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Bullshit
Von Thomas Tillmann
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Fotos von Stage Picture/Klaus Baqué Pardon, liebe Leserinnen und Leser: Trotz der derben Überschrift müssen sie sich auch in Zukunft keine Gedanken machen über das sprachliche Niveau der OMM-Berichte, wohl aber über den Geschmack von offenkundig überforderten Regisseuren. Der Titel ist nichts weiter als eine Anspielung auf den zentralen Einfall, den Thilo Reinhardt für seine erste (und hoffentlich letzte) Dortmunder Arbeit hatte: Um den heraufziehenden Nationalsozialismus im Berlin der späten zwanziger Jahre zu illustrieren, präsentiert er auf der rechten Bühnenseite einen überdimensionalen, plattgewalzten Scheißhaufen, den die Darsteller sowohl beim Betreten der Schneiderschen Wohnung als auch der Cabaretbühne zu überqueren haben, unterstützt von entsprechenden Geräuschen aus den Boxen - man traut seinen Augen und Ohren nicht und hofft bis zum Schluss, eine andere Erklärung für das viel zu lange beobachtete Ärgernis zu finden. Ebenso platt ist auch die Idee, als Bild für die zunehmende Präsenz der Nazis eine Reichsautobahn auf die Szene zu bringen (zumal Franz-Peter Kothes im Programmheft die propagandistische Behauptung der Nazis, der Autobahnbau sei ihre Idee und habe entscheidend zur Bekämpfung der Massenarbeitslosigkeit beigetragen, als Verfälschung geschichtlicher Wahrheit entlarvt), über die etwa der Jude Schultz gegen Ende bedeutungsschwanger verschwindet. Symptomatisch für die hilflose, sich zäh dahinschleppende und peinlich ordinäre Erzählweise, der leider auch keine spritzige, sondern nur eine müde, gewollt originelle, pseudofrivole Choreografie entgegenstand (die Girls werden etwa im "Don't Tell Mama" als Rotkäppchen im Lackkostüm und mit Gummistiefeln ausstaffiert, die sich gegen die als Füchse verkleideten Boys zu wehren haben, bevor sie sie am Halsband spazieren führen dürfen), sind auch die nicht enden wollende Präsentation der rätselhafter Weise mit Tiermasken ausgestatteten Cabaret-Girls und -Boys und das Herumhopsen überdimensionierter Spermien mit Landeskennung in "Two Ladies" - blöder geht's wirklich nicht mehr.
Fräulein Sally Bowles (Tracy Plester) bittet in ihrer Eröffnungsnummer das Publikum: "Don't Tell Mama!"
Hinzu kommen etliche handwerkliche Unzulänglichkeiten: Das Überlappen der Cabaret-Nummern, in die penetrant und oberlehrerhaft politische Botschaft hineingetragen wird, und der Sally-Cliff- und Schneider-Schultz-Handlung gerät so hilflos, wie der Rezensent es nicht einmal bei Amateuraufführungen des an sich ja großartigen, schillernde Unterhaltung und beklemmende Zeitkritik verbindenden Stücks erlebt hat, die Dialoge schleppen sich bleiern dahin, die Figuren bleiben trotz des großen Potentials einiger Darsteller überwiegend eindimensional, und auch die dem Auge wenig schmeichelnde, durch die riesigen, offenen Räume jegliche Intimität der Szenen durchkreuzende Ausstattung schafft wenig Ablenkung vom traurigen Geschehen. In Erinnerung bleibt die scheußliche Holzwand, hinter der ein Großteil der Zimmer liegt, die grauenvolle DDR-Ästhetik mancher Cabaret-Dekorationen, von der auch die belanglosen Lichteffekte nicht ablenken können, die in Hakenkreuz-Optik gestalteten Lampen und der infantile Einfall, dass im zweiten Teil die Blätter der Schneiderschen Wohnzimmerpalme braun geworden und ebenfalls als Hakenkreuz angeordnet sind. Wenig spektakulär geraten auch die Kostüme, sieht man vom mit Glühbirnen überzogenen Outfit des Conférenciers ab (na ja, ganz neu ist das natürlich auch nicht); die brav arisch erblondete Sally den Titelsong im raumfüllenden Schwanenmantel singen zu lassen, der unweigerlich an die spektakulären Shows der Dietrich erinnert, die nun so gar nichts mit den Nazis zu tun hatte, ist auch ein Irrtum.
