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Die Meistersinger von Nürnberg
Oper in drei Aufzügen
Text und Musik von Richard Wagner

Aufführungsdauer: ca. 5 h 30' (zwei Pausen)

Premiere am 27. Oktober 2002 im Theater Dortmund


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Theater Dortmund
(Homepage)
Vom Gesang der Besserverdienenden

Von Stefan Schmöe / Fotos von Thomas M. Jauk



Die musikalischen Gewichte an Rhein und Ruhr verschieben sich: So sieht (oder vorsichtiger formuliert: wünscht) man sich das zumindest in Dortmund. In der Vergangenheit musste die Stadt nicht nur der kulturellen Konkurrenz der Rheinmetropolen Köln und Düsseldorf, sondern zumindest musiktheatralisch auch dem Nachbarn Essen mit seiner florierenden Aalto-Oper unterordnen und fand sich eher in der zweiten Theaterreihe wieder. Jetzt will man aufsteigen, am liebsten natürlich gleich in die Kulturbundesliga, und markant artikuliert sich dieser Anspruch in der Eröffnung (unser Bericht) des neuen Konzerthauses, dem finanziellen Notstand nordrhein-westfälischer Kommunen zum Trotz. Und für das große, trotz einiger beachtlicher Produktionen (namentlich Charpentiers Louise und Julien) oft (zu) wenig wahrgenommene Opernhaus wurde mit Christine Mielitz eine Intendantin von hohem internationalen Ansehen verpflichtet. Das bekommt das Publikum bei der Antrittsinszenierung der neuen Chefin gleich zu spüren: Die hatte nämlich weltweiter Regieverpflichtungen wegen keine Zeit, etwas Neues auf die Bühne zu bringen, und verfrachtete ihre Wiener Meistersinger (die sich bereits bei einem Abstecher nach Antwerpen als reisefähig erwiesen haben) nach Westfalen.

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Meister am Rande des Nervenzusammenbruchs: Im Gesangsverein der Honoratioren macht sich beim Anhören ungewohnter Musik ein Anflug von Panik breit.

Was aber zeichnet diese Inszenierung aus, dass man sie als Markstein einer Intendanz reaktiviert? Besonderes Augenmerk hat Frau Mielitz auf die Entstehungszeit der Oper, das 19. Jahrhundert. Dies wird überdeutlich im für alle drei Aufzüge einheitlichen Bühnenbild (Stefan Mayer) akzentuiert: Ein Saal mit klassizistischer Wandgestaltung deutet die halb private, halb öffentliche bürgerliche Sphäre an. Darin wird wie eine Art Achterbahn ein drehbarer, ansteigender Laufsteg herumgeführt, der sich zur Innenseite hin mit großbürgerlichen Flügeltüren, rückseitig mit eine Art verrostetem Schleusentor öffnet: Ein Verweis auf die Industrialisierung, die auch durch riesige Zahnräder, die gelegentlich von oben in den Raum hineingreifen, angedeutet wird. Damit fangen aber die Probleme der Inszenierung an: Das Bühnenbild hat mehr symbolisch-dekorative Funktion, wird aber kaum (und wenn, dann nur wenig überzeugend) in die szenischen Aktionen einbezogen.

Klangbeispiel Klangbeispiel: Hans Sachs (Friedemann Kunder), Monolog III,1
(MP3-Datei)


Die Meistersinger sind eine Art Gesangsverein, lauter blasierte, zu Wohlstand gekommene Herren, die in ihren Eitelkeiten untereinander durchaus zerstritten sind und nur zur Wahrung ihres Standes als scheinbar homogene Gruppe auftreten: Das allerdings hat Christine Mielitz mit hinreißender Komik und exzellenter Personenregie dargestellt. Den Kostümen (Caritas de Wit) nach könnte es sich auch um die Honoratioren einer heutigen Kleinstadt handeln (da verschwimmt bereits der Bezug zum 19. Jahrhundert). Walther von Stolzing dagegen kommt, mit Schwert und Harfe bewaffnet, offenbar direkt aus dem Mittelalter in diese Runde, und zum Preislied auf der Festwiese werden im Hintergrund ein Prospekt mit romantischer Kirchenruine aufgezogen: Also doch wieder Wagners Zeit mit ihrer romantischen Sehnsucht nach der Vergangenheit? Es geht Frau Mielitz offenbar um die Suche nach kultureller Identität, in erster Linie auf die Entstehungszeit der Oper bezogen. Das aber ist nur stellenweise präsent. Ob gerade die Meistersinger dieses romantische Kunstideal verkörpern oder nicht vielmehr überwinden, wäre eine diskussionswürdige Frage (wenn auch wohl mehr für das Seminar als für die Bühne), aber die szenischen Zeichen in diese Richtung nehmen insgesamt nicht das Gewicht ein, als dass sich solche Fragen tatsächlich stellen würden – sie bleiben nur Randerscheinung.

