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Missgeburt des Dramas aus dem Geiste des Musicals
Von Stefan Schmöe
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Fotos von Eduard Straub Er wolle eine neue Sichtweise auf Carmen zeigen, hatte Jérôme Savary, Direktor der Pariser Opéra-Comique, anlässlich seiner in Koproduktion seines eigenen Hauses mit der Deutschen Oper am Rhein entstandenen Inszenierung im Vorfeld verkünden lassen und verlegte Bizets Oper in die Zeit des spanischen Bürgerkriegs. Also erleben wir Carmen als schneidige Widerstandskämpferin, Don José als zunächst Franco-treuen Soldaten, der durch widrige Umstände zum Deserteur wird. Warum nicht; der Carmen-Stoff bezieht seine Beliebtheit ja zu einem nicht geringen Teil aus seiner Zeitlosigkeit. Ob der allzu brave Don José nun im 19. oder im 20. Jahrhundert den erotischen (und nur schwer mit seinen bürgerlich geprägten Wertvorstellungen in Einklang zu bringenden) Reizen Carmens verfällt, tut wenig zur Sache. Und eine Oper in irgendeiner Epoche zwischen ihrer Entstehung und der Gegenwart anzusiedeln gehört zum Grundrepertoire so ziemlich jeden Regisseurs. Ob Savarys Kunstgriff wirklich neu ist, sei dahingestellt; übermäßig originell jedenfalls ist er nicht.
Unglaublich, aber wahr: Vor dem gemalten Sevilla tummeln sich putzige Soldaten und neckische Arbeiterinnen
Konsequenzen für die Geschichte ergeben sich nur an einer Stelle, nämlich am Ende des zweiten Aktes, wo Carmen sich nicht als Schmugglerin, sondern als Widerstandskämpferin outet dadurch wird ihre erotische Freizügigkeit zugunsten einer stärker politischen Dimension abgewertet. Das korrespondiert in gewisser Hinsicht mit der szenischen Einrichtung der Habanera im ersten Akt, in der Carmen über die Liebe doziert wie eine Volksschullehrerin: Einem kleinen Mädchen scheint sie die Sache mit den Blümchen und den Bienchen erklären zu wollen. Eine neue Sichtweise auf eine andere, eben nicht vorrangig auf ihre erotische Ausstrahlung fixierte Inszenierung? Nein, keineswegs, den Savary stellt solche Momente nicht in den Dienst einer schlüssigen Werksicht, sondern setzt sie als ästhetische, rein atmosphärische Momente ein. Das Bürgerkriegspanorama dient Savary nur als Vorwand für ein verplüschtes Ausstattungstheater, das sich fast ausschließlich an der Rampe abspielt. Es geht nicht ums politische Detail, schon gar nicht um politische Ideen, sondern um ein schickes Bühnenbild, und es schlägt die Stunde der Kulissenmalerei. Davor werden effektvoll Chor und Statisterie drapiert, und an der Rampe singen die Solisten das Publikum an. Ein paar von der Krankenschwester des Roten Kreuz umsorgte Sterbende vor wolkenverhangenem Mond sind reine Stimmungselemente, dem Bürgerkrieg gewinnt Savary die Schauerromantik ab. Immer wieder sind Kinder auf der Bühne, denn die sind immer niedlich, und wenn ein Kind der toten Carmen eine Blume bringt, dann ist das auf den Punkt kalkuliertes Sentiment. Man kann auch Kitsch dazu sagen.
Carmen, hier Don José umgarnend: Eine andalusische Frau, so recht nach dem Geschmack des Pauschaltouristen.
