nicht ganz nachvollziehen konnte ich allerdings den Schluss: Librettogemäß finden Jenufa und Laca doch zueinander, das Paar aber steht auf der inzwischen gänzlich offenen Bühne weit voneinander getrennt, bevor sich auch noch das nach vorn drängende Volk zwischen die beiden stellt - neidet die Dorfgemeinschaft den beiden auch noch ihr "spätes Glück", oder will es sie integrieren, die die "unselige(n) Schwaden aus Schweigen, Lügen, Verheimlichen, Hass, Liebe und Begehren" (so beschreibt es Dramaturg Oliver Binder) vertreiben könnten, die die Luft dieses mährischen Dorfes seit ewigen Zeiten durchziehen?
Die Entscheidung ist gefallen: Die Küsterin (Rebecca Blankenship) meint, Jenufas Kind töten zu müssen.
Ein Plus dieser Aufführung ist, dass man endlich einmal wieder richtige Stimmen zu hören bekam: Elena Neberas voller dunkler jugendlich-dramatischer Sopran passt hervorragend zur Titelpartie und ist dank der kräftigen, farbigen Höhe auch in den Ensembles stets präsent, ohne dass man deshalb auf leisere Töne verzichten müsste. Leider ist nach wie vor kaum etwas von dem gesungenen Text zu verstehen, und obwohl der Russin eine gewisse Entwicklung als Darstellerin nicht abzusprechen ist, wirkt manches immer noch arg unbeholfen und nur einstudiert. Frank van Aken überzeugte grundsätzlich als tolpatschig-aufbrausender Laca, der permanent Dinge umwirft, aber eigentlich doch sehr sensibel und verletzlich ist (in Erinnerung bleibt etwa, wie er sich im ersten Akt an der Schulter des Altgesellen ausweint); die mitunter wirklich irritierenden Reibeisentöne und die Nebengeräusche, die sein kräftiger Tenor nicht selten hervorbringt, erfüllten den Rezensenten allerdings mit einiger Sorge.
Das tote Kind ist gefunden worden - die Fassade beginnt mehr und mehr zu bröckeln bei der alten Buryja (Cornelia Dietrich), der Küsterin (Rebecca Blankenship) und Jenufa (Elena Nebera), die sich von der Wiege nicht lösen kann.
Paul Lyon besitzt als in Lederhose und mit Zopf auftretender, abgetakelt-ungehobelter Dorf-Casanova Stewa, dessen Interesse an Jenufa von Anfang an ein sehr körperliches ist, den helleren, metallischeren und durchdringenderen, leichter ansprechenden (Charakter-)Tenor und bewältigte die hohe Tessitur weitgehend tadellos. Ansprechende Leistungen gab es auch in den kleineren Partien: Cornelia Dietrich war mit strengem Alt eine erstaunlich rüstige Buryja, der exemplarisch artikulierende Andreas Becker gab einen von der Regie deutlich aufgewerteten Altgesellen, Assaf Levitin war ein durchaus einfühlsamer Dorfrichter, was wundert angesichts seiner blasiert-maliziösen Frau (Maria Hiefinger) und seiner lauten Tochter (Heike Susanne Daum), Karolina Gumos fegte als lesebegeisterter Schäferjunge Jano nur so über die Bühne, Maria Hilmes assistierte diskret als Magd. Axel Kober schließlich sorgte am Pult nicht nur für reibungslose Abläufe, eine hervorragende Koordination zwischen Bühne und Graben und ein auch hinsichtlich der Lautstärke diszipliniertes Spiel des Philharmonischen Orchesters, sondern auch für eine unsentimentale, ausgesprochen solide Stückwiedergabe, die die schroffen Stellen der Partitur nicht glättet, sondern den Übergangscharakter des Werkes offen legt.
Laca (Frank van Aken) rettet Jenufa (Elena Nebera) vor der wütenden Meute.
Im Zentrum der Aufmerksamkeit stand aber die wunderbare Elisabeth Lachmann, die nach der Vorstellung auf offener Bühne von Operndirektorin Mielitz (übrigens reichlich unbeholfen!) für ihre seit 35 Jahren bestehende Zugehörigkeit zum Dortmunder Opernensemble geehrt wurde. In dieser Zeit hat die Wiener Sopranistin, die 1961 in Bern als Despina debütierte und nach Stationen in Karlsruhe und Graz in die Ruhrgebietsstadt kam (1967 gab sie in Dortmund ein sogenanntes "Informationsgastspiel" als Marie in Smetanas Verkaufter Braut, nach dem der damalige Intendant und Generalmusikdirektor Wilhelm Schüchter, ihr wichtigster Mentor, sie sofort engagierte) allein 1500 der insgesamt über 2500 gezählten Vorstellungen in unglaublichen 139 Partien gesungen hat und 1994 anlässlich ihrer Marschallin im Rosenkavalier (Lachmanns Lieblingsrolle bis heute!) zur Kammersängerin avancierte. Es ist wirklich erstaunlich, wie sich diese Ausnahmekünstlerin von der Soubrette der Anfängerjahre bis zur Hochdramatischen der letzten Jahre entwickelt hat (man erinnert sich etwa an ihre exzellente Elektra, die sie leider am Dortmunder Stammhaus nicht singen durfte, mit der sie aber am Theater Krefeld-Mönchengladbach einen Riesentriumph feierte). Umso erfreulicher, dass man ihr noch einmal eine wichtige Fachpartie anvertraut hatte, wenn mir auch angesichts der exzellenten Leistung unverständlich blieb, warum die Künstlerin nur zwei Vorstellungen und nicht die Premiere singen durfte, zumal die Erstbesetzung dem Vernehmen nach die deutlich schwächere Wahl war: Mit völlig intaktem, tonlich konzentrierten, wunderbar runden, warmen, immer noch zu berückenden Piani fähigen, besonders in der Höhe kraftvollen Sopran, der eben nicht den unschönen "wobble" aufweist, der einem bei bedeutend jüngeren und prominenteren Kolleginnen so auf die Nerven geht, und mit einer Vielzahl von darstellerischen Nuancen (die so viel eindringlicher sind als die Übertreibung, die einem sonst oft bei dieser Rolle begegnet!) gestaltete sie eine wirklich berührende, menschliche Küsterin, die zwischen der Liebe zu ihrer Ziehtochter, dem Druck der engen Dorfgemeinschaft und ihrem eigenen strengen religiös-moralischen Konzept aufgerieben wird. Danke für diesen und all die anderen bewegenden, herrlichen Abende, liebe Elisabeth Lachmann!
Sie war die exzellente Küsterin der besuchten Vorstellung: Elisabeth Lachmann, die auf offener Bühne aus Anlass ihres 35jährigen Bühnenjubiläums in Dortmund von Operndirektorin Christine Mielitz geehrt wurde.
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Produktionsteam* Besetzung derbesuchten Vorstellung
Musikalische Leitung
Inszenierung
Bühne und Kostüme
Licht
Choreinstudierung
Dramaturgie
SolistenDie alte Buryja,Ausgedingerin und Hausfrau in der Mühle Cornelia Dietrich
Stewa Buryja,
Laca Klemen,
Die Küsterin Buryja,
Jenufa,
Altgesell
Dorfrichter
Seine Frau
Karolka,
Eine Magd
Barena,
Jano,
Tante
1. Stimme
2. Stimme
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