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Eva und Wather: Zwei junge Menschen, vereint in der (bis dahin erfolglosen) Suche nach einem guten Friseur

Über weite Strecken ist die Inszenierung trotz leichter Irritationen in Bühnenbild und Kostümen vom Charakter her ziemlich konventionell. Die Schusterstuben-Szenen des dritten Aktes sind – man möchte sagen: in gewohnter Manier - in eine schuhkartonartige Bühne auf der Bühne platziert; die Aufmärsche auf der Festwiese durch das Bühnenbild zwar umständlicher als anderswo, aber im Prinzip austauschbar. Im zweiten Akt steht Sachs' Werkbank in der Mitte des Raumes, rechts ahnt man das Fenster: Nichts Neues. Auch die den Trikots des örtlichen Fußballvereins, die sich die Lehrbuben im zweiten Aufzug überstreifen, wirken da als eigentlich überflüssiges (und beinahe anbiederndes) Dekor. Die letzte noch im Repertoire verbliebene Meistersinger-Produktion der Rhein-Ruhr-Region, nämlich Heinz Lukas-Kindermanns Düsseldorfer Inszenierung, bekennt sich da in ihrem unverblümt historisierenden Nürnberg-Ambiente ehrlicher zur Konvention als diese in vielen Elementen nicht eben modernere Regie.

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Das Ende eines aufregenden Vereinsabends: Halloween-Party auf der vereinsheimeigenen Achterbahn.

Wenig überzeugend ist der Schluss, dem Christine Mielitz natürlich kräftig misstraut (und das auch zeigen will): Stolzing, schon im Vorangegangenen (und das gehört zu den überzeugenden Elementen) mehr zweite Seele in Sachsens Brust als eigene Persönlichkeit, schreitet in den eigens hochgefahrenen Orchestergraben – in der Musik, nicht in der Figur dieses permanent mit dem Schwert fuchtelnden Schlagetot liegt die Zukunft der Meistersinger-Zunft, scheint die Regisseurin plakativ (und ziemlich überflüssig) sagen zu wollen. Bei Sachs' aus heutiger Sicht rhetorisch bedenklichen Schlussworten geht die Saalbeleuchtung an wie ein flehentlicher Wunsch der Regisseurin, die Oper möge doch bitte hier schon enden. Am ehesten überzeugt noch das allerletzte Bild: Die Meistersinger versperren dem drängenden Volk den Weg zum Orchester (und werden dennoch gefeiert) – die Kunst bleibt eben doch Privileg der Besserverdienenden.

Klangbeispiel Klangbeispiel: "Wach auf..." Chor, III,5
(MP3-Datei)


Solche Ansätze werden aber kaum weitergeführt und bleiben viel zu vage, als dass die Inszenierung daraus Profil erhalten könnte. Eine Regiearbeit muss natürlich nicht unbedingt eine geschlossene Deutung des Stückes geben, sie kann auch Fragen aufwerfen. Hier aber bleiben die meisten Ansätze zu unverbindlich, auch zu unverbunden, um mehr als nur dekorativ zu sein. Die stärksten Szenen gelingen bezeichnenderweise dort, wo Frau Mielitz werkimmanent durch genaue Personenregie die Charaktere zeichnet. Das betrifft die sehr individuell gezeichneten Meistersinger, und dort vor allem den eleganten, selbst in der persönlichen Katastrophe noch Würde bewahrenden Beckmesser, der von Jochen Schmeckenberger äußerst facettenreich ebenso klangmächtig wie durchdacht im Detail und oft auch mit ironischer Übertreibung gesungen wird. Nicht ganz so profiliert, aber ebenfalls überzeugend ist der grundsolide, allerdings in der Textverständlichkeit verbesserungswürdige Sachs von Friedemann Kunder, der als bodenständiger Mittelständler ohne Allüren angelegt ist.

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Gefährdete Harmonie unter Sangesbrüdern: Beckmesser (links) nimmt Sachs die nächtlichen Prügel nachtragend übel.

