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Musiktheater
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The Bird Garden
Oper von Polly Hope (Libretto) und Quentin Thomas (Musik)


In englischer Sprache mit deutschen Übertiteln

ca. 2h 30' (eine Pause)


Uraufführung im Opernhaus Düsseldorf
am 18. September 2002


Homepage

Deutsche Oper am Rhein
(Homepage)
No man no cry?

Von Thomas Tillmann / Fotos von Eduard Straub



Hinter einem Vorhang mit gemalten Sonnenblumen erspäht man auf der von Polly Hope (sie arbeitete in Personalunion als Librettistin, Bühnen- und Kostümbildnerin) wie ein vergrößertes Bühnenbildmodell mit hochklappbaren Papierrequisiten gestalteten Szene (die durch eine stimmungsvollere Beleuchtung sicher noch beeindruckender gewirkt hätte) nach und nach den Garten eines zu einer prachtvollen Villa umgebauten ehemaligen Klosters in Umbrien, über dem sich eine bunte Vogelschar zu einem Konzert zusammengefunden hat.

Vergrößerung Alle Vögel sind schon da - in der ersten Szene von The Bird Garden.

Die schaukelnden Flieger der ersten Ebene des Werks verwandeln sich bald in sieben sehr unterschiedliche Frauen, die in diesem attraktiven Ambiente aufeinandertreffen, über die Probleme ihres ruhelos-gestörten Single-Daseins diskutieren, zu dem das Leben der Vögel in seiner Klarheit und Einfachheit einen Kontrast zu bilden scheint, die "Weisheiten" äußern, die immer wieder Schmunzeln im Zuschauerraum auslösen, die in ihrer schwesterliche Solidarität vortäuschenden Egozentrik esoterische Anwandlungen ebenso ausladend zelebrieren wie Selbstbetrug und -mitleid angesichts mannigfacher Brüche in ihren Biografien. Natürlich geizen sie dabei nicht mit Spott über die Nutzlosigkeit ihrer Verflossenen, und auch der reichlich getrunkene Wein verfehlt seine Wirkung nicht und lässt geheime sexuelle Wünsche ungenierter und mitunter reichlich zotig mitteilen.

Vergrößerung Zwei Gäste der Party im ehemaligen umbrischen Kloster: Cucula (Anke Krabbe) und Colomba (Renée Morloc).

Um aus der bereits in London gezeigten Workshop-Fassung der zeitgenössischen Geschichte für die Düsseldorfer Inszenierung ein umfangreicheres Stück werden zu lassen, meinte die in Wales geborene, heute in London lebende, sowohl in der bildenden als auch in der schreibenden Kunst erfolgreiche Polly Hope eine dritte Ebene einfügen zu müssen: Die Damen kommen im Laufe ihrer Konversationen auf das Gerücht zu sprechen, ein Mönch aus dem Mittelalter spuke noch heute in der Gegend herum und entführe gelegentlich sogar junge Mädchen - ein ziemlich konstruierter, wenig überzeugender Einfall für meinen Geschmack. Die Handlung der Oper eskaliert (das unbeantwortete Telefonklingeln kündigt die Tragödie vorhersehbar an), als die Tochter der Gastgeberin, die nach einem Streit mit der Mutter auf ihrem Motorrad weggefahren war, einen tödlichen Unfall hat. Die mühsam aufgebauten Fassaden bröckeln: In ihrem Schmerz, ihrer Trauer und ihrer Einsicht in die eigene deplazierte Egozentrik sehnen die Damen sich nun nach männlichen Beistand - eine Message, die einen doch den Kopf schütteln lässt. Endgültig aber war es mit meiner Geduld am Ende, als ich zwischen den sanften Hügeln die offenbar auferstandene Cincia ausmachen musste, die sich in kitschig im Andrew-Lloyd-Webber-Stil unterlegten Vokalisen ergeht (hier stand ganz offensichtlich die weitaus überzeugendere Verwandlungsszene aus Strauss' Daphne Pate) und damit ins Vogelnirwana eingehen darf - unerträglich!