Es wird aber doch erlaubt sein, einfach einmal stimmungsvoll die Geschichte der Carmen zu erzählen, mag man Savary zu Gute halten. Aber eben das tut er nicht. Eine plausible psychologische Entwicklung der äußerest konventionell agierenden Figuren ist überhaupt nicht zu erkennen, und die hübsch bemalten Prospekte haben nicht einmal den Anspruch, realistisch zu sein. Savary arrangiert eine große Revue, bei der sich Dank der hinreißenden Musik Hit an Hit reiht, und die allerhand andalusische Klischees bedient (und handwerklich beherrscht er dieses Metier perfekt). Auf die Spitze getrieben wird dieses Vorgehen durch eine Flamenco-Einlage der compañia flamenco José Manuel; hübsch, aber dramaturgisch größter Unfug - wenn es denn eine andere Dramaturgie als die der Show gäbe. Dramatischer geht es auf der musikalischen Ebene zu (obwohl man sich gegen Bizets Fassung mit gesprochenen Dialogen und für die elend langweiligen, von Ernest Guiraud nachkomponierten Rezitative entschieden hat). Baldo Podic findet mit den (nicht immer aufmerksamen, aber mitunter auch zu Glanzlichtern fähigen) Düsseldorfer Symphonikern zu einem schlanken, unpathetischen Tonfall. Die Steigerungen sind effektvoll, aber nicht übertrieben, und das schwungvolle Dirigat ist nie gehetzt. Von kleineren Koordinationsschwierigkeiten abgesehen überzeugen auch die zu differenziertem Klang fähigen Chöre.
So muss Oper sein: Eine zünftige Messerstecherei zwischen Escamillo und Don José, fast so schön wie im Fernsehen
Mariselle Martinez gestaltet die Titelrolle mit tragfähiger tiefer Lage; in der Höhe wird die Stimme dagegen etwas farblos. Die Rolle der tragisch gemordeten Heldin liegt ihr mehr als das Verführerische der ersten beiden Akte, das recht neutral bleibt. Luca Lombardo ist ein kraftvoller, bis auf kleine Verschleißerscheinungen gegen Ende sehr höhensicherer Don José, der die Partie aber durchaus lyrisch anlegt. Störend ist der bei den hellen Vokalen oft recht blecherne Klang seiner Stimme. Boris Statsenko gestaltet den Escamillo als Kraftprotz, der keinen Widerspruch duldet; stimmlich jederzeit souverän, aber nicht gerade von französisch-spanischem Charme geprägt. Überragend in jeder Hinsicht aber ist Natalya Kovalova als Micaela mit leuchtendem, beweglichem, dabei aber sehr tragfähigem Sopran. Szenisch als Unschuld vom Lande angelegt und damit alle Vorurteile gegen die Rolle bestätigend, wertet sie musikalisch die Partie auf und macht die Unsäglichkeiten dieses Savary'schen Kostümschinkens für einige Momente vergessen.
Stilvolles Ende: Schickes Kostüm, und die abbrechende Lebenslinie kündet vom schweren Schicksal.
Intendant Tobias Richter wusste, was er sich mit Savary szenisch einkauft, und die Spielplanpolitik steht wohl unter dem Motto: Für jeden etwas. Neben ambitionierten Regietheaterarbeiten soll offenbar eine solche nur kunsthandwerklich, nicht aber künstlerisch überzeugende Produktion das konservative Publikum bei Laune halten. Nimmt man den Applaus als Maßstab, dann ist diese Strategie erfolgreich. Das künstlerische Profil des Hauses wird aber mehr und mehr zu dem eines bunten Gemischtwarenladens. Ein Theater dieser Größenordnung sollte eigentlich auch bei einer Carmen, die sich natürlich jetzt über etliche Jahre im Repertoirebetrieb behaupten muss, zumindest ein Minimalziel setzen: Eine ernst zu nehmende künstlerische Auseinandersetzung mit dem Stoff zu zeigen. Diese mal mehr, mal weniger hübsch dekorierte Carmen-Revue Savarys lässt davon viel zu wenig erkennen. Vielmehr leistet sie einer kritiklos dem Showbuisiness verpflichteten Musicalisierung vorschub.
Musikalisch überzeugend bis hervorragend, szenisch das intellektuell unaufdringliche Rahmenprogramm für Lachskanapee und Pausenchampagner.
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Produktionsteam
Musikalische Leitung
Inszenierung
Bühne
Kostüme
Licht
Chor
SolistenCarmenMariselle Martinez
Don José
Escamillo
Micaela
Frasquita
Mercédès
Moralès
Zuniga
Remendado
Dancairo
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