Wolfgang Millgramm, in Dortmund bereits als Tannhäuser bewährt, singt den Stolzing mit angenehm baritonal timbrierter Stimme und auch im Preislied noch weitgehend sicherer und kraftvoller Höhe, allerdings auch mit etlichen Schluchzern, Schleifern und rhythmischen Freiheiten. Von vornherein mehr als Bedeutungsträger denn als ernst zu nehmender Charakter gekennzeichnet fuchtelt er tumb mit dem Schwert herum – da geht durch die von der Regie veranlasste Überzeichnung der Figur auch einiges verloren. Etwas unbestimmt in der Anlage ist die Eva (Elena Nebera), mit relativ dunkler, warmer Stimme mehr frauen- als mädchenhaft (und was den Text betrifft weitgehend unverständlich), unauffällig solide Maria Hilmes als Magdalene. Sehr agil und spielfreudig und immer ein belebendes Element ist Jeff Martin als übereifriger David.

Klangbeispiel Klangbeispiel: "Ehrt Eure deutschen Meister", Schlusschor
(MP3-Datei)


Dortmunds neuer Chefdirigent Arthur Fagen ergreift vom ersten Ton an zupackend die musikalische Initiative, und schwungvoll und unpathetisch liefert er eine rundum überzeugende und spannende Interpretation, eher die Scherzando- als die Maestoso-Züge der Partitur hervorkehrend. Ihm gelingen aber auch wunderbare Ruhepunkte (etwa das Vorspiel zum dritten Aufzug), und er baut großangelegte Spannungsbögen auf, die das riesige Werk insgesamt als Einheit erscheinen lassen. Gleichzeitig beweist er beste Kapellmeistertugenden, wenn er das Orchester begleitend zurücknimmt (aber an entscheidenden Stellen sofort die Führung übernimmt) oder in tenoral verursachter höchster rhythmischer Not alles zusammenhält. Allein die Prügelfuge lief in der Premiere auseinander (aber das ging selbst Christian Thielemann, dem aktuellen Mega-Pultstar der Wagnerianer, bei den Bayreuther Festspielen nicht besser). Ansonsten überzeugen auch durchweg die klangmächtigen, aber nicht lärmenden Chöre.

Die Regie gibt dieser starken musikalischen Ausgestaltung immerhin genügend Freiräume. Damit vor allem hat sich Christine Mielitz den starken, lediglich mit ein paar zaghaften Protesten durchsetzten Beifall durchmischt. Ob das im kulturellen Wettstreit um die Vorherrschaft in der Region reichen wird, das wird sich zeigen: Am 13.April stellt zum direkten Vergleich auch das Essener Aalto-Theater die Meistersinger auf die Bühne.


FAZIT

Als Eröffnungspremiere, die programmatisch für ein profiliertes (politisches) Theater hätte stehen können, ist die aufgewärmte Inszenierung viel zu verschwommen und in etlichen Details verunglückt – eher zeigen sich in der differenzierten, vom gesamten (musikalisch starken) Ensemble getragenen Personenregie Tugenden eines ordentlichen Stadttheaters. Überregionale Ausstrahlung geht vorrangig vom Orchester und seinem Chefdirigenten aus.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Arthur Fagen

Inszenierung
Christine Mielitz

Bühne
Stefan Mayer

Kostüme
Caritas de Wit

Einstudierung der Chöre
Granville Walker



Chor und Extrachor des
Theater Dortmund

Quartettverein Melodia Herbede
(Einstud.: Geronti Cernysev)

Statisterie des Theater Dortmund

Abt. Sportakrobatik des PSV
Ennepe-Ruhr-Kreis 1970 e.V.

Das Philharmonische
Orchester Dortmund


Solisten

* Besetzung der Premiere

Hans Sachs
Oskar Hillebrandt /
*Friedemann Kunder

Veit Pogner
Michail Schelomianski

Kunz Vogelgesang
Peter Furlong

Konrad Nachtigall
Mikael Babajanyan

Sixtus Beckmesser
Michael Kraus /
*Jochen Schmeckenberger

Fritz Kothner
Werner van Mechelen

Balthasar Zorn
Hannes Brock

Ulrich Eisslinger
Deng Feng Zhao

Augustin Moser
Jeffrey Treganza

Hermann Oertel
Assaf Levitin

Hans Schwarz
Andreas Becker

Hans Foltz
Christoph Stegemann

Walther von Stolzing
Paul Lyon /
*Wolfgang Milgramm

David
Jeff Martin

Eva
Elena Nebera

Magdalena
Maria Hilmes

Nachtwächter
*Assaf Levitin /
Christoph Stegemann

Lehrbuben
Bianca Jagasich
Katrin Lechler
Hélène Rauch
Nadine Treefzer
Roland Goroll
Blazej Grek
Thilo Himstedt
Martin Müller-Görgner
Michael Scheel
Darius Scheliga



Weitere Informationen
erhalten Sie vom
Theater Dortmund
(Homepage)



Da capo al Fine

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