Vergrößerung Noch geben sie sich kulturbeflissen: Die mit ihren Reizen nicht geizende Slawin Merlo (Lisa-Marie Janke) und die "typische Amerikanerin" Gufa (Gwendolyn Killebrew).

Doch auch vorher vermag die Musik von Quentin Thomas, der unter anderem Komposition, Klavier, Orgel, Orchesterleitung und Repetition studiert und in den unterschiedlichsten Formationen musiziert hat, sich zur Zeit unter anderem mit Filmmusik beschäftigt und an einer CD für die renommierte Firma EMI arbeitet, nicht recht zu reüssieren, was sich nicht zuletzt an dem Umstand zeigt, dass ihr Fehlen in der ersten Szene des zweiten Teils kaum auffällt, von manchem gar als wohltuend empfunden werden dürfte.

Die Strukturen der Partitur, die stilistisch angeblich so vielfältig konzipiert ist, um die Unterschiedlichkeit der Charaktere auf der Bühne zu unterstreichen, sich aber eigentlich schlicht nicht entscheiden kann zwischen Oper, Musical, Programm- und Filmmusik, reichen vom Minimalismus über Jazz, Soul, Gesang und die Verwendung unterschiedlicher Tonarten bis hin zu Stilelementen aus klassischen Opern, wobei die Melodie im Vordergrund steht, unterstützt von einer über weite Strecken gefälligen, mitunter durchaus atmosphärischen Harmonik und Orchestrierung, deren Meriten Martin Fratz am Pult des Festivalorchesters engagiert und mit einem wachen Blick für die Belange der Solistinnen herausarbeitete.

Zweifellos spricht es für den 1972 geborenen Engländer, dass er bewusst für die Zuschauer schreiben will, "die live auf der Bühne Emotionen und eine gewisse Art von 'Schönheit' im klassischen Sinne erleben wollen" und nicht für "eine Handvoll zeitgenössischer 'verkopfter' Komponisten und Kritiker". Offensichtlich hat es aber der Zielgruppe auch nicht gefallen, denn nicht wenige Besucherinnen und Besucher suchten bereits in der Pause das Weite, und in den freundlichen Schlussapplaus mischte sich unüberhörbar auch ein deutliches Buh, während man es als Berichterstatter zu diesem Zeitpunkt mehr als leid war, sich Notizen darüber zu machen, von welchen Großen der Musikgeschichte dies oder jenes abgeschaut war - "ein Stil ..., der eigentlich keiner ist", kommentiert der viel zu gnädige Dirk Wedmann das insgesamt banale, seicht dahinplätschernde Oeuvre im Programmheft, dessen erhellende Artikel zum Mythos Vogel, zur Bedeutung des Vogels in der Musik(theater)geschichte und im Volksglauben, über Spiritualismus und die Beziehung zwischen Körperlichem und Seelischem und den Geschlechterkampf der Postmoderne mehr Unterhaltungswert und Tiefgang haben als das Werk selber, auch wenn sich Regisseur Norbert Kentrup diesem "Stück über die Abwesenheit der Männer, über die Liebe, oder besser gesagt, über die Sehnsucht nach der Liebe" mit Witz und Augenzwinkern, Charme und Herzenswärme angenommen hat und seine erste Arbeit für das Musiktheater sich durch die klare Charakterisierung der Figuren und die gute Personenführung auszeichnet, wobei gesagt werden muss, dass die Sängerinnen der Rheinoper bei allem Bemühen eben doch schauspielerisch nicht das Format haben, das nötig wäre, um von der Banalität mancher Aussage und nicht zu leugnenden Längen des Textes abzulenken, dem es nicht selten an Pointiertheit, Tempo und Originalität fehlt.

Vergrößerung Das kann nicht gutgehen: Rondine (Lisa Griffith), Colomba (Renée Morloc) und Cucula (Anke Krabbe) sind wie entfesselt.