Clifford (Thomas Pohn, rechts) versucht Nachtclubstar Sally Bowles (Tracy Plester, links) mit Lyrik zu beeindrucken - mit Erfolg, wie der skeptische Conférencier (Hannes Brock, Mitte) zur Kenntnis nehmen muss.
Tracy Plester hat viele Jahre vor allem als Cover bei Musicaltourneen und in kommerziellen Produktionen in der Gegend mitgewirkt (etwa in Les Misérables in Duisburg und in Grease im Düsseldorfer Capitol). Die große Tiefe, die sie bei dieser Figur entdeckt haben will, kann sie leider auch nicht ansatzweise umsetzen, dafür reichen die schauspielerischen Fähigkeiten bei weitem nicht aus. Spätestens im mit gnädigem Hall überzogenen "Maybe This Time" wird zudem deutlich, dass sie eine Stimme wie zehntausend andere ambitionierte Sängerinnen hat (vor der im Foyer für teures Geld feilgebotenen CD "Musical Highlights", auf der die Künstlerin sich die Seele aus dem Leib brüllt und ihr strapaziertes Organ ein Vibrato entwickelt, das den angepeilten Ton mitunter kaum noch erkennen lässt, sei nachdrücklich gewarnt!), aber nicht die künstlerische Intelligenz und Individualität, einen solchen Song wirklich bewegend zu gestalten, und tanzen kann die Amerikanerin eigentlich auch nicht, so dass man sich schon fragt, ob die Verantwortlichen des Theaters Dortmund nicht doch eine kompetentere Besetzung hätten beschaffen können.
Klangbeispiel:
Tracy Plester (Sally Bowles): "Cabaret" (Titelsong)(MP3-Datei)
Ebenso blass bleibt der zweite Gast der Produktion, der in Köln lebende Österreicher Thomas Pohn, als Clifford Bradshaw, und auch Hannes Brock hätte man für sein Debüt als Master of Ceremonies eine bessere Inszenierung gewünscht, in der er nicht permanent gezwungen wäre, irgendjemanden zwischen die Beine zu fassen, wenig zielorientiert herumzurammeln und fade, zotige Gags unters größtenteils dennoch dankbare Dortmunder Premierenpublikum zu bringen - die vokal tadellose, ein exzellentes Timing aufweisende Präsentation der Songs ließ erahnen, was der Tenor unter anderen Umständen aus dieser Traumrolle hätte machen können! Elisabeth Lachmann war mit nach wie vor intakter Stimme eine bewegend-betuliche Vermieterin, deren spätes, kurzes Liebesglück und deren Verzicht sie bei glänzender Diktion in den Gesangsnummern ebenso anrührend umzusetzen verstand wie Andreas Becker die tiefen Gefühle des jüdischen Obsthändlers, und auch in den kleineren Rollen und bei den Kollektiven gab es keine Ausfälle. Ein bisschen mehr Schwung und Drive hätte man freilich aus dem Graben erwartet, wobei die immer etwas schwerfällige Orchesterfassung ohnehin nicht die rechte Cabaret-Stimmung aufkommen ließ.
Klangbeispiel:
Ks. Elisabeth Lachmann (Fräulein Schneider) und Ks. Andreas Becker (Herr Schultz): "Ananas-Song"(MP3-Datei)
Die lobenden Worte der neuen Operndirektorin Christine Mielitz auf der Premierenfeier konnten nicht darüber hinwegtäuschen, dass diese Neuinszenierung nicht das Niveau hatte, dass man von anderen Musicalproduktionen des Theaters Dortmund in den letzten Jahren gewohnt ist. Ihre Meinung Schreiben Sie uns einen Leserbrief (Veröffentlichung vorbehalten) |
Produktionsteam
Musikalische Leitung
Inszenierung
Bühne
Kostüme
Choreografie
Choreinstudierung
Dramaturgie
Solisten* Alternativbesetzung
Conférencier
Sally Bowles
Clifford Bradshaw
Fräulein Schneider
Herr Schultz
Ernst Ludwig
Fräulein Kost
Tenorsolo
Two Ladies
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