Lisa Griffith überzeugte als gestresst-zänkische, seit der Scheidung alleinerziehende und mit den Begleiterscheinungen der Pubertät ihrer Tochter arg überforderte, von Männerhass zerfressene Rondine eher durch ihre attraktive Erscheinung und ein intensives Spiel, während es ihrem immer noch beweglichen, Stratosphärentöne aber nicht mehr ohne erkennbare Mühe erreichenden Sopran besonders in der Höhe inzwischen ein wenig an dem Glanz und der Farbe mangelt, die man bei Anke Krabbes vielleicht ein bisschen zu mädchenhafter Interpretation der Cucula trotz gewisser Schärfen so bewunderte. Renée Morloc schien der über weite Strecken geforderte Musicalton und die tiefer gelegenen Passagen der in europäisch verkürzten indischen Religionen aufgehenden Colomba weitaus besser zu liegen als manche Opernpartie, Gwendolyn Killebrew war in Stars-and-Stripes-Rock, mit Sneakers, Cap, Backpack und Reiseführer eine köstliche Parodie einer bildungsbeflissenen amerikanischen Touristin und steuerte einige charaktervolle Töne bei, die an ihre große Vergangenheit als dramatischer Mezzo erinnerten. Die ungemein textverständlich singende Cornelia Berger gab mit reifem, aber intakten Alt die liebenswerte, bodenständige, das Geschehen mit leisem, wissenden Lächeln beobachtende "Perle" Anitra, Schauspielerin Lisa-Marie Janke zeigte als Cincia, der Romana Noack ihre kleine Stimme lieh, durchaus akrobatisches Talent, hätte aber aus der rätselhaft-bizarren Merlo, die über Missbrauchserfahrungen und ungezügelten sexuellen Appetit berichtet, ebenso mehr machen können wie Taru Sippola aus der Rolle der Bäuerin Allodala.


FAZIT

Die Entscheidung der Verantwortlichen der Deutschen Oper am Rhein und des Festivals Düsseldorfer Altstadt Herbst, die erste Zusammenarbeit mit einer Uraufführung im Opernhaus in der Heinrich-Heine-Allee einzuläuten, verdient natürlich Anerkennung; das präsentierte Werk indes vermochte große Teile des Premierenpublikums und der Kritik nicht nachhaltig zu faszinieren.


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Produktionsteam

Musikalische Leitung
Martin Fratz

Inszenierung
Norbert Kentrup

Bühne und Kostüme
Polly Hope

Licht
Hanns-Joachim Haas



Die Statisterie der
Deutschen Oper
am Rhein

Orchester Düsseldorfer
Altstadt Herbst


Solisten

Rondine (Schwalbe)
Die Hausherrin. Von
ihrem Mann entfremdet

Lisa Griffith

Cincia (Blaumeise)
Rondines Tochter
Seele

Romana Noack

Cincia (Blaumeise)
Rondines Tochter
Körper

Lisa-Marie Janke

Anitra (Ente)
Rondines Haushälterin.
Aus freiem Entschluss
ledig

Cornelia Berger

Allodala (Lerche)
Grundbesitzerin
aus der Gegend.
Kettenraucherin

Taru Sippola

Cucula (Kuckuck)
Eine Witwe
Anke Krabbe

Gufa (Eule)
Amerikanische
Strohwitwe,
gibt sich viel
mit Kultur ab

Gwendolyn Killebrew

Merlo (Amsel)
Eine junge,
geschiedene Slawin

Lisa-Marie Janke

Colomba (Taube)
Eine mitteleuropäische
Prinzessin.
Sucht ihre Erlösung
im Aschram
und bei Gurus

Renée Morloc

Schatten der Nonnen
Désirée Brodka
Lena Sokoll
Noémi Schröder
Angelika Bamber
Esther Ribera
Lea Pasquel
Dominique Engler
Jewgenja Krinizkaja
(Studentinnen der
Robert-Schumann-
Hochschule Düsseldorf)


Eine Kooperation
der Deutschen Oper
am Rhein mit dem
Festival Düsseldorfer
Altstadt Herbst



Weitere
Informationen

erhalten Sie von der
Deutsche Oper
am Rhein

(Homepage)



Da capo al Fine

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E-Mail: oper@omm